212
Zweites Hauptstück. Bedeutung und Eintheilung des Gebetes.
seiner unendlichen Vollkommenheit, so müssen wir ihm 2) auchdanken für all' die Beweise seiner unaussprechlichen Liebe,für alle Gnaden und Wohlthaten, die er uns in so reichemMaße schenkt. Undank ist ein abscheuliches Laster, die Dank-barkeit aber das beste Mittel, neue Wohlthaten zu erlangen.„So freigebig ist Gott," sagt der heilige Chrysostomus,„ daß er uns um so mehr Wohlthaten erweiset, wenn er sieht,daß wir das Geschenkte gut und mit Dank annehmen." Evadankte Gott für die Geburt Kain's, und Gott gabihr dafür noch etwas Besseres, nämlich Abel, denGerechten. — Endlich reden wir im Gebete auchnoch deßhalb zu Gott, um ihn 3) um seineGnade zu bitten. Hiezu fordert uns Christusselbst auf, indem er sagt (Luk. 11, 9.): „Bittet,so wird euch gegeben werden; suchet, so werdet ihrfinden; klopfet an, so wird euch aufgethan!" Weralso nicht bittet, wird auch Nichts empfangen.
Beispiele und Anwendung. Die heiligeSchrift ist voll von Lob-, Dank- und Bittgebeten.
So lobt und preist der große König David Gottden Herrn unaufhörlich in seinen Psalmen. „DesHerrn Lob soll sprechen mein Mund," ruft er aus,
„und alles Fleisch soll Preisen seinen heiligen Namenewig, ja immer und ewig!" (Ps. 144, 21.) „Er-zählen will ich, Herr! alle Deine Wunder,mich freuen und frohlocken in Dir, lobsin-g c n Deinem Namen, Allerhöchster!" (Ps. 9,2—3.)
Die drei Jünglinge im Feuerofen zu Ba- ,bhlon lobten und priesen und dankten Gott undriefen: „Lobet und erhebet den Herrn über Allesin Ewigkeit; denn er befreite uns mitten aus derbrennenden Flamme!" (Daniel 3, 88.)— So auchdie seligste Jungfrau: „Hoch preiset meineSeele den Herrn, und mein Geist frohlocket in Gottmeinem Heilande; denn Großes hat an mir ge-than, der da mächtig ist." (Luk. 1, 48 — 49.)
Und der heilige Paulus fordert Alles auf zumLobe Gottes mit den Worten (Ephes. 5, 19.):
„Singet und jubelt dem Herrn in euern Herzen!"
— Und wie schön vereinigte nicht König Alphon svon Arragonien all diese Arten des Lob-, Dank-und Bittgebetes mit einander, indem er betete: „Ichpreise deinen heiligen Namen, o Herr! und danke dir imGefühle meiner Niedrigkeit, daß du mich nicht unter die Zahlder vcrnunftloscn Thiere gesetzt, sondern zu einem Menschen,ja noch mehr, zu einem Christen und überdieß zum Beherr-scher eines Königreiches gemacht hast, worin ich das Werkzeugdeiner Wohlthätigkcit sein kann. Ich bitte dich, verleihe mirdeine Gnade, damit ich die großen Pflichten meines Berufestreu erfülle!" — So sollen auch wir, mein christlicher Leser!den Herrn stets loben und Preisen, ihm danken für all seineGnaden und Wohlthaten und alle Tage ihn wieder um neue
bitten, da wir ja selbe bei unserer Schwachheit so überausnothwendig brauchen.
Legende: Der heilige Abt Eustasius, (fl 628.)
.Das Leben dieses Heiligen war ein beständiges Lob-,Dank- und Bittgebet; denn das Gebet war sein Lebenund seine Freude. Er stammte aus einer adeligen Fa-milie in Burgund und war ein Lehrjünger des heiligenColumban. Unter der Hand eines solchen Geleits-mannes gewann er bald den Geist des Gebetes, der Demuth,
der Entsagung und gänzlichen Abtödtung. Im Jahre 611sah er sich, als Nachfolger des heiligen Columban,an der Spitze von 600 Mönchen, die ihn alle als ihrenVater verehrten. Sein Eifer ließ sich nicht durch dieMauern seines Klosters beschränken; er predigte dasEvangelium den Bewohnern der Franche-Comts, unterdenen Viele in den Finsternissen des Un- und Irrglau-bens schmachteten. Im Jahre 617 kam er als Glaubens-prediger auch nach Bayern, und nachdem sich eine Mengevon frommen und heiligen Männern um ihn gesammelthatte, um unter seiner Leitung den Weg zum Himmel