Bau
überhaupt, und bey jedem Theiledesselben müssen beobachtet werden,wenn man nicht anstößige und bclci.digcnde Fehler begehen will. DieseRegeln wollen wir die nochmendi-ge» Regeln nennen. Andre abersind von der Beschaffenheit, daßihre ganzliche Verabsäumung zwarkeinen Fehler veranlassen, aber ei-nen ganzlichen Mangel der Schön-heit hervorbringen würde. Diesenennen Wir zufällige Regeln. DieTheorie der Baukunst muß demnachzuerst diejenigen Regeln angeben,wodurch ein Gebäude sowol im Gan-zen, als in seinen Theilcn richtig,ordentlich, natürlich und ohne Feh-ler wird. Diese sind größtcnthcilsin den folgenden Artikeln begriffen:Rickrigkeic, Regelmäfiigkcil. Zu-sammenhang, Vrdnung, Gleich-förmigkeit, Enrychmic. Denn dieEigenschaften, welche durch dieseWörter bezeichnet werden, sind allejedem Gebäude so wesentlich, daßman niemals dagegen anstoßen kann,ohne ein aufmerksames Auge zu be-leidigen.
Wenn aber alles Anstößige in ei-nem Gebäude vermieden worden, soist es deßhalb noch nicht schön. Denndazu gehört nicht nur, daß das Au-ge nicht beleidiget werde, sonderndaß das Gebäude angenehm in dieAugen falle. Dieses crfodert zuersteine genaue Verbindung des Man-nichfaltigen in Eines *), welchesdurch die Verschiedenheit der Theile,und durch mannichfaltige und guteVerhältnisse derselben hervorgebrachtwird. Die Theorie der Baukunstmuß demnach zeigen, wie das Ganzedes Gebäudes durch mancherley ver-schiedene Theile, die wol überein-stimmen und schöne Verhältnisse ge-gen einander haben, zusammen ge-setzt werde.
Diejenigen, welche über die Bau-kunst geschrieben haben, sind nicht
S. Schön.
Erster Theil.
Bau Z2i
genau genug gewesen, den Unter-schied dieser beiderlei) Arten der Re-geln zu bemerken, und haben daherder Baukunst zu enge Schranken ge-setzt.
Die meisten Baumeister sprechenvon den Verhältnissen der Theile inden Säulenordnungen, und von denVerzierungen derselben auf eine sol-che Art, die manchen vermmhenlaßt, daß alle Regeln darüber schlech-terdings nothwcndig und bestimmtseyn. Sie halten die Abweichungenvon diesen Regeln für wesentlicheFehler, da sie doch oft ganz un-schädlich, oder wol gar nützlich sind.Es wäre nach der Meynung vielerBaumeister ein schweres Vergehen,wenn man die Zierrathen, welchenach der griechischen Baukunst demdorischen Fries zukommen, demcorinthischen oder jouischen gebenwollte. Viele gehen so weit, daß sieauch in den geringsten Kleinigkeitennichts verändert wissen wollen. Vi-truvius befiehlt z.E. man soll indemdorischen Fries die Breite der T>rep-sclstitze zwcy Drittel der Höhe, unddie Meropen gerade so breit alshoch machen. Brächte ein Baumei-ster alle mögliche Schönheit in einGebäude, veränderte aber diese vi-truvische Verhältnisse, so würde man-cher ihn eines unverzeihlichen Fehlersbeschuldigen.
Dies ist ein Vorurtheil, das denGeschmak zu sehr einschränkt. Nurdie Regel ist gänzlich bestimmt undunveränderlich, deren Verabsäumungeinen Fehler hervorbringt, der dernatürlichen, allgemeinen Art allerMenschen zu denken und zu empfin-den zuwider ist, und der das Augenothwcndig beleidiget. Auf dieseRegeln muß man schlechterdingshalten, denn sie sind unverletzlich.Da htngegcn in der Natur keinGrund vorhanden ist, warum in ei-nem Fries Drcpschlitze, in einem an-dern aber andre Zierrathen seynsol-
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