Druckschrift 
3 (1793) [K - Q]
Entstehung
Seite
576
Einzelbild herunterladen
 

s?6 Ope

Arien daraus machen, die dem Zuhv-rcr unerträgliche Langeweile machen,oder, welches noch arger ist, ihn mit-ten in einer ernsthaften Handlung,da er das Betragen, die Anschlägeund Gedanken der darin verwikeltenPersonen beobachten mochte, an ei-nen Ball erinnern. Denn diese aufNichtsbedeutends Texte gesetzte Ge-sänge sind insgemein in dem Ton undZeirmaaß einer Menuet, Polonaise,oder eines andern Tanzes.

Zu allen diesen Ungereimtheitenkommt noch die einschläfernde Ein-förmigkeit dcrFvrm aller Arien. Erstein Ritorncll; denn fängt der Sän-ger an ein Stük der Arie vorzutra-gen i hält ein, damitdieInstrumenteihr Geräusch machen können; dennfängt er aufs neue an; sagt uns das-selbe in einem andern Tone noch ein-mal; dann läßt er seine Künste inPassagen, Läufen und Sprüngen se-hen , und so weiter. Es würde für«ine Beleidigung der hohen Oper ge-halten werden, wenn irgendwo, auchda wo die Gelegenheit dazu höchstnatürlich wäre, ein rührendes, oderfröhliches Lied angebracht, oder wenneine Arie ohne Wiederholungen undohne künstliche Verbrämungen er-scheinen sollte. Unfehlbar würde derSänger, dem sie zu Theil würde,sich dadurch für erniedriget halten.Und der Thor bedenkt nicht, daß indem empfindungsvollen Vortrag deseinfachesten Liedes der höchste Werthseiner Kunst besteht.

Nun kommt das Unschiklichc deräußerlichen Veranstaltungen, wo-durch so manche Oper ein pöbelhaf-tes Schauspiel wirb. Da begeht mangleichgroße Ungereimtheiten durchUebcrfluß und durch Mangel. Manwill in jeder Oper wenigstens einigeScenen haben, die das Auge des Zu-schauers betäuben, die Natur derHandlung lasse es zu oder nicht. Kö-nige kommen oft mit ihrer ganzenLeibwache insAudienzzimmcr. Das

Ope

unnatürliche Gefolge stellt sich für ei.neu Angcnblik in Parade; weil aberdie Unterredung geheim seyn soll, sozieht es auch gleich wieder ab; undnicht selten fängt währendem Abzug,der oft mit nicht geringem Geräu-sche begleitet ist, die geheime Unter-redung, von der der Zuhörer keinWort vernehmlich hört, an. Andre-male wird eine Scene durch die Ar«muth der Vorstellung abgeschmakt.Man will ein ganzes Heer, oder wolgar eine Feldschlacht vorstellen, undbewürkt dieses Schauspiel, das denZuschauer in Erstaunen setzen soll,mitcinem paar dutzcndSoldaten, dieman, um ihren Zug recht wunderbarzu machen, einzeln, drey bis viermalim Kreis herumziehen läßt, damitNiemand merke, daß ihrer nur sowenig seyen; und die fürchterlicheSchlacht wird unter dem Geräuschedie V>olinen dadurch geliefert, daßdie Krieger mit ihren hölzernen De-gen auf die von Pappe gemachtenSchilde der Feinde schlagen, und eindumpfes Geräusch machen. Nichteinmal Kinder können sich bey einerso fürchterlichen Schlacht des Lachensenthalten. Aber es wird mir zu ver-drießlich, die Kindcrcyen zu rügen,die das höchste Werk der schönenKünste bis zum Possenspicl erniedri-gen. lieber die Verzierungen undTänze habe ich meine Anmerkungenin andern Artikeln vorgetragen *).

Dainit mich Niemand beschuldige,daß ich blos aus verdrießlicher Lau-ne, so viel Böses von der Oper sage,oder die Sachen übertreibe, will ichdie Gedanken eines in diesem Punktgewiß unpartheyischen Mannes, desGrafen Algarotti, anführen, der sei-nen Versuch über die Oper mit fol-gender Betrachtung anfängt: »Vonallen Schauspielen, die zum Zeitver-treib der Personen von Geschmakund Einsicht erfunden worden, schei-net

S. Ballttz Tanz; Schaubühne.