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Viertes Hauptstück. Vom Hauptgebote, und zwar von der Liebe Gottes.
zufügen? Man kann also sagen, daß in der Liebe sich alleandern Tugenden vereinigen, wie die Strahlen im Mittel-punkte eines Kreises sich vereinigen.
Fr. Was heißt Gott lieben?
Antw. Gott lieben heißt, ihm mit Herz und Sinn,mit Leib und Seele zugethan sein, so daß man Nichtsmehr fürchtet, als ihn zu beleidigen, und Nichts sehn-licher verlangt, als ihm in Allein wohlzugefallen undmit ihm vereinigt zu werden.
Beispiel und Anwendung. Von dieser Liebe zuGott war z. B. der selige Nikolaus von der Flüe be-seelt; denn er fürchtete Nichts mehr, als Gott den Herrn zubeleidigen, und verlangte Nichts sehnlicher, als Ihm in Allemwvhlzugefallen. Daher konnte er mit Recht seinen Zeitge-nossen zurufen: „Fürchtet und liebet Gott vor Allem; denndie Liebe ist die Mutter aller Tugenden im Himmel und aufErden." — Aber mit Wehmuth machte er die Bemerkung,daß nur so Wenige Gott den Herrn lieben, und daß die Meistenihr Herz an die Erde und irdische Dinge hängen. Es war ihmnämlich eines Tages, als wandelte er durch ein Dorf, wo in Mitteweniger Häuser ein herrlicher Palast sich erhob. Das Thorwar offen, und er trat durch dasselbe hinein. Da sah ereine Treppe mit zehn Stufen. Unter diesen floß ein Brunnenmit Wein, Oel und Honig. (Sieh das vorhergehende Bild!) Aufder obersten Stufe aber stand ein Geschirr mit dem nämlichenTranke des Brunnens gefüllt. Dann rief eine Stimme:„Wenn Jemand dürstet, der komme zu mir und trinke!"(Joh. 7, 37.) Nur Wenige kamen; er aber eilte, trankund sättigte sich mit unbeschreiblicher Lust. Hernach verwun-derte er sich, warum nur so Wenige zu dieser köstlichenQuelle kommen. — Als er in's Freie heraustrat, erblickteer eine zahllose Menge Menschen, welche sehr beschäftigtwaren. Einige zäunten ihre Aecker ein, Andere bautenBrücken, um Zoll zu beziehen, Andere machten Musik umde» Spiellohn. — Nun verschwand das Gesicht. Der frommeMann erkannte die Deutung, und es graute ihm vor demTreiben der Welt. — O daß nicht auch du, mein christlicherLeser! zu der Zahl dieser Weltkinder gehörest! Bitte dochrecht oft und inständig um die Tugend der Gottesliebe; dennder heilige Geist ist es, der diese Tugend in unsere Herzenansgießt. „Die Liebe ist in unsere Herzen ergoßen durchden heiligen Geist, der uns gegeben ist." (Nöm. 5, 5.)
L e g en d e: Der heilig e Abt Aegidi us (st um 700).
Ein Mann voll göttlicher Liebe war auch der heiligeAbt Aegidius, dessen Fest auf den heutigen Tag fällt.Er wurde im siebenten Jahrhunderte zu Athen aus eineredlen Familie geboren, in den Wissenschaften gründlichunterrichtet; und da den frommen Jüngling seine Gottes-furcht und sein bußfertiges, heiliges Leben zum Gegenständeallgemeiner Bewunderung seiner Landsleute machte, sovertheilte er sein väterliches Erbe unter die Armen und
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verließ sein Vaterland. Er zog nach Frankreich, wo ersich, um ein vor den Menschen verborgenes Leben führenzu können, in der Wüstenei an der Mündung der Rhoneeine niedere Zelle von Gesträuchen und Baumrindenverfertigte und da dem Gebete, heiligen Betrachtungenund der Lesung der heiligen Schrift oblag, um sich inder christlichen Vollkommenheit zu begründen. Als seinAufenthalt den Landbewohnern bekannt wurde, suchte ereine andere Einöde auf. Da ihm aber dort der ersteWinter schon alle Nahrung entzog, wollte er, um nichtHungers sterben zu dürfen, auch diese seine geliebte Ein-samkeit verlassen. Da kam aber eine Hirschkuh zu ihm,von deren Milch er sich längere Zeit nährte, und dieauch Anlaß zu seiner Entdeckung gab. Al^ nämlich einesTages Wemba, der König der Gothen, auf der Jagdeiner Hirschkuh lange nachsetzte, verlor er sie endlich ausden Augen in der Nähe einer niedern Hütte. Der Königeilte nach, und fand zu seinem Erstaunen das verfolgteWild liegend neben einem Einsiedler, der in Betrachtungvertieft war. Voll Verwunderung über den Anblick einesMenschen in einer solchen Wildniß, erkundigte sich derKönig um den Namen und die Lebensweise des Einsiedlersund erkannte aus seinen Antworten einen gottesfürchtigen,heiligen Mann, den er zu bewegen suchte, an seinem Hofezu leben. Allein Aegidius zog die Einsamkeit vor,erbaute mit Unterstützung des Königs ein Kloster, nahmmehrere Jünger an und starb im Rufe der Heiligkeitum das Jahr 700.
Gebet. Stärke uns, o Gott! auf daß wir dick-treu und innig lieben, wie der heilige Abt Aegidius,so daß wir Nichts mehr fürchten, als dich je zu belei-