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Erstes Hauptstück. Der Himmel und seine Freuden.
Belehrung. O mein lieber Leser! Das ist eine unnenn-bare Seligkeit im Himmel; denn siehe, die Gerechten werdendaselbst 1) Gott an schauen, d. h. sie werden ihn sehen,wie er ist, und werden mit ihm in inniger Liebe vereinigtsein. „Jetzt sehen wir," sagt der Apostel, „durch einen Spie-gel räthselhaft; alsdann aber von Angesicht zu Angesicht;"„denn wir werden ihn sehen, wie er ist." O wer kann unserklären, was das heißt: „Gott auschauen"! „Was siehtDer nicht," ruft der heilige Augustin aus, „der Alles inGott, dem ewigen Lichte, schaut! Wenn wir Gott sehen, sosehen wir auch die himmlische Freude, die freudige Ewigkeit,die ewige Seligkeit u. s. f." Sonach ist mit dieser Anschau-ung und Liebe Gottes auch zugleich verbunden 2) der Besitzalles Guten, ewige Freude und Herrlichkeit.„Da wird Gott abtrocknen alle Thränen von ihren Augen.Der Tod wird nicht mehr sein, noch Trauer, noch Klage,noch Schmerz." (Offenb. 21, 4.) „Sie werden trunken wer-den vom Ueberflusse deines Hauses, (o Gott!) und mit demStrome deiner Wonne wirst du sie tränken." (Ps. 35, 9.)„Was wird die Seele des Gerechten im süßen Paradiese be-sitzen?" fragt der heilige Bonaventura, und er antwor-tet: „Gesundheit ohne Krankheit, Jugend ohne Alter, Sättig-ung ohne Ueberdruß, Freiheit ohne Knechtschaft, Schönheitohne Entstellung, Unsterblichkeit ohne Leiden, Ueberfluß ohneMangel, Frieden ohne Störung, Sicherheit ohne Furcht, Wis-senschaft ohne Schranken, Lob und Ehre ohne Tadel, Freudeohne Traurigkeit." — Dazu kommt noch, 3) daß wir Al-les dieses genießen werden in der Gesellschaftaller Engel und Heiligen. „Dort sind die Myriadenvon Engeln," ruft der heil. Ephrem aus, „dort die Throneder Apostel, die Sitze der Propheten, die Scepter der Patri-archen, die Kronen der Märtyrer, die Schaaren der Erzprie-ster und Priester, der Könige und Fürsten, die Wohnungender Gerechten." In ihrer Gesellschaft werden wir überglück-lich sein; denn wenn wir schon auf Erden uns so selig fühlen imKreise frommer, edler Männer; um wieviel seliger werdenwir nicht sein in der Gesellschaft aller Engel und Heiligen!— Und noch Etwas, mein lieber Leser! All diese Genüssewerden ewig dauern; denn „die Gerechten werden ewigleben." (Weish. 5, 10.) Und gerade dadurch werden dieHimmelsfreuden erst wahre Freuden. Denn „cs ist unmög-lich, daß man wahrhaft glücklich sei," sagt der heilige Bern-hard, „wenn man nicht versichert ist von der Dauer desGlückes." Je größer das Gut ist, welches wir besitzen, destoschrecklicher ist der Gedanke, es verlieren zu müssen. DerGenuß aller zeitlichen Güter wird durch die traurige Gewiß-
heit verbittert, daß man sie einst und vielleicht bald verlierenwird. Im Himmel ist dieß nicht mehr zu befürchten. MitRecht können wir also sagen: „Der Himmel ist der Ort volllauter Freud, frei von jedem Leid, durch die ganze Ewigkeit."
Beispiel und Anwendung. An all diese Herrlichkeitund Seligkeit im Himmel erinnerte sich der heil. Fulgen-tius, als Italiens König Theodor ich in einem feierlichenTriumphe voll Pracht und fürstlicher Herrlichkeit, in Beglei-tung von tausend glänzenden Höflingen zum ersten Male in dieStadt Rom über den öffentlichen Platz Palma Aurea einzog.„Brüder!" rief Fulgentius bei diesem Anblicke freudigstaunend seinen Begleitern zn: „Wie wonnevoll muß uns dashimmlische Jerusalem einst glänzen, da schon die irdische Roma soschön ist! Und mit welcher Herrlichkeit wird Jesus Christusseine Bekenner und Heiligen im Himmel dereinst schmücken,wenn er hier auf Erden schon den Dienern schnöder Eitelkeitso großen Glanz bescheert!"
Fr. Können wir diese ewige Glückseligkeit begreifen?
Antw. Nein; „kein Auge hat es gesehen, kein Ohrgehört, und in keines Menschen Herz ist es gekommen,was Gott Denen bereitet hat, die ihn lieben." (I.Cor.2,9.)' '
Belehrung. Die Seligkeit des Himmels mit Wortenzu schildern, das ist keiner menschlichen Zunge möglich, dasist keinem Erdenpilger gegeben. „Diese Glorie," sagt derheilige Augustin, „diese Schönheit, diese Majestät, die un-sere Seligkeit sein wird, ist über alle Gedanken, Gefühle undWorte erhaben; was Gott seinen Freunden bereitet, übersteigtallen Glauben, übertrifft unsere Hoffnung und Liebe, unsereWünsche und unser Verlangen. Diese Seligkeit kann manwohl erwerben, aber nicht genug schätzen; sie kann verdient,aber nicht beschrieben werden." Und schon lange vor ihmschrieb der heilige Paulus (1. Cor. 2, 9.): „Kein Augehat es gesehen, kein Ohr gehört, und es ist in keines Men-schen Herz gekommen, was Gott Denen bereitet hat, die ihnlieben."
Beispiel und Anwendung. Hierokles erzählt voneinem blödsinnigen Manne, der auf den Straßen umhergingund, wie cs die öffentlichen Ausrufer zu thun Pflegen, so lautals möglich schrie: „Ein Haus ist zu verkaufen!" So oftaber die Leute ihn fragten, was für ein Haus er meine,und wie es aussehe, zeigte er ein unförmliches Bruchstück voneinem Ziegelstein vor, und sprach: „Hier ist ein Stück vondem Hause, das zu verkaufen ist; ihr könnt daraus entnehmen,wie das Ganze beschaffen." — Nicht unähnlich verhält essich mit unsrer Ansicht und Kenntniß von dem großen Hausedes Lichtes und der Herrlichkeit, das wir den Himmel derSeligen nennen. Es soll von uns erworben, errungen, ver-dient, erkauft werden; aber wir können es nicht erfassen, nichtschauen. All' unser Wissen ist überhaupt nur Stückwerk,was der Glaube von der jenseitigen Herrlichkeit uns lehrt;