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Viertes Hauptstück. Von der Todsünde, und zwar von ihrer Abscheulichkeit und Bosheit.
der, welcher eine Todsünde begeht, an den Tag! Ist er nichtganz aus den Wohlthatcn Gottes zusammengesetzt? Von ihmhat er Alles; ein jeder Augenblick seines Lebens ist ein Ge-schenk seiner Barmherzigkeit, sogar der Augenblick, in demer sündigt, ist eine Gnade Gottes, der ihn erhält und unter-stützt. Was würde ans dem Sünder, wenn er ihn nichtwie eine zärtliche Mutter in seinen Armen hielte? Und wasthut er? Er zerfleischt die Brust, die ihm Nahrung reicht;er gebraucht die Gaben seines Schöpfers gleichsam zu Pfeilen,um ihn damit zu verwunden; seine Wohlthaten benützt erdazu, ihn zu beleidigen, und seine Gnaden werden in desSünders Hand zu Werkzeugen schmählicher Missethaten!Der Sünder vereitelt sonach alle Absichten Gottes; ja, ervernichtet, so viel er vermag, das Blut des Erlösers undmacht die Sakramente, die Gnaden, die Lehren und Ver-heißungen Gottes nutzlos; er kreuzigt seinen Erlöser, derfür ihn gestorben, auf's Neue. Welch ein Undank!
Beispiel und Anwendung. Ach, wer kann wohldie ganze Bosheit der Todsünde begreifen, da wir nicht imStande sind, zu erfassen, wie unendlich groß nnd gütig Gottder Herr ist, der durch die Sünde beleidigt wird! — Einsttraf man den heiligen Isidor, Priester und Einsiedler vonSkete, die Augen in Thräneu gebadet an. (Sieh das vor-ausgchende Bild!) Der Bruder, welcher ihn in diesem Zu-stande sah, fragte ihn, warum er weine: „Ich beweinemeine Sünden, sagte er, und meinen groben Undankgegen den allgütigcn Gott und Vater im Him-mel; hätten wir Gott auch nur ein einziges Mal beleidigt,so würden wir doch nicht Thränen genug haben, um einenso großen Undank zu beweinen." — Wahrlich, wer seinebegangenen Todsünden nicht beweint, der erkennt die Bos-heit und den Undank nicht, womit er seinen Gott beleidigt.
Fr. Woraus erkennen wir am Besten, wie böseund strafwürdig eine Beleidigung Gottes sei?
Antw. 1) Ans der schweren Strafe der bösenEngel nnd unserer Stanimeltcrn; 2).ans der ewigenStrafe der Hölle, welche jede Todsünde verdient; 3) ausdem so bittern Leiden nnd Sterben, welches der einge-bornc Sohn Gottes unserer Sünden wegen erduldet hat.
Belehrung. Gott selbst hat cs uns auf verschiedeneWeise gezeigt, wie böse und strafwürdig es sei, wenn wirIhn durch eine Sünde, besonders durch eine Todsünde be-leidigen. Wir muffen dieß erkennen: 1) aus der schwerenStrafe der bösen Engel und unsrer Stamm-eltern: der Sünde wegen wurden erstere aus dem Himmel,letztere aus dem Paradiese verflossen. „Wir wissen ja,"sagt der heilige Franz von Sales, „daß eine einzige
Todsünde viele Tausende der schönsten Engel in die allerab-schculichsten Teufel verwandelt habe;" 2) aus der ewigenStrafe, welche jede Todsünde verdient. „O ihrAlle," ruft uns wiederum der obengenannte heilige Lehrerzu, „ihr Alle, die ihr Gott liebet, erschrecket und zittert,wenn ihr auch nur den Namen „Todsünde" höret; dennNichts ist, was der große Gott mehr haßt und verflucht.Nur wegen der Todsünde brennt die Hölle und wird ewigbrennen;" 3) aus dem so bittern Leiden und Ster-ben, welches der cingcborne Sohn Gottes unsrerSünden wegen erduldet hat. Gott mußte um unsererSünden willen sterben; wie böse, wie strafwürdig muß siealso nicht sein! Daher ruft der heilige Bernhard aus:„Ich habe keinen andern Beweis nöthig, zu erkennen, welchein Nebel die Sünde sei. Ich erkenne genugsam aus derGröße der Arznei die Größe meiner Wunde."
Legende: Die heilige Bibiana, Jungfrauund Märtyrin (ch 362).
Die Abscheulichkeit und Bosheit der Todsünde er-kennend, wollte die heilige Jungfrau Bibiana, derenFest ans den heutigen Tag fällt, lieber unter den größtenQualen sterben, als ihren Gott durch eine Todsünde be-leidigen. Diese heilige Jungfrau und ihre SchwesterDemetria waren Töchter des römischen Ritters Fla-vianus und seiner Gemahlin Dafrosa, welche dieKirche gleichfalls als Märtyrer verehrt. Leben und Lei-den der Eltern nnd Kinder steht hier im engsten,innigsten Zusammenhänge. Die heiligmäßige Erziehungund das gute Beispiel der Eltern führte unter Mitwirkung