496 Nac
Na c
bloßem Gewürze keine gesunde Speisekann gemacht werden.
Es gehöret eine reife Beurrhcilungdazu» daß das Nachdenkliche nichtgemißbraucht, sondern nur auf dieStellen eines Werks gelegt werde,die ihrer Natur nach von vorzüglicherWürkung seyn sollen. Hierüber las.sen sich keine Regeln geben; der Künst-ler muß sich entweder bewußt scyn,oder durch ein vorzüglich richtigesGefühl in dein Feuer der Begeiste-rung selbst» empfinden, wo eine vor-zügliche Kraft nothig sei). Die Mit-tel, den Nachdruk zu erreichen, sindsehr vielfaltig» und liegen bald in demGegenstand selbst, bald in dem Aus-drukdcsselben. Jede Art der ästheti-schen Kraft kann den Nachdruk be-würken. Der Künstler, dem es nichtan richtigerUrtheilskraftfehler, wirdin jedem besondcrn Fall eine guteWahl derselben treffen. Der Dich-ter wird aus Betrachtung der Perso-nen und der Umstände, für die er dich-tet, bald in der roheren, bald in derftineren Empfindung; itzt in einemvöllig natürlichen» dann in einein ver-feinerten Ausdruk; einmal in einemwilden, ein andermal in einem gemäs-sigten Rhythmus; bald in kühnern,bald in bescheidenen Figuren undTropen den wahren Nachdruk zufinden wissen.
Ein neulichcr Kunstrichtcr ') schei-net zu bedauern, daß unfre Dichternicht mehr so durchaus nachdrüklichsind, wie die alten Ccltischeu Bardengewesen. Er scheinet zu wünschen,daß man itzt noch so dichtete, wie dienordischen Barben vor zweyl'auscndJahren gedichtet haben. Aber er hatnicht bedacht, daß bei) einem Volke,wo die Vernunft schon merklich cnt-wikelc und die Empfindung verfeinert
><) Der Verfasser der Briefe über denOiüari in dem Werkchen, das Unterdein Titel: „Von deutscher Art undKunst." in H.aubueg herausgekom-men ist.
worden, nicht alles blos rohes Ge-fühl scyn könne, und daß der Dichterin dem Geist feiner Zeit singen müsse.Jedermann wird gestehen, daß es füreinen Irokesen eine höchst reizendeSache fcy, ans dem Hirnfchädc! sei-nes Feindes starkes Getränk zn trin-ken und dabcy wilde Sicgeslicdcr an-zustimmen, wo Ton, Rhythmus undWorte von der heftigsten Leidenschaftangegeben werden. Aber wir sindnicht Irokesen, unfre Krieger sollennicht in die Much gefetzt werden, dasBlut der erschlagenen Feinde zn trin-ken, oder ihr Fleisch zu braten. DieSchlüsse des Verfassers führen nochweiter, alff er selbst denkt, denn siebeweisen, baß die Dichter nicht sin-gen, sondern brüllen und heulen müß-ten, wie der »och ganz wilde Menschin der Leidenschaft wird gethan ha-ben. Denn ohne Zweifel ist das iiu-artiknlirte Heulen noch weit nach-denklicher, als die ausgesuchteste Kla-ge in bedeutcndenWorten. Es gehtalso gar nicht an, daß man sich zurRegel mache, in den Künsten durch--ans den größten Nachdruk zn suchen.Daraus würde folgen, daß man aufder Schaubühne bisweilen die Men-schen lebendig schinden müßte; denndieses wäre doch an sich bctraehtctdas nachdrüklichste Mittel, Schreienund Abscheu zu erweken.
Der Nachdruk, der in den Werkender redenden Künste und der Musikaus dem Vortrag entstehet, Verdie-ner ein besonderes Studium. Diekräftigsten Stellen können durch dcnMangel des Nachdruks im Vor-trag schwach werden. Die Haupt-knnst des guten Vortrags besieht indem gehörigen Nachdruk, durch densich eiuige Theiie vor anderu aus-zeichnen. Davon aber wird an ei-nem andern Orte besonders gespro-chen werden H.
Nach-
*) S. Vortrag.