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Der Künstler untersuche genau,nachdem er den Plan oder Entwurfseines Werks gemacht hat, ob er nuneinen genau bestimmten und klarenBegriff von dcmstlbeu habe; ob dievor ihm liegenden Theile so zusam-menhangen, daß das Ganze, waser vorstellen will, würklich darauserwachst. Will er sicherer seyn, sichin seinem Urtheile nicht zu irren: solege er den Einwurf, so kurz gefaßt,als es möglich ist, einem Freund vor,und befrage ihn, ob das, was er sieht,ihm einen hellen und wolbestimmtenBegriff von dem Werke gebe. Solange in dem Plan oder Entwurf desWerks, die geringste Ungewißheitbleibet, oder wenn er nicht in wenigWorten, jedem nachdenkenden Men-schen , deutlich kann angezeiget wer-den, so ist es mit der Klarheit desGanzen noch nicht richtig.
Hiernachst befleißige ersieh, seinemPlan nach Maßgebung des Rcich-thums der Materie, die höchstmög-liche Einfalt zu geben. Die Haupt-mittcl hiezu sind anderswo an dieHand gegeben worden *). Denn be-obachte er die Maximen der bestenAnordnung undGruppirung; inson-derheit wenige großeMaffen, die wolzusammenhangen, und deren jedewieder ihre untergeordneten Gruppenhabe **). Hierauf bezeichne er jedeHauptgruppe nach Maaßgcbung ih-rer Wichtigkeit ausführlicher, grös-ser, nachbrüklichcr, als die wenigerwichtigen; die Nebensachen bezeichneer flüchtig, und nur überhaupr, daßsie mehr angezeiget, als ausgeführtscyen.
Hat der Künstler dieses beobachtet,so wird es seinem Werk im Ganzengewiß nicht an Klarheit fehlen; jederverständiger Kenner wird bestimmtfassen, was er mit dem ganzen Werkhat sagen wollen.
*) S. Einfalt, U TH. S. i? f.
S. Anordnung; Gruppe.
Unter den gröstern Werken derDichtkunst hat die Acneis den höch-sten Grad der Klarheit im Ganzen.Der ganze Plan laßt sich sehr leichtübersehen; und auf welche besondereStelle dieses reichen Gemahldes mansieht, da erblikt man den Helden,entdeket den Zwek seiner Unterneh-mungen, die Schwierigkeiten, die erbereits überwunden, und die er nochzu überwinden hat. Die Ilms hatim Ganzen weniger Klarheit, ob-gleich d^r Plan auch ganz einfach ist.Aber das Werk hat noch viel von derrohen Natur, und ist nicht in so we-nig große Massen geordnet, als dieAeneis; die Zahl der einzelen Grup-pen, die keiner größern Masse un-tergeordnet sind, ist fast unermeßlich.Man bewundert Homer als ein mäch-tiges, unerschöpfliches, alles um-fassendes Genie, und Virgil als ei-lten feinen Künstler. Von unferndeutschen Epopöen hat der Meßiasin diesem Stük mehr von der Ilms,die Noachide mehr von der Aeneis;aber bei) der Klarheit hat diese Epo-pöe den Fehler, daß in dem Planetwas unbestimmtes bleibt, da esnicht klar genug in die Augen fallt,ob die Vertilgung der Sünder, oderdie Rettung der Noachiden dieHauptsache sei).
In dem Trauerspiel hat Sopho-kles wegen der größer» Einfalt desPlans, im Ganzen mehr Klarheit,als Euripides; in der Ode Horazmehr, als Pindar; in derNcdeDe-mosthcnes mehr, als Cicero. In Ge-mahlden sind Raphael und Corregioin diesem Stük die größten Meister,und in der Musik Händel. In derBaukunst muß man vorzüglich dieAlten zu Mustern nehmen, und u.i-tcr den Neuer» lieber die altern ita-lianischen, als die französischen Bau-meister.
Eben die Mittel, wodurch dieKlarheit im Ganzen erhalten wird,dienen auch sie jedem einzeln Theile