zc>4 N a i
Natur ist, ja wie reizend sie so gardurch die Wolke hindurchscheint, dieeine Vergehung der Unvorsichtigkeitvor ihre Schönheit ziehet. Ein jederempfindlicher Lestr wird eine zärtlicheGewogenheit gegen Sunith fühlen,da sie ihrer Mutter mit einer so ed-ien Offenherzigkeit ihre geheimstenGedanken entdekct, und sich gar kei-ne Mühe giebt, durch besonders aus-gesuchte Worte ihre Neigung zu be-schönigen oder zu deken, als ob sie sichHeimlich bewußt wäre, daß sie ver-borgen bleiben sollte. Ja wie erha-ben wird sie durch das aufrichtigeEcständuiß, das sie dem Dison vonder Liebe, die sie zu ihm getragen,znacht? Sic darf sich nicht scheueneinem Liebhaber, den sie eben itzt un-würdig findet, ihre vorige Neigungzu gestehen, weil sie sich auf dieStarke ihres Herzens verlassen kann,welches durch ein solches Gcständnißvon dem Haß gegen die Laster ihresLiebhabers nichts nachließ. DieBriefe einer Pcruviancrin sind vor-nehmlich wegen ihrer Naivete unver-gleichlich schön. Man 'glaubt diesanfte Stimme der Natur zu hören,wenn Zilia redet. Wir sehen in dieinncrstcnGänge ihres zärtlichsten Her-zens, wir sind bey der Entwiklungihrer Gedanken, wir nehmen alle ih-re Empfindungen an. Wir weinenwie sie weint, und in der äußerstenBangigkeit ihres Schmerzens glau-ben wir wie sie, einen Anfang derVernichtung zu fühlen. Unser Ge-dächtnis; sagt uns, daß wir in derLiebe, in der Traurigkeit, in der Ver-wundrung oder Bestürzung, in einemangenehmen Hayn, u. s. w. wie sieempfunden haben; wir wundern unsnur, daß sie die zarten Empfindun-gen beschreiben kann, die wir für na-menlos gehalten, weil wir sie nichtso lebhaft und mit so vieler Appcr-ception fühlten, als sie. Denn ebendiejenigen Personen, bey denen ammeisten Naivete ist, haben für das
N a i
Schöne und Freudige sowol als fürdas Unangenehme die stärkste Em-pfindlichkeit; und weil sie wenig äuf-serliche Zerstreuungen, und viel in-nerlichen Frieden haben, so wendetsich die Scharfe ihres Geistes mehrauf sich selbst, sie gehen mehr mit ih-ren eigenen Gedanken um, sie hörenihre leisesten Regungen, und könnenin ihren Vorstellungen ungestörterund weiter fortgehen, als andre.Daher sind auch Personen von dieserArt allemal Original. Zwar ein je-der Mensch würde sich gar merklichals Original vor den andern aus-nehmen, wenn nicht Verstellung,Zwang, Nachahmung, Moden nni>dergleichen unter uns so gemein undin gewissem Maaß unvermeidlichwären. Wo nun keine Verstellung,keine Nachäffung, keine Furcht vorMißdeutung — ist, da kann es nichtfehlen, eine solche frcyc Seele mußin ihren Empfindungen und Urthei-len sehr viel eigenes äußern. DieUnwissenheit ist noch eine Beschaffen-heit, die mit der Naivete mehr oderweniger verbunden ist. Diese Un-wissenheit ist zum Thcil glüklich, sieist ein Mangel an häßlichen Aus-wüchsen, oder überflüssigen und derangeborncn Schönheit hinderlichenIierrathcn -- zum Theil ist sie eineLeerheit, die der Geist mit einigemMißvergnügen in sich fühlet, undsich daher bestrebt sie auszufüllen.Deswegen sind naive Personen alle-zeit neugierig, wie wir dieses anMiltons Eva, an Zilia, Sunith oderDina sehen können.
Es ist nothwendig mit dem Naivenin Sitten und Gcmüthsbewegungenverbunden, daß die Personen, welcheso glüklich sind, gleichsam unter denFlügeln der Natur zu leben, von ei-ner großen Menge Sachen und Na-men, welche letztere zum Theil nichts,zum Theil nichts gutes bezeichnen,gar nichts wissen. Ihre Sprachemuß daher viel kürzer und eigentli-