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3 (1793) [K - Q]
Entstehung
Seite
505
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cher seyn, als die unsrige. Sie wis-sen nichts von einer unzählbarenMenge überflüßiger Nochwendigkei-ten, nichts von eben so vielen Wör-tern, die man erfinden mußte, böseNeigungen und Absichten zu masgui-rcn, oder wenigstens das Ohr mitdem Laster zu versöhnen. Sie nen-nen die Dinge mit ihrem rechten Na-men; ihre Reden haben mehr Kürze,ihre Sätze mehr Rundung, und über-haupt ihre Gedanken ganz besondereWendungen. Dieses ist die vornehm-ste Ursache, warum die Sprache derNaivete so einfältig, eigentlich undausdenkend ist; so wie sie, als einwahrhaftes Bild ihres schönen Her-zens, nett bcy allem Mangel anEchmuk, und edel bcy aller Nach-lässigkeit ist. Uebrigens würde mansich irren, wenn man dieser einfäl-tigen Sprache alle Metaphern undFiguren nehmen wollte. Das Herzund die Affekten haben ihre eigene Fi-guren, und je naiver eine Person ist,desto lebhafter wird sie ihren Affektvon sich geben, weil er gut ist, undsie sich nicht scheuen darf, ihn sehenzu lassen.

Woher kommt es, daß die morali-sche Naivete einer Zilia z. E. oderder siegenden Sunith uns so starkund bis zur Entzükung gefällt?Ohne Zweifel daher, weil nichtsschöners ist, als die wahre Unschuldeiner Seele, die sich immer entblös-sen darf, ohne beschämt zu werden.Ein solcher Anblik muß nothwendigunserem moralischen SinnmchrVcr-gnügen geben, als uns das Gefühleiner jeden andern Schönheit machenkann. Weil es aber viele Gradeund Arten der Naivete giebr, so wol-len wir diejenigen, welche ans derwahren Unschuld entspringt, das er-habene Naive nennen. Die übrigenGrade mögen nach ihrer größernoder klcinern Entfernung von derschönen Natur abgemessen werden.Denn es.muß auch noch ein Raum

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für die muthwillige Galathea desVirgils und den alten rosenbekranz-ten Anakreon übrig scyn.

Die Minnegesänge aus dem drey-zchnten Jahrhundert sind reich anBeyspiclen naiver Passionen und Aus-drükungen derselben. Die Sittender damaligen Zeit müssen, nach al-len Urkunden, die uns von der Re-gierung des vortrefflichen schwäbi-schen Hauses übrig geblieben sind,von ihrer ehemaligen Rauhigkeit undWildheit gerade so viel verloren ha-ben, daß sie bey ihrer Einfalt undBescheidenheit, Artigkeit und einegefällige ungekünstelte Wolanstän-digkeit besitzen konnten. Die mei-sten der Liebcsgedichte werden vondem Geist der sittsamen und inbrün-stigen Liebe beseelt. Diese Sängerkennen die Sprache der Empfindun-gen, wie es scheint, aus Erfah-rung. Eigene oft vcrwundersameEinfälle und neue anmuthigc Wen-dungen findet man häufig bcy ih-nen. Ich glaube, daß es Ihnennicht unangenehm scyn werde, M.H.wenn ich Ihnen einige Proben davonvorlege:

Vll küsse blinne llu ksll mick Kö-rnungen

Osts ick muos trugen üer vll min-neklicken

Nsck ller mein Herze je ksrlls korgerungen

On lcsn v!I tuelle llur min Ougenslicken

^l in min Herze lieglick unzze ge-runcie

IVsnll sne Lorc niemsn erlleniiealconre

8a lieglick Isck.en von so raremKlunäe.

Ick nolcle ir getsngcn tin gerne un-vcrllrallcn

80 llsts ti mick llorc tullle

In KIsnlcen ^rmen ksken ge-scliloüen.

Ii 5 bliemer