Neu
Deurtheilen geübet haben, daß er indiesen Dingen seiner eigenen Manierfolgen kann. Aber er muß auch seineGrundsatze und seine Art zu empfin-den mit andern so genau verglichen,und denn auf alle Weise auf die Pro-be gestellt haben, daß er sich selbstüberzeugen kann, er gehe nicht aufAbwegen. Hat er dieses erhalten,so habe er den Much, seine Art zudenken ungescheut an den Tag zu le-gen , ohne sich angstlich umzusehen,ob sie mit der gewohnlichen Art an-drer Menschen übereinkomme. Füh-let er selbst, daß das, was er ge-macht hat, richtig und zwekmäßigist: so bekümmere er sich weiter umnichts.
Um auch bcy bekannten Gegen-standen neue Gedanken zu haben, istnothwendig, daß man selbst bei? tag-lich vorkommenden Sachen seinenBeobachtungsgcisi, seinen Geschmakund seine Bcurthcilung eben so an-strenge, als wenn sie neu waren.Insgemein fallen uns, beym Anblikgewöhnlicher Gegenstände auch Ur-theile bcy, deren wir gewohnt sind,und wir empfinden auf eine uns ge-wöhnliche Weise Gefallen oder Miß-fallen daran. Der Denker, und einsolcher ist jeder wahre Künstler, blei-bet dabcy nicht stehen. Er prüft seinUrthcil und erforscht den wahrenGrund feiner Empfindung; er suchteinen neuen Gesichtspunkt, die Sacheanzusehen, setzet sie in andre Verbin-dung, und so entdekct er gar oft eineganz neue Art, sich dieselbe vorzu-stellen.
Außer diesem allgemeinen Mitteldas Neue zu finden, gicbt es vielbesondere, die man durch aufmerksameBetrachtung der Werke guter Künst-ler leicht kennenlernt. Für dcnRed-ncr und Dichter hat Rroiliuger imI. Thcilc seiner crinscdcn Dichtkunstverschiedene angczeigcp und mit Bcy-spielen erläutert. Auf eine ahnlicheMise könnte man auch für andere
Reu 5' 9
Künste die besondern Mittel oderKunstgriffe neu zu seyn angeben.So findet man, daß ein Tonsetzereinem sehr gewöhnlichen melodischenSatz durch eine etwas fremde Har-monie, einem andern durch mehrAusdehnung, oder durch eine verän-derte Cadcnz das Ansehen des Neuengiebt. Der Mahler kann leicht aufeine neue Art eine Geschichte behan-deln, die schon tausendmal vorge-stellt worden. Er wählt einen an-dern Augenblik, andre Nebcnumstän-dc, stellt die Sachen einfacher, oderin einem andern Gesichtspunkt voru. s. w. Es würde uns aber hier zuweit fühttn, wenn wir uns in eineumständliche Betrachtung der Mitteleinlassen wollten. Nur noch eine An-merkung wollen wir dem Künstler zunäherer Ucbcrlcgung empfehlen. Erversuche von Zeit zu Zeit, a.ch deräußerlichen Form seiner Werke neueWendungen zu geben. Die Schau-bühne hat dadurch viel gewonnen,daß man die ehemalige französischeForm derselben von Zeit zu Zeit ver-lassen, und einige nach englischer Arteingerichtet hat. Aber es sind nochandre Formen möglich, wodurch dercomischcn Schaubühne mehr Man«nichfaltigkeit könnte gegeben werden.Dem Tonsetzcr empfehlen wir vor-nehmlich das Nachdenken über neueFormen, da die gewöhnlichen in derThat anfangen, etwas abgenutzt zuseyn. Alle Opernaricn, alle Eon-certe gleichen sich so sehr, daß manimmer zum voraus weiß, wo dieHauptstimmc sich allcin wird hörenlassen, wo die andern Stimmen cin--trcten, wo Läufe und Künsteleycnerscheinen, und wo Schlüsse erfol-gen werden. Man bedenkt nicht ge-nug, daß die Formen größtcnlheilsblos zufallig sind. Unsere Dichtkunsthat ungemein viel gewonnen, seit-dem zuerst Pyra und Lange, her-nach Ramler und vornehmlich Klop-stok neue Formen und neue Vcrs-K k 4 arten