Druckschrift 
3 (1793) [K - Q]
Entstehung
Seite
500
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Einfluß hat, in sofern sie gegen dasfeinere, übcrlegterc, mit aller Vor-sichtigkeit das Gebräuchliche nicht zubeleidigen abgepaßte, absticht, schei-net das Wesen des Naiven auszu-machen. Es äußert sich in Gedan-ken, im Ausdruk, in Empfindun-gen, in Sitten, Manieren undHandlungen.

In Gedanken, oder der Art sicheineSache vorzustellen, scheinet mirfolgendes bis zum Erhabenen naiv.Adrast kommt mit den Müttern dervor Tbeben erschlagenen Jünglingezum Thcscus, ruft ihn um Hülfe ge-gen den Crcon an, der nicht erlaubenwill, daß die Erschlagenen begrabenwerdest. Thcseus, anstatt dem Adrastseine Bitte sogleich zu gewähren oderabzuschlagen, macht sehr viel Worte,ihm zu beweisen, daß er sich in die-sen Krieg gar nicht hätte einlassensollen. Hierauf giebt ihm Adrast die-se naive Antwort. >

Ich bin nicht zu dir gekommen,als zu einem Richter meiner Thaten,sondern als zu einem Arzt meines Ne-bels. Ich suche keinen Rächer mei-ner Vcrgchungen, sondern einenFreund , der mich aus der Verlegen-heit ziehe. Willst du mir meine bil-lige Bitte versagen, so muß ich mirsgefallen lassen; denn zwingen kannich dich nicht. Kommet also, ihr un-glüklichen Mütter, und kehret zurüke;werfet diese unnütze Zeichen, wodurchSuppllcantcn sich ankündigen, weg,und rufet den Himmel zum Zeugenan, daß eure Bitte von einem Ko°-nig verworfen worden, der unserBlutsverwandter ist *)."

Dies ist geradezu, was der rich-tigste natürliche Verstand, und dieEinfalt der Empfindung in diesemFall eingaben. Diese äußert Adrast,ohne die vorsichtige Bedenklichkeit,daß er den Thcscus dadurch beleidi-gen konnte; ohne die feinern Kö-pfen gewohnliche Vorsicht, sich bei)

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dem, den man um Hülfe anspricht,einzuschmeicheln, legt er das Ungc.reimte in dem Betragen des Tbcseusan den Tag, gerade so wie er es em-pfindet; ohne zu bedenken, daß viel-leicht Thescus viel Umstände mache,um seine Hülfe dadurch mehr geltenzu machen, nimmt er es, als füreine unwiedcrrufliche Weigerung an,und geht davon.

Das Naive im Ausdruk besteht inWorten, die geradezu die Gedanken,oder die Gesinnungen der Unschuldansdrüken, aber durch spitzfüudigeoder schalkhafte Anwendung einennachtheiligen Sinn haben tonnen,an den die redende Person aus Un-schuld, oder Unwissenheit nicht ge-dacht hat. Die Schalkhaftigkeitfindet darin etwas Ungesittetes oderGrobes, wo blos Unschuld und edleEinfalt ist.

Empfindungen und deren Aeußc-rung in Sitten und Manieren sindnaiv, wenn sie der unverdorbenenNatur gemäß, und, obgleich der fei-neren Verdorbenheit des gangbarenBetragens zuwider, ohne Rükhal-tung, ohne künstliche Versiekung,oder Einkleidung, aus der Fülle desHerzens herausquellen. Vcyspicledavon findet man überall in Böh-mers epischen Gedichten aus der pa-triarchischen Welt; in den Epopöendes Homers, und in den IdyllendesTheokritus und unsers Geßners.Es hat auch in zeichnenden Künsten,im Tanz, in den Gcbchrden undStellungen der Schauspieler statt.Nichts ist unschuldsvoller, naiverund gegen unsere künstliche Manie-ren abstechender, als tue verschiede-nen Stellungen und Gcbchrden, dieRaphael der Psyche in den Vorstel-lungen ihrer Geschichte im farnesi-schcn Pallaste gegeben hat.

Das Naive macht keine geringeClasse des ästhetischen Stoffs aus;es ist nicht nur angenehm, sondernkann bis zum Entzüken rühren.

Des-