Druckschrift 
3 (1793) [K - Q]
Entstehung
Seite
502
Einzelbild herunterladen
 

sv2 Nai

bestehet in der Kürze in einer sol-chen Anordnung der Worte, Gliederund Perioden, die dem Endzwek desRedenden gemäß ist. Nach der letz-ten Erklärung sehe ich nicht, warumdie Reden eines Parlamentsadvoca-ten nicht eben so naiv seyn mögen,als die Briefe der Sevigne' oder derschonen Zilia. Ich will mich dieSchwierigkeit, die von der Zärtlich-keit diese Materie entsteht, nicht ab-halten lassen, einen Versuch zu ma-chen, sie genauer zu behandeln, unddie Quelle und eigentliche Beschaffen-heit des Naiven aufzusuchen. Eswird alsdenn leicht seyn, das Naivedes Ausdruks zu bestimmen, wennwir erst ausgemacht haben, was dieNaivetät der Gedanken ist. Ichwerde aber mit meiner Untersuchungweit oben anfangen müssen.

Die Rede soll eigentlich ein ge-treuer Ausdruk unsrcr Empfindun-gen nnd Gedanken seyn. Die erstenMenschen haben bey ihren Reden kei-nen andern Zwck haben können, alseinander ihre Gedanken bekannt zuwachen; und wenn sie und ihre Kin-der die angeschaffne Unschuld bewah-ret hätten, so wäre die Rede nachihrer wahren Bestimmung ein offen-herziges Bild dessen, was in einesjeden Herzen vorgegangen wäre, undcinMittel gewesen, Freundschaft undZärtlichkeit unter den Menschen zuunterhalten. Jedermann weiß, daßdie Sprache von den itzigenMenschenmcistcnthcils gebraucht wird, andernzu sagen, was sie nicht denken nochempfinden, so daß die Rede demnachsehr selten ein Zeichen ihrer Gedan-ken ist. Diese große Veränderungmuß unstreitig die Folge einer wich-tigen Veränderung im Inwendigender Menschen seyn. Diese müssenEmpfindungen, Gedanken und Ab-sichten haben, welche sie einandernicht zeigen dürfen. In derThatistdie menschliche Natur von ihrer Be-stimmung und schönen Anlage so

N a i

stark abgewichen, daß in dem In-nern des Menschen, an die Stelleder liebenswürdigsten Neigungen, an-statt der Unschuld, Gerechtigkeit, Mäs-sigkeit, Menschenliebe Bosheit,Unbilligkeit, Unmäßigkcit, Neid nndHaß getreten; und im Aeußerlichendie Einfalt dem Gezwungenen, dieOffenherzigkeit der Verstellung, dieZärtlichkeit der kaltsinnigen Höflich-keit hat weichen müssen. So balddie Menschen von einander betrogenworden, mußte sich ein allgemeinesMißtrauen unter ihnen zeigen. Weilsie aber doch in Gesellschaft zu lebensich gemüßiget sahen, so erfanden sieallerlei) Mittel sich einander zu ver-bergen, sich in Acht zu nehmen, ein-ander auszuforschen u. s. f. Undweil man anstatt der herzlichen undbrüderlichen Zuneigung, die eigentlichunter den Menschen herrschen sollte,etwas anders haben mußte, das ihrvon außen ähnlich sehen, im Grundaber ganz das Gegentheil ftyn möch-te, so erfand man die Höflichkeit,das Cercmoniel, und alles was dazugehört. Seit der Zeit ist die Rededer Menschen insgemein weitläuftig,sinnleer, doppelsinnig, unbestimmt,gekräuselt, steif und affcktirt worden.Eine Gesellschaft kann etliche Stun-den mit aller ersinnlichen Artigkeitund mit beständiger Bewegung derLippen nichts reden Todfeindekönnen einander vertraulich und lieb-reich unterhalten einer kann mitgroßem Wortgcpräng von der Fröm-migkeit, oder andern Tugenden re-den, die er doch nie selbst empfundenhat; man kann itzo aus den äußer-lichen Zeichen der Freude oder Trau-rigkeit , der Freundschaft oder desHasses, mit schlechter Zuversicht aufdie wahre Gemüthsvcrfassung einerPerson schließen; denn man hat denAffekten selbst eine Sprache vorge-schrieben, von der die Natur nichtsweiß.

Bey