Druckschrift 
3 (1793) [K - Q]
Entstehung
Seite
741
Einzelbild herunterladen
 

Pro

geschrieben sind, unter die Dichterzu zahlen. Freylich fehlet es demschönsten prosaischen Gedichte nochan einer Vollkommenheit; und manempfindet den Mangel des Versesdesto lcbliaftcr, je schöner man dasübrige findet.

Aber zwei) Dinge sind, davor sichjeder in den redenden Künsten sorg-fältig in Acht zu nehmen hat: vordem prosaischen Ton in dem Gedicht,und vor dem poetischen in der ge-meinen Rede. Jenes ist dem Cha-rakter des Gedichtes so sehr entge-gen , daß auch im prosaischen Ge-dichte selbst der prosaische Ton ganzwidrig wäre: dieses widersprichtdem Charakter der gemeinen Redeeben so, wie wenn man bey der all-taglichen, blos nach der Nothdurfteingerichteten Kleidung irgend ei-'ncn Thcil derselben nach, festlichemEchmuk einrichten wollte. Wie esabgeschmakte Pedanterie ist, wennman in den Reden über Geschafftedes taglichen Lebens, oder des ge-meinen Umganges, ohne Noth ,Aus-drüke, Redensarten und einen Tonannimmt, die dem wissenschaftlichengelehrten Vortrag eigen sind: so istes auch eine ins Lacherliche fallendeZiererei), wenn man in dxr gemei-nen Sprache der Unterredung poe-tische Blumen, oder etwas von demfeyerlichen Ton der Redner oder Ro-manenschreibcr einmischt: ein Feh-ler, in den junge, für die Spracheder Romane zu sehr eingenommenePersonendes schönenGeschlechts nichtselten fallen. Dieses ist aber geradeder Fall junger Schriftsteller, die ih-ren prosaischen Vortrag hier und damit poetischenSchönhciten ausschmü-ken. Höchst anstößig ist dieses vor-nehmlich in dem Dialog der dramati-schen Werke, der dadurch seine ganzeNatur verlieret.

Ich halte es für wichtig genug,bey dieser Gelegenheit unsre Kunst-richter auf diese Fehler, die nichtfel«

Pro 74l

ten begangen werden, besonders auf.merksam zu machen, damit sie sichihrem Einreißen mit Fleiß entgegen»setzen Es ist für die Dichtkunstsehr wichtig, daß sie eine ihr al-lein zukommende Sprache behalte:Denn gar oft hat sie kein anderesMittel, sich über die gemeine Prosazu erheben, und die Aufmerksam-keit der Leser in der gehörigen Span-nung zu erhalten, als eben den ihreigenen Ton im Vortrage; und oftblos den Gebrauch gewisser Worte,die eben deswegen, weil sie in dergemeinen Sprache unerhört sind,einen poetischen Charakter haben.Sollten diese Mittel auch in demsonst unpoetischen Vortrag gewöhn,lieh werden, so würde der Dichtersich bey manchen Gelegenheiten garnicht mehr über den gemeinen Vor»trag erheben k'nnen.

Es ist freylich nicht möglich, dieGranzcn, wo sich das Prosaischedes Vortrages von dem Poetischenscheidet, durchaus mit Genauigkeitzu zeichnen. Wer aber ein etwasgeübtes Gefühl hat, der empfindetes bald, wenn sie von der einenoder der andern Seite überschrittenwerden. Wenn also die Kunstrich-tcr dergleichen Ausschweifungen überdiö Granzen gehörig rügen, so ge-wöhnen sich die Schriftsteller, diesich derselben schuldig gemacht ha-ben , zum sorgfältiger» Nachdenken»wodurch ihr Gefühl hinlänglich ge-schärft wird, um solche Fehler künf-tig zu vermeiden.

Verschiedene Kunstrichter habenangemerkt, daß es schwerer scy, ineiner durchgehends reinen und denCharakter ihrer Art überall behaup.tenden Prosa, als in einer durchausguten poetischen Sprache zu schrci-Aaa ? ben.

*) Man sehe einige gute Erinnerungenhierüber in derNeuen Bibliothekder schönen Wissenschaften ," im et-stcn Stük de» roten Bandet auf ds»loZten Seite.