2 Äst!
Es scheinet um so mehr der MüheWerth, die Dichter und den Rednerauf diesen Gegenstand aufmerksamzu machen, da er gewöhnlich ganzübersehen wird. Die meisten Knnsi-richtcr sprechen von warmen, leb-haften Empfindungen, als wennsie die einzigen waren, woraufdie redenden Künste zielen: und sel-ten trist man in Werken der Knnstmerkwürdige Charaktere von kalterArt an.
Sollte der dnrch die Starke derVernunft bei) leidenschaftlichen Ge-genstanden kalt bleibende Mensch,für den Künstler ein weniger vor-theilhaster Gegenstand seyn, alsder durch Leidenschaft aufgebrachte?Dieses werden nur die Künstler be-haupten, denen es selbst an einemgewissen Grad der Starke des Gei-stes fehlet. Nur diese werden alle-mal einen aufbrennenden Achilleseinem kalten Regulas vorziehen.Frcylich ist es sehr viel leichter jenen,als diesen, nach seinem Charakterreden und handeln zu lassen. Derleidenschaftliche Zustand ist dem Men-schen gewöhnlicher, als der kalte,der eine Würkung der Vernunft ist;darum wird jener dem Künstler inder Bearbeitung, und dem Liebha-ber in der Vcurtheilung und im Ge-nuß leichter, als dieser.
Aber eben dcßwegen hat der Künst-ler , um etwas ganz vorzügliches zumachen, die Gelegenheit in Acht zunehmen, solche schwerere Charakterezu behandeln. Dadurch kann er beyden fcincsten Kennern sich den größtenRuhm erwerben, und den Beyfallder Menschen erhalten, die eine hö-here Vernunft, eine vorzügliche Star-ke des Geistes, über die andern er-hebt. Das Kalte ist der Erhaben-heit eben so fähig, als das Leiden-schaftliche, und rühret noch mehr,weil es seltener ist, und höhere Gc-müthskraftc crfodert. Ein Beyfpicldavon giebt uns der alte Horaz des
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P. Eouncille. Die Antwort, dieihm der Dichter bei) einer Höchst lei-denschaftlichen Gelegenheit in denMund legt *): Su'il mourüt, wirdmit Recht unter den Beyspielen desErhabenen angefnhret Sie ist kal-te Vernunft, und ruhige Starke desGeistes. Und so ist der Abschied desNoah und Sipha in der Noachi-de **).
In Absicht auf den Nutzen könnenwir anmerken, daß man zwar sehroft nothig hat, den tragen Men-schen anzutreiben, feine Kräfte znbrauchen: aber auch nur gar zu oftsind die Nerven der Seele zu reizbar,und fodern den Einfluß der kühlen-den Vernunft-
Wir empfehlen dem epischen unddem dramatischen Dichter, ein ernst-liches Nachdenken über die Wichtig-keit der kalten Charaktere. Kom-men sie gleich selten vor, so sind siedann von desto großen» Gewichte.Selbst die Ode, oder wenigstens dasLied verträgt bisweilen den kaltenTon der Vernunft. Wer Lust hatin dieseni Fach Versuche zn machen,der kann sich dazn am besten dadurchvorbereiten, daß er sich mit denSchriften der alten Stoiker, undder ächten Schüler des Sokratcs,demNenophon und Acfchines bekanntmacht. Denn nirgend erscheinet dieVernunft so sehr in ihrer wahrenStärke, als in diesen Heyden Schu-len der Philosophie. Aber wie vielgeHort nicht dazu, in dieser Artglüklich zu seyn; wie leicht ist esnicht, hier matt und langweilig znwerden? Die Kunst erfodert vor-züglich eine lebhafte Einbildungs-kraft; und wie gar selten ist diese mitder starken Vernunft verbunden?
Den Rednern und Schauspielernist in Ansehung des Bortrages nochein Wort hierüber zu sagen. Auch
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5) S. Art. Groß, n Th. S. 44;.
5*) S. Art. Heroisch, u Th. S. 577.