L4V
Sinnen und ihrem Gewissen gepeinigt. Die Zukunft regt sich träume-risch in ihr, der böhmische Mägdekrieg, den ich in ihr so vorbereitet,spiegelt sie in dem Gesichte des brennenden Waldes um Djewin an,wo sie einst, im Streite gegen Primislaus von Stiason erschlagen,untergehen soll. Was sie in dieser Vision von dem rothen Hahneerwähnt, der mit ihr ringet, klärt sich im vierten Acte durch Stiason'sBekenntniß auf, daß er sie Nachts am Siegsstein unter gewissenUmständen gefunden habe. Ich lasse sie ihre träumerische Berührungmit diesem ihrem künftigen Besicger, unter der Gestalt des rothenHahns erwähnen, weil das Feueranlegen in der Mordbrenncrspracheeinen rothen Hahn aufstecken heißt; weil Stiason in jener Nacht rotheHahnenfedern auf der Mütze trug, indem ein rother Hahn den Gespen-stern, Zaubcrgcistern und allen Sataniskcn antipathetisch sein soll.Ihre ganze Vision habe ich wieder durch die Erklärung, daß sie inVerblutung erwacht, so viel einer Krankhcitscrschcinung näher gerückt,als es mir für die Wahrscheinlichkeit nöthig schien; denn alle Wunderhaben in uns einen Leib. — Uebrigcns habe ich vor mehreren Jahreneine ähnliche Verblutnngs-Vision von einer transcendenten Jungfrauselbst mit angehört, die während ihrer Erzählung mit einem Beine nochjenseits, mit dem andern, weil ich sie daran festhielt, schon wiederdiesseits stand. Voll Gesundheit, begehrend, znr Spccnlaticn geneigt,mit übertriebenem Selbstbildnngsdrange, züchtig, religiös und sinnlich,in niederem Stande geboren, siel sie in die Schule eines schönen jungenStudenten, der sie, während ihm die Natur eine Nase drehte, Platonischliebte und in der Transcendental-Philosophie unterrichtete. Sie brachtees wirklich so weit, daß sie einen tapferen Candidaten, der sie zurFrau Pfarrerin machen wollte, als zu empirisch durch den Korb fallenließ, und daß ich sie einst beim Sauerkrautschneiden mit wunderbarenGrimassen erblickte, bemühet, wie sie sagte, auf Befehl ihres philosophi-schen Anbeters, den reinen Willensact in sich zu construiren. Sie hatteznr Ader gelassen, und sich Nachts, mit ihrer Seele zu experimentiren,und die Bewußtlosigkeit ihres Organismus zu verlieren, im Schlafe dieBinde von der Ader gelöst. Sie erzählte mir von der Stärke ihresobjectiven Bewußtseins mit eigner Begeisterung, daß sie den heftigenWunsch gehabt, als sie beinahe schon ganz das Gefühl ihrer Individua-lität verloren, eine über ihrem Bett, auf einer sogenannten Babelatscheliegende halbe Citrone im Munde zu haben, und daß man sie am Morgenwirklich mit der Citrone im Munde (wie einen wilden Schweinskopf)niit dem -Hals in die Stubcnthüre geklemmt, den linken Fuß in einen