K a l
da scheinet es, daß man auf denfeurigen Ausdruk so viel Aufmerk-samkeit wende, daß der kalte dar-über ganz vergessen wird. Und dochist dieser überall nothwendig, woder Inhalt selbst blos Vernunft ist.Wo Sachen vorkommen, die in demTon der Bcrathschlagung und derUeberlegung geschrieben sind, damuß der Vortrag kalt, aber nach-denklich seyn. In der Kalte desRedners selbst liegt oft schon dieKraft der Uebcrzeugung, so wie erim Gegentheil oft durch die Hitze,womit er in uns dringet, uns ver-dächtig wird.
Cs trifft sich fo gar, daß bei) sehrwichtigen Gegenständen die Sachendurch einen kalten Vortrag weit mehrNachdruk bekommen, als der lebhaf-teste, feurigste Vortrag hatte bewür-fen können. Der Schauspieler ranndie vorher angeführte Antwort desalten Horaz nicht wol in einem znkalten und ruhigen Ton vortragen.Denn eben dadurch bekommt derCharakter des Mannes feine Große.Und wie groß ist nicht das, was vondem Lpibcet erzählt wird, der fei-nem grausamen Herrn, da er ihm inder Wuth ein Bein zerbrochen, inruhigem kalten Ton sagt: Ick hattedies u?ol vorbcrgcjagt, oast eo sokommen mürüe Es ist offenbar,daß dieses um so viel starkern Ein-druk machen muß, je kalter es ge-sagt wird.
Kalt, bezeichnet in der Mahlereyeine Unvollkommenheit indem Colo-rit, da nämlich den gemahlten Ge-genständen das Leben, und eine Wär-me, die man in der Natur darin znfühlen glaubt, fehlet. Nicht nur dieThiere, die, so lange sie leben, eineinnerliche Wärme haben, sondernauch Landschaften, wo die Natur inihrer vollen Würksamkcir ist, erwe-ken bisweilen eine Empfindung, dieman mit der Wärme vergleicht-
Kal z
Ucberhaupt wendet man gar oft dieBegriffe von Warme'und Kälte aufdie Farben an. Gewissen Farbenschreibet man so gar ein Feuer zu,und fo scheinen andre kalt. Die schö-nen ganzen Farben, besonders wennsie glänzen, erweken den Begriff derWärme; die gebrochenen und mat-ten Farben aber den Begriff derKälte. Also ist jedes Gemähld, womatte Mittelfarben herrschen, dasdaher aussieht, als wenn es mit ge-färbten Kreiden gemahlt wäre, kalt.Man empfindet dabcy, daß die Far-ben nicht das glänzende Kleid derNatur, sondern eine künstlicheSchminke sind.
Ein kaltes Colorit benimmt deinGemählde von d'cr ersten Erfindungund Zeichnung sehr viel von seinemWerthe, wie man an den Gemahl-den des Poußin sehen kann. Jemehr der Mahlcr in Mischung undZusammensetzung seiner Farben kün-stelt, und sie, wie die französischenKnnstrichter cs wol ausdrüken, aufder Palette martert, je mehr läufter Gefahr ein kaltes Colorit zu bc-kommen. Im Gegentheil also ver-meidet man das Kalte, wenn manviel ganze Farben braucht; wennman sie voll und stark aufträgt, undwenig darein arbeitet. Nur gehörtalsdcnn eine große Kenntniß undFertigkeit dazu, nicht hart oder buntzu werden. Die meisten Mahler wür-den ins Bunte fallen, wenn sie daswarme und äußerst schöne Colorit ei-nes Eorregio nachahmen wollten *).
Es gicbt eine Art zu mahlen, nachwelcher die Gemählde durch das Al-ter die Wärme verlieren, welchesman Absterben nennt; die also mitder Zeit kalt werden. Dieses ge-schieht, wenn der Mahler seine Far-ben nicht kennt, und solche unterein-ander mischt oder über einandertragt, die sich nach und nach zcrstö-A 2 ren;
*) S. Wann.