23t) Novellistische Fragments.
Die öde Werkeltagsgcsinnung der modernen Puritaner verbreitetsich schon über ganz Europa, wie eine graue Dämmerung, die einerstarren Winterzeit vorausgeht.,, WaS bedeuten die armen Nachtigallen,die plötzlich schmerzlicher, aber auch süßer als je ihr melodischesSchluchzen erheben im deutschen Dichtcrwald? Sie singen ein weh-mütiges Ade! Die letzten Nymphen, die das Christentum verschonthat, sie flüchten ins wildeste Dickicht! In welchem traurigen Zu-stande habe ich sie dort erblickt, jüngste Nacht!
Als ob die Bitternisse der Wirklichkeit nicht hinreichend kummer-voll wären, quälen mich noch die bösen Nachtgcsichte ... In grellerBilderschrift zeigt mir der Traum das große Leid, das ich mir gernverhehlen möchte, und das ich kaum auszusprechen wage in dennüchternen Begrisfslanten des hellen Tages. —
Jüngste Nacht träumte nur von einem großen Wilsten Waldeund einer verdrießlichen Herbstnacht. In dem großen wüsten Walde,zwischen den himmelhohen Bäumen, kamen zuweilen lichte Platze zumVorschein, die aber von einem gespenstisch weißen Nebel gefüllt waren.Hie und da aus dem dicken Nebel grüßte ein stilles Waldfeucr. Anseines derselben hinzuschreibend, bemerkte ich allerlei dunkle Schatten,die sich rings um die Flammen bewegten; doch erst in der unmittel-barsten Nähe konnte ich die schlanken Gestalten und ihre melancholischholden Gesichter genau erkennen. Es waren schöne, nackte Fraueu-bilder, gleich den Nymphen, die wir auf den lüsternen Gemäldendes Julio Romano sehen, und die in üppiger Jugendblüte untersommergrünem Laubdach sich anmutig lagern und erlustigen . . .Ach! kein so heiteres Schauspiel bot sich hier meinem Anblick! DieWeiber meines Traumes, obgleich noch immer geschmückt mit demLiebreiz ewiger Jugend, trugen dennoch eine geheime Zerstörnis anLeib und Wesen; die Glieder waren noch immer bezaubernd durchsüßes Ebenmaß, aber etwas abgemagert und wie überfrvstelt vonkaltem Elend, und gar in den Gesichtern, trotz des lächelnden Leicht-sinns, zuckten die Spuren eines abgrundtiefen Grams. Auch stattauf schwellenden Rosenbünken, wie die Nymphen des Julio, kauertensie auf dem harten Boden unterhalb entlaubten Eichbäumen, wo,
hält sich nicht bloß durch Genleinsinu und Patriotismus der Volksmasse. wiemau gewöhnlich glaubt, sondern er erhält sich durch die Geistesmacht großerIndividualitäten, die ihn lenken. Nun aber wissen wir. daß der eifersüchtigeGleichheitssinn in den oberwähnten Republiken alle ausgezeichneten Individua-litäten immer zurückstoßen, ja unmöglich machen wird, und daß in Zeiten derNot nur Gevatter Gerber und Knackwursthändler sich an die Spitze des Gemein-wesens stellen werden . . . Wir habcn's erlebt, durch dieses Grnndübel ihresinnersten Wesens gehen die plebejischeil Republiken gleich zu Grunde, sobald siemit energischen Oligarchien und Autokratien in einen entscheidenden Kampf treten.
„Dieses Bewußtsein, daß das Reich der Republikaner von kurzer Dauer seinwird, beruhigt mich, wenn ich es allmählich herandrohen sehe. Und in der Thar,die öde Werkeltagsgesinnung w." Der Herausgeber.