44
Frankreich seit dem Jahre 1829
bewilligt, um die ruhmlose Blockade von Algier fortzusetzen und ein Heer von14.000 Mann in Morea zu unterhalten! — Zuletzt triumphirten in allen Zwei-gen. der Staatsverwaltung die Congregation und der Aristokratismus, selbst überdie Minister. Des Seeministers Hyde de Neuville Ordonnanzen, wodurch er,nach Englands Vorgang, in den Colonien die Gleichheit der farbigen Freien mitden. Weißen vor dem Gesetze herzustellen suchte, wurden von den Colonialbeamtennicht befolgt; es kam darüber auf Guadeloupe und Martinique zu aufrührerischenBewegungen, bis das alte Recht der Ungleichheit obsiegte.
Endlich beschloß Karl X. als König die Monarchie und die Religion zu retten, in-dem er seinen Liebling, den bisherigen Botschafter in London, den Fürsten Polig-n a c (s.d.), in das Ministerium berief. Dieser Hofmann, der anfangs sogar die Chartezu beschwören sich geweigert, spater jedoch, um populair zu werden, in der Pairskam-me:r seine constitutionnellen Gesinnungen betheuert hatte, war dem Volke verhaßt.Da nun auch Roy und Martignac in diesem Ministerium zu bleiben sich weigerten,so wurde am 8. Aug. 1829 durch sieben Ordonnanzen ein durchaus ultraroyalistischesMinisterium ernannt. Polignac — Wellingtons Schüler und Freund — erhieltdie Leitung des Auswärtigen statt des Grafen Portalis; Courvoisier an Bour-decm's Stelle das große Siegel; Labourdonnaye, statt des Vicomte Martignac,das Innere; Montbel, statt des Bischofs Feutrier de Beauvais und des Herrnvon Vatismenil, die Leitung des Cultus und des öffentlichen Unterrichts; Chabrolvon Crousol, statt des Grafen Roy, die der Finanzen; der vom Heer als Über-läufer bei Waterloo verachtete Generallieutenant Bourmont (s.d.), statt desVicomte Decaur, die Leitung des Kriegswesens, und der Sieger bei Navarino,Wceadmiral Rigny, sollte an Hyde de Neuvilles Stelle Marineminister werden.Als aber dieser wackere Ossizier die Stelle ablehnte, erhielt sie ein des Seewesensganz unkundiger Mann, der Staatsrath d'Haussez. *) Jetzt nahm auch der red-liche Debelleyme seine Entlassung als Polizeipräfect von Paris, und der furchtbareMangln trat an seine Stelle. Nie hatte ein Ministerium der neuern Zeit so wenigd ie Zustimmung der Nation als das Polignac'sche. Talleyrand nannte es daherlu imniZtere linpossible. Man warf ihm vor, daß es unter englischem Einflußstehe, und erwartete so gewiß von demselben den Umsturz der Verfassung, daß inden fünf Departements der ehemaligen Bretagne, hierauf in Paris und in andernDepartements Steuerverweigerungsvereine entstanden, deren Mitglieder sich ver-pflichteten, nicht nur jede Entrichtung von Abgaben, die nicht in Gemäßheit derCharte gefodect würden, zu verweigern, sondern auch sich gegenseitig für die Kostenzu entschädigen, welche für ein Mitglied aus jener Steuerverweigerung entstehenkönnten. So war gleichsam der Krieg gegen die Regierung schon erklärt, noch ehediese den Angriff begonnen hatte. Der heftige Labourdonnaye erklärte sich daherim Cabinet für die Ergreifung von Gewaltmaßregeln, vor denen aber selbst Po-lignac, Courvoisier und Chabrol erschraken. Als man hierauf durch eine Präsident-schaft dem Ministerrath Einheit und Haltung zu geben beschloß, so nahm der stolzeLabourdonnaye — der Mann de-r Kategorien von 1815 —, nachdem er sich ver-gebens diesem Beschlüsse widersetzt hatte, seine Entlassung. Jetzt wurde Guernonde Ranville, ein Anhänger der Congregation, an Montbel's Stelle Minister dergeistlichen Angelegenheiten, und Montbel erhielt die Leitung des Innern. Polignactrat durch die Ordonnanz vom 18. Nov. als Präsident an die Spitze des Ministe-riums, und die von ihm abhängigen Journale erklärten sofort: die Rettung desThrons sei sein System, und er werde ihn retten, auch wenn er die Majorität nichthabe; der König selbst sei die Majorität! Dies war für alle Constitutionnelleein Aufruf zu den Waffen der öffentlichen Meinung!
*) Frankreich hatte jetzt seit 1814 62' Wechsel der Portefeuilles und 60 Ministerim Cabinete erlebt.
BP
Ml ^
^ll H>>