Druckschrift 
3 (1793) [K - Q]
Entstehung
Seite
157
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Lau

pfindfamer Gemüthsart, denen essonst an Vernunft nicht fehlet, wer-den von Gegenständen, die lebhaftenEindruk auf sie machen, so ganzdurchdrungen, daß sie eine Zeitlanghalb aus Ucbcrlegung und halb ausblinder Empfindung handeln und ur-theilcn; und in diesem Zustande schrei-bet man ihnen eine Laune zu. InAbsicht auf die schönen Künste ist die-ser Znstand wichtig; denn die Launevertritt nicht selten die Stelle der Be-geisterung, indem sie das Gemüthdes Künstlers in den Ton stimmt, dersich zu seinem Gegenstand schiket,und auch nicht selten die eigentlich-sten Einfalle, Gedanken und Bilderdarbietet: ftcit incli^natio verlurn.Gar oft hat der Künstler keine Musezum Beistand, als seine Laune. Jedeslyrische Gedicht muß von der Launeseinen Ton bekommen. DieHorazi-stbe Ode au den über See segelndenVirgil ist fast ganz die Würkung derverdrießlichen Laune des Dichters, derum seinen Freund besorgt ist. Alleskommc ihm gefahrlicher vor, als esist, und er schimpft in dieser Launeauf die Verwegenheit des Menschen,der diese Art zu reisen erfunden hat.

Wir beobachten den Menschen niemit mehr Aufmerksamkeit, als wennwir ihn in einer merklichen Laune se-hen; auch ist in diesen Umstanden fastalles, was wir an ihm sehen, belu-stigend, oder lehrreich. Was wirin seiner wahren Gestalt, und mitseinen natürlichen Farben sehen, dassieht der launige Mensch in verän-derter Gestalt und in verfälschterFarbe. Es befremdet uns, daß erdie Sachen nicht so sieht, wie wir;und daher nähert sich der launigeZustand dem Lächerlichen, und die-net uns zu belustigen. Lehrreich ister für den Philosophen, der darauserkennen lernt, auf wie vielerlei) selt-same Weise die Urtheilc verdreht wer-den, und wie die wunderlichstenTrugschlüsse entstehen.

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Auf der comischen Schaubühnemacht die Laune der Hauptpersonen,oft das Vornehmste aus. N ichrs istbelustigender zu scheu und zu hören,als die Farbe und der Ton, den die,Laune allen Handlungen und Urthci-len der Menschen giebt; und die merk-würdigsten Gegensätze entstehen da,wo Personen von entgegengesetzterLaune sich für einerlei) Gegenständeintcressiren, da der eine alles von derverdrießlichen, der andre von der lu-.fügen Seite ansieht. Der Dichterhat auch nirgendwo bessere Gelegen-heit, als bey solchen Contrasten, unsdie gerade Richtung der Vernunftsichtbar zu machen. Die wichtigstenBeobachtungen, die der Mensch übersich selbst inachen könnte, wären oh-,ne Zweifel die, die er über den Ein-fluß seiner Laune auf seine Urtheilcmachen würde. Wir müssen uns oftüber uns selbst verwundern, daßwir zu verschiedenen Zeiten so ver-schiedene Urtheile über dieselben Sa-chen fällen. Sie sind eine Würkungder Laune. Der römische Schauspie-ler kann uns dergleichen Beobachtun-gen erleichtern.

Wer für die römische Bühne ar-beiten will, muß sich in jede Art derLaune zusetzen wissen. Darin findeter das sicherste Hülfsinittel, den Zu-schauer zu ergötzeil und zu unter-richten. Darum ist es sein Haupt-studillin die Menschen in jeder Gat-tung der Laune zu beobachten. Erkann es als eine Grnndmaxime an-nehmen, daß er gewiß nur in denSccnen recht glüklich ist, wo es ihmgelungen , sich selbst in die Laune zusetzen, die er zu schildern hat.

Auch in dein gemäßigten lyrischenTon, besonders in Liedern, thut dieLaune fast alles. Man merkt es garbald, wenn das Gemüth des Dich»ters nicht in dem Ton gestimmt ge-wesen, den er annimmt. Wir er-götzen uns an der wollüstigen Launedes Anakreons, die ihn so naiv

macht;