Druckschrift 
3 (1793) [K - Q]
Entstehung
Seite
539
Einzelbild herunterladen
 

s d e

einer hohen poetischen Laune vor-tragt, wird er zur Ode.

Es ist also nicht die Große des Ge-genstandes, der besungen wird, nichtdie Wichtigkeit des Stoffs, darinman den Charakter dieses Gedichtszu suchen hat; es erhalt ihn alleinvon dem bcsondern und höchstlebhaf-tcn Genie des Dichters, der aucheine gemeine Sache in einem Lichtesieht, darin sie die Phantasie unddie Empfindung reizet. So leicht esist, das Charakteristische dieser Dich-tungsart bei) jeder guten Ode zu em-pfinden, so schwer ist es, dasselbedurch umständliche Beschreibung zurntwikeln.

Da sie die Frucht des höchstenFeuers der Begeisterung, oder we-nigstens des lebhaftesten Anfalls derpoetischen Laune ist: so kann sie keinebeträchtliche Lange haben. Denn die-ser Gemüthszusiand kann feiner Na-tur nach nicht lange dauern. Und daman in einem solchen Zustande allesübersieht, was nicht sehr lebhaft rüh-ret, so sind in der Ode Gedanken,Empfindungen, 'Bilder, jeder Aus-druk entweder erhaben, hyperbolisch,stark und von lebhaftem Schwung,oder von besonderer Annehmlichkeit;alles Bedachtliche und Gesuchte falltda nothwendig weg. Darum ist auchdie Ordnung der Gedanken darinzwar höchst natürlich für diesen aus-serordentlichen Zustand des Gcmü-thes, darin man nichts sucht, abereinen Ncichlhum lebhafter Vorstel-lungen von selbst, von der Natur an-gebothen, findet; man empfindet,wie ein Gedanken aus dem andernentstanden ist, nicht durch methodi-sches Nachdenken, sondern der Leb-haftigkeit der Phantasie und des Wi-tzes gemäß. Es ist darin nicht dienothwcndige Ordnung, NM in denGedanken, der ein zergliedernder,oder zusammensetzender Verstand ent-wikelt, aber eine den Gesetzen derEinbildungskraft und der Empfiu-

Qde 539

dung gemäße, nach welcher der poe-tische Taumel des Dichters insge-mein sich auf eine unerwartete Weifeendiget!, und in dem Zuhörer Uebcr-raschung oder sanftes Vergnügenzurüklaßt. Dadurch wird jede Odeeine wahrhafte und sehr merkwür-dige Schilderung des inneru Zustan-des, worein ein Dichter von vor-züglichem Genie, durch eine beson-dere Veranlassung auf eine kurzcZcitist gesetzt worden. Man wird vondiesem sonderbaren Gedicht einenziemlich bestimmten Begriff haben,wenn man sich dasselbe als eine er-weiterte, und nach Maaßgebung derMaterie n.it den kräftigsten, schön-sten, oder lieblichsten Farben derDichtkunst ausgeschmükte Ausru-fung vorstellt.

Wir müssen aber nicht vergessen,auch eine ganz eigcncVcrsart mitzudem Charakter der Ode zu rechnen.Man kann leicht erachten, daß einso außerordentlicher Zustand, wie derist, da man vor Fülle der Empfin-dung singt und springet, (dies istwürklich der natürliche Zustand, derdie Ode hervorgebracht hat,) aucheinen außerordentlichen Ton undKlang verursachen werde. DerDichter nimmt da Bewegung, Wol-klang und Rhythmus, als be-währte Mittel, die Empfindung zuunterhalten und zu stärken, zuHülfe *). Ich habe anderswo eineBeobachtung angeführt, welche be-weiset, wie viel Kraft das Melodi-sche des Sylbenmaaßes habe, umden Dichter in seiner Laune zu un-terhalten In der Gemüthslage,wyrin der Odendichter sich befindet,spricht man gerne in kurzen, sehrklangreichen Sätzen, die bald länger,bald kürzer sind, nach Maaßgebungder Empfindung, die man äußert.

Daher

S. Melodie z Takt; Rhythmus.

»*) S-dicVsrrcdc zu der ersten Samm-lung der Gedichte der Zrau Karschin.