Periode d. Originalgcmes. Gvthe in Jtal. u. Schillcr's Jugend. ?1
war. Mit den Jahren, Beschäftigungen und Zerstreuungen, sagt Göthe,hatte sich seine Unart vermehrt, Vieles anzufangen und liegen zu lassen,doch drückte ihn die innere Unzufriedenheit und Unbefriedigung selbst.Er hatte in dem behaglichen Wohlleben die Spannkraft verloren und dasInteresse an der Welt, eS hatten sich ihm Falten in das Gemüth gedrückt,er fühlte sich halb und sich selbst entfremdet, er trat schweigend in sichzurück und ließ es sich gefallen, „für krank und bornirt" gehalten zu wer-den. In seiner Natur lag ein ungesättigter Trieb des Lernens: was ihmabgiug, war die runde geschlossene Natur, die er in Winckelmann be-wunderte, die sich immer das Rechte vorsetzt, immer die rechten Mittelund Wege ergreift; er ließ sich von zu Vielem an- und abziehen, undfühlte sich doch in seinem „Sehnen, Bemühen, Krabbeln und Schleichen"unbehaglich und verstimmt. Zwei Kapitalfehler entdeckte er, als er inItalien war, in seinem ganzen Leben, die kein Fremder hätte ausspähenkönnen: den einen, daß er nie das Handwerk einer Sache lernen mochte,die er trieb, daß er dadurch mit seinen Leistungen weit unter seinen An-lagen blieb, so daß das, was er leistete, entweder, wo es durch die Kraftdes Geistes rasch erzwungen ward, nach Glück und Zufall gelang odermißglückte, oder, wo er furchtsam und mit Uebcrlegung verfuhr, uichtfertig ward; den andern, daß er sich nie die erforderliche Zeit zu seinenArbeiten nahm, daß ihm die schrittweise Ausführung langweilig war.Er fand, daß es nun endlich Zeit sei, diese Fehler zu bessern. Sehen wiruns in der deutschen Dichtung um Göthe her in dieser Periode um, sogewahren wir wohl, wie die verschiedenen Schulen in demselben Zwie-spalt, wie die gleichen Fehler allgemein waren, wie gegen den augen-blicklichen ungestümen Schöpferrausch die überlegte und bedächtige Bil-dungskraft ankämpfte, und wie man hier und dort nicht die richtige Mittefand. Sehen wir von dem Verfahren der Dichter ans den herrschendenGeschmack, auf die maßgebenden Muster, auf die Ideale der Dichtungzurück, so haben wir gefunden, daß Männer wie Klingcr, daß ganzeSchulen, wie die göttinger, den ausschließlichen Geschmack an der nordi-schen Naturpoesie, an Ossian und Shakespeare, ausgabeu, und nach demklassischen Alterthume zurückgriffen. Daß Göthe auf diesem Wege vonRegellosigkeit zur Ordnung und Klarheit, von nordischer Barbarei zursüdlichen Kultur nicht Zurückbleiben, daß er vielmehr zielzeigend voran-gehen werde, dazu war er durch seine gemäßigte, im Taumel der Leiden-schaft gefaßte Natur vor Allen angewiesen. Wie in Weimar der Grundzu seiner Entfernung von jenem Geschlechte gelegt ward, in dem derGeist unbändig schwelgte nnd unter Rohheit edle Sitte lag, wie er die