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Zweites Hauptstück. Maria — ein Gefäß der Gnaden.
Zeitschriften unterm 10. Jan. 1855 von Berchtesgadenaus geschrieben) that sich aber im benachbarten Salzburgein junger Mensch hervor, den sein Geld und seine Jugend-kraft übermüthig machte. In einem belebten Gasthause machteer vor mehreren Andern, die, wie gewöhnlich, über Nichtsnachgedacht, aber über Alles absprechen, die unbefleckteEmpfängniß zum Gegenstände seines Hohnes und schmutz-igen Witzes, so daß sich selbst ein paar Anwesende ärgerten.Was geschieht? Nicht lange nachher gallopirt der muthwilligeWitzbold ganz munter auf seinem Rößlein. Als er im Non-nenthale in der Nähe des Hahnwirthes zu der daselbst er-richteten steinernen Bildsäule der unbefleckten Jungfrau ge-kommen, schleuderte ihn das Pferd so gewaltig an die Säule,daß er sich Brust, Arme und Beine brach, und besinnungs-los von dannen getragen werden mußte. Nach unsäglichenLeiden starb der junge Mann einige Tage später, ohne jemehr zu Besinnung gekommen zu sein. — Erkenne hieraus,mein Christ! wie sehr Gott der Herr selbst eifert für dieEhre der allzeit unbefleckten Jungfrau und Mut-ter Maria und bekenne es laut und freudig mit der hei-ligen katholischen Kirche, daß Maria ohne Sünde em-pfangen, und daß sie schon deßhalb voll der Gnaden sei.
Fr. Warum nennen wir noch ferner Maria „vollder Gnaden"?
Antw. Weil sie an Gnaden stets zugenommen undden Urheber der Gnaden selbst geboren Hab.
Belehrung. Maria ist die Guadenvolle nicht nurdeßhalb, weil sie schon vor ihrer Geburt mit Gnaden
erfüllt war, sondern auch deßhalb, weil sie 1) an Gna-den stets zugenommen, indem sie durch ihren heiligenWandel, durch ihre guten Werke u. s. f. die heiligmachendeGnade immer mehr vermehrte und so zur höchsten Stufe derHeiligkeit und Gerechtigkeit gelangte. Daher singt schon derPsalmist (Ps. 44, 3.): „Schön bist du vor allen Menschen-kindern; Anmuth ist ausgegofsen über deine Lippen, unddarum hat dich Gott beglückt in Ewigkeit." Und der hei-lige Petrus Chrysologus schreibt: „Andere Heilige er-hielten zwar Theilchen der Gnade, aber in das Herz Ma-riens goß sich deren ganze Fülle aus." — Maria ist die Gna-denvolle, 2) weil sie denUrheber der Gnaden geborenhat. Muß Jene nicht voll der Gnaden sein, die den Herrnder Gnaden selbst unter ihrem Herzen trug? „Die seligsteJungfrau," sagt der heilige Thomas von Aquin, „hateine solche Fülle der Gnaden erhalten, daß sie dem Urheberder Gnade am Nächsten kam; und eben darum hat sie Jenen,der voll der Gnaden ist, empfangen."
Beispiel und Anwendung. Schon im A. B. warObededom, der die Arche des Bundes, ein Vorbild derseligsten Jungfrau Maria, in seinem Hause beherbergte, anallen Gütern reichlich gesegnet. Um wieviel mehr muß alsonicht erst Maria, diese lebendige Arche Gottes, die denQuell aller Gnaden und Segnungen in sich trug, an allengeistigen Gütern, an Tugenden, Gnadengaben und Verdien-sten gesegnet sein, die allein ein unsterblicher Neichthum, einSchatz für die Ewigkeit sind! — Mt Recht nennt daherdie Kirche Maria „eine Mutter der göttlichenGnaden"; denn von ihr allein gelten im eigentlichen undvollen Sinne die Worte der heiligen Schrift: „Der mich er-schuf, ruhte in meiner Hütte" (Eccl. 24.). — FreudigenHerzens sollen wir daher die seligste Jungfrau Maria rechtoft begrüßen mit den Worten: „Du bist voll der Gnaden!"
Legende: Die heilige Katharina vonSiena,Jungfrau, (ch 1380.)
Wer kann es wohl zählen, wie oft diese Heilige,deren Fest auf den heutigen Tag fällt, Maria, diegöttliche Gnadenmutter, mit den Worten begrüßte: „Dubist voll der Gnaden!" — Die heilige Katharinaerblickte das Tageslicht zu Siena im Jahre 1347 undbildete sich von ihrer Jugend an in der Frömmigkeit zurschönsten Seele. Im Jahre 1362 legte sie das Kleiddes dritten Ordens des heiligen Dominikus an; sie wardamals in ihrem fünfzehnten Lebensjahre. Ihr größtesVergnügen war, sich in ihre einsame Zelle einzuschließenund feuerigen Gebeten obzuliegen. Ihre Abtödtungeukannten keine Gränzen mehr. Drei Jahre hindurchbeobachtete sie ein stetes Stillschweigen, welches sie nurdann unterbrach, wenn sie mit Gott oder ihrem Ge-wissensrathe redete. Einen guten Theil des Tages undder Nacht widmete sie der Hebung himmlischer Beschau-ung, woraus sie eine reiche Fülle übernatürlichen Lichtes,