i
816 Die Zeit des französischen Ucbcrgewichtes
und ein kampfbereites Heer für die Erbfolge der Tochter den bestenSchutz bilden würden, fand zu wenig Beachtung bei dem Kaiser, welcher,der arglistigen und willkichrlichen Staatskunst seiner Zeit fremd, sichdurch Gewinnung von feierlichen Zusagen zu sichern hoffte. So wardie Annäherung Spaniens ihm willkommen, und die Zusage, die cs inder Anssicht auf die Vermählung der beiderseitigen Thronerben um soleichter gab, erschien ihm als eine wesentliche Förderung des Planes,der ihm vor Allem am Herzen lag. Zu früh für Oestreich und Spa-nien erhielten Frankreich und England Kunde von den zu Wien ge-pflogenen Unterhandlungen. Ihre Besorgniß war um so größer, alszugleich verlautete, daß Rußland dem Bündnisse beigctrcten sei. Aufden Zaren Peter war nicht sein Sohn Alcrei gefolgt. Dieser war viel-mehr das Opfer des gegen Peters Neuerungen gerichteten Widerstandesgeworden, der in ihm seine Stütze gesucht hatte. Während Peter seitdem Jahre 1716 zum zweiten Male sich auf einer Reise durch denWesten Enropa's befand, floh Alerci aus dem Reiche, um den Thron,den er von der Liebe seines Vaters nicht erwarten konnte, nach dessenTode mit Hülfe seiner Partei in Besitz zu nehmen. Nachdem russischeAbgeordnete ihn ans dem Königreiche Neapel, wo er seinen Aufenthaltgenommen, zurückzukehrcn bewogen hatten, entsagte er der Thronfolge,bezeichnet die Häupter der zu seinen Gunsten entstandenen Bewegung,wurde in Folge desjenigen, was bei dem ganzen Verfahren auch gegenihn an den Tag kam, znm Tode vernrtheilt und starb, nachdem derVater ihm verziehen, im Gefängnisse. Peter aber gab später ein Ge-setz, nach welchem der jedesmalige Herrscher Rußlands selbst seinen Nach-folger zu bestimmen hatte. Doch er selbst starb, ohne von diesem RechteGebrauch gemacht zu haben, und nach seinem Tode bestieg seine Gemah-lin Katharina den Thron mit Hülfe Menczikows, der schon bei ihmgroßen Einfluß gehabt hatte. Diese schien während ihrer kurzen Ne-gierung (1725—1727) das Reich, das kurz vorher so entscheidend indie Angelegenheiten des Nordens eingegriffen hatte, in die Händel dessüdlichen Enropa's verwickeln zu wollen, indem sie den von Wien ausgemachten Anstrengungen sich willfährig zeigte. Den östreichisch-spani-schen Plänen gegenüber schlossen nun Frankreich und England ihrerseitsein Bündniß mit einander. König Georg gewann zu Hannover, wodie Unterhandlungen gepflogen wurden, als dritten Verbündeten denmächtigsten der deutschen Neichsstände in seinem Schwiegersöhne, demKönige Friedrich Wilhelm I. von Preußen. DaS Bündniß, das seit-dem nach dem unweit Hannover gelegenen Herrenhausen benannt wurde,gab ein trauriges Zeugniß für den Zustand des deutschen Reiches, indemzwei Stände des Reiches, das dem Wiener Bündnisse beigetreten war,nicht nur an einem Gegenbündnisse Theil nahmen, sondern noch aus-