Druckschrift 
2 (1847)
Entstehung
Seite
20
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Von Ovidius hätten wir als Frucht seines langen Aufent-halts in den Ebenen von Tomi (in Unter-Mafien) einedichterische Naturbeschreibung der Steppen erwarten kön-nen, deren keine aus dem Alterthum auf uns gekommenist. Der Verbannte sah freilich nicht die Art von Steppen,welche im Sommer mit vier bis sechs Fuß hohen, saft-reichen Kräutern dicht bedeckt find und bei jedem Windes-hauch das anmuthige Bild bewegter Blüthenwellen darbie-ten; der VerbannungSort des Ovidius war ein ödes,sumpfreiches Steppenland, und der gebrochene Geist desunmännlich Klagenden war mit Erinnerungen an die Ge-nüsse der geselligen Welt, an die politischen Ereignisse inRom, nicht mit der Anschauung der ihn umgebenden sch-thischen Einöde erfüllt. Als Ersatz hat uns der hochbe-gabte, jeder lebensfrischen Darstellung so mächtige Dichterneben den, freilich nur zu oft wiederholten, allgemeinenSchilderungen von Höhlen, Quellen undstillen Mond-nächten" eine überaus individualistrte, auch geognostischwichtige Beschreibung des vulkanischen Ausbruchs bei Me-thone, zwischen Epidaurus und Trözen, gegeben. Es istdieser Beschreibung schon an einem anderen Orte, in demNaturgcmälde 5°, gedacht. Ovidius zeigt uns,wie durchder eingezwängten Dämpfe Kraft der Boden gleich einer luft-gefüllten Blase, gleich dem Fell des zweigehornten Bockesanschwillt und sich alö ein Hügel erhebt".

Am meisten ist zu bedauern, daß Tibullus keine großenaturbeschreibende Composition von individuellem Charakterhat hinterlassen können. Unter den Dichtern des Augustei-schen Zeitalters gehört er zu den wenigen, die, deralerandrinischen Gelehrsamkeit glücklicherweise fremd, der