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Umsonst steht ein Auge, das voneiner unempfindlichen Seele regiertwird, die reizendste Schönheit; esciitdckct nichts darum. Die Naturallein bildet den großen Künstler;aber Ucbung und Fleiß machen ihnvollkommen.
Die ersten Schritte zu dieser Voll-kommenheit thut die Beobachtung,ohne welche alles, was in unsrerSeele eingewikclt liegt, auf immerohne Würkung bleiben würde. DasGute, dessen Keim in uns liegt,fangt an sich zu cntwikeln, sobaldwir es an andern entwikelt sehen.Die Beobachtung der Tugend ist derfruchtbare Sonnenschein, der denSaamen unsrer eignen Tugend auf-keimen macht. Der Künstler mußsich bemühen, die menschliche Naturüberall, wo sie sich am besten entwi-kelt hat, zu beobachten. Man darfsich nicht wundern, warum die grie-chischen Künstler so groß im Aus-druk gewesen sind, da es offenbar ist,daß bei) keinem Volk alle natürlichenAnlagen der Seele sich so frcy und sovöllig, als bcy diesem, entwikelt ha-ben. Wenn unter den Grönländernein größerer Phidias oder Raphaelgebohren würde, so würde er gewißkeine einzige feine Empfindung aus-zubrüten lernen. Eine genaue Be-kanntschaft mit Menschen, bey de-nen jede große Anlage ausgebildetist, macht den ersten Schritt zu derVollkommenheit aus, von der hierdie Rede ist. Was der Künstler nichtim Leben sehen kann, muß er ausder Geschichte erfahren, und durchdie Gemahlde der Dichter. Dadurchmuß sein Geist gebildet und seinePhantasie erhitzt werden. So wardPhidias nach seinem eignen Gc-scandniß durch den Homer tüchtiggemacht, seinen Jupiter zu bilden.Der allein, welcher seine Seele durchdieseMittcl zur Empfindung gebildethat, kann sich schmeicheln, zu eini-ger Vollkommenheit des Auödruks
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zu gelangen. Indem er selbst vollEmpfindung ist, wird seine Phan-tasie ihm die Bilder, an denen das,was er fühlt, sichtbar ist, vors Ge-sichte stellen. Alsdcnn darf er nurnachzeichnen. Durch Suchen, durchUcberlcgcn und durch Abmessen fin-det man den Ausdruk nicht; nur dievom Herzen erwärmte Einbildungs-kraft sieht ihn.
Hiczu muß noch ein erhöhter Ge-schmak kommen, der unter vielgleich bedeutenden Dingen dasjenigewählt, was den Personen und Um-ständen gemäß ist. Ein König zürntanders, als ein gemeiner Mensch;und der Schmerz eines männlichenstarken Gemüths äußert sich ganzanders, als wenn er eine schwacheweibliche Seele durchdringt. Nichtnur das muß der Künstler fühlen,sondern auch noch das, was demAusdruk etwas anstößiges oder wi-driges geben würde. Denn so wieder Tonsetzer auch in den Dissonan-zen aus Ordnung und Regelmäßig,keit sehen muß, so ist in dem Aus-druk desZcichners alles zufällige wi-drige zu vermeiden. Ein Gesichtemuß, um einen widrigen Affekt aus-zudrüken, nicht häßlich werden.Das Schöne der Formen ist in zeich-nenden Künsten, so wie die richtigeHarmonie in der Musik, von jedemAusdruk unzertrennlich. Das schön-ste Gesicht kann sich eben so gutnachallen Leidenschaften verändern, alsein weniger schönes; darum mußdieses jenem niemals vorgezogenwerden.
Der fcineste Gcschmak wird dazucrfodert, daß man in dem Ausdrukdas Wesentliche von dem Zufälligenunterscheide. Ein Mensch von we-nig Empfindung merkt die Leiden-schaften der Freude, des Zornes oderdes Schmcrzens nicht eher, bis sel-bige sich durch Geschrei) oder Schim-pfen äußern, da Personen von fei-ncrm Gcschmak, ohne diese zufälligenR 5 Acuße-