Schilderungen nach und nach fühl-bar werden
Allein es verdienet auch angemerktzu werden» daß das Mitleiden, wiealle sonst unmittelbar gute Leiden-schaften, schädlich werden kann,wenn es zu weit getrieben wird. Sei-ner Natur nach benimmt es immerder Seele von ihrer Starke. DerMensch ewei- bekommt seinen Werthmehr von den würkendcn, als vonden leidenden Kräften; man kannsehr mitleidig und im übrigen sehrwenig wcrth, und keiner, nur einwenig Anstrengung der Kräfte erfo-dcrndcn, guten Handlung fähig seyn.Also konnte der übertriebene Hangzum Mitleiden in bloße Weichlichkeitausarten. Alsdann würde es auchzu nichts mehr dienen, als daß derMitleidige sich selbst durch seine Em-pfindsamkeit elend inachte. Wie esoft gesche ht, daß Menschen vor all-zugroßen Schmerzen elend werden,uno zur Erleichterung ihres eigenenElendes nichts mehr thun können:so kann auch der, den das Mitleidenniederdrükt, in manchen FallendemElenden wenig Hülfe leisten. Undwie es nicht mehr heilsame Em-pfindsamkeit, sondern hochsischadli-che Schwachheit ist, jede uns betref-fende Beschwerlichkeit lebhaft zu füh-len ! so ist ein ahnliches Gefühl fürandre keine tugendhafte Regung.Das Mitleiden muß sich nicht aufgeringe und in ihren Folgen nützlicheUngctnachlichkeiten, vielwcniger aufblos eingebildetes Elend crstrcken.Warum wollte man z. B. mit Leu-ten, die harter Arbeit gewohntsind,die damit zufrieden, sich ihren täg-lichen Unterhalt dadurch schaffen,und zugleich nothwcndige Geschaffte,derer die Gesellschaft nicht entbehrenkann, verrichten, Mitleiden haben?Oder warum sollte man weichlicheMenschen, die von jeder Beschwer-lichkeit niedergedrückt werden, durchMitleiden noch zaghafter machen?
Also gilt auch von dieser an sich lie-benswürdigen Leidenschaft, wasAristoteles mit Recht von allensittlichen Eigenschaften fodcrt, siemuß das Mittclmaaß nicht viel über-schreiten.
Aus diesen Betrachtungen überdie Natur und die Folgen des Mit-leidens kann der Künstler lernen,was er in Absicht auf dasselbe zuthun hat. Will er Mitleiden erwe-ken , so muß er das Elend, dasun-src Empfindsamkeit reizen soll, leb.Haft schildern; für die leidenden Per-sonen muß er uns einnehmen, mußihre Unschuld, ihre Tugend, die einbeffers Schiksal verdiente, oder ihreGelassenheit und Geduld; danebenihr Leiden, die Unmöglichkeit, daßsie sich selbst helfen, uns fühlen las,sen; er mnß uns helfen, uns selbstin die Umstände oer Leidenden zu se-tzen, damit wir alles recht fühlen;denn muß er bisweilen das Mitlei-den selbst, das er, oder andere bcydieser Sache schon fühlen, so leb-haft, als ihm möglich ist, ausbrü-ten ; weil dieses allein uns schon zuderselben Empfindung reizet. Die-ses alles bedarf keiner weitern Aus-führung.
Mit reifer Uebcrlegung hat derKünstler zu bedenken, wohin dasMitleiden, das er in uns rege ma-chen will, abzielen könne, oder müsse.Werke, die auf blos vorübergehen-des unfruchtbares Mitleiden abzie-len, in welchem Fall vielleicht diemeisten Trauerspiele sind, so ange-nehm sie auch sonst seyn mögen, sindvon keiner großen Wichtigkeit, wosie nicht durch Nebensachen wichtigwerden. Vorzüglich wähle derKünstler einen Stoff, wodurch erMitleiden crwekt, dessen Würkuii-'gen, wie vorher gezeiget worden,heilsam sind, wodurch er Abscheuoder Feindschaft gegen Grausamkeit,Bosheit und gegen Laster, Furchtvor Schwachheiten und Vergeh»».
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