Musik hiezu die größte Kraft zu ha-ben, weil sie das körperliche Gefühlund das System der Nerven am stärk-sten angreist. Was kann fürchterli-cher seyn, als ein rechtes Angstge-schrey, das die Verzweiflung aus ei-nem Menschen erpreßt? Dieses kanndie Musik nicht nur vollkommen nach-ahmen, sondern durch die Harmonieund crschreklich ins Gehör reißendeTöne der Instrumente noch verstar-ken. Man hat deswegen zu allenZeiten und mit Recht der Musik vor-zügliche Kraft zur Erwekung der Lei-denschaften , durch den starken Aus-druk derselben zugeschrieben. Eineüberwiegende Kraft aber kann dasSchauspiel haben, wenn es mit soMtcrUcbcrlegung eingerichtet ist, daßalle Künste zugleich ihre Wartungdarin thun.
Die bcyden Mittel die Leidenschaf-ten zuerweken, können durch Ncden-umsiande, wodurch die Einbildungs-kraft recht erhitzt wird, einen befon-dcrn Nachdruk bekommen. Es kommt,wie bereits angemerkt worden, zurVerstärkung der Leidenschaften sehrviel hierauf an; denn auch ein an sichschwacher Gegenstand bekommt durchdieMitwürkung einer lebhaften Phan-tasie oft eine bewundrungswürdigeStärke. Ein gewisser Virtuose hatmir gestanden, daß er in seinem Le-ben nie so stark gerührt worden, alsdamals, da er in Rom in derPcters-kirche ein sogenanntes Miserere mitaller möglichen Feycrlichkeit hat sin-gen gehört, obgleich die Musik in Ab-sicht auf den Ausdruk gar nichts vor-zügliches gehabt; die größte Kraftkam von der Menge der Stimmen,von der Fcyerlichkeit der Versamm-lung und andern außer der Musiklie-genden Umständen. Man wird alle-mal merken, daß ein Schauspiel weitstärker rühret, wenn Logen und Par.terre recht angefüllt, als wenn siehalb leer sind; und gar oft kann ei.ne Kleinigkeit, die einen einzeln Men-
schen wenig rühreil würde, in einergroßen Versammlung erstaunlicheBewegung machen. Der an sich ge-ringe Umstand, daß M. Amomuzbcy der Leichenrede auf deu Casar dasblutige Gewand des ermordeten Dik-tators dem Volke vorzeigte, hatNvmum seine Freyheit gebracht. Cswäre aber unmöglich alle Veranlas-sungen und Unistande, wodurch diePhantasie der Empfindung zu Hülfekömmt, zu beschreiben. Der Künst-ler muß ein Kenner der Menschenseyn, und be» jeder Gelegenheit des-sen schwache Seite zu finden wissen.
Dieses ist sowol bey der Bearbei-tung der Werke der Kunst, als beyder Gelegenheit, wo sie gebraucht wer.den, in Betrachtung zu ziehen. DerRedner muß nicht nur darauf sehen,daß seine Materie zu Erwekung derLeidenschaften richtig gewählt sy;das Besondere des Ausdruks, die Fi- sguren der Rede, ihr Ton, und dermündliche Vortrag, dies alles mnßdurchgchcnds leidenschaftlich seyn: ikann nun mit diesem noch bei) Hal-tung der Rede jeder Umstand initFeyerlichkcit verbunden, und dicMen-ge der Zuhörer zum voraus in beson-dere Erwartung gefetzt werden, so!hat der Redner sich eine völligeWür-kung von seiner Rede zu verspreche».Iii Absicht auf das Leidenschaftlicheim Ton, ini Ausdruk und in den Fi- >guren der Rede, kann Ticero als cmvollkommenes Muster vorgestellt wer-den. Will er Mitleiden crwekcn, sostimmt in seinem Vortrag alles aufRührung übcrcin; er weiß allemaldie zärtlichsten und klaglichsten Aus-drükc zu wählen, und braucht sehrrührende Figuren; will er Zorn erre-gen, so ist gleich alles dieses umge-kehrt; er spricht init Entrüstung,weiß den Personen und Sachen, ge-'gen die er den Zuhörer aufbringenwiss, die verhaßtesten Namen zu ge-ben, und Figuren der Rede, die ge-
sch.kt