6z6 Oß »
Mannichfaltigkeit der Farben, alsdie Homerische; aber die Zeichnungist dort kühner, Licht und Schatten,bey sehr guter Haliung, abstechender.Die ganze Epopöe des Barden bestehtaus wenig und, gegen die Homerischeverglichen, sehr einfachen Gruppen;und so mußte sie seyn, um durch blosmündliches Ueberliefcrn aufdie Nach-welr zu kommen.
Auch darin zeichnet der Caledoniersich von dem jonischen Sänger sehrmerklich aus, daß er sehr oft lyrischeAnfalle bekommt, denen er sich über-laßt, weil er wegen des geringenReichthums im Stoffe selbst weni-ger nöthig hatte, sich an die Erzäh-lung zu halten. Oft kommt manauf Stellen von ziemlicher Länge,die nicht sowol epische Beschrcibnn-gen oder Erzählungen dessen sind,was der Barde gesehen, als lyrische,Oden - oder ElcgienmaßigeAeußerun-gen dessen, was er dabey empfun-den hat. Nicht selten tritt er ausseiner Erzählung heraus, um mitsich selbst zu sprechen. Aber ebendieses giebt dem Gedicht große Leb-haftigkeit.
Em sehr beträchtlicher Unterschiedin der Anlage zwischen der Homeri-schen und Oßianischen Epopöe befin-det sich darin, daß in dieser das In-teresse der ganzen Handlung weder sogroß ist, noch uns so beständig vorAugen schwebt, als in jener. Hierist es nicht um weit aussehende Un-ternehmungen , nicht um Eroberunggroßer Länder, oder Zcrstöhrung gros-ser Städte und ganzer Staaten zuthun, dergleichen Interesse konnte beyso kleinen Völlern nicht statt haben;sondern darum, daß ein plötzlich ein-fallender Feind durch eine einzigeSchlacht zurükgctricbcn werde. Manwird also dabey weniger, als bcymHomer angestrengt, sich die Lage derSachen in Absicht auf das! Ganzevorzustellen, mancherlei) Anschlägendurch ihre Ausführung zu folgen,
s ß i
und die Politik der Helden zu beobach.ten; der Verstand hat wenig dabeyzu thun, aber das Herz wird mehrbeschässtiget. Darum endiget sichdie Handlung auch mit keiner wichti-gen Catastrophe; der Feind ist über-wunden, und nun sind Handlungund Gedicht zu Ende.
Der Nationalunterschied zeiget sicheben so stark in den Charakteren.Man findet bey Oßiaus Helden kei-ne Spur von dem hitzigen und imZorn brutalen griechischen Tempera-ment. Hier sind gesetzte, kalte, aberdarum doch unüberwindliche, undohneHitze überall durchdringende Hel-den, und, was man bey den Grie-chen nicht findet, bis zum Erhabenenedle und menschlich gesinnte Charak-tere. Der Grieche ist fast allezeit aufseinen Feind erbittert, und im Streitgiebt diese Erbitterung ihm Kräfte;die Caledonischcn Helden sind fastdurchgehends gelassen und streiten,ohne alle Erbitterung, um den Vor-zug der Stärke und der Tapferkeit.Man wird schwerlich, weder in Ge-dichten noch in der Geschichte, einenedlern Heldencharakter antreffen, alsdes Fingals. Ich kann der Begier-de, die reizenden Züge desselben hieranzuführen, nicht widerstehen. Auchfür die, denen Oßian wohl bekannt ist,wird es Wollust seyn, die Züge die-ses großen Charakters hier wieder zufinden.
Ich sagte, Fingal jey der bessereAchilles. Denn er führte überall,wo er hinkam, den Sieg mit sich,und wenn schon alles verloren war,wurde durch ihn alles wieder gutge-macht ; jeder der stärksten und kühne-sten ward von ihm überwunden, undnie vermochte ein Feind ihm zu wi-derstehen: dabey war er der besteMensch. Wie groß sein Kriegcs-ruhm gewesen sey, und was fürSchrcken seine Gegenwart dem Feindeingepraget habe, kann man aus fol-gender Stelle abnehmen, die zugleich
von