K ü n
kraft, so wollen wir erforschen, oll dieVernunft nichts größeres darin cnt-deke. Wir wollen sehen, wie weitdie Weisheit den Hang zur Kunst ge-bahnter Menschen alles reizend zumachen, und die bey allen Menschensich zeigende Anlage voni Schönen ge-rührt zu werden, nutzen könne.
Es ist nicht nothwendig , daß wiruns, tun diese Absicht zu erreichen,in tiefsinnige und weitlauftige Unter-suchungen einlassen. Wir finden inder Beobachtung der Natur einenweit näheren Weg, das, was wir su-chen, zu entdcken. Sie ist die ersteKünstlerin; und in ihren wunderba-ren Veranstaltungen entdcken wir astles, was den menschlichen Künstendie höchste Vollkommenheit und dengrößten Werth geben kann.
In der ganzen Schöpfung stimmtalles darin übercin, daß das Augeund die andern Sinnen von allenSeiten her durch angenehme Eindrü-ke gerührt werden. Jedes zu unsermGebrauch dienende Wesen hat außerseiner Nutzbarkeit auch Schönheit.Selbst die, welche uns nicht unmit-telbar angehen, scheinen blos darum,weil wir sie täglich vor Augen haben,nach schönen Formen gebildet und mitschönen Farben bekleidet zu seyn.
Ohne Zweifel wollte die Naturdurch die von allen Seiten auf unsznsiröhmcndcn Annehmlichkeiten un-src Gemüthcr überhaupt zu derCanftmuth und Empfindsamkeit bil-den, nwdurch das rauhe Wesen, daseine übertriebene Selbstliebe und stär-kere Leidenschaften geben, mit Lieb-lichkeit gemaßiget wird. Die Schön-heiren sind einer in uns liegenden fei-neren Empfindsamkeit angemessen;durch den Eindruk, den die Farben,Formen und Stimmen der Natur aufuns machen, wird sie beständig ge-reizt, und dadurch wird ein zarteresGefühl in uns rege, Geist und Herzwerden geschäfftiger, und nicht nurdie grobem Empfindungen, die wir
K ü n ?z
mit den Thieren gemein hallen , son-dern auch die sanften Eindrüke wer-den in uns würksam. Dadurch wer-den wir zu Menschen; unsrcThatig-kcit wird vermehrt, weil wir mehre-re Dinge interessant finden; es ent-steht eine allgemeine Bestrebung allerin uns liegenden Kräfte; wir hebenuns aus dem Staub empor, und nä-hern uns dem Adel höherer Wesen.Wir finden nun die Natur nicht mehrzu der bloßen Befriedigung unftcrthierischcn Bedürfnisse, sondern zueinem feinem Genuß und zu all-mahligcr Erhöhung unscrs Wesenseingerichtet.
Aber bey dieser allgemeinen Ver-schönerung der Schöpfung über-haupt, hat die Natur es noch nichtbewenden lassen. Vorzüglich hatdiese zartlicheMuttcr den vollen Reizder Annehmlichkeit in die Gegenstän-de gelegt, die uns zur Glükseligkeitam nöthigstcn sind. Sie wendetSchönheit und Häßlichkeit an, umuns das Gute und Böse kennbar zumachen; jenem giebt sie einen höhernReiz, damit wir es lieben; diesemeine widrige Kraft, daß wir es vcr-abscheucn. Was ist zum Glük desMenschen und zu Erfüllung seinerwichtigsten Bestimmung nothwcndi-ger, als die gesellschaftlichen Verbin-dungen mit andern Menschen, diedurch gegenseitig verursachtes Ver-gnügen geknüpft werden? besondersdie selige Vereinigung, wodurch derauch in der größern Gesellschaft nochcinzele Mensch eine, ihm so unent-behrliche Mitgcnossin aller seiner Gü-ter findet, die seine Freuden durchden Mitgenuß vergrößert, seinenKummer mildert, und alle seine Mü-he erleichtert? lind wohin hat dieNarur mehr Annehmlichkeit und mehrReiz gelegt, als in die menschlicheGestalt, wodurch die stärksten Ban-de der Sympathie geknüpft werden?Aber die höchsten Reizungen derSchönheit finden sich da, wo sie, umC 5 die