Druckschrift 
3 (1793) [K - Q]
Entstehung
Seite
719
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mit der größten Zuversicht, einMensch sey traurig, fröhlich, nach-denkend, unruhig, furchtsam u. f. f.auf das bloße Zcugniß seines Ge-sichts, und würden uns sehr darüberverwundern, wenn jemand uns dar-in widersprechen wollte.

Nichts ist also gewisser, als die-ses, daß wir aus der Gestalt derMenschen, vorzüglich aus ihrer Ge-sichtsbildung etwas von dem erken-nen, was in ihrer Seele vorgeht;wir sehen die Seele in dem Körper.Aus diesem Grunde können wir sa-gen, der Körper sey das Bild derSeele, oder die Seele selbst, sicht-bar gemacht.

Da nun kein einziger Gegenstandunsrcr Kenntnis wichtiger für unsseyn kann, als denkende und füh-lende Seelen: so kann man auchdaran nicht zweifeln, daß der Menschnach seiner Gestalt betrachtet, wennwir auch daö Wunderbare darin,dessen wir oben gedacht haben, b.ey-seite setzen, der wichtigste aller sicht-baren Gegenstände sey.

Ich habe für nöthig erachtet, die-se Betrachtungen dem, was ich überdas Portrait zu sagen habe, voran-gehen zu lassen, weil das, was ichzu sagen habe, sich größccntheilsdarauf gründet.

Woher mag es doch kommen,daß man an einigen Orten einenschlechten Portraitmahler im Spaßeinen Gcelenmablcr nennt, da dergute Künstler dieser Gattung ein ei-gentlicher wahrer Seclenmahler ist?

Es folget aus obigeu Anmerkun-gen, daß jedes vollkommene Por-trait ein wichtiges Gemahlde sei),weil es uns eine menschliche Seelevon eigenem persönlichen Charakterzu erkennen giebt. Wir sehen indemselben ein Wesen, in welchemVerstand, Neigungen, Gesinnun-gen, Leidenschaften, gute und schlim-me Eigenschaften des Geistes unddes Herzens auf eine ihm eigene und

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besondere Art gemischt sind. Diesessehen wir sogar im Portrait meiste»thcils besser, als in derNatur selbst;weil hier nichts beständig, sondernschnell vorübergehend und abwech-selnd ist: zu geschwcigcn, daß wirselten in der Natur die Gesichter indem vorthcilhaften Lichte sehen, inwelches der. geschikte Mahler es ge-stellt hat.

Hieraus läßt sich also leicht dieWürde und der Nang, der demPortrait unter den Werken derMah-lerey, gebühret, bestimmen. Essteht unmittelbar neben der Historie.Diese selbst bekommt einen Theilihres Werths von dein Portrait.Denn der Ausdruk, der wichtigsteTheil des historischen GemähldeS,wird um so viel natürlicher undkräftiger seyn, je mehr würklicheraus der Natur genommener Phy-sionomie in den Gesichtern ist. EineSammlung sehr guter Portrait« istfür den Historipnmahler eine wich-tige Sache zum Studiuni des Aus-druks.

Der Portraitmahler intcreßirt unsdurch seine Arbeit vielfältig; weiler uns mit Charakteren der Men-scheu bekannt macht. Ist er selbstein Kmner der Menschen, und die-ses ist gewiß jeder gute Portraitmah-ler, und hat der, welcher das Por-trait betrachtet, Gefühl genug, dieSeele in der Materie zu sehen, soist jedes gute Portrait, selbst vonunbekannten Personen, ein merk-würdiger Gegenstand für ihn. Erwird, so wie durch die Tragödie, Co-inödie und das Heldengedicht, baldHochachtung, bald Zuneigung, baldVerachtung, Abneigung und jedeEmpfindung, wodurch Menschenmit andern verbunden, oder vonihnen getrennt werden, dabey füh-len. Noch inehr wird es ihn interes-siren, wenn die Urbilder ihm per-sönlich, oocr aus andrer Erzählun-gen bekannt sind.