wir überhaupt an, daß alle diese Fo-deruugen eine genaue und richtigeKennt»iß der Natur und des Ur-sprungs der Leidenschaften, auch derUrsachen, durch die sie verstärket,oder gcschwachet werden, in demKünstler voraussetzen. Diese Kcnnt-niß muß er hauptsachlich von demPhilosophen erlernen. Indessen wol-len wir hier, weil es ohne Weitläuf-igkeit geschehen kann, die Haupt-punkte dieser Lache ihm zum Nach-denken anführen.
Die Leidenschaften sind im Grundenichts anders, als Empfindungenvon merklicher Starke, begleitet vonLust oder Unlust, aus denen Begierdeoder Abscheu erfolget. Sie entste-hen allemal aus dem Gefühl, oderder undeutlichen Vorstellung solcherDinge, die wir für gut, oder böshalten. Ganz deutliche Vorstellun-gen haben keine Kraft das Gcmütl)in Bewegung zu setzen; was dasHerz angreifen und die Empfind-samkeit reizen soll, muß der Vorstel-lungskraft viel auf einmal zeigen,und der leidenschaftliche Gegenstandmuß im Ganzen gefaßt werden *);wir müssen darin auf einmal viel zu-tes oder schlimmes zu sehen glauben;die Menge der darin liegenden Din-ge muß uns hindern, die Aufmerk-samkeit auf eittzelc Theile zu richten,und ihn zum Gegenstand der Betrach-tung zu machen. Wer eine Sachezergliedert, ihre Theile einzeln be-trachtet, und folglich untersucht, wiesie beschaffen ist, der fühlt nichts da-bei); sollen wir fühlen, so muß dieAufmerksamkeit nicht auf die Be-trachtung der Sache, oder auf ihreZergliederung, sondern auf dicWür-kung, die sie auf uns hat, gerichtetseyn. Die leidenschaftlichen Gegen-stande gleichen jenem von einem scy-thischen König seinen Söhnen zumDenkbild vorgestellten Bündel von
->) S. die Anmerkung im Art. lehrendeRede UI TH. S.-67.
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Stabe»; ihre Starke liegt in derVereinigung der Einzelen, und siesind leicht zu zerbrechen, wenn manjeden besonders herausnimmt.
Darum muß die Einbildungskraftdas meiste zur Leidenschaft beytragen.Denn von ihr kommt es, daß bei)jeder gegenwärtigen etwas lebhaftenEmpfindung eine große Menge an-drer damit verbundener Vorstellun-gen zugleich rege werden. Ihr istes vornehmlich zuzuschreiben, daßein Mensch, der gegen einen andernFeindschaft im Herzen heget, durcheine sehr geringe aufs neue von ihn;erlittene Beleidigung in heftigen Zorngcrathct. Bey dieser Gelegenheitbringt seine Einbildungskraft ihn,alle vorhergegangene Beleidigungen,allen ihm bisher von seinem Feindeverursachten Verdruß, auf einmalwieder ins Gedachtniß; und insge-mein stellt er sich auch, da eine leb-hafte Einbildungskraft erfinderisch,leichtgläubig und ausschweifend ist,alles, was er etwa noch künstig vondiesem Feinde möchte zu leiden haben,als schon gegenwärtig vor. Diesegroße Menge von Vorstellungen, de-ren jede etwas widriges hat, würkctnun auf einmal, und bringet einenheftigen Zorn mit Nachsucht begleitetin dem Herzen des Beleidigten her-vor. Auf eine ähnliche Weise entste-hen alle Leidenschaften. Dieses die-net also zuerst zur Beantwortung derFrage, wie Leidenschaften zu crwekcnscyen. Nämlich es gcschichek durcheine lebhafteSchilderung leidenschaft-licher Gegenstände, besonders wenndie Phantasie dabei) erhitzt wird. Weruns in Furcht setzen will, muß wissendie Gefahr eines uns drohenden Ue-bels dergestalt abzubilden, daß wirsie als gegenwärtig und uns von al-len Seiten drohend fühlen; und somuß für jede zu crwekende Leiden-schaft der Gegenstand, der sie verur-sachet, geschildert werden. DiesesMittel haben die redenden Künste am
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