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Schiller und Göthe.
er selbst, desto mehr Welt ergreift der Mensch, desto mehr Anlage ent-wickelt er in sich; je mehr Kraft und Tiefe die Persönlichkeit und Freiheitder Vernunft gewinnt, desto mehr Welt begreift der Mensch, desto mehrForm schafft er außer sich. Dies war Beider Fall gegen einander. Wasnach Schiller das vollkommene Werk der Kultur bezeichnet; das sinnlicheVermögen in die reichste Berührung mit der Welt zu setzen und seineEmpfänglichkeit und Passivität aufs höchste zu steigern, und das geistigeVermögen unabhängig und selbständig zu erhalten und seine Aktivitätund bestimmende Kraft möglichst zu erhöhen — zwischen diese zweiseitigenZiele schienen sich Beide dem allgemeinen Eindrücke nach mehr getheiltzu haben. Von beiden Vermögen kompromittirte bei Jedem das gerin-gere zum Vortheil des vorragendcn: Göthe trug die Energie der bestim-menden Kraft auf die passive über und verlor an Persönlichkeit und Frei-heit, Schiller gab seinem Thätigkeitstricbe die Reizbarkeit und Beweg-lichkeit des empfangenden hinzu, und übersteigerte ihn. Wenn nachSchillcr's Ansicht Göthe verabsäumte, mit dem rechten Eifer die Gabender Natur in ächten eigenen Besitz des Geistes zu verwandeln und mitVernunft zu beherrschen, so tadelte dagegen Göthe, daß Schiller gegendie Mutter Natur, die ihn nicht stiefmütterlich behandelt habe, undankbarsei/daß er in sich den Instinkt durch die Thätigkcit des Geistes in Gefahrsetzte, die Vegetation durch Freiheit beunruhigte, den Verbrauch desGeistes übertrieb, mehr als die Oekonomie und die Bilanz jener gegen-sätzlichen Kräfte des Menschen gestattete. Die angespannte Thätigkeitwar das, was bei Schillerst: Jedem, der ihn persönlich kannte, zuerst auf-fiel, bei Göthe'n haben wir die Zögerung mitten in aller Beschäftigunggewahrt; besser hielt dieser das richtige Maß zwischen Reecption undProduktion, während Schiller den Reiz des bloßen Lernens und Aufneh-menS nicht kannte; weislich mahnte Göthe, zur bösen Stunde zu ruhen,damit die gute doppelt gut sei, aber Schiller zwang sich in der ÜbelnStunde mit Reizmitteln, denn ihm war das Pfund des Geistes ein zutheuerer Schatz, um ihn jemals unbenutzt ruhen zu lassen. Die Beschäf-tigung, die nie ermattet, war ihm ja die liebste Begleiterin, und „um denErnst, den keine Mühe bleicht, rauschte ihm der Wahrheit tiefversteckterBorn." Göthe fühlte es wohl zuletzt selbst, daß er zu bald stille gestan-den, unbedacht, daß nur Beharrlichkeit und gleichmäßiges Bestreben ingleichmäßigem Wcrthe hält; er mußte es anerkennen, daß Schillcr's rast-loses Bestreben, im edlern Sinne zu wirken, durch große Erfolge gekröntwar; aber dagegen schien er auch überzeugt, daß diese Selbstthätigkeit undjene Idee der Freiheit ihn frühzeitig getödtet habe, weil er Anforderungen