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Schiller und Göthe.
und auf das ihn keine Literaturgeschichte, ja kaum eine poetische Lektüreaufmerksam gemacht haben konnte. Wir begreifen sehr wohl, wie Hum-boldt trotz aller wesentlichen Fehler der Komposition, die hier wieder-kehrten, das Stück formell aus den Gipfel der schiller'schen Kunst stellte.Es ist eigen, daß unter Schiller's Dramen doch immer die die interessan-teren sind, denen man die meisten Fehler nicht ohne Unrecht vorwirft.Der selbsterfundene Stoff schien hier wieder seine Klippe zu werden; dieBehandlung des Schicksals fand gerechten Tadel. Göthe, der im Sha-kespeare die in der That unübertreffliche Verbindung von Freiheit undGeschick bewunderte, setzte an der Braut von Messina aus, daß dasSchicksal ohne Schuld straft, und Gute wie Böse gleicher Untergang trifft;und es ist bekannt, daß sich die ungeschickten fatalistischen Stücke unsererromantischen Schule an dieses Werk, die müllner'sche Schuld dicht andessen letzten Vers anheftete. Die Einführung des Chors war eines jenerWagnisse, die Schiller'n nicht schreckten, wenn cs galt, dem gemeinenNaturalismus in der Kunst den Krieg zu erklären. Ihm gerade stand esnatürlich genug an, den Chor zurückzuführcn, der, wie er sagt, die Re-flexion von der Handlung absondert und den Dichter zu einer Erhebungdes Tons berechtigt, die das Ohr aussüllt, den Geist anspannt und dasganze Gemüth erweitert. Hier also durfte er sich dem Schwung seinerGedanken überlassen, und die gehobensten Stellen sind in der That inden lyrischen Partien niedergelegt. Dies hat dieser erneuten Form so-gar Eingang auf das Theater verschaffen können, obgleich allerdings demBegriffe des Chors nicht genuggethan ist, den Schiller selbst zum erstenMale in der Einleitung über den Chor vortrefflich erfaßte ""). Auf dies
1VI) Humboldt, den die Freundschaft zu Schiller nicht eben blind machte, hat ganzvortrefflich gezeigt, worin dies gelegen ist. Wenn er ihn recht verstehe, schreibt er Schil-ler'n, so sei der Chor da, die gleichsam physische Gewalt der Empfindung des Zuschauers,da, wo sie eben zur bloßen Theilnahme an den handelnden Personen als wirklicher We-sen herabsinken will, auf einmal zu brechen, und sie mit künstlerischer Stärke zu der indem Kunstwerk symbolisirten Idee zurückzuführen. Der Chor war das einzige Mittel,durch das es einem naiven Volke gelang, eine an sich sentimentale DichtungSart, wiedie Tragödie, auszuführen. Denn es sei deutlich, daß Shakespeare, Schiller und Göthe,weil sie das Bedürfniß fühlten, die Prosa des Lebens in der Tragödie auszutilgen, unddaher immer den Zweck des künstlerischen Symbolisirens auf andere Weise (als durcheinen Chor) zu erfüllen suchten, sentimentaler, betrachtender, philosophischer gewordensind, als sonst geschehen wäre. Ihre Stücke lassen etwas Dumpfes und Schweres in derEmpfindung zurück, weil für jenen intellektuellen Zweck ein sinnliches Organ fehle; dieAnstrengung, die die handelnden Personen machen müssen, um ihre wirkliche Individua-lität an etwas Größeres zu verlieren, theilt der Zuschauer mit ihnen, da der Chor hin-