Unmittelb. Einwirk. d. Wissenschaften u. Lebenszustände. 291
mäßig vor sich ging, wollen wir hauptsächlich mir an einigen seinervorragendsten Schriften aus den zwei letzten Jahrzehnten des vorigenJahrhunderts verfolgen.
Herder hatte viel zu viel menschlichen Takt, als daß er die wunder-lichen Ueberspannungen Lavater's und seiner Anhänger nicht mit Miß-muth hätte betrachten sollen. Ec warnte ihn wiederholt und dringendvor den gefährlichen Eigenschaften seiner begabten Natur, aber vergebens.Er mußte bald einsehen, daß er sich nicht schleunig genug von diesenFreunden znrückziehen könne. Er ließ das unfruchtbare Gebiet, auf demsich diese gefielen, liegen, ihn reizten die Swedenborg höchstens einmalals psychologische Probleme. Vielmehr wandte er seine Aufmerksamkeitnach jener andern, früher berührten Seite hin, wo Freigeisterei undOrthodorie aufeinander trafen; denn seine Ansicht war es zu jeder Zeit,daß man ans der Naturphilosophie für die Religion lernen müsse. Ermochte es nicht leiden, daß man die Shaftsbury mit dem Worte Deistenals mit einem Ekelnamen verfolgte; er liebte sie um das, was sie Guteshatten, und fand, daß weder Schrift, noch Gnade, noch Offenbarung diesverböten. Die Veröffentlichung der reimarischen Fragmente durch Lessing,besonders des letzten von dem Zwecke Jesu und seiner Jünger, bestimmteihn wohl hauptsächlich zur Abfassung seiner Briefe über das Stu-dium der Theologie (1780), obgleich er sich mit einer gewissenUnparteilichkeit ganz außerhalb der beiden großen kriegführenden Mächtehielt. Er ging zwischen dem starren Rationalismus, der allen Wein undGeist zu Wasser macht, und dem heißen Schwefelbrunnen des MystieiS-muö mitten durch ; er kehrte den Gelehrten nicht mehr wie in der ältestenUrkunde die Stirne zu, sondern den Rücken. Er wandte sich an dieUngelehrten und an die Jugend, und ließ die Bibel für sich und dieReligion reden, herzlich müde der Schreibereien, die immer aus der un-lauteren Quelle schöpften, die die Dogmatik aus dem Religionskodergemacht hatte, und abgeneigt der gelehrten Theologie, die vor der Ge-meinde predige, was Gott sei und wie er Eins in drei und drei in Einem;sich mit ähnlichen Sachen viel zu behelligen, sagte er, sei Thorenwerk,und wer darum die Ketzerkrone verdiene, trage sie weder zum Nutzen nochmit Ehren. In dem ruhigen Tone und gehaltenen Stile, in dem diesesWerk geschrieben ist?, leitet Herder aus seinen früher» Ueberspannungenin ein mäßigeres Gleis zurück. Er fand nun, daß man bei der Theologieso frei und heiter sein könne, wie bei allen andern Wissenschaften,während sich diese Eigenschaften mit seinem früheren prophetischen Prie-sterthume nicht gut zu vertragen schienen. Er empfiehlt nun die Lektüre
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