210 Uebersicht der schönen Prosa (Romanlitcratur).
daß dieser Ausspruch besonders auf die Nachwelt komme: daß diePhysiognomik in ihrem eigenen Fette ersticken werde; in einem centner-schweren physiognomischen Atlas entwickelt, würde der Mensch nichtdeutlicher liegen als jetzt in seinem Leibe; ein solches Werk zusammen-zudenken sei fürchterlich, während den Menschen ans der ersten Hand zustndiren unser tausendfaches Interesse anlockt. Um die Zeit, da manBücher über diesen Gegenstand verstehen würde, verstehe man die Sacheschon weit besser, als sie gelehrt werden kann; sie sei so unnöthig, alseine Kunst zu lieben; hätte Lichtenberg Hand an diese Wissenschaftengelegt, so hätte er eine Pathognomik geschrieben, und hätte ihr eineneinseitigen praktischen Bezug gegeben, wo sie nicht schaden, nur nützenkonnte, ans die Schauspielkunst und Malerei. Lichtenberg kannte dieWelt zu gut, um sich selbst von der Ungeheuern Aufregung und von derSilhouettenmanie, die in Niedersachsen besonders groß war, irren zulassen, daß er dies Alles nicht für einen vorübergehenden Schwindel an-gesehen hätte. Er stach in ein Wespennest mit seinem Aufsätze, Lavaterantwortete, Zimmermann drohte, Mendelssohn ward hineingczogen;aber ohne daß Lichtenberg seine Absicht ausführte, gegen das Heuschre-ckenheer der Physiognostiker loöznschlagen, war der Lärm bald vorbei.Hätte er dies Unwesen in einer freiem ästhetischen Form verspotten wol-len, welche Gaben hätte er mitgcbracht! So viel physiognomischc Weissa-gung und Anatomie hat wohl Jeder, daß er schon aus dem Fragment„von Schwänzen" diese Talente dem Mann ansieht!
Ehe noch Lavater die abenteuerlichen Folgerungen, die er ans seinerPhysiognomik zog, ganz enthüllt hatte, hatte es sich schon in noch tiefereIrrwege verloren, die ihn ganz um seinen guten Kredit bei Feinden nichtallein, sondern auch bei Freunden brachten. Er ließ sich dabei in Sphä-ren herab, die man nicht berührt, ohne bcschmuzt zu werden, und ent-wickelte einen Eigensinn und eine Beschränktheit, die seine wärmstenVerehrer am meisten erschreckte. Wie kam es doch, daß dieser Mann mitseinen christlichen Neuerungen sich durchaus nicht nach dem Stande derprotestantischen Gottesgelahrtheit hinkehrte, sondern mit den Bewegun-gen in dem von Aberglauben und Finstcrniß niedergedrückten Pöbel vonBaiern und Oesterreich sich gemein machte? In diesen Gegenden habenwir schon in der Geschichte des Theaters die alleräußerste Barbarei nochherrschen sehen, und hier finden wir in andern Regionen ganz dieselbeErscheinung wieder. Um 1760 schon hatte der Theatinec Stcrzinger eineakademische Rede in München geschrieben über das Vornrtheil der Hcre-rei. Da diese Lehre dem Absatz der geweihten Kreuzchen von Scheyern