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die Tradition anzuzeigen scheinet,laßt sich vermuthen, weil er würklichdiesen Charakter hat.
L Yris ch.
(Dichtkunst.)Die lyrischen Gedichte haben dieseBenennung von der Lyra, oder Leyer,unter deren begleitendem Klang siebey den ältesten Griechen abgesungenwurden; wiewol doch auch zu eini-gen Arten die Flöte gebraucht wor-den. Der allgemeine Charakter dieserGattung wird also daher zu bestim-men scyn, daß jedes lyrische Gedichtzum Singen bestimmt ist. Es kannwol styn, daß in den ältesten Zeitenauch die Epopöe von Musik begleitetworden, so wie wir es auch mit Ge-wißheit von der Tragödie behauptenkönnen. Dessen ungeachtet ist derCharakter des eigentlichen Gesangesvorzüglich auf die lyrische Gattunganzuwenden, da die epischen und tra-gischen Gedichte mehr in dem Cha-rakter des Reci'carivci?, als des Ge-sanges gearbeitet sind.
Um also diesen allgemeinen Cha-rakter des Lyrischen zu entdckcn, dür-fen wir nur auf den Ursprung und dieNatur des Gesanges zurük sehen *).Er entsteht allemal aus der Fülleder Empfindung, und erfodcrt eineabwechselnde rhythmische Bewegung,die der Natur der bcsondern Empfin-dung, die ihn veranlasset, angemes-scn sey. Niemand erzählt, oder leh-ret singend, wo nicht etwa die Aeus-serung einer Leidenschaft zufälligerWeise in diese Gattung fallt. Lyri-sche Gedichte werden deswegen alle-mal von einer leidenschaftlichen Lau-ne hervorgebracht; wenigstens ist siedarin herrschend; der Verstand oderdie Vorstellungskraft aber sind danur zufällig.
*) S. Gesang.
Lyr 299
Also ist der Inhalt des lyrischenGedichts immer die Aeußerung einerEmpfindung, oder die Ucbung einerfröhlichen, oder zärtlichen, oder an-dachtigen, oder verdrießlichen Laune,an einem ihr angemessenen Gegen-stand. Aber diese Empfindung oderLaune äußert sich da nicht bcyläufig,nicht kalt, wie bey verschiedenen an-dern Gelegenheiten: sondern gefälltsich selbst, und setzet in ihrer vollenAeußerung ihren Zwek. Denn ebendeswegen bricht sie in Gesang aus,damit sie sich selbst desto lebhafterund voller genießen möge. So sin-get der Fröhliche, um sein Vergnü-gen durch diesen Genuß zu verstärken;und der Traurige klagt im Gesang,weil er an dieser Traurigkeit Gefal-len hat. Bey andern Gelegenheitenkönnen dieselben Empfindungen sichin andern Absichten äußern, die mitdem Gesang keine Verbindung haben.So läßt der Dichter in der Satyreund im Spottgedicht seine verdrieß-liche oder lachende Laune aus, nicht»im sich selbst dadurch zu unterhal-ten, sondern andre damit zu strafen.Das lyrische Gedicht hat, selbst da,wo es die Rede an einen andern wen-det, gar viel von der Natur desempfindungsvollcn Selbstgespräches.Darum ist die Folge der lyrischenVorstellungen nicht überlegt, nichtmethodisch; sie hat vielmehr etwasseltsames, auch wol eigensinniges;die Laune greift, ohne prüfende Wahl,auf das, was sie nährt, wo sie esfindet. Wo andre Dichter aus Ue-berlegung sprechen, da spricht derlyrische blos aus Empfindung. Gra-vina hat nach seiner unnachahmlichenArt in gar wenig Worten den wah-ren Begriff des lyrischen Gedichts an-gegeben. Die lyrischen Gedichte,jagt er, sind Schilderungen beson-derer Leidenschaften, Neigungen, Tu-genden , Laster, Gemüthsartcn undHandlungen; oder Spiegel, aus de-nen auf mancherley Weise die mens h-