Druckschrift 
3 (1793) [K - Q]
Entstehung
Seite
634
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sung der Heldengedichte des Oßianswie in einem ganz fremden Landebefinden. Es verdienet etwas um-ständlich erwogen zu werden, worinHomers Art von der Oßianischcnabgeht.

Die Griechen, womit Homer unsbekanntmacht, waren ein Volk, daszu großen und weitlauftigcn Unter-nehmungen aufgelegt, standhaft, li-stig und verschlagen war; aber siewaren dabey mehr ruhmräthig undprahlerisch, als ehrbcgicrig. Siehatten weit mehr Geist und Phan-tasie , als Empfindsamkeit von zärt-licher Art. In ihren Leidenschaftenwaren sie heftig, brutal, und giengenhitzig und gerade zumZwek. Sie be-saßen schon die meisten Künste derneuern Zeiten; hatten große Städte,besaßen Reichthümer, die sie habsüch-tig machten. Sie waren große Lieb-haber feyerlicher Versammlungen,prachtiger Spiele, Aufzüge und Lei-besübungen; dabei) große Rednerund schone Schwätzer; in der Reli-gion höchst abergläubisch und fcyer-l>ch; in öffentlichen Geschäfften cere-lnonienrcich und umständlich. Diesanfteren häuslichen Vergnügungenkannten sie fast gar nicht; das schö-ne Geschlecht spielte bey ihnen eineschlechte Rolle. Befriedigung sinn-licher Triebe und Bestellung desHauswesens waren hauptsächlich dieDinge, wozu dies Geschlecht ihnenbestimmt schien.

Hält man ein solches Volk gegendas, so unter dem Oßian gelebt hat:so wird man leicht begreifen,- daßauch in den Gesängen von den Tha-ten und Unternehmungen dieser bey-den Völker ein himmelweiter Unter-schied scyn müsse. Homer besingtgroße, weitläuftige Unternehmungen;Oßian sehr kurze und wenig verwi«kelte Kricgeszüge, und Unternehmun-gen von wenig Tagen, wobei) keinegroße Verwiklung und Mannichfal-tigkeit der Begebenheit statt hatte.

Wir sehen da weder Belagerungennoch Zerstöhrungen, noch weitläufti-ge Plane der Unternehmungen. Nachdem Aberglauben feiner Feit mischtHomer unaufhörlich die Götter indas Spiel der menschlichen Unterneh.nmngcn; bey Oßian ist alles blockmenschlich. Träume und Erschei-nungen verstorbener Helden, die sichaber nicht in die Handlung einmi-schen, vertreten bei) ihm die Stelledes Übernatürlichen. FeyerlicheOpfer, Spiele nnd Feste, weitläuf-tige und förmlich studirtc Reden,sehr umständliche Beschreibungen je-der Feyerlichkeit und bald jedes er-heblichen Gegenstandes, ceremonien-reiche Anreden und Botschaften;alles dieses findet sich beym Homereben so natürlich, als es vom Oßianübergangen wird. Selten stellt unSdieser andre Gegenstände vor dasGesicht als die Personen selb st undihre Thaten; die Semen, wo er sieaufführt, sind ein Thal mit einemdnrchströhniendeil Fluß; eine Sce-küste mir Felsen umgeben; ein Hügelmit Eichen bewachsen; eine natür-liche Grotte; eine Halle odcp einSaal, wo die Fremden bewirthetwerden; wo die Waffen der Kriegerund die Harfen der Barden aufge-hängt sind. Jeder dieser Gegen-stände wird in den wenigsten Wor-ten, aber durch meisterhafte undwählerische Zeichnung, uns ganznahe vors Auge gebracht; so daß wirselbst uns weit länger dabey verwei-len, als der Dichter, amd weit mehrsehen, als er sagt. Eben diese Spar-samkeit der Worte beobachtet derDichterauch, wenn er seine Perso-nen sprechen laßt. Alle HomerischePersonen, bis auf ein Paar, sindRedner, oder gar Schwätzer; dieOßianischen eilen so viel möglichüber das Reden weg zum Handeln;kein Bcurtheilcn, kein Beweisen/keinumständliches Erzählen, sondernkurze Eröffnung dessen, was man

denkt