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Es ist wahr, die Künste sind ohneHülfe der Kuiistrichttr zn einem ho-hen Grad der Vollkommenheit gestie-gen. Aber dieses beweiset nicht, daßim Reiche der Künste der Kunstrich-ter cmc überflüssige Person sey. DerGeist des Menschen hat von der Na-tur einen, keine Granzen kennendenTrieb nach immer hoher steigenderVollkommenheit, zum Geschenke be-kommen. Wer wird sich also unter-stehen ihm Schranken zu setzen? Solange die Crilik einen hohe-rn Gradder Vollkommenheit sieht, kann nie-mand lagen, daß er über die Kräfteder Kunst reiche.
Doch kann auch dieses nicht ge-lungner werden, daß die Künste mci-stcmheils ihrem Verfall am nächstengewesen, wenn die Critik und dieMenge der Aunstrichtcr aufs höchstegestiegen sind. Die griechischen Dich-ter , die spater als Aristoteles gelebthaben, scheinen weit unter denen zufcyu, die vor diesem Kunstrichrcr ge-wesen sind, lind wer wird sich ge-trauen zu behaupten, daß die latei-nische Dichtkunst nach Horaz, oderdie französische nach Poilcau hohergestiegen sey, nachdem diese Kunst-richter das Licht der Critik habenscheinen lassen?
Aber dieses beweist nichts gegendie Critik. Die fürtrefflichen Werkeder Kunst mögen immer alter als sieseyn, so wie die edelste» Thaten derphilosophischen Kenntniß der Sitten-lehre können vorhergegangen seyn.Man hat große Heerführer und großeKriegsthaten gesehen, ehe man überdie Kriegskunst geschrieben hat, undvor der Philosophie gab es großePhilosophen. Dieses beweist blos,daß die Bestrebungen des Geniesnicht von Theorien und Untersuchun-gen abhängen, sondern ganz andereVeranlassungen haben. Der Man-gel des Genies kann durch die HellesteCritik nicht ersetzt werden; und wennauch dieses vorhanden ist, so wird
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es nicht durch Kenntniß der Regeln,sondern durch innerliche Triebe, dievon irgend einer Nothwendigkcit her-kommen, in Würksamkeit gesetzt.Der Mensch, dem die Natur allesgegeben hat, sinnreich und erfinde-risch zu werden, wird es doch erstdann, wenn ihn irgend eine Rothantreibet, seine Kräfte zusammen zunehmen. Diese Bestrebung entstehtfreylich nicht aus der Critik. SchonAcschylus hat angemerkt, daß dieNothwendigkeit, und nicht die Kennt-niß der Kunst dem Genie seine Star-ke giebt *). Aber diese Kräfte habeneine Lenkung nörhig, um den näch-sten Weg einzuschlagen, der zumZwckführet.
Man erkennet deutlich, warumnicht eher große Kunstl ichter entste-hen können, als bis große Künstlergewesen sind. Denn aus Betrach-tung der Kunstwerke entstehet dieCritik. Daß aber die Künste fallen,nachdem die Critik das Haupt emporhebt, muß von zufälligen Ursachenherkommen. Denn in der deutlichenKenntniß der Kunst kann der Grundvon der Unthätigkeit des Genies nichtliegen.
Freylich kann eine falsche und spitz-findige Critik den Künsten selbst sehrschädlich werden, wie eine spitzfindigeMoral einen sehr schlimmen Einflußauf die Sitten haben kann. Es isttausendmal besser, daß die Menschenvon gutem sittlichen Gefühl nach ih-ren natürlichen und unverdorbenenEmpfindungen, als nach Grundsä-tzen und Lehren einer sophistischenSittenlehre handeln. Und in diesemFalle sind auch Künstler von gutemnatürlichen Genie in Beziehung aufeine spitzfindige Critik. Nur so lan-ge als sie ans achten Grundsätzen,ohne Zwang und Sophisterei), natür.liche Folgen zieht, wird sie unfehl-
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