232 Ucbcrsichl der schönen Prosa (Romanlikcratur).
hineinzuschieben, in denen sich bequem allerhand parat liegende Weisheitanbringen läßt. Und wenn dies im Detail unangenehme Eigenschaftenin seine poetischen Werke brachte, so läßt sich sogar Nachweisen, daß seinewissenschaftliche theoretische Beschäftigung auch im Ganzen, im Grund-sätzlichen, übel auf seine Praxis überwirkte, daß sein kritischer Verstandseinen produeircnden Instinkt störte. Wer die Vorschule der Aesthetik(1805) kennt und nach ihr seine Erzählungen wieder durchliefe, derwürde leicht finden, daß, wenn ihn zwar seine Praxis hie und da aufseine Theorien gebracht haben möchte (;. B. über die komische Kraft desBesonderen, über die springenden Punkte der Charaktere, über densfalschens Gegensatz deS Lächerlichen gegen das Erhabene), so doch auchwieder die Theorie in der allzu häufigen und allzu gesuchten Anwendungderselben offenbar wieder auf die Praxis rückgewirkt hat. Diese Aesthetikwie die Levana (1807) sind Sammelplätze sehr geistreicher Bemerkungen,vor denen man nicht genug warnen kann. Die springenden Punkte sindin beiden Disciplinen eben so wenig gefunden, wie der gesunde Quelldes Lebens in Jean Paul's allgemeiner Natur und Wirksamkeit. Einenästhetischen und pädagogischen Grundsatz muß man hier nicht suchenwollen, so wenig als der Staatsmann einen politischen suchen wird inden idealen Staatsprincipicn Jean Paul's, ans die wir noch anderswozurückkommcn. Wer die großartigen Analogien der Naturkunde an seineUnsterblichkeitshoffnungen, wer die Geschichte an seine Menschhcits-träume und Erdenparadiese, wer die Physiologie an seine Traumtheoricn,und die Kenntniß der Welt und der Menschen gegen seine besondere Artvon Menschenkenntniß mit freiem Blicke hält, der wird bald finden, wiewenig wissenschaftlicher Geist in diesem Manne der Einbildungskraft war.
Jean Paul brauchte die Wissenschaft noch ganz zum Dienste derPoesie, so lange nicht seine, und die deutsche Poesie überhaupt rück-gängig zu werden anfing. Wir gehen jetzt zu anderen Erscheinungenüber, die uns stufenweise zeigen sollen, wie die Wissenschaft anfing um-gekehrt die Poesie zu beeinträchtigen. Wir wollen zunächst einen Blickauf die herrschenden Zweige der Wissenschaft werfen, mit denen sich diePoesie berührte. Wir werden einer Reihe religiöser und pädagogischerRomane begegnen, die der theologischen und Erziehungswissenschaft un-gefähr in gleichen Rechten noch gegenüber liegen; wir werden dann eineandere Reihe von geschichtlichen Romanen treffen, in denen die Wissen-schaft schon ganz den Sieg über die Dichtung davongetragen hat, undeine kleine Anzahl philosophischer, wo die Poesie nichts mehr als eineganz dürftige Einkleidung geliehen hat. Kant hatte das Verdienst,