Druckschrift 
3 (1793) [K - Q]
Entstehung
Seite
227
Einzelbild herunterladen
 

L « i

schilt sind die Gemüther aufzubrin-gen , am rechten Ort aufzuhäufen.

Auf eine ähnliche Weise muß jederKünstler verfahren. Vezi dem Mah-ler müssen die Behandlung, der Tonder Farben, die Anordnung, und vor-nehmlich dieWahl der zufälligen Um-stände, mit der Art des Leidenschaft-lichen im Inhalt genau übereinstim-men. Ein trauriger Inhalt mußauch mit traurigen Farven gemahltwerden, und die Anordnung mußschon etwas finsteres haben. Ichhabe irgendwo ein Gemählde gesehen,worauf die Andromeda mit fürchter-lichen und schon Schauder erweken-den Felsen umgeben war; aber zwi-schen denselben war eine Aussicht aufdas Land, da man ein paar Figurenin sehr jammernder Stellung crdlik-te, welches die Vorstellung des Un-glüks, das diese Person betroffen,um ein merkliches verstärkte.

So muß auch in der Musik derklägliche, oder fröhliche Gesang voneiner schweren und eindringenden,oder von einer reizenden Harmonieunterstützt, und von Instrumenten,die sich zum Ansdruk am besten schi-ken, aufgeführt werden; und dieSpieler müssen sanft, lebhaft, oderwild spielen, so wie der Inhalt esersodert.

Am wichtigsten aber sind zur Un-terstützung des leidenschaftlichen In-halts die äußern Veranstaltungen,unter welchen das Werk der Kunstseine Würkung thun soll. Die An-ordnungen der Feste und Feierlichkei-ten, dazu dieWerke der schonen Kün-ste gebraucht werden, erfodern einenMann von großer Kenntniß undGe-schmak; denn das, was er dabei) ver-ordnet, giebt jenen Werken unstreitigden größten Nachdruk, oder benimmtihnen ihre Kraft. Der geringste Um-stand kann alles verderben oder kraf-tig machen. Wie oft wird nicht inden Opern eine an sich rührende Sce-ne entweder durch ungeschikte Verzie-

5 et zs?

klingen, oder durch ein kleines Ver-sehen einer Nebenperson, sogar durchetwas in der Kleidung lächerlich?Die Mängel in den Veranstaltungender Zierlichkeiten sind unstreitig dieschwächste Seite in Absicht auf dengegenwärtigen Zustand der schonenKünste in Europa. Diese Vcraiistal.tungcn sind insgemein so, daß sie dieWürkung der schonen Künste eherhemmen, als befordern. Es ist au-genscheinlich, um nur eines einzigenBeyfpiels zur Erläuterung dieser An-merkungen zu erwähnen, daß an ge-wissenOrtcn, wo es Mode geworden,daß die Vornehmsten im schlechtestenAnzug und beynahe mit Nachtmützenin die Kirche kommen, unendlich we-niger Aufmerksamkeit auf den Vor-trag des geistlichen Redners gewen-det wird, als da, wo alles bis aufdie Kleidung ftyerlich ist *). Soviel sei) hier von Erwekung und Ver-stärkung der Leidenschaft überhauptgesagt.

Man kann schon hieraus auch dasWichtigste, was zu Besänftigung undStillung, oder Hemmung derselbenanzumerken ist, abnehmen.

Da die Leidenschaft aus einerschnellen Vereinigung des vielfalti-gen Guten oder Bosen cutsteht, dasdie etwas erhitzte Einbildungskraftin dem Gegenstand derselben sieht:so ist der unmittelbarste Weg zu vcr-

P 2 hin-

*) ES soll seit einigen Jahren In Eng-land aufgekommen seyn, daß die PairSvon Großdritannien an den gewöhnli-chen Tagen, da der König nicht !mParlament erscheinet, sich im Frackund mit Stieseln, das ist, im äußer-sten dleglij-S, imOberhauS versammlcn.Dies mgre ein offenbarer Beweis, daßauch die Bceathschlagungcn in dieserhohen Versammlung nicht immer mitder gehörigen Aufmerksamkeit betriebenwürden. Dem Lineas würde der rö-mische Senat gewiß nicht wie eineVersammlung von Königen vorgekom-men seyn, wenn die RmhSherren i»ihren Hauskleidern in der Versamm-lung erschienen wstren.