274 Uebersicht der schönen Prosa (Noinanliteratur).
des Vaterlandes ein, und wenn er sich nie unberufener eingemischt hätte,als er cs in diesem Werke in Fragen der Religion und Aufklärung thut,so hätte man nicht viel Recht gehabt, ihn wegen seiner allfertigenUrtheile anzugrcifen. Die vorausgegaugcnen Bewegungen in diesenLändern, die wir oben andcuteten, und denen Nicolai einen eigenen stän-digen Artikel in der allgemeinen Bibliothek hielt, entschuldigten ihn hin-reichend, daß er, der sich an Ort und Stelle aufzuklären suchte, seineStimme über die Verhältnisse dieser Gegenden und ihrer Bildung abgab.Gerade damals hatte Kaiser Joseph seine befreienden Gesetze gegeben,die eine neue Zeit zu verkündigen schienen. Freunde und Feinde sahenmit Beifall und Mißmuth in ihm einen neuen Luther; man griff dieAussicht auf eine Vereinigung der Sekten auf, Masius, Sattler u. A.schrieben für sie, Schütz schlug ein Koucil vor, Andere, wie Zimmer-mann, hielten das Alles für überflüssig: er meinte^), wir seien ja nunEins durch die Reformation von 1781; kein Katholik könnte sich mehrvon seiner Kirche sondern wollen, die der Kaiser von aller Unvernunftgereinigt habe; keiner werde nun weiter einen Protestanten von seinenJrrthümeru zurückführen wollen. Allein Nicolai war viel weitsehender,weil er, wie Lichtenberg, ein praktischer, nüchterner Mann war, der dieWelt sah, wie sie ist. Er stellte Luther gegen Joseph; die Reformationdes Ersteren sei ein Werk aus dem vorbereiteten Volke heraus, Joseph'sein bloßes Gebot für ein unvorbereitetes. Bloße Gesetze, sah er ein,könnten ein Heer von Vorurtheilcn nicht vernichten; es gehöre dazuUeberzeugung von ihrer Schädlichkeit, Verbreitung richtiger Grundsätze.Dazu könnten nichts als die freimüthigsten Betrachtungen führen, unddiese wollte er geben; er fand in den Schriften des Kaisers selbst dieAufforderung hierzu für jeden denkenden Menschen; er fand die Gelegen-heit beguem; aut nuno aut nuiiguam war sein Motto. Und hat er nichtRecht gehabt? Jene Zeit ist verloren worden und jener Enthusiasmusversäumt! Die österreichische Literatur nicht allein, auch die protestanti-sche des lavater'schen Kreises wandte sich gegen Nicolai. Es ist wahr,er nrtheilte ein wenig grob über Legendenwerk und den heiligen Kramder Papisten, aber wie fein doch auch über die greifbaren schädlichen Wir-kungen des Katholicismus! Wenn man nur ein wenig die Augen öffnenwollte, so mußte man sehen, daß aus ihm weniger der blinde Eifer desLutheraners sprach, als die Erfahrung des praktischen, staatswirthschaft-lich besorgten Mannes. Und wenn man ihm entgegnen wollte, so durfte
68) Einsamkeit 3, 442.