Druckschrift 
3 (1793) [K - Q]
Entstehung
Seite
611
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O ra

kann ans der Art, wie sich die sin-genden Personen darüber auslassen,ohne eigentliche Erzählung hinläng-lich erkannt werden.

Wenn gleich das Oratorium eineBegebenheit zum Grunde hat, z. B.die Kreuzigung, oder die Auferste-hung, so macht dieses darum denerzählenden Vortrag nicht noth-wendig; die Begebenheit kann invollem Affekt lyrisch geschildert wer-den. So fängt Ramlers Orato-rium vom Tode Jesu, mit dieserhöchst rührenden lyrischen Schilde-rung an *).

Ihr Palmen in Gethsemane,

Wen hört ihr so verlassen trauern?Wer ist der ängstlich sterbende? - -«Ist das mein Jesus? u. s. f.

Dieses ist lyrisch erzählt, oder ge-schildert, und ist die einzige für dasOratorium schikliche Weise,, ob siegleich wenig beobachtet wird.

Dialogische Reden haben da garnicht statt, weil sie für die Musik sichgar nicht schiken, die weder Begriffenoch Gedanken, sondern blos Em-pfindungen schildert. Es ist höchstabgeschmakt, solche Reden, wie mannoch bisweilen im Oratorium hört:Da sprach die Magd )u Petrus,«uch du bist einer ron ihnen>Petrus antwortete > Nein ichkenne ihn nicht;" in musikalischenTönen vorzutragen.

Also muß der Dichter im Orato-rium den epischen und den gewöhnli-chen dramatischen Vortrag ganzlichvermeiden, und wo er etwas erzählen,oder einen Gegenstand schildern will,es im lyrischen Ton thun. Von derlyrischen Schilderung Hachen wir eineProbe zum Beyspicl gegeben; hier isteine von der lyrischen Erzählung, ausdem angeführten Stük:

Wehe! Wehe!

Nicht Ketten, Bande nicht, ich seheGespitzte Keile! Jesus reicht die

Hände dar,

*) Nach der neuesten Ausgabe.

O ra 6l!

Die theurcn Hände, deren ArbeitWohlthun war.

Auf jeden wiederholten Schlag durch«schneidet

Die Spitze Nerv', und Ader, und Ge«dein. u. s f.Bcy dem durchaus herrschenden ly-rischen Ton, hat dennoch mannich-faltige Abwechslung statt. Das Re-citativ, das Arioso, die Arie, Chöre,Duette und alle gewöhnliche Formender zum Singen abgepaßten Texte,können verschiedentlich abgewechseltauf einander folgen.

Eine sehr wesentliche Sache hiebeyist dieses, daß der Dichter mehrereCharaktere einführe. VollkommenGottesfürchtige, denn noch etwasschwache, auch wol gar verzagteSünder; Menschen von feurigerAndacht, und denn zärtliche sanftempfindende; denn dadurch bekommtder Tonsetzcr Gelegenheit, das Ge-müth zu rühren.

Aber die wichtigste Lehre, die mandem Dichter für diese Gattung gebenkann, ist diese, daß in den Empfin-dungen selbst nichts vorkomme, dasnicht unmittelbar aus der Hoheit desHanptgegenstandes entstehe, oder sichdarauf beziehe. Der Dichter mußkeinen Augenblik vergessen, daß diePersonen, die er reden läßt, zu ei-ner sehr feyerlichen Gelegenheit ver-sammelt sind, wo alles groß seynmuß. MäN muß von deir hohen Ge-genständen, die man vor sich hat,keine besondere Anwendung aufsKleine, auf das, was wenigen Men-schen persönlich ist, machen, viclwe«niger sich in allgemeine moralischeBetrachtungen einlassen. So ist dieerste Arie in dem erwähnten Ramle-rischen Oratorium:

Held, auf den der Tod den Köcher aus-geleert,

Hör'am Grabe den, der schwächer Trostbegehrt!

ob sie gleich bey einer andern Ge-legenheit schön und wichtig seyn

Oq 2 möchte,