Vierter Gesang.
7i
3.
Daß ich von Kindheit an so viele offne BusenUnd bloße Schultern sah, mocht' auch mit Ursach' sein.Gewohnheit gleicht in diesem Stück Medusen,
Und für das Schönste selbst verkehrt sie uns in Stein.Allein, was half mir's, frei gebliebenZu sein bis in mein zweimal zehntes Jahr?
Auch meine Stunde kam! Ach, Freund! mein Schicksal warIm Traum zum ersten Mal zu lieben.
4.
Ja, Scherasmin, nun Hab' ich sie gesehn,
Sie, von den Sternen mir zur Siegerin erkoren;
Gesehen Hab' ich sie, und, ohne Widerstehn,
Beim ersten Blick mein Herz an sie verloren.
Du sprichst, es war ein Traum? Nein, Mann! ein HirngespenstKann nicht so tiefe Spuren graben!
Und wenn du tausendmal mich einen Thoren nennst,
Sie lebt, ich hatte sie, und muß sie wieder haben.
5.
O hättest du den holden Engel doch
Gesehn wie ich! — Zwar, wenn ich malen könnte,
Ich stellte sie dir hin, so glühend wie sie noch
Vor meiner Stirne schwebt, und bin gewiß, sie brennte
Dein altes Herz zu einer Kohle aus.
O daß nur etwas mir geblieben war', das LebenVon ihr empfing! ach! nur der BlumenstraußAn ihrer Brust! was wollt' ich nicht drum geben!