Kaiser Karl V. und die Kirchcntrcnnung in Deutschland. 615
saßen. Der nachfolgende Papst Pius IV. (1559—1565), den der heil-same Einfluß seines Neffen, des großen Karl Borromäus, Cardinals undErzbischofs von Mailand, leitete, berief das Concil von Neuem, umdem, was es bereits geleistet, durch die Vollendung Ansehn und höherenWerth zu geben. So lange die Arbeiten nicht beendet waren, konntenicht dazu geschritten werden, die beschlossenen Verbesserungen der Kir-chenlicht als ein Ganzes ins Werk zu setzen. Das Ausbleiben der vondem Concil erwarteten Entscheidungen hatte auch schon den Kaiser Fer-dinand und seinen Schwiegersohn, den Herzog Albrecht von Baiern,Wilhelms Sohn, zu dem Versuche bewogen, die unter ihren Unterthanensich kundgebeude Unruhe durch eigenmächtige Bewilligung des Kelchesbeim Abendmahlc zu beschwichtigen. Es ließ sich noch Mehreres be-fürchten, da Paul IV. dem Kaiser die Anerkennung seiner Würde, fürdie er nicht die päpstliche Bestätigung eingcholt, verweigert hatte. Aufden Nath des Karl Borromäus erkannte Pius IV. Ferdinand als Kaiseran, und ließ das im Jahre 1562 wieder zusammengetretcne Concil ineiner Weise leiten, daß den Berathungen die größte Freiheit ward unddie Rücksicht auf die päpstliche Macht gegen die Rücksicht ans das Heilder Kirche, wo nicht beide zusammcnfielcn, zurücktrat. Zur Theilnahmean den Berathungen des letzten Zeitraumes waren auch die deutschenProtestanten, damit kein Mittel der Verständigung unversucht bliebe,eingeladen worden, allein eine Versammlung protestantischer Fürsten,die im Jahre 1561 aus Anlaß von Lehrstreiligkeiten unter ihren Theo-logen zu Naumburg stattfand, hatte die Einladung als eine Anmaßungausgenommen, und dem Papste sogar das verargt, daß er sie als Söhneangeredet. So blieb die Wirksamkeit des Concils auf die Katholikenbeschränkt, und hier bewirkte es, wie cs die Bezeichnung der Lehre unddie Anordnung für kirchliches Leben während seiner ganzen Thätigkeitverbunden hatte, in beiden Beziehungen Großes. Es sammelte sich derganze Ncichthum christlicher Einsicht in einem Brennpunkte, und wie da-durch eine Vertiefung des kirchlichen Bewußtseins eintrat, erleichtertesich auch für die Glieder der Kirche die Aufnahme und Bewahrung derLehre. Es durchdrang aber auch ein frischeres und regeres Leben dieKirche vermittelst der Ausführung des zur Förderung der KirchenzuchtFestgesetzten. Die Gesammtheit der Entscheidungen erhielt, nachdem dasConcil im Jahre 1563 geschlossen worden, die päpstliche Bestätigung.In Betreff der Lehre ward das Ergebniß allgemein als das Zeugnißvon dem allgemeinen Glauben der Kirche ausgenommen. In Betreffder Kirchenzucht blieb die Durchführung eine große Aufgabe, wie diereformatorische Thätigkeit in der Kirche eine immer fortdauernde ist undnach Maßgabe fördernder oder hemmender Umstände und größerer odergeringerer für dieselbe aufgewandtcn Kraft hier rascher, dort langsamer
Kiesel, Weltgeschichte. II. HO