-78 Lie
nauesten Beurcheilung der kleinenAbänderungen derJntcrvalle nöthig,von denen eigentlich die verschiede-nen Wurkungen der Tonarten ab-hängen. Wem jede Secundc undjede Terz so gut ist, als jede andre,der hat gewiß das zum Lied uöthigeGefühl nicht.
Ferner muß seiner Natur gemäßdas Lied sehr einfach, und ohne vielmelismatische Verzierungen gesetztwerden,
— als ob kunstlos aus der SeeleSchnell es strömte ^). —
Fast jeder cinzele Ton darin mußseinen besondcrn Nachdruk haben.Darum muß der Setzer um so vielsorgfaltiger seyn, auf jcdeSylbe dasrechte Intervall zu treffen. Dennhier wird kein Fehler durch das Ge-räusch der Instrumente bcdekt, wieetwa in großen, Stüken geschieht.Wo von jeder Note eine bestimmtemerkliche Würkung erwartet wird,muß sie auch so gewählt seyn, daßsie der Erwartung genug thue. Hierwerden selbst die klcinesien Fehlermerklich, und verderben viel. Esdarf hier kaum erinnert werden, daßdie Tonarten, welche die rcinestenIntervalle haben, und überhaupt dieharten Tonarten, zu vergnügten, dieweichen aber, und die, deren Inter-valle weniger rein sind, zu zärtlichenund traurigen Empfindungen sich ambesten schikeu.
Nach der guten Wahl des Tones,die der Setzer nicht eher treffen kann,als bis er den wahren Geist des Lie.des empfunden hat, muß er den be-sten, und dem Lied vollkommen ange-messenen Vortrag, oder die wahreDcclamatiem desselben zu treffen su-chen. Denn es ist höchst wichtig,daß er diese in der Melodie auf dasvollkommenste beobachte. Dadurchwird sein Gesang leicht, wie er imLied nothwendig seyn muß. Darum
Klopstock in der Ode: die Chöre.
l i e
muß er nicht nur überhaupt die lan-gen Sylben von den kurzen, sondern !auch die mehrere Lange von der min-dern, wol unterscheiden. Die Füßemußeraufdas genaueste in dem Ge- Isänge so beobachten, wie der Dichtersie beobachtet hat, und die verschiede-nen Sylben derselben, die einen un-zertrennlichen Zusammenhang haben,muß er nicht dadurch trennen, daßer mitten in einem Fuß vollkommeneConsonanzen setzt, die das Ohr be-friedigen. Er muß sich nicht dar-auf verlassen, daß die Harmonie der-gleichen Fehler in der Melodie bc-dcke; denn das Lied muß aus, ohne lBaß vollkommen seyn, weil die mei-sten Lieder, als Selbstgespräche nureinstimmig.gesungen werden. Manmuß also ohne Schaden den Baßdavon weglassen können; darum mußschon in der bloßen Melodie ein voll-kommener Zusammenhang der Tone,die zu einem Einschnitt gehören,und die ununterbrochene Verbin-dung der kleinern Einschnitte unter-einander, merklich werden. Ebenso müssen auch die verschiedenen Ein-schnitte und Abschnitte schon, ohnealle Hülfe der Harmonie, durch dieMelodie allein ins Gehör fallen.Den Umfang der Stimme muß manfür das Lied nicht zu groß nehmen,weil es für alle Kehlen leicht seyn soll.Darum ist das Beste, daß man indem Bezirk einer Sexte, höchstensder Octave bleibe. Aus eben diesemGrunde müssen schwere Fortschrei-tungen und schwere Sprünge vermie-den werden.
Kleinere melismatische Verzierun-gen müssen schlechterdings so ange-bracht werden, daß aus der Sylbe,worauf sie kommen, nicht zwey, odernoch mehrere gemacht werden. Siemüssen so beschaffen scyn, daß sie alsbloße Modificationen oder Schatti-rungen der Hauptnote erscheinen.Höchst selten können sie auf kurzenSylben angebracht werden. Aber
weder