ben, nicht auch diese in ihrer vollenStärke und Schönheit sollten de-sessen haben; besonders, da sie sogroße Liebhaber des Gesanges wa-ren. Frcylich mögen die griechischenGesänge eben so sehr von den heuti-gen unterschieden gewesen seyn, alsHomers Epopöen oderPindars Odenvon den heutigen Heldengedichtenund Oden verschieden sind. Ob aberunsre Art jener vorzuziehen sei), isteine andre Frage.
Gewiß ist dieses, daß die Gesängeder Alrcn weit einfacher gewesen sind,als unsere Opernarien; und allerWahrscheinlichkeit nach haben die Al-ten die vielstimmige Musik, da eineHauptsilmme blos der Harmonie hal-ber von andern Stimmen begleitetwird, nicht gekannt, noch wenigerdie Gesänge, die aus vielen würklichsingenden Stimmen bestehen, wie un-sre vierstimmigen Choräle sind.
Daß wir durch Einführung derbegleitenden Harmonie viel gewon-nen haben, scheinet Mouche au ohneguten Grund zu läugnen. Wennnur das Rauschen der Harmonieden Gesang nicht verdunkelt, sodienet sie ungemein den Charakterund Auödruk eines Stüks zu ver-stärken. Aber unsere Coloraturen,Passagen, Cadenzcn und viele Licb-lingögänge unsrer künstlichen San-ger und Spieler, würde der Grie-che aus der guten Zeit sicherlichverachtet haben, wenn er sie auchgehört härte.
Frcylich klagen auch schon einigespätere Schriftsteller unter den Altenüber den Verfall ihrer Musik, denUcppigkeit und bloße Wollust des Ge-hörs sollen verursachet haben. Wasvon der Beredsamkeit angemerktworden, daß sie allmählig gesun-ken scy, nachdem man nicht mehraus würklicher Norhwendigkeit zuüberreden, sondern aus Nachah-mung und i» der Absicht für einenschönen Geist gehalten zu werden,
mehr schöne, als nachdenkliche Re-den gemacht hat, kann auch auf dieMusik angewendet werden. Die Be-gierde blos zu gefallen führet norh-weudig auf tausend Abwege, weilbald jeder Mensch seine eigene Lieb-haberei) hat: aber der Vortat; zurühren, diese oder jene bestimmteLeidenschaft zu crwcken, führet sicher.Denn in jedem besonder» Fall istnur ein Weg, der mitten in dasHerz führt. Wenn der Tonsetzersich vornimmt ein verliebtes Verlan-gen, oder eine lebhafte Freude, oderschmerzhafte Traurigkeit auszuden-ken , so weiß er, worauf er zu arbei-ten hat.
Es wird alfo der Musik, die in denschönsten Zeiten Griechenlands in ih-rer Art so vollkommen mag gewesenseyn, als irgend eine andere der schvn-nen Künste, auch bey der Ausartungdes griechischen Geschmaks nicht bes.ser gegangen seyn, als diesen; undes ist höchst wahrscheinlich, daß sieallmählig von ihrem ersten Zwck ab-geführt, und blos zur Belustigungmüßiger Menschen gebraucht, da-durch aber mit willkührlichen undunnützen Zierrathen überladen wor-den. Man hat deutliche Spuren,daß sie in diesem Zustande gewesensei), als man anfieng sie zum Ge-brauch des öffentlichen Gottesdien-stes in den christlichen Kirchen ein-zuführen. Dadurch ist sie zwar vonallen ausschweifenden Zierratbcn undvon der theatralischen Ucppigkeit wie-der gereiniget, vermurhlich aberauch einiger wahrer Schönheiten be-raubet worden. Denn in jenen Zei-ten, da der gute Gcschmak über-haupt beynahe gänzlich erloschenwar, konnte es nicht anders seyn,als daß auch die Musik von der all-gemeinen Barbarei) angestekt werdenmußte. Sic wird, wie die Wissen-schaften, blos in den Händen un-wissender und des Nachdenkens un-gewohnter Mönche geblieben seyn,
wo