Druckschrift 
3 (1793) [K - Q]
Entstehung
Seite
21
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K i r

nahmen sie, so wie sie dieselbe fan-den, und beraubten sie noch ihrergrößten Kraft, des Zeitmaaßcs undRhythmus, da sie dieselbe von dergebundenen Rede, die ihr immer zumGrunde gedient hatte, auf dicProseder heiligen Bücher, oder auf einevöllig barbarische Poesie, die siir dieMusik noch arger als Prose war,anwendeten. Damals verschwandeiner der zwcy wesentlichen Thcilcder Musik, und der Gesang, deritztohne Takt und immer mit einerlei)Schritten fortgeschleppt wurde, ver-lor mit dem rhythmischen Gang al-le Kraft, die er ehmals von ihm ge-habt hatte. Nur in einigen Hym-nen merkte man noch den Fall derVerse, weil das Zeitmaaß der Syl-ben und die Füße darin bcybehaltenwurden."

Aber dieser wesentlichen Mangelungeachtet, finden Kenner in demChoral, den die Priester in der römi-schen Kirche, so wie alles, was zumAcußerlichcn des Gottesdienstes gehö-ret, in seinem ursprünglichen Cha-rakter erhalten haben, höchst schätz-bare Ucberblcibsel des alten Gesan-ges nnd seiner verschiedenen Tonar-ten, so weit es möglich war, sie oh-ne Takt und Rhythmus, und blosin dem diatonischen Klanggcschlechtzu erhalten. Das wahre diatonischeGeschlecht hat sich nur in diesen Cho-rälen in seiner Reinigkcit erhalten,und die verschiedenen Tonarten derAlten haben darin noch ihre beydcnHauptabzeichen, davon das eine vonder Tonica, oder dem Hauptton,woraus der Gesang gcht, das andrevon der Lage der halben Töne herge-nommen ist."

Diese Tonarten, so wie sie in al,ten Kirchenliedern auf uns gekom-men sind, haben würklich das Cha-rakteristische, das jeder eigen ist, unddieMannichfaltigkeitdes leidenschaft-lichen Ausdruks so behalten, daß esjedem Kenner fühlbar ist."

Kir 21

So urtheilet Rousseau von demGeschmak der Kirchenmusik *); undan einem andern Orte **) sagt er,man müsse nicht nur alles Gefühlsder Andacht, sondern alles Geschmaksberaubet seyn, um in den Kirchen dieneumodische Musik dem alten Cho-ral vorzuziehen.

Diese Gedanken eines so feinenKenners desto richtiger zu verstehen,muß hier angemerkt werden, daß esin der ächten Kirchenmusik, wovonwir unsre völlig nach dem Geschmakdes Theaters eingerichtete geistlicheCantaten, die man in der römischenKirche noch nicht kennet, ausschlics-scn, ein Gesetz ist, alles nach denTonarten der Alten zu behandeln k),die aber mci kcnthcils nur auf unserdiatonisches Geschlecht eingeschränktsind, weil die andern Geschlechter,das cnharmonischc und chromatische,zur Zeit, da die Kirchenmusik aufge-kommen ist, schon aus der Uebunggekommen waren. Also wählt derTonsetzcr für jedes besondere Stük,es scy Choral, Fuge, oder was fürGestalt es sonst habe, eine der alte»Tonarten, die sich zu dem Affekt desStüks am besten schiket, und bindetsich an den ihr vorgeschriebenen Um-fang, der entweder von der Tonicazur Dominante, oder von der Do-minante zur Tonica geht. Da nachdiesem Gesetze jede Stimme nur ei-nen kleinen Umfang hat, so gchtauch der Gesang selbst meistentheilsdurch kleine Intervalle, wodurch dasHüpfende und Springende der sogenannten galanten Musik aus derKirche verbannet wird. Dieser Ein-schränkung ungeachtet, weiß ein er-fahrner Tonsetzcr dennoch eine großeMannichfaltigkeit von melodischenund harmonischen Sätzen in einStük zu bringen.B z Seine

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/Xrr. ktorerr.t) S. Tonarten der Alten.