Heinrich Heines sämtliche N)erke in zwölf Bänden. Mit einer Biographic von Dr. G. Karpvles. Skfter lKand. Inhalt: Novellistische Fragmente. — Ludwig Börne. Leipzig. Verlag von Gustav Fock. Inhalt. Novellistische Kraqmente. ' Seite Der Rabbi von Bacharach 5 Memoiren des Herrn von Schnabelewopski 37 Florentinische Nächte 78 Ludwig Dorne. Erstes Buch. Börne in Frankfurt am Main 124 Zweites Buch. Briefe ans Helgoland über die Julirevolution .... 144 Drittes Buch. Borne und die politischen Flüchtlinge in Frankreich . . 166 Viertes Buch. Börnes letzte Lebensjahre 183 Fünftes Buch. Börnes Angriffe auf Heine 214 1* Novellistische Hragmente, Der Rabbi von Bacharach. (Ein Fragment.) Kapitel i. Unterhalb des Rheingaus. Ivo die Ufer deS Stromes ihre lachende Miene verlieren, Berg und Felsen mit ihren abenteuerlichen Burgruinen sich trotziger gebärden, und eine mildere, ernstere Herrlichkeit emporsteigt, dort liegt, wie eine schaurige Sage der Vorzeit, die finstere, uralte Stadt Bacharach. Nicht immer waren so morsch und verfallen diese Mauern mit ihren zahnlosen Zinnen und blinden Warttiirmcheu, in deren Luken der Wind pfeift und die Spatzen nisten; in diesen armselig häßlichen Lehingasscn, die man durch das zerrissene Thor erblickt, herrschte nicht immer jene öde Stille, die nur dann und wann unterbrochen wird von schreienden Kindern, keifenden Weibern und brüllenden Kühen. Diese Mauern waren einst stolz und stark, und in diesen Gassen bewegte sich frisches, freies Leben, Macht und Pracht, Lust und Leid, viel Liebe und viel .Haß. Bacharach gehörte einst zu jenen Mnnicipien, welche von den Römern während ihrer Herrschaft am Rhein gegründet worden, und die Einwohner, obgleich die folgenden Zeiten sehr stürmisch und obgleich sie späterhin unter Hohenstanfische und zuletzt unter Wittelsbncher Oberherrschaft gerieten, wußten dennoch, nach dem Beispiel anderer rheinischen Städte, ein ziemlich freies Gemeinwesen zu erhalten. Dieses bestand aus einer Verbindung einzelner Körperschaften, wovon die der patrizischen Alt- bürgcr und die der Zünfte, welche sich wieder nach ihren verschiedenen Gcwerken nnternbteilten, beiderseitig nach der Allcinmacht rangen, so daß sie sämtlich nach außen zu Schutz und Trutz gegen den nachbarlichen Ranbadcl fest verbunden standen, nach innen aber wegen streitender Interessen in beständiger Spaltung verharrten; und daher unter ihnen wenig Zusammenleben, viel Mißtrauen, oft sogar thätlichc Ausbrüche der Leidenschaft. Der herrschaftliche Vogt saß auf der hohen Burg Snrcck, und wie sein Falke schoß er herab, wenn man ihn rief, 6 Novellistische Fragmente. lind auch manchmal ungerufen. Die Geistlichkeit herrschte im Dunkeln durch die Verdunkelung des Geistes. Eine am meisten vereinzelte, ohnmächtige und vom Bürgerrechte allmählich verdrängte Körperschaft war die kleine Judengcmeinde, die schon zur Römerzcit in Bacharach sich niedergelassen, und späterhin wahrend der großen Judenverfolgung ganze Scharen flüchtiger GlanbcnSbrndcr in sich aufgenommen hatte. Die große Judenverfolgung begann mit den Krenzzügcn und wütete am grimmigsten nin die Mitte des 14. Jahrhunderts, am Ende der großen Pest, die, wie jedes andere öffentliche Unglück, durch die Inden entstanden sein sollte, indem man bebauptetc, sie hätten den Zorn Gottes herabgeflncht und mit Hilfe der Aussätzigen die Brunnen vergiftet. Der gereizte Pöbel, besonders die Horden der Flagellanten, halbnackte Männer und Weiber, die, zur Buße sich selbst geißelnd und ein tolles Mnrienlied singend, die Rheingegend und das übrige Snddentschland durchzogen, ermordeten damals viele Tausend Juden, oder marterten sie, oder tauften sie gewaltsam. Eine andere Beschuldigung, die ihnen schon in früherer Zeit, das ganze Mittelalter hindurch bis Ansang des vorigen Jahrhunderts, viel Blut und Angst kostete, das war das läppische, in Chroniken und Legenden bis zum Ekel oft wiederholte Märchen, daß die Inden geweihte Hostien stählen, die sie mit Messern durchstächen, bis das Blut Heransfließe, und daß sie an ihrem Paschafestc Christenkindcr schlachteten, um das Blut der selben bei ihrem nächtlichen Gottesdienste zu gebrauchen. Die Inden, hinlänglich verhaßt wegen ihres Glaubens, ihres Reichtums und ihrer Schuldbücher, waren an jenem Tage ganz in den Händen ihrer Feinde, die ihr Verderben nur gar zu leicht bewirken konnten, wenn sie das Gerücht eines solchen Kindcrmvrds verbreiteten, vielleicht gar einen blutigen Kindcrleichnnm in das verfemte Haus eines Inden heimlich hineinschwärztcn und dort nächtlich die betende Judenfamilic überfielen, wo alsdann gemordet, geplündert und getaust wurde, und große Wunder geschahen durch das vorgefundene tote Kind, welches die Kirche am Ende gar kanonisierte. Sankt Werner ist ein solcher Heiliger, nnd ihm zu Ehren ward zu Sbcrwesel jene prächtige Abtei gestiftet, die jetzt am Rhein eine der schönsten Ruinen bildet, und mit der gotischen Herrlichkeit ihrer langen spitzbögigcn Fenster, stolz emporschießenden Pfeiler und L-teinschnitzeleien uns so sehr entzückt, wenn wir an einem heiter-grünen Sommertage vorbeifahren nnd ihren Ursprung nicht kennen. Zu Ehren dieses Heiligen wurden am Rhein noch drei andere große Kirchen errichtet, und unzählige Inden getötet oder mißhandelt. Dies geschah im Jahre 1287, nnd anch zu Bacharach, Ivo eine von diesen Sankt-Wcrnerskirchen gebaut wurde, erging damals über die Juden viel Drangsal nnd Elend. Doch zwei Jahrhunderte seitdem blieben sie verschont von solchcuAnfällenderVvlks- wut, obgleich sie noch immer hinlänglich angefeindet und bedroht wurden. Der Nabln von Bacharach. 7 Je mehr aber der Haß sie van außen bedrängte, desto inniger und traulicher wurde das häusliche Zusammenleben, desto tiefer wurzelte die Frömmigkeit und Gottesfurcht der Juden von Bacharach. Ein Muster gottgefälligen Wandels war der dortige Rabbiner, genannt Rabbi Abraham, ein noch jugendlicher Mann, der aber weit und breit wegen seiner Gclahrtheit berühmt war. Er war geboren in dieser Stadt, und sein Vater, der dort ebenfalls Rabbiner gewesen, hatte ihm in seinem letzten Willen befohlen, sich demselben Amt zu widmen und Bacharach nie zu verlassen, es sei denn wegen Lebensgefahr. Dieser Befehl und ein Schrank mit seltenen Büchern war alles, was sein Vater, der bloß in Armut und in Schriftgelahrtheit lebte, ihm hinterließ. Dennoch war Rabbi Abraham ein sehr reicher Mann; verheiratet mit der einzigen Tochter seines verstorbenen Vaterbruders, welcher den Jnwelcnhandcl getrieben, erbte er dessen große Reichtümer. Einige Fuchsbärte in der Gemeinde deuteten darauf hin, als wenn der Rabbi eben des Geldes wegen seine Frau geheiratet habe. Aber sämtliche Weiber widersprachen und wußten alle Geschichten zu erzählen, wie der Rabbi schon vor seiner Reise nach Spanien verliebt gewesen in Sara — man hieß sie eigentlich die schöne Sara — und wie Sara sieben Jahre warten mußte, bis der Rabbi aus Spanien zurückkehrte, indem er sie gegen den Willen ihres BaterS und selbst gegen ihre eigene Zustimmung durch den Tranring geheiratet hatte. Jedweder Jude nämlich kann ein jüdisches Mädchen zu seinem rechtmäßigen Eheweibe machen, wenn es ihm gelang, ihr einen Ring an den Finger zu stecken und dabei die Worte zu sprechen: „Ich nehme dich zu meinem Weibe nach den Sitten von Moses und Israel!" Bei der Erwähnung Spaniens pflegten die Fuchsbärte auf eine ganz eigene Weise zu lächeln; und das geschah wohl wegen eines dunkeln Gerüchts, daß Rabbi Abraham ans der hohen Schule zu Toledo zwar emsig genug das Studium des göttlichen Gesetzes getrieben, aber auch christliche Gebräuche nachgeahmt und frcigeistige Denknugsart eingesogen habe, gleich jenen spanischen Inden, die damals auf einer außerordentlichen Höhe der Bildung standen. Im Inneren ihrer Seele aber glaubten jene Fuchsbärte sehr wenig an die Wahrheit des angedeuteten Gerüchts. Denn überaus rein, fromm und ernst war seit seiner Rückkehr aus Spanien die Lebensweise des Rabbi, die kleinlichsten Glaubensgcbräuche übte er mit ängstlicher Gewissenhaftigkeit, alle Montag und Donnerstag Pflegte er zu fasten, nur am Sabbath oder andern Feiertagen genoß er Fleisch und Wein, sein Tag verfloß in Gebet und Studium, des Tages erklärte er das göttliche Gesetz im Kreise der Schüler, die der Ruhm seines Namens nach Bacharach gezogen, und des Nachts betrachtete er die Sterne des Himmels oder die Augen der schönen Sara. Kinderlos war die Ehe des Rabbi; dennoch fehlte es nicht nin ihn her an Leben und 8 Novellistische Fragmente. Bewegung. Der große Saal seines Hauses, welches neben der Synagoge lag, stand offen zum Gebrauche der ganzen Gemeinde; hier ging man aus und ein ohne Umstände, verrichtete schleunige Gebete, oder holte Neuigkeiten, oder hielt Beratung in allgemeiner Not; hier spielten die Kinder am Sabbathmorgen, während in der Synagoge der wöchentliche Abschnitt verlesen wurde; hier versammelte mau sich bei Hochzeit- und Leichenzügen, und zankte sich und versöhnte sich; hier fand der Frierende einen warmen Ofen und der Hungrige einen gedeckten Tisch. Außerdem bewegten sich um den Rabbi noch eine Menge Verwandte, Brüder und Schwestern mit ihren Weibern und Kindern, sowie auch seine und seiner Frau gemeinschaftliche Ohme und Muhmen, eine weitläufige Sippschaft, die alle den Rabbi als Familienhaupt betrachteten, im Hause desselben früh und spät verkehrten, und an hohen Festtagen sämtlich dort zu speisen pflegten. Solche gemeinschaftliche Fnmilicnmahle im Rabbinerhause fanden ganz besonders statt bei der jährlichen Feier des Pascha, eiucS uralten, wunderbaren Festes, das noch jetzt die Inden in der ganzen Welt am Borabend des vierzehnten Tages im Monat Nissen, zum ewigen Gedächtnisse ihrer Befreiung aus ägyptischer Knechtschaft folgendermaßen begehen. Sobald es Nacht ist, zündet die Hausfrau die Lichter an, spreitet das Tafeltuch über den Tisch, legt in die Mitte desselben drei von den platten ungesäuerten Broten, verdeckt sie mit einer Serviette, und stellt auf diesen erhöhten Platz sechs kleine Schusseln, worin symbolische Speisen enthalten, nämlich ein Ei, Lattich, Meerrcttichwurzcl, ein Lammknochen, und eine braune Mischung von Rosinen, Zimt und Nüssen. Nu diesen Tisch setzt sich der Hausvater mit allen Verwandten und Genossen und liest ihnen vor aus einem abenteuerlichen Buche, das die Agade heißt, und dessen Inhalt eine seltsame Mischung ist von Sagen der Vorfahren, Wnndergeschichten aus Ägypten, kuriosen Erzählungen, Streitfragen, Gebeten und Festliedern. Eine große Abendmahlzeit wird in die Mitte dieser Feier eingeschoben, und sogar während des Varlosens wird zu bestimmten Zeiten etwas von den symbolischen Gerichten gekostet, so wie alsdann auch Stückchen von dem ungesäuerten Brote gegessen und vier Becher roten Weines getrunken werden. Wehmütig heiter, ernsthaft spielend und märchenhaft geheimnisvoll ist der Charakter dieser Abendfeier, und der herkömmlich singende Ton, womit die Agade von dem Hansvater vorgelesen und zuweilen chorartig von den Zuhörern nachgesprochen wird, klingt so schnnervoll innig, so mütterlich einlullend, und zugleich so hastig aufweckend, daß selbst diejenigen Inden, die längst von dem Glanben ihrer Väter abgefallen und fremden Freuden und Ehren nachgejagt sind, im tiefsten Herzen erschüttert werden, wenn ihnen die alten wohlbekannten Paschaklängc zufällig ins Ohr dringen. Dcr Rabbi von Bacharach. g Im großen Saale seines Hauses saß einst Rabbi Abraham, und mit seinen Anverwandten, Schülern nnd übrigen Gästen beging er die Abcndfeier des Paschafcstes, Im Saale war alles mehr als gewöhnlich blank; über den Tisch zog sich die buntgestickte Seidendecke, deren Goldfranzen bis ans die Erde hingen; traulich schimmerten die Tellerchen mit den symbolischen Speisen, sowie auch die hohen wcin- gefüllten Becher, woran als Zierat lauter heilige Geschichten von getriebener Arbeit; die Männer saßen in ihren Schwarzmänteln und schwarzen Platthüten und weißen Halsbergen; die Frauen, in ihren wunderlich glitzernden Kleidern von lombardischen Stoffen, trugen um Haupt und Hals ihr Gold- und Perlengcschmcide; und die silberne Sabbathlnmpe goß ihr festliches Licht über die andächtig vergnügten Gesichter der Alten und Jungen. Ans den purpurnen Samtkissen eine? mehr als die übrigen erhabenen Sessels nnd angelehnt, wie es dcr Gebrauch heischt, saß Rabbi Abraham und las und sang die Agade, nnd dcr bunte Chor stimmte ein oder antwortete bei den vorgeschriebenen Stellen. Der Rabbi trug ebenfalls sein schwarzes Festkleid, seine cdelgeformtcn, etwas strengen Züge waren milder denn gewöhnlich, die Lippen lächelten hervor aus dem braunen Barte, als wenn sie viel Holdes erzählen wollten, nnd in seinen Augen schwamm es wie selige Erinnerung nnd Ahnung. Die schöne Sara, die ans einem ebenfalls erhabenen Samtsessel an seiner Seite saß, trug als Wirtin nichts von ihrem Geschmeide, nur weißes Linnen umschloß ihren schlanken Leib und ihr frommes Antlitz. Dieses Antlitz war rührend schön, wie denn überhaupt die Schönheit der Jüdinnen von eigentümlich rührender Art ist; das Bewußtsein des tiefen Elends, der bitteren Schmach und der schlimmen Fahrnisse, worinnen ihre Verwandten und Freunde leben, verbreitet über ihre holden Gesichtszüge eine gewisse leidende Innigkeit und beobachtende Liebesangst, die unsere Herzen sonderbar bezaubern. So saß heute die schöne Sara und sah beständig nach den Augen ihreS Mannes; dann und wann schaute sie auch nach der vor ihr liegenden Agade, dem hübschen in Gold und Samt gebundenen Pcrgamcntbnche, einem alten Erbstück mit verjährten Weinflcckcn ans den Zeiten ihres Großvaters, nnd worin so viele keck und bunt gemalte Bilder, die sie schon als kleines Mädchen am Pascha-Abend so gern betrachtete, nnd die allerlei biblische Geschichten darstellten, als da sind: wie Abraham die steinernen Götzen seines Vaters mit dem Hammer entzwei klopft, wie die Engel zu ihm kommen, wie Moses den Mizri totschlägt, wie Pharao prächtig auf dem Throne sitzt, wie ihm die Frösche sogar bei Tische keine Ruhe lassen, wie er, Gott sei Dank! versäuft, wie die Kinder Israel vorsichtig durch das Rote Meer gehen, wie sie offenen Maules mit ihren Schafen, Kühen und Ochsen vor dem Berge Sinai stehen, dann auch wie der fromme König David die Harfe spielt, und endlich wie 10 Novellistische Fragmente. Jerusalem mit den Türmen und Zinnen seines Tempels bestrahlt wird vom Glänze der Sonne! Der zweite Becher war schon eingeschenkt, die Gesichter und Stimmen wurden immer Heller, und der Rabbi, indem er eins der ungesäuerten Osterbrote ergriff und heiter grüßend emporhiclt, laS er folgende Worte aus der Agade: „Siehe! das ist die Kost, die unsere Väter in Ägypten genossen! Jeglicher, den es hungert, er komme und genieße! Jeglicher, der da traurig, er komme und teile unsere Paschafreude! Gegenwärtigen Jahres feiern wir hier das Fest, aber zum kommenden Jahre im Lande Israels! Gegenwärtigen Jahres feiern wir es noch als Knechte, aber zum kommenden Jähre als Söhne der Freiheit!" Da öffnete sich die Saalthüre, und herein traten zwei große blasse Männer, in sehr weite Mäntel gehüllt, und der eine sprach: „Friede sei mit euch, wir sind reisende Glanbensgenossen und wünschen das Paschafest mit euch zu feiern." Und der Rabbi antwortete rasch und freundlich: „Mit euch sei Frieden, seht euch nieder in meiner Nähe!" Die beiden Fremdlinge sehten sich alsbald zu Tische, und der Rabbi fuhr fort im Vorlesen. Manchmal während die übrigen noch im Zuge des Nnchsprcchens waren, warf er kosende Worte nach seinem Weibe, und anspielend ans den alten Scherz, daß ein jüdischer Hausvater sich an diesem Abend für einen König hält, sagte er zu ihr: „Freue dich, meine Königin!" Sie aber antwortete wehmütig lächelnd: „Es fehlt uns ja der Prinz!" und damit ineinte sie den Sohn des Hauses, der, wie eine Stelle in der Agade es verlangt, mit vorgeschriebenen Worten seinen Bater um die Bedeutung des Festes befragen soll. Der Rabbi erwiderte nichts und zeigte bloß mit dem Finger nach einem eben aufgeschlagenen Bilde in der Agade, wo überaus anmutig zu schauen war, wie die drei Engel zu Abraham kommen, um ihm zu verkünden, daß ihm ein Sohn geboren werde von seiner Gattin Sara, welche unterdessen weiblich Pfiffig hinter der Zeltthüre steht, um die Unterredung zu belauschen. Dieser leise Wink goß dreifaches Rot über die Wangen der schönen Frau, sie schlug die Äugen nieder, und sah dann wieder freundlich empor nach ihrem Manne, der singend fortfuhr im Vorlesen der wunderbaren Geschichte, wie Rabbi Jesna, Rabbi Eliescr, Rabbi Asaria, Rabbi Akiba und Rabbi Tarphcn in Bona-Brak angelehnt saßen und sich die ganze Nacht vom Auszüge der Kinder Israel aus Ägypten unterhielten, bis ihre Schüler kamen und ihnen zuriefen, es sei Tag und in der Synagoge verlese man schon das große Morgcngcbct. Derweilen nun die schöne Tara andächtig zuhörte und ihren Mann beständig ansah, bemerkte sie, ivie plötzlich sein Antlih in grausiger Verzerrung erstarrte, das Blut ans seinen Wangen und Lippen verschwand, und seine Augen wie Eiszapfen hcrvorglohtcn; — aber Der Rabbi von Bacharach. 11 fast im selben Augenblick sah sie, wie seine Züge wieder die Varize Ruhe und Heiterkeit annahmen, wie seine Lippen und Wangen sich wieder röteten, seine Augen munter nmherkreisten, ja, wie sagar eine ihm saust ganz fremde tolle Laune sein ganzes Wesen ergriff. Die schöne Sara erschrak, wie sie nach nie in ihrem Leben erschrocken war, und ein inneres Grauen stieg kältend in ihr ans, weniger wegen der Zeichen van starrem Entsetzen, die sie einen Moment lang im Gesichte ihres Mannes erblickt hatte, als wegen seiner jetzigen Fröhlichkeit, die allmählich in jauchzende Ausgelassenheit überging. Der Rabbi schab sein Barett spielend van einem Ohre nach dem andern, zupfte und kräuselte possierlich seine Bartlackcn, sang den Agadetext nach der Weise eines Gassenhauers, und bei der Aufzählung der ägyptischen Plagen, wo man mehrmals den Zeigefinger in den vollen Becher eintunkt und den anhängenden Wcintropfen zur Erde wirft, bespritzte der Rabbi die jüngeren Mädchen mit Rotwein, und es gab großes Klagen über verdorbene Halskrausen, und schallendes Gelächter. Immer unheimlicher ward es der schönen Sara bei dieser krampfhaft sprudelnden Lustigkeit ihres Mannes, und beklommen von namenloser Bangigkeit schaute sie in das summende Gewimmel der bnnt- belenchtcten Menschen, die sich behaglich breit hin und her schaukelten, an den dünnen Paschabrvten knoperteu, oder Wein schlürften, oder miteinander schwatzten, oder laut sangen, überaus vergnügt. Da kam die Zeit, Ivo die Abendmahlzeit gehalten wird; alle standen ans, um sich zu waschen, und die schöne Sara holte das große silberne, mit getriebenen Gvldfigurcu reich verzierte Waschbecken, daS sie jedem der Gäste vorhielt, während ihm Wasser über die Hände gegossen wurde. Als sie auch dem Rabbi diesen Dienst erwies, blinzelte ihr dieser bedeutsam mit den Augen, und schlich sich zur Thürc hinaus. Die schone Sara folgte ihm ans dem Fuße; hastig ergriff der Rabbi die Hand seines Weibes, eilig zog er sie fort durch die dunkeln Gassen Bacharachs, eilig zum Thor hinaus auf die Landstraße, die den Rhein entlang nach Bingen führt. Es war eine jener Frühlingsnächte, die zwar lau genug und hell gesternt sind, aber doch die Seele mit seltsamen Schauern erfülle». Leichcnhaft dufteten die Blumen; schadenfroh und zugleich selbst- bcängstigt zwitscherten die Vögel; der Mond warf heimtückisch gelbe Streiflichter über den dunkel hinmnrmelndcn Strom; die hohen Felsenmasscn des Ufers schienen bedrohlich wackelnde Ricscnhäupter; der Tnrmwächter ans Burg Strahlcck blies eine melancholische Weise; und dazwischen lautete eifrig gellend das Stcrbcglöckchen der Sankt WernerSkirchc. Die schöne Sara trug in der rechten Hand daS silberne Waschbecken, ihre linke hielt der Rabbi noch immer gefaßt, und sie fühlte, wie seine Finger eiskalt waren und wie sein Arm zitterte; aber sie folgte schweigend, vielleicht weil sie vvn jeher gewohnt, ihrem 12 Novellistische Fragmente. Manne blindlings und fragenloS zu gehorchen, vielleicht auch weil ihre Lippen vor innerer Angst verschlossen waren. Unterhalb der Burg Sonneck, Lorch gegenüber, ungefähr wo jetzt das Dörfchen Niedcrrheinbach liegt, erhebt sich eine Felsenplatte, die bogenartig über das Rheinufer hinauShängt. Diese erstieg Rabbi Abraham mit seinem Weibe, schaute sich rem nach allen Seiten, und starrte hinauf nach den Sternen. Zitternd und von Todesängsten dnrchfröstelt stand neben ihm die schöne Sara und betrachtete sein blasses Gesicht, das der Mond gespenstisch beleuchtete, und woraus es hin und her zuckte wie Schmerz, Furcht, Andacht und Wut. Als aber der Rabbi plötzlich das silberne Waschbecken ihr aus der Hand riß und es schollernd hinabwarf in den Rhein, da konnte sie daS granscnhafte Angstgefühl nicht länger ertragen, und mit dem Ausrufe „Schaden voller Genade!" stürzte sie zu den Füßen des Mannes und beschwor ihn, das dunkle Rätsel endlich zu enthüllen. Der Rabbi, des Sprechens ohnmächtig, bewegte mehrmals lautlos die Lippen, und endlich rief er: „Siehst du den Engel des TodeS? Dort unten schwebt er über Bacharach! Wir aber sind seinem Schwerte entronnen. Gelobt sei der Herr!" Und mit einer Stimme, die noch vor innerem Entsetzen bebte, erzählte er: wie er wohlgemut die Agade hinsingend und angelehnt saß, und zufällig unter den Tisch schaute, habe er dort zu seinen Füßen den blutigen Leichnam eines Kindes erblickt. „Da merkte ich" — setzte der Rabbi hinzu — „daß unsere zwei späte Gäste nicht von der Gemeinde Israels waren, sondern von der Versammlung der Gottlosen, die sich beraten hatten, jenen Leichnam heimlich in unser Hans zu schaffen, um uns des Kinder- mvrdes zu beschuldigen und das Volk aufzureizen, uns zu plündern und zu ermorden. Ich durfte nicht merken lassen, daß ich das Werk der Finsternis durchschaut; ich hätte dadurch nur mein Verderben beschleunigt, und nur die List hat uns beide gerettet. Gelobt sei der Herr! Ängstige dich nicht, schöne Sara; auch unsere Freunde und Verwandte werden gerettet sein. Nur nach meinem Blute lechzten die Ruchlosen; ich bin ihnen entronnen, und sie begnügen sich mit meinem Silber und Golde. Komm mit mir, schöne Sara, nach einem andern Lande, wir wollen das Unglück hinter uns lassen, und damit uns das Unglück nicht verfolge, habe ich ihm das letzte meiner Habe, das silberne Becken, zur Versöhnung hingeworfen. Der Gott unserer Väter wird uns nicht verlassen. — Komm herab, du bist müde; dort unten steht bei seinem Kahne der stille Wilhelm; er fährt uns den Rhein hinaus." Lautlos und wie mit gebrochenen Gliedern war die schöne Sara in die Arme des Rabbi hingesunken, und langsam trug er sie hinab nach dem Ufer. Hier stand der stille Wilhelm, ein taubstummer, aber bildschöner Knabe, der zum Unterhalt seiner alten Pflegemutter, einer Der Rabbi von Bacharach. 13 Nachbarin des Rabbi, den Fischfang trieb und hier seinen Kahn angelegt hatte. Es war aber, als erriete er schon gleich die Absicht des Rabbi, ja es schien, als habe er eben auf ihn gewartet; um seine geschlossenen Lippen zog sich daS lieblichste Mitleid, bedcutnngstief ruhten seine großen binnen Augen auf der schonen Sara, und sorgsam trug er sie in den Kahn. Der Blick des stummen Knaben weckte die schöne Sara aus ihrer Betäubung, sie fühlte auf einmal, daß alles, was ihr Mann ihr erzählte, kein bloßer Traum sei, und Strome bitterer Thränen ergossen sich über ihre Wangen, die jetzt so weiß wie ihr Gewand. Da saß sie nun in der Mitte deS Kahns, ein weinendes Marmorbild; neben ihr saßen ihr Mann und der stille Wilhelm, welche emsig ruderten. Sei es nun durch den einförmigen Ruderschlag, oder durch das Schaukeln des Fahrzeugs, oder durch den Dust jener Bergesufer, worauf die Freude wächst, immer geschieht es, daß auch der Betrübteste seltsam beruhigt wird, wenn er in der Frühlingsnacht in einem leichten Kahne leicht dahinfährt auf dem lieben, klaren Rheinstrvm. Wahrlich, der alte, gutherzige Vater Rhein kann's nicht leiden, wenn seine Kinder weinen; thränenstillend wiegt er sie auf seinen treuen Armen, und erzählt ihnen seine schönsten Märchen, und verspricht ihnen seine goldigsten Schätze, vielleicht gar den uralt versunkenen Nibelungenhort. Auch die Thränen der schönen Sara flössen immer milder und milder, ihre gewaltigsten Schmerzen wurden fortgcspült von den flüsternden Wellen, die Nacht verlor ihr finsteres Grauen, und die heimatlichen Berge grüßten wie zum zärtlichsten Lebewohl. Bor allen aber grüßte tranlich ihr Licblingsbcrg, der Kedrich, und in seiner seltsamen Mondbcleuchtung schien es, als stände wieder oben ein Fräulein mit ängstlich ausgestreckten Armen, als kröchen die flinken Zwerglein wimmelnd aus ihren Felsenspalten, und als käme ein Reiter den Berg hinaufgesprengt in vollem Galopp; und der schönen Sara war zu Mute, als sei sie wieder ein kleines Mädchen und süße wieder auf dem Schöße ihrer Muhme aus Lorch, und diese erzähle ihr die hübsche Geschichte von dein kecken Reiter, der das arme, von den Zwergen geraubte Fräulein befreite, und noch andere wahre Geschichten, vom wunderlichen WiSperthale drüben, wo die Vögel ganz vernünftig sprechen, und vom Pfefferkuchcnland, wohin die folgsamen Kinder kommen, und von verwünschten Prinzessinnen, singenden Bäumen, gläsernen Schlössern, goldenen Brücken, lachenden Nixen ... Aber zwischen all diesen hübschen Märchen, die klingend und leuchtend zu leben begannen, hörte die schöne Sara die Stimme ihres Vaters, der ärgerlich die arme Muhme ausschalt, daß sie dem Kinde so viel Thvrheiten in den Kopf schwatze! Alsbald kam's ihr vor, als setzte man sie auf das kleine Bänkcheu vor dein Samtsessel ihres Vaters, der mit weicher Hand ihr langes Haar streichelte, gar vergnügt mit 14 Novellistische Fragmente. den Augen lachte, und sich behaglich hin und her wiegte in seinem Ivetten, blnnseidenen Sabbathschlafrock, , , Es mußte wohl Sabbath sein, denn die geblümte Decke war über den Tisch gespreitet, alle Geräte im Zimmer leuchteten, spiegelblank gescheuert, der wcißbärtige Gemeindediener saß an der Seite des Vaters und kante Rosinen und sprach hebräisch, auch der kleine Abraham kam herein mit einem allmächtig großen Buche, und bat bescheidcntlich seinen Oheim um die Erlaubnis, einen Abschnitt der heiligen Schrift erklären zu dürfen, damit der Oheim sich selber überzeuge, daß er in der verflossenen Woche viel gelernt habe und viel Lob und Kuchen verdiene , . , Nun legte der kleine Bursche das Buch ans die breite Armlehne des Sessels, und erklärte die Geschichte von Jakob und Rahel, wie Jakob seine Stimme erhoben und laut geweint, als er sein Mühmchen Rahcl zuerst erblickte, wie er so traulich am Brunnen mit ihr gesprochen, wie er sieben Jahr um Rahel dienen mußte, und wie sie ihm so schnell verflossen, und wie er die Rahel geheiratet und immer und immer geliebt hat , , , Auf einmal erinnerte sich auch die schöne Sara, daß ihr Vater damals mit lustigem Tone ausrief: „Willst du nicht ebenso dein Mühmchen Sara heiraten?" worauf der kleine Abraham ernsthaft antwortete: „DaS will ich, und sie soll sieben Jahr warten." Dämmernd zogen diese Bilder durch die Seele der schönen Frau, sie sah, wie sie und ihr kleiner Vetter, der jetzt so groß und ihr Mann geworden, kindisch miteinander in der Lauberhüttc spielten, wie sie sich dort ergötzten an den bunten Tapeten, Blumen, Spiegeln und vergoldeten Äpfeln, wie der kleine Abraham immer zärtlicher mit ihr koste, bis er allmählich größer und mürrischer wurde, und endlich ganz groß und ganz mürrisch . . . lind endlich sitzt sie zu Hause allein in ihrer Kammer eines Samstagabends, der Blond scheint hell durchs Fenster, und die Thür fliegt auf, und hastig stürmt herein ihr Vetter Abraham, in Reisckleidern und blaß wie der Tod, und ergreift ihre Hand, steckt einen goldenen Ring an ihren Finger und spricht feierlich: „Ich nehme dich hiermit zu meinem Weibe nach den Gesetzen von Moses und Israel!" „Jetzt aber" — setzt er bebend hinzu — „jetzt muß ich fort nach Spanien. Lebewohl, sieben Jahre sollst du auf mich warten!" Und er stürzt fort, und weinend erzählte die schöne Sara das alles ihrem Vater . . . Der tobt und wütet: „Schneid ab dein Haar, denn du bist ein verheiratetes Weib!" — und er will dem Abraham nachreiten, nin einen Scheidebrief von ihm zu erzwungen; — aber der ist schon über alle Berge, der Vater kehrt schweigend nach Haus zurück, und wie die schöne Sara ihm die Reitstiefeln ausziehen hilft und besänftigend äußert, daß der Abraham nach sieben Jahren zurückkehre, da flucht der Vater: „Sieben Jahr sollt ihr betteln gehn!" und bald stirbt er. So zogen der schönen Sara die alten Geschichten durch den Sinn, Der Rabbi van Bacharach. IL wie ein hastiges Schattenspiel; die Bilder vermischte» sich auch wunderlich, und zwischendurch schauten halb bekannte, halb fremde bärtige Gesichter und große Blumen mit fabelhaft breitem Blattmerk. Es war auch, als murmelte der Rhein die Melodien der Agade, und die Bilder derselben stiegen daraus hervor, lebensgroß und verzerrt, tolle Bilder: der Erzvater Abraham zerschlägt ängstlich die Götzcngestalten, die sich immer hastig wieder voll selbst zusammensetzen; der Mizri wehrt sich furchtbar gegen den ergrimmten Moses; der Berg Sinai blitzt und stammt; der König Pharao schwimmt im Roten Meere, mit den Zähnen im Manle die zackige Goldkrone festhaltend; Frösche mit Menschenantlitz schwimmen hintendrein, und die Wellen schäumen und brausen, und eine dunkle Riesenhand taucht drohend daraus hervor. Das war Hattos Mäuscturm, und der Kahn schoß eben durch den Bingcr Strudel. Die schöne Sara ward dadurch etwas ans ihren Träumereien gerüttelt, und schaute nach den Bergen des »ferS, auf deren Spitz?» die Schlußlichter flimmerten, und an deren Fuß die mondbelcuchtetcu Nachtnebel sich hinzogen. Plötzlich aber glaubte sie dort ihre Frenude und Verwandte zu sehen, wie sie mit Leichen- gcsichtcrn und in wcißwallcnden Totenhemden schreckcuhastig vorüberliefen , den Rhein entlang... es ward ihr schwarz vor den Augen, ein Etsstrom ergoß sich in ihre Seele, und wie im Schlafe hörte sie nur noch, daß ihr der Rabbi das Nachtgebet vorbetete, langsam ängstlich, wie es bei todkranken Leuten geschieht, und träumerisch stammelte sie noch die Worte: „Zehntausend zur Rechten, zehntausend zur Linken; den König zu schützen vor nächtlichem Granen . . ." Da verzog sich plötzlich all das eindringende Dunkel und Grausen, der düstere Vorhang ward vom Himmel fortgerissen, es zeigte sich oben die heilige Stadt Jerusalem mit ihren Türmen und Thoren; in goldener Pracht leuchtete der Tempel; auf dem Vvrhofe desselben erblickte die schöne Sara ihren Vater in seinem gelben Sabbathschlaf- rvct und vergnügt mit den Augen lachend; ans den runden Tempel- feusteru grüßten fröhlich alle ihre Freunde und Verwandte; im Aller- heiligsten kniete der fromme König David mit Purpurmantcl und funkelnder Krone, und lieblich ertönte sein Gesang und Saitenspicl — und selig lächelnd entschlief die schöne Sara. Kapitel Ii. Als die schöne Sara die Augen aufschlug, ward sie fast geblendet von den Strahlen der Sonne. Die hohen Türme einer großen Stadt erhoben sich, und der stumme Wilhelm stand mit der Hakcnstange ausrecht im Kahne und leitete denselben durch das lustige Gewühl vieler bnutbcwimpcltcn Schiffe, deren Mannschaft entweder müßig hinabschaute aus die Vorbeifahrenden, oder, viclhändig beschäftigt mar 16 Novellistische Fragmente. mit dem Ausladen von Kisten, Ballen und Fässern, die auf kleineren Fahrzeugen ans Land gebracht wurden, wobei ein betäubender Lärm, das beständige Hallorufen der Barkenführer, das Geschrei der Kauf- leute vom Ufer her und das Keifen der Zöllner, die in ihren roten Röcken mit weißen Stäbchen und weißen Gesichtern von Schiff zu Schiff hüpften. „Ja, schöne Sara" — sagte der Rabbi zu seiner Frau, heiter lächelnd — „das ist hier die weltberühmte freie Reichs- und Handelsstadt Frankfurt am Main, und das ist eben der Mainfluß, worauf wir jetzt fahren. Da drüben die lächelnden Häuser, umgeben von grünen Hügeln, das ist das Sachssnhausen, woher uns der lahme Gumpertz zur Zeit des Laubhüttenfestes die schonen Myrrhen holt. Hier siehst du auch die starke Mainbrücke mit ihren dreizehn Bogen, und gar viel Volk, Wagen und Pferde, geht sicher darüber hin, und in der Mitte steht das HäuSchen, wovon die Mühmele Tttubchen erzählt hat, daß ein getaufter Jude darin wohnt, der jedem, der ihm eine tote Ratte bringt, sechs Heller auszahlt für Rechnung der jüdischen Gemeinde, die dem Stadtrate jährlich fünftausend Rattenschwänze abliefern soll!" Über diesen Krieg, den die Frankfurter Juden mit den Ratten zu führen haben, mußte die schöne Sara laut lachen; das klare Sonnenlicht und die neue bunte Welt, die vor ihr auftauchte, hatte alles Grauen und Entsetzen der vorigen Nacht aus ihrer Seele verscheucht, und als sie aus dem landenden Kahne von ihrem Manne und dem stummen Wilhelm aufs Ufer gehoben worden, fühlte sie sich wie durchdrungen von freudiger Sicherheit. Der stumme Wilhelm mit seinen schönen, tiefblauen Augen sah ihr lauge ins Gesicht, halb schmerzlich, halb heiter, dann warf er noch einen bedeutenden Blick nach dem Rabbi, sprang zurück in seinen Kahn, und bald war er damit verschwunden. „Der stumme Wilhelm hat doch viele Ähnlichkeit mit meinem verstorbenen Bruder," bemerkte die schöne Sara. „Die Engel sehen sich alle ähnlich," erwiderte leichthin der Rabbi, und sein Weib bei der Hand ergreifend, führte er sie durch das Menschengewimmel des Ufers, wo jetzt, weil es die Zeit der Ostermesse, eine Menge hölzerner Krambnden aufgebaut standen. Als sie durch das dunkle Mainthor in die Stadt gelangten, fanden sie nicht minder lärmigen Verkehr. Hier in einer engen Straße erhob sich ein Kaufmannsladen neben dem andern, und die Häuser, wie überall in Frankfurt, waren ganz besonders zum Handel eingerichtet: im Erdgeschosse keine Fenster, sondern lauter offene Bogenthüren, so daß man tief hineinschauen und jeder Vorübergehende die ausgestellten Waren deutlich betrachten konnte. Wie staunte die schöne Sara ob der Masse kostbarer Sachen und ihrer nie gesehenen Pracht! Da standen Benetianer, die allen Der Rabbi von Bacharach. 17 LnzuS des Mvrgenlandes und Italiens feil boten, und die schöne Sara war wie festgebannt beim Anblick der aufgeschichteten Putzsachen und Kleinodien, der bunten Mützen und Mieder, der güldenen Armspangen und Halsbänder, des ganzen Flittcrkrams, den die Frauen sehr gern bewundern und womit sie sich noch lieber schmücken. Die reichgestickten Samt- und Seidenstoffe schienen mit der schönen Sara sprechen und ihr allerlei Wunderliches ins Gedächtnis zurückfunkcln zu wollen, und es war ihr wirklich zu Mute, als wäre sie wieder ein kleines Mädchen, und Mühmele Täubchen habe ihr Versprechen erfüllt, und sie nach der Frankfurter Messe geführt, und jetzt eben stehe sie vor den hübschen Kleidern, wovon ihr so viel erzählt worden. Mit heimlicher Freude überlegte sie schon, was sie nach Bacharach mitbringen wolle, welchem von ihren beiden Väschen, dem kleine» Blümchen oder dem kleinen Vögelchen, der blnnseidene Gürtel am besten gefallen würde, ob auch die grünen Höschen dem kleinen Gott- schalk passen mögen, — doch plötzlich sagte sie zu sich selber: Ach Gott! die sind ja unterdessen gros; gewachsen und gestern umgebracht worden! Sie schrak heftig zusammen, und die Bilder der Nacht wollten schon mit all ihrem Entsetzen wieder in ihr aufsteigen: doch die goldgestickten Kleider blinzelten nach ihr wie mit tausend Schelmenaugen und redeten ihr alleS Dunkle aus dem Sinn, und wie sie hinaussah nach dem Antlitz ihres Mannes, so war dieses unumwölkt, und trug seine gewöhnliche ernste Milde. „Mach die Augen zu, schöne Sara" — sagte der Rabbi, und führte seine Frau weiter durch das Men- schengcdränge. Welch ein buntes Treiben ! Zumeist waren es Handelsleute, die laut miteinander feilschten, oder auch mit sich selber sprechend an den Fingern rechneten, oder auch von einigen hochbcpackten Markthelfern, die in kurzem Huudetrab hinter ihnen her liefen, ihre Einkäufe nach der Herberge schleppen ließen. Andere Gesichter ließen merken, daß bloß die Neugier sie herbeigezogen. Am roten Mantel und der goldenen Halskette erkannte man den breiten Ratsherrn. Das schwarze, wohlhabend bauschige Wams verriet den ehrsamen, stolzen Altbürger. Die eiserne Pickelhaube, daS gelblederne Wams und die klirrenden Pfuudspvren verkündigten den schweren Neitersknccht. Unterm schwarzen Samthäubchen, daS in einer Spitze auf der Stirne zusammenlief, barg sich ein rosiges Mädchengesicht, und die jungen Gesellen, die gleich witternden Jagdhunden hinterdrein sprangen, zeigten sich als vollkommene Stutzer durch ihre keck befiederten Barette, ihre klingenden Schnabelschuhc und ihre seidenen Kleider von geteilter Farbe, wo die rechte Seite grün, und die linke Seite rot, oder die eine regen- bvgenartig gestreift, die andere buntscheckig gewürfelt war, so daß die närrischen Burschen aussähen, als wären sie in der Mitte gespalten. Von der Menschenströmung fortgezogen, gelangte der Rabbi mit seinem H eine's Werke. XI. Bd. 2 18 Novellistische Fragmente. Weibe nach dem Römer, Dieses ist der große, mit hoben Giebelhäusern umgebene Marktplatz der Stadt, seinen Namen führend von einem ungeheuren Hause, daS „Zum Römer" hieß und vom Magistrate angekauft und zu einem Nathause geweiht wurde. In diesem Gebäude wählte man Deutschlands Kaiser, und vor demselben wurden oft edle Ritterspiele gehalten. Der König Maximilian, der dergleichen leidenschaftlich liebte, war damals in Frankfurt anwesend, und tags zuvor hatte man ihm zu Ehren vor dem Römer ein großes Stechen veranstaltet. An den hölzernen Schranken, die jetzt von den Zimmerleuten abgebrochen wurden, standen noch viele Müßiggänger und erzählten sich, wie gestern der Herzog von Braunschwcig und der Markgraf von Brandenburg unter Pauken- und Trompetenschall gegeneinander gerannt, wie Herr Walther der Lump den Bttrenritter so gewaltig aus dem Sattel gestoßen, daß die Lanzensplitter in die Luft flogen, und wie der lange blonde König Max im Kreise seines Hofgesindes auf dem Balkon stand und sich vor Freude die Hände rieb. Die Decken von goldenen Stoffen lagen noch auf der Lehne deS Balkons und der spitzbogigen Rathausfenster, Auch die übrigen Häuser des Marktplatzes waren noch festlich geschmückt und mit Wappenschildern verziert, besonders das Haus Limburg, auf dessen Banner eine Jungfrau gemalt war, die einen Sperber auf der Hand trägt, während ihr ein Affe einen Spiegel vorhält. Auf dem Balkon dieses Hauses standen viele Ritter und Damen, in lächelnder Unterhaltung hinabblickend auf das Volk, das unten in tollen Gruppen und Aufzügen hin und her wogte. Welche Menge Müßiggänger von jedem Stande und Alter drängte sich hier, um ihre Schaulust zu befriedigen! Hier wurde gelacht, gegreint, gestohlen, in die Lenden gekniffen, gejubelt, und zwischendrein schmetterte gellend die Trompete des Arztes, der im roten Mantel mit seinem Hanswurst und Affen auf einem hohen Gerüste stand, seine eigene Kunstfertigkeit recht eigentlich ausposaunte, seine Tinkturen und Wundersalben anpries, oder ernsthaft das Uringlas betrachtete, das ihm irgend ein altes Weib vorhielt, oder sich anschickte, einem armen Bauer den Backzahn auszureißen. Zwei Fechtmeister, in bunten Bändern einherflatternd, ihre Rapiere schwingend, begegneten sich hier wie zufällig und stießen mit Scheinzorn aufeinander; nach langem Gefechte erklärten sie sich wechselseitig für unüberwindlich, und sammelten einige Pfennige. Mit Trommler und Pfeifer marschierte jetzt vorbei die neu errichtete Schützengilde. Hierauf folgte, angeführt von dem Stöcker, der eine rote Fahne trug, ein Rudel fahrender Fräuleins, die aus dem Frauenhause „Zum Esel" von Würzburg herkamen und nach dem Rosenthale hinzogen, wo die hochlöbliche Obrigkeit ihnen für die Meßzeit ihr Quartier angewiesen, „Mach die Augen zu, schöne Sara!" — sagte der Rabbi, Denn jene phantastisch und allzu knapp bekleideten Weibsbilder, Der Rabbi von Bacharach. 19 worunter einige sehr hübsche, gebürdeten sich auf die unzüchtigste Weise, entblößten ihren weißen, frechen Busen, neckten die Borübergehenden mit schamlosen Worten, schwangen ihre langen Wanderstöcke, und indem sie auf letzteren wie ans Steckenpferden die Sankt-Katha- rinenpforte hinabritten, sangen sie mit gellender Stimme das Hexenlied: „Wo ist der Bock, das Höllentier? Wo ist der Bock? Und fehlt der Bock, So reiten wir, so reiten wir, So reiten wir ans dem Stock!" Dieser Singsang, den man noch in der Ferne hören konnte, verlor sich am Ende in den kirchlich langgezogenen Tönen einer herannahenden Prozession. Das war ein trauriger Zug von kahlköpfigen und barfüßigen Mönchen, welche brennende Wachslichter oder Fahnen mit Heiligenbildern oder auch große silberne Kruzifixe trugen. An ihrer Spitze gingen rot- und weißgcröckte Knaben mit dampfenden Weihrauchkesseln. In der Mitte des Zuges unter einem prächtigen Baldachin sah man Geistliche in weißen Chorhemden von kostbaren Spitzen oder in bnntseidenen Stolen, und einer derselben trug in der Hand ein svnnenartig goldenes Gefäß, das er, bei einer Heiligennische der Marktccke anlangend, hoch empor hob, wahrend er lateinische Worte halb rief, halb sang . . . Zugleich crklingelte ein kleines Glöckchen, und alles Volk ringsum verstummte, fiel auf die Knie und bekreuzte sich. Der Rabbi aber sprach zu seinem Weibe: „Mach die Augen zu, schöne Sara!" — und hastig zog er sie von hinneu nach einem schmalen Nebengäßchen, durch ein Labyrinth von engen und krummen Straßen, und endlich über den unbewohnten, wüsten Platz, der das neue Judcuquartier von der übrigen Stadt trennte. Vor jener Zeit wohnten die Inden zwischen dem Dom und dem Mainufer, nämlich von der Brücke bis zum Lnmpcnbrnnncn und von der Mehlwagc bis zu Sankt Bartholvmäi. Aber die katholischen Priester erlangten eine päpstliche Bulle, die den Inden verwehrte, in solcher Nähe der Hauptkirche zu wohnen, und der Magistrat gab ihnen einen Platz ans dem Wallgraben, Ivo sie das heutige Judcuquartier erbauten. Dieses war mit starken Mauern versehen, auch mit eisernen Ketten vor den Thoren, um sie gegen Pöbclandrnug zu sperren. Denn hier lebten die Juden ebenfalls in Druck und Angst, und mehr als hcntzntage in der Erinnerung früherer Nöten. Im Jahre 1249 hatte das entzügelte Volk ein großes Blutbad unter ihnen angerichtet, welches man die erste Jndenschlacht nannte, und im Jahre 1349, als die Geißler bei ihrem Durchzuge die Stadt anzündeten und die Inden des Brandstiftens anklagten, wurden diese von dem aufgereizten Volke zum größten Teile ermordet, oder sie fanden den Tod in den Flammen ihrer eigenen Häuser, welches man 2* Ll) Novellistische Fragmente. die zweite Jndcnschlacht nannte. Später bedrohte man die Juden noch oft mit dergleichen Schlachten, und bei inneren Unruhen Frankfurts, besonders bei einem Streite des Rates mit den Zünften, stand der Christenpöbel oft im Begriff, das Judenguartier zu stürmen. Letzteres hatte zwei Thvre, die an katholischen Feiertagen von außen, an jüdischen Feiertagen von innen geschlossen wurden, und vor jedem Thor befand sich ein Wachthaus mit Stadtsoldaten. Als der Rabbi mit seinem Weibe an daS Thor des Jndcn- qnartiers gelangte, lagen die Landsknechte, wie man durch die offenen Fenster sehen konnte, auf der Pritsche ihrer Wachtstnbe, und draußen vor der Thüre im vollen Sonnenschein saß der Trommelschläger und phantasierte auf seiner großen Trommel. Das war eine schwere dicke Gestalt; Wams und Hosen von feuergelbcm Tuch, an Armen und Lenden weit ausgepufft und, als wenn unzählige Menschenzungen daraus hervorlccktcn, von oben bis unten besäet mit kleinen eingenähten roten Wlllstchen; Brust und Rücken gepanzert mit schwarzen Tnchpolstern, woran die Trommel hing; auf dem Kopfe eine platte, runde schwarze Kappe; das Gesicht ebenso platt und rund, auch orangegelb und mit roten Schwärchen gespickt, und verzogen zu einem gähnenden Lächeln. So saß der Kerl und trommelte die Melodie des Liedes, das einst die Geißler bei der Jndenschlacht gesungen, und mit seinem rauhen Bicrtone gurgelte er die Worte: „Unsre liebe Franc, Die ging im Morgentaue, Kyrie eleison!" „Hans, das ist eine schlechte Melodie" — rief eine Stimme hinter dein verschlossenen Thore des Judenquartiers — „Hans, auch ein schlecht Lied, paßt nicht für die Trommel, paßt gar nicht und beileibe nicht in der Messe und am Ostermorgen, schlecht Lied, gefährlich Lied, Hans, Häuschen, klein Trommelhänschcn, ich bin ein einzelner Mensch, und wenn du mich lieb hast, wenn du den Stern lieb hast, den langen Stern, den langen Nasenstern, so hör ans!" Diese Worte wurden von dem ungesehenen Sprecher teils angstvoll hastig, teils aufseufzend langsam hervorgestoßen, in einem Tone, worin das ziehend Weiche und das heiser Harte schroff abwechselte, wie man ihn bei Schwindsüchtigen findet. Der Trommelschläger blieb unbewegt, und in der vorigen Melodie fvrttrommelnd, sang er weiter: „Da kam ein kleiner Junge, Sein Bart war ihm entsprungen, Hallelnja!" „Hans" — rief wieder die Stimme des obenerwähnten Sprechers — „HanS, ich bin ein einzelner Mensch, und es ist ein gefährlich Lied, und ich hör es nicht gern, und ich Hab' meine Gründe, und Der Rabbi von Bacharach. 21 wenn du mich lieb hast, singst du was anderes, und morgen trinken wir , , Bei dem Worte „Trinken" hielt der Hans inne mit seinem Trommeln und Singen, und biederen Tones sprach er: „Der Teufel hole die Juden, aber du, lieber Nasenstern, bist mein Freund, ich beschütze dich, und wenn wir noch oft zusammen trinken, werde ich dich auch bekehren. Ich will dein Pate sein; wenn du getauft wirst, wirst du selig, und wenn du Genie hast und fleißig bei nur lernst, kannst du sogar noch Trommelschläger werden. Ja, Nascnstern, du kannst es noch weit bringen, ich will dir den ganzen Katechismus Vvrtrvmmeln, wenn nur morgen zusammen trinken — aber jetzt mach mal das Thor auf, da stehen zwei Freunde und begehren Einlaß." „Das Thor auf?" — schrie der Nasenstern, und die Stimme versagte ihm fast. „Das geht nicht so schnell, lieber Hans, man kann nicht wissen, man kann gar nicht wissen, und ich bin ein einzelner Mensch. Der Beitel Rindskopf hat den Schlüssel und steht jetzt still in der Ecke und brümmelt sein Achtzehngebet; da darf man sich nicht unterbrechen lassen. Jäkel der Narr ist auch hier, aber er schlägt jetzt sein Wasser ab. Ich bin ein einzelner Mensch!" „Der Teufel hole die Juden!" — rief der Trommelhans, und über diesen eigenen Witz laut lachend, trollte er sich nach der Wacht- stube und legte sich ebenfalls auf die Pritsche. Während nun der Rabbi mit seinem Weibe jetzt ganz allein vor dem großen verschlossenen Thore stand, erhob sich hinter demselben eine schnarrende, näselnde, etwas spöttisch gezogene Stimme: „Sternchen, drvhnlc nicht so lange, nimm die Schlüssel ans RindsköPfchcnS Rocktasche, oder nimm deine Nase, und schließe damit das Thor auf. Die Leute stehen schon lange und warten." „Die Leute?" — schrie ängstlich die Stimme des Mannes, den mau den Nasenstern nannte — „ich glaubte, es wäre nur einer, und ich bitte dich, Narr, lieber Jäkel Narr, guck mal heraus, wer da ist." Da öffnete sich im Thore ein kleines wohlvergittertes Fcnsterlein, und zum Borschein kam eine gelbe, zwcihörnigc Mütze und darunter das drollig verschnörkelte Lustigmachergesicht Jäkels des Narren. In demselben Augenblick schloß sich wieder die Fenstcrluke und ärgerlich schnarrte es: „Mach ans, mach auf, draußen ist nur ein Mann und ein Weib."- „Ein Mann und ein Weib!" — ächzte der Nasenstcrn. — „ lind wenn das Thor aufgemacht wird, wirft das Weib den Rock ab und es ist auch ein Mann, und es sind dann zwei Männer, und wir sind nur unser drei!" „Sei kein Hase" — erwiderte Jäkel der Narr — „ und sei herzhaft und zeige Courage!" „Courage!" — rief der Nasenstern und lachte mit verdrießlicher 22 Novellistische Fragmente. Bitterkeit — „Hase! Hase ist ein schlechter Vergleich, Hase ist ein unreines Tier. Courage! Man hat mich nicht der Courage wegen hierhergestellt, sondern der Vorsicht halber. Wenn zu viele kommen, soll ich schreien. Aber ich selbst kann sie nicht zurückhalten. Mein Arm ist schwach, ich trage eine Fontanelle, und ich bin ein einzelner Mensch. Wenn man ans mich schießt, bin ich tot. Dann sitzt der reiche Mendel Reiß am Sabbath bei Tische, und wischt sich vom Maul die Rosinensance und streichelt sich den Bauch, und sagt vielleicht: Das lange Nasensternchen war doch ein braves Kerlchen, wäre es nicht gewesen, so hätten sie das Thor gesprengt, es hat sich doch für nnS totschießen lassen, es war ein braves Kerlchen, schade daß es tvtist—" Die Stimme wurde hier allmählich weich und weinerlich, aber Plötzlich schlug sie über in einen hastigen, fast erbitterten Ton: „Courage! Und damit der reiche Mendel Reiß sich die Rosinensauce vom Maul abwischen und sich den Bauch streicheln und mich braves Kerlchen nennen möge, soll ich mich totschießen lassen? Courage! Herzhaft! Der kleine Strauß war herzhaftig, und hat gestern ans dem Römer dem Stechen zugesehen, und hat geglaubt, man kenne ihn nicht, weil er einen violetten Rock trug von Samt, drei Gulden die Elle, mit Fuchsschwänzchcn, ganz goldgestickt, ganz Prächtig — und sie haben ihm den violetten Rock so lange geklopft, bis er abfärbte und auch sein Rücken violett geworden ist und nicht mehr menschenähnlich sieht. Courage! Der krumme Leser war herzhaftig, nannte unseren lumpigen Schultheiß einen Lump, und sie haben ihn an den Füßen aufgehängt zwischen zwei Hunden, und der Trommelhans trommelte. Courage! Sei kein Hase! Unter den vielen Hunden ist der Hase verloren, ich bin ein einzelner Mensch, und habe wirklich Furcht!" „Schwör mal!" — rief Jäkel der Narr. „Ich habe wirklich Furcht!" — wiederholte seufzend der Nasen- stcrn — „ich weiß, die Furcht liegt im Geblüt, und ich habe es von meiner seligen Mutter —" „Ja, ja!" — unterbrach ihn Jäkel der Narr — „und deine Mutter halte eS von ihrem Vater, und der hatte eS wieder von dem seinigen, und so hatten es deine Voreltern einer von: andern, bis ans deinen Stammvater, welcher unter König Saul gegen die Philister zu Felde zog und der erste war, welcher Reißaus nahm. — Aber sich mal, Rindsköpfchcn ist gleich fertig, er hat sich bereit? zum vierteirx mal gebückt, schon hüpft er wie ein Floh bei dein dreimaligen Worte Heilig, und jetzt greift er vorsichtig in die Tasche. . ." In der That, die Schlüssel rasselten, knarrend öffnete sich ein Flügel des Thores, und der Rabbi und sein Weib traten in die ganz menschenleere Judcngasse. Der Aufschließer aber, ein kleiner Mann mit gutmütig saurem Gesichte, nickte träumerisch wie einer, der in Der Rabbi von Bacharach. 23 seinen Gedanken nicht gern gestört sein möchte, und nachdem er das Thor wieder sorgsam verschlossen, schlappte er, ohne ein Wort zu reden, nach einem Winkel hinter dein Thore, beständig Gebete vor sich hinmurmelnd. Minder schweigsam war Jäkel der Narr, ein untersetzter, etwas krummbeiniger Gesell, mit einem lachend vollroten Antlitz und einer unmenschlich grossen Fleischhand, die er aus den weiten Nrmcln seiner buntscheckigen Jacke zum Willkomm hervorstrecktc. Hinter ihm zeigte oder vielmehr barg sich eine lange magere Gestalt, der schmale Hals weiß befiedert von einer feinen batistenen Krause, und das dünne, blasse Gesicht gar wundersam geziert mit einer fast unglaublich langen Nase, die sich neugierig angstvoll hin und her bewegte. „Gott willkommen! zum guten Festtag!" — rief Jäkel der Narr — „wundert euch nicht, daß jetzt die Gasse so leer und still ist. Alle unsere Leute sind jetzt in der Synagoge, und ihr kommt eben zur rechten Zeit, um dort die Geschichte von der Opferung Isaaks vorlesen zu hören. Ich kenne sie, es ist eine interessante Geschichte, und wenn ich sie nicht schon dreiunddreißig mal angehört hätte, so würde ich sie gern dies Jahr noch einmal hören. Und es ist eine wichtige Geschichte, denn wenn Abraham den Isaak wirklich geschlachtet hätte, und nicht den Ziegenbock, so wären jetzt mehr Ziegenböcke und weniger Juden auf der Welt." — Und mit wahnsinnig lustiger Grimasse fing der Jäkel an, folgendes Lied aus der Agade zu singen: „Ein Böcklein, ein Böcklein, das gekauft Väterlein, er gab dafür zwei Suslein; ein Böcklein! ein Böcklein! „Es kam ein Kätzlein, und aß das Böcklein, das gekauft Bäterlein, er gab dafür zwei Suslein; ein Böcklein! ein Böcklein! „Es kam ein Hündlein, und biß das Kätzlein, das gefressen das Böcklein, das gekauft Väterlein, er gab dafür zwei Suslein; ein Böcklein! ein Böcklein! „Es kam ein Stöcklein, und schlug das Hündlein, das gebissen das Kätzlein, das gefressen das Böcklcin, das gekauft Bäterlein; er gab dafür zwei Snslein; ein Böcklein! ein Böcklein! „Es kam ein Feuerlein, und verbraunte das Stöcklein, das geschlagen das Hündlein, das gebissen daS Kätzlein, das gefressen dnS Böcklein, das gekauft Väterlein, er gab dafür zwei Suslein; ein Böcklein! ein Bvcklein! „Es kam ein Wässcrlein, und löschte das Feuerlein, das verbrannt das Stöcklein, das geschlagen das Hündlein, das gebissen das Kätzlein, das gefressen das Böcklein, das gekauft Vätcrlein, er gab dafür zwei Suslein; ein Böcklein! ein Böcklein! „Es kam ein Lchslein, und soff das Wttsserlein, das gelöscht das Fenerlein, das verbrannt das Stöcklein, das geschlagen das Hündlein, das gebissen das Kätzlein, das gefressen das Böcklein, das gekauft Bäterlein, er gab dafür zwei Suslein; ein Böcklein! ein Böcklcin! 24 Novellistische Fragmente. „Es kam ein Schlächterlein, und schlachtete das Öchslein, das gesoffen das Wässerlei», daS gelöscht das Fencrlein, das verbrannt das Stöcklein, das geschlagen das Hündlein, das gebissen das Kätz- lein, das gefressen das Böcklein, das gekauft Väterleiu, er gab dafür zwei Suslein; ein Böcklein! ein Böcklein! „Es kam ein Todesenglcin, und schlachtete das Schlächterlein, das geschlachtet das Öchslein, das gesoffen das Wässerlein, das gelöscht das Feuerlcin, das verbrannt das Stöcklein, das geschlagen das Hündlein, das gebissen das Ktttzlein, das gefressen das Böcklein, das gekauft Väterleiu, er gab dafür zwei Suslein; ein Böcklein! ein Böcklein!" „Ja, schöne Frau" — fügte der Sänger hinzu — „ einst kvmmt der Tag, wo der Engel des Todes den Schlächter schlachten wird, und all unser Blut kommt über Edvin; denn Gott ist ein rächender Gott — — —" Aber plötzlich den Ernst, der ihn unwillkürlich beschlichen, gewaltsam abstreifend, stürzte sich Jäkel der Narr wieder in seine Possen- rcißcreicn und fuhr fort mit schnarrendem Lustigmachertone: „Fürchtet Euch nicht, schöne Frau, der Nasenstern thnt Euch nichts zuleid. Nur für die alte Schnapper-Elle ist er gefährlich. Sie hat sich in seine Nase verliebt, aber die verdient es auch. Sie ist schön wie der Turm, der gen Damaskus schaut und erhaben wie die Ceder des Libanons. Auswendig glänzt sie wie Glimmgvld und Sirup, und inwendig ist lauter Musik und Lieblichkeit. Im Sommer blüht sie, im Winter ist sie zugefroren, und Sommer und Winter wird sie gehätschelt von Schnapper-Elles weißen Händen. Ja, die Schnapper-Elle ist verliebt in ihn, ganz vernarrt. Sie pflegt ihn, sie füttert ihn, und sobald er fett genug ist, wird sie ihn heiraten, und für ihr Alter ist sie noch jung genug, und wer mal nach dreihundert Jahren nach Frankfurt kommt, wird den Himmel nicht sehen können vor lauter Naseustcrnen!" „Ihr seid Jäkel der Narr" — rief lachend der Rabbi — „ich merk' es an Euren Worten. Ich habe oft von Euch sprechen gehört." „Ja, ja," erwiderte jener mit drolliger Bescheidenheit — „ja, ja, das macht der Ruhm. Man ist oft weit und breit für einen größeren Narren bekannt als man selbst weiß. Doch ich gebe mir viel Mühe ein Narr zu sein, und springe und schüttle mich, damit die Schellen klingeln. Andere haben's leichter. . . Aber sagt mir, Rabbi, warum reiset ihr am Feiertage?" „Meine Rechtfertigung" — versetzte der Befragte — „ steht im Talmud, und es heißt: Gefahr vertreibt den Sabbath." „Gefahr!" — schrie Plötzlich der lange Nasenstern und gebürdete sich wie in Todesangst — „Gefahr! Gefahr! Trommelhans, trommel, trommle, Gefahr! Gefahr! Trommelhans..." Draußen aber rief der Trommelhans mit seiner dicken Bierstimme: „Tausend Donner-Sakrament! Der Teufel hole die Juden! Der Rabbi von Bacharach. 2g Das ist schon das dritte Mal, daß du mich heute aus dem Schlafe weckst, Nasenstern! Mach mich nicht rasend! Wenn ich rase, werde ich wie der leibhaftige Satanas, nnd dann, so wahr ich ein Christ bin, dann schieße ich mit der Büchse durch die Gitterluke des Theres, nnd dann hüte jeder seine Nase!" „Schieß nicht! schieß nicht! ich bin ein einzelner Mensch" — wimmerte angstvoll der Nasenstern und drückte sein Gesicht fest an die nächste Mauer, und in dieser Stellung verharrte er zitternd und leise betend. „Sagt, sagt, was ist passiert?" — rief jetzt auch Jäkel der Narr mit all jener hastigen Neugier, die schon damals den Frankfurter Juden eigentümlich war. Der Rabbi aber riß sich von ihm los und ging mit seinem We i be weiter die Jndengasse hinauf; „Sieh, schöne Sara," — sprach er seufzend — „wie schlecht geschützt ist Israel! Falsche Freunde hüten seine Thore von außen, und drinnen sind seine Hüter Narrheit und Furcht!" Langsam wanderten die beiden durch die lange, leere Straße, wo nur hier und da ein blühender Mädchenkopf zum Fenster hinausguckte, während sich die Sonne in den blanken Scheiben festlich heiter bespiegelte. Damals nämlich waren die Häuser des Judenviertels noch neu uud nett, auch niedriger wie jetzt, indem erst späterhin die Inden sich sehr vermehrten und doch ihr Quartier nicht erweitern durften, dort immer ein Stockwerk über das andere bauten, sardellenartig zusammenrückten nnd dadurch an Leib und Seele verkrüppelten. Der Teil des Judeuqnartiers, der nach dem großen Brande stehen geblieben und den man die alte Gasse nennt, jene hohen schwarzen Häuser, Ivo ein grinsendes, feuchtes Volk nmherschnchert, ist ein schauderhaftes Denkmal des Mittelalters. Die ältere Synagoge existiert nicht mehr; sie war minder geräumig als die jetzige, die später erbaut wurde, nachdem die Nürnberger Vertriebenen in die Gemeinde aufgenommen worden. Sie lag nördlicher. Der Rabbi brauchte ihre Lage nicht erst zu erfragen. Schon aus der Ferne vernahm er die vielen verworrenen und überaus lauten Stimmen. Im Hofe des Gotteshauses trennte er sich von seinem Weibe. Nachdem er an dem Brunnen, der dort steht, seine Hände gewaschen, trat er in jenen unteren Teil der Synagoge, wo die Männer beten; die schöne Sara hingegen erstieg eine Treppe und gelangte oben nach der Abteilung der Weiber. Diese obere Abteilung war eine Art Galerie mit drei Reihen hölzerner, braunrot angestrichener Sitze, deren Lehne oben mit einem hängenden Brette versehen war, das°, um das Gebetbuch darauf zu legen, sehr bequem aufgeklappt werden konnte. Die Frauen saßen hier schwatzend nebeneinander, oder standen aufrecht, inbrünstig betend; 26 Novellistische Fragmente. manchmal auch traten sie neugierig an das große Gitter, das sich längs an der Morgenseite hinzog, und durch dessen dünne grüne Latten man hinabschauen konnte in die untere Abteilung der Synagoge. Dort, hinter hohen Betpulten, standen die Männer in ihren schwarzen Mänteln, die spitzen Bärte herabschießend über die weißen Halskrausen und die plattbedeckten Köpfe mehr oder minder verhüllt von einem viereckigen, mit den gesetzlichen Schanfäden versehenen Tuche, das aus weißer Wolle oder Seide bestand, mitunter auch mit goldenen Tressen geschmückt war. Die Wände der Synagoge waren ganz einförmig geweißt, und man sah dort keine andere Zierat als etwa daS vergoldete Eisengitter um die viereckige Bühne, wo die Gesetzabschnitte verlesen werden, und die heilige Lade, ein kostbar gearbeiteter Kasten, scheinbar getragen von marmornen Säulen nnt üppigen Kapitälern, deren Blumen- oder Laubwerk gar lieblich emporrankte, und bedeckt mit einem Borhang von kornblanem Samt, worauf mit Goldflittern, Perlen und bunten Steinen eine fromme Inschrift gestickt war. Hier hing die silberne Gedächtnis-Ampel und erhob sich ebenfalls eine vergitterte Bühne, ans deren Geländer sich allerlei heilige Geräte befanden, unter andern der sicbcnarmige Tempel-Leuchter und vor demselben, das Antlitz gegen die Lade, stand der Vorsänger, dessen Gesang instrumentenartig begleitet wurde von den Stimmen seiner beiden Gehilfen, des Bassisten und des Diskantsängers. Die Juden haben nämlich alle wirkliche Instrumentalmusik aus ihrer Kirche verbannt, wähnend, daß der Lvbgcsang Gottes erbaulicher aufsteige aus der warmen Menschenbrust, als aus kalten Orgelpfeifen. Recht kindlich freute sich die schöne Sara, als jetzt der Vorsänger, ein trefflicher Tenor, seine Stimme erhob, und die uralten, ernsten Melodien, die sie so gut kannte, in noch nie geahnter junger Lieblichkeit aufblühten, während der Bassist zum Gegensätze die tiefen, dunkeln Töne hincinbrummte, und in den Zwischenpausen der Dis- kautsänger fein und süß trillerte. Solchen Gesaug hatte die schöne Sara in der Synagoge zu Bacharach niemals gehört, denn der Gemeindevorsteher, David Levi, machte dort den Vorsänger, und wenn dieser schon bejahrte zitternde Mann mit seiner zerbröckelten, meckernden Stimme wie ein junges Mädchen trillern wollte, und in solch gewaltsamer Anstrengung seinen schlaff herabhängenden Arm fieberhaft schüttelte, so reizte dergleichen wohl mehr zum Lachen als zur Andacht. Ein frommes Behagen, gemischt mit weiblicher Neugier, zog die schöne Sara ans Gitter, wo sie hinabschauen konnte in die untere Abteilung, die sogenannte Männerschule. Sie hatte noch nie eine so große Anzahl Glaubensgenossen gesehen, wie sie da unten erblickte, nud es ward ihr noch heimlich wvhlcr ums Herz in der Mitte so vieler Menschen, die ihr so nahe verwandt durch gemeinschaftliche Abstammung, Denkweise und Leiden. Aber noch viel bewegter wurde Der Rabbi von Bacharach. die Seele des Weibes, als drei alte Männer ehrfurchtsvoll vor die heilige Lade traten, den glänzenden Vorhang an die Seite schoben, den Kasten aufschlössen und sorgsam jenes Buch herausnahmen, daS Gott mit heilig eigener Hand geschrieben und für dessen Erhaltung die Inden so viel erduldet, so viel Elend und Haß, Schmach und Tod, ein tausendjähriges Martyrium. Dieses Buch, eine große Pergamentrolle, war ivie ein fürstliches Kind in ein bnntgesticktcS Mäntelchen von rotem Samt gehüllt; oben ans den beiden Rollhölzern steckten zwei silberne GeHäuschen, worin allerlei Granaten und Glöck- chen sich zierlich bewegten und klingelten, und vorn an silbernen Kettchen hingen goldene Schilde mit bunten Edelsteinen. Der Vorsänger nahm das Buch, und als sei es ein wirkliches Kind, ein Kind, um dessentwillen man große Schmerzen erlitten und das man nur desto mehr liebt, wiegte er es in seinen Armen, tänzelte damit hin und her, drückte eS an seine Brust und, durchschanert von solcher Berührung, erhob er seine Stimme zu einem so jauchzend frommen Dankliedc, daß es der schönen Sara bcdünkte, als ob die Säulen der heiligen Lade zu blühen begönnen, und die wnnderbarcn Blumen und Blätter der Kapitäler immer höher hinaufwüchsen, und die Töne des Diskantisten sich in lauter Nachtigallen verwandelten, und die Wölbung der Synagoge gesprengt würde von den gewaltigen Tönen des Bassisten, und die Freudigkeit GotteS herabströmte ans dem blauen Himmel. Das war ein schöner Psalm. Die Gemeinde wiederholte chorartig die Schlnßverse, und nach der erhöhten Bühne in der Mitte der Synagoge schritt langsam der Vorsänger mit dem heiligen Buche, während Männer und Knaben sich hinzudrttngtcn, um die Samthülle desselben zu küssen oder auch nur zu berühren. Auf der erwähnten Bühne zog man von dem heiligen Buche das samtene Mäntelchen, sowie auch die mit bunten Buchstaben beschriebenen Windeln, womit es umwickelt war, und ans der geöffneten Pcrgamcntrvlle, in jenem singenden Tone, der am Paschafeste noch gar besonders moduliert wird, las der Vorsänger die erbauliche Geschichte von der Versuchung Abrahams. Die schöne Sara war bescheiden vom Gitter zurückgewichen, und eine breite, pnlcheladene Frau von mittlerem Alter und gar gespreizt wohlwollenden^ Wesen hatte ihr mit stummem Nicken die Miteinsicht in ihrem Gebetbuche vergönnt. Diese Frau mochte wohl keine große Schriftgelehrtin sein; denn als sie die Gebete murmelnd vor sich hin las, wie die Weiber, da sie nicht laut mitsingen dürfen, zu thnn Pflegen, so bemerkte die schöne Sara, daß sie viele Worte allzusehr nach Gutdünken aussprach und manche gute Zeile ganz übcrschlnppcrte. Nach einer Weile aber hoben sich schmachtend langsam die wasserklaren Augen der guten Frau, ein flaches Lächeln glitt über das porzellanhaft rot und weiße Gesicht, und mit einem Tone, der so vornehm , > I > - r I ! Hill ! 28 Novellistische Fragmente. als möglich hinschmelzen wollte, sprach sie zur schönen Sara: „Er singt sehr gut. Aber ich habe doch in Holland noch viel besser singen hören, Sic sind fremd und wissen vielleicht nicht, daß es der Vorsänger anS Worms ist, und daß man ihn hier behalten will, wenn er mit jährlichen vierhundert Gulden zufrieden. Es ist ein lieber Mann, und seine Hände sind wie Alabaster, Ich halte viel von einer schönen Hand, Eine schone Hand ziert den ganzen Menschen!" — Dabei legte die gute Frau selbstgefällig ihre Hand, die wirklich noch schön war, auf die Lehne des Betpultes, und mit einer graziösen Beugung des Hauptes andeutend, daß sie sich im Sprechen nicht gern unterbrechen lasse, sehte sie hinzu: „Das Singerchen ist noch ein Kind und sieht sehr abgezehrt aus. Der Baß ist gar zu häßlich, und unser Stern hat mal sehr witzig gesagt: Der Baß ist ein größerer Narr als man von einem Baß zu verlangen braucht! Alle drei speisen in meiner Garküche, und Sie wissen vielleicht nicht, daß ich Elle Schnapper bin," Die schöne Sara dankte für diese Mitteilung, wogegen wieder die Schnapper-Elle ihr ausführlich erzählte, wie sie einst in Amsterdam gewesen, dort wegen ihrer Schönheit gar vielen Nachstellungen unterworfen war,, und wie sie drei Tage vor Pfingsten nach Frankfurt gekommen und den Schnapper geheiratet, wie dieser am Ende gestorben, wie er auf dem Totenbette die rührendsten Dinge gesprochen, und wie es schwer sei, als Vorsteherin einer Garküche die Hände zu konservieren. Manchmal sah sie nach der Seite mit wegwerfendem Blicke, der wahrscheinlich einigen spöttischen jungen Weibern galt, i die ihren Anzug musterten. Merkwürdig genug war diese Kleidung: ein weit ausgcbauschter Rock von weißem Atlas, worin alle Tierarten der Arche Nonh grellfarbig gestickt, ein Wams von Goldstoff wie ein Küraß, die Ärmel von rotem Saint, gelb geschlitzt, auf dem Haupte eine unmenschlich hohe Mütze, um den Hals eine allmächtige Krause von weißem Steiflinnen, sowie auch eine silberne Kette, woran allerlei Schaupfennige, Kameen und Raritäten, unter andern ein großes Bild der Stadt Amsterdam, bis über den Busen herabhiugen, Aber die Kleidung der übrigen Frauen war nicht minder merkwürdig und bestand wohl aus einem Gemische von Moden verschiedener Zeiten, und manches Weiblein, bedeckt mit Gold und Diamanten, glich einem wandelnden Jnwelierladcn, Es war freilich den Frankfurter Juden damals eine bestimmte Kleidung gesetzlich vorgeschrieben, und zur Unterscheidung von den Christen sollten die Männer an ihren Mänteln gelbe Ringe und die Weiber an ihren Mützen hochaufstehende blau- gestreifte Schleier tragen. Jedoch im Judcuquartier wurde diese obrigkeitliche Verordnung wenig beachtet, und dort, besonders an Festtagen und zumal in der Synagoge, suchten die Weiber so viel Kleiderpracht als möglich gegeneinander auszukramen, teils um sich beneiden Der Rabbi von Bacharach. 29 zu lassen, teils auch um den Wvhlstand und die Kreditfähigkeit ihrer Eheherren darzuthun. Während nun unten in der Synagoge die Gesetzabschnitte aus den Büchern Mosis vorgelesen werden, Pflegt dort die Andacht etwas nachzulassen. Mancher macht es sich bequem und seht sich nieder, flüstert auch wohl mit einem Nachbar über weltliche Angelegenheiten, oder geht hinaus auf den Hof, um frische Luft zu schöpfen. Kleine Knaben nehmen sich unterdessen die Freiheit, ihre Mütter in der Weiberabteilung zu besuchen, und hier hat alsdann die Andacht wohl noch größere Rückschritte gemacht; hier wird geplaudert, geruddclt, gelacht, und, wie es überall geschieht, die jüngeren Frauen scherzen über die alten, und diese klagen wieder über Leichtfertigkeit der Jugend und Verschlechterung der Zeiten. Gleichwie es aber nuten in der Synagoge zu Frankfurt einen Vorsänger gab, so gab es in der oberen Abteilung eine Vorklntscherin. Das war Hündchen Reiß, eine platte grünliche Frau, die jedes Unglück witterte und immer eine skandalöse Geschichte auf der Zunge trug. Die gewöhnliche Zielscheibe ihrer Spitzreden war die arme Schnapper-Elle, sie wußte gar drollig die erzwungen vornehmen Gebärden derselben nachzuäffen, sowie auch den schmachtenden Anstand, womit sie die schalkhaften Huldigungen der Jugend entgegen nimmt. „Wißt ihr wohl," — rief jetzt Hündchen Reiß — „die Schnapper- Elle hat gestern gesagt: Wenn ich nicht schön und klug und geliebt wäre, so möchte ich nicht auf der Welt sein!" Da wurde etwas laut gekichert, und die nahestehende Schnapper- Elle, merkend, daß es auf ihre Kosten geschah, hob verachtungsvoll ihre Augen empor, und wie ein stolzes Prnchtschiff segelte sie nach einem entfernteren Platze. Die Vögele Ochs, eine runde, etwas täppische Frau, bemerkte mitleidig, die Schuapper-Elle sei zwar eitel und beschränkt, aber sehr bravmütig, und sie thue sehr viel GuteS an Leute, die es nötig hätten. „Besonders an den Nasenstern" — zischte Hündchen Reiß. Uud alle, die das zarte Verhältnis kannten, lachten um so lauter. „Wißt ihr wohl" — setzte Hündchen hämisch hinzu — „der Naseustern schläft jetzt auch in dem Hanse der Schuapper-Elle . . . Aber seht mal, dort unten die Tüschen Flörsheim trägt die Halskette, die Daniel Fläsch bei ihrem Manne versetzt hat. Die Fläsch ärgert sich . . . Jetzt spricht sie mit der Flörsheim. . . Wie sie sich so freundlich die Hand drücken! Und hassen sich doch wie Midian und Mvab! Wie sie sich so liebevoll anlächeln! Frcßt euch nur nicht ^ vor lauter Zärtlichkeit! Ich will mir das Gespräch anhören." Und nun, gleich einem lauernden Tiere, schlich Hündchen Reiß hinzu und hörte, daß die beiden Frauen teilnehmend einander klagten, wie sehr sie sich verflossene Woche abgearbeitet, um in ihren Häusern 8l) Novellistische Fragmente. aufzuräumen und das Küchengeschirr zu scheuern, was vor dem Pascha- feste geschehen muß, damit kein einziges Brosämchen der gesäuerten Brote daran kleben bleibe. Auch von der Mühseligkeit beim Backen der ungesäuerten Brote sprachen die beiden Fronen. Die Fläsch hatte noch besondere Beklagnisse; im Backhause der Gemeinde mußte sie viel Ärger erleiden, nach der Entscheidung des Loses konnte sie dort erst in den letzten Tagen, am Borabend des Festes, und erst spät nachmittags zum Backen gelangen, die alte Hanne hatte den Teig schlecht geknetet, die Mägde rollten mit ihren Wergelhölzern den Teig viel zu dünn, die Hälfte der Brote verbrannte im Ofen, und außerdem regnete es so stark, daß es durch das bretterne Dach des Backhauses beständig tröpfelte, und sie mußten sich dort, naß und müde, bis tief in die Nacht abarbeiten. „Und daran, liebe Flörsheim" — setzte die Fläsch hinzu mit einer schonenden Freundlichkeit, die keineswegs echt war — „daran waren Sie auch ein bißchen schuld, weil Sie mir nicht Ihre Leute zur Hilfeleistung beim Backen geschickt haben." „Ach, Verzeihung" — erwiderte die andere — „meine Leute waren zu sehr beschäftigt, die Meßwaren müssen verpackt werden, wir haben jetzt so viel zu thun, mein Mann . . ." „Ich weiß," — siel ihr die Fläsch mit schneidend hastigem Tone in die Rede — „ich weiß, ihr habt viel zu thun, viel Pfänder und gute Geschäfte, und Halsketten . . ." Eben wollte ein giftiges Wort den Lippen der Sprecherin entgleiten, und die Flörsheim ward schon rot wie ein Krebs, als plötzlich Hündchen Reiß laut aufkreischte: „Um Gottes willen, die fremde Frau liegt und stirbt. . . Wasser! Wasser!" Die schöne Sara lag in Ohnmacht, blaß wie der Tod, und um sie herum drängte sich ein Schwärm von Weibern, geschäftig und jammernd. Die eine hielt ihr den Kopf, eine zweite hielt ihr den Arm; einige alte Frauen bespritzten sie mit den Wasserglttschen, die hinter ihren Betpulten hängen zum BeHufe des Händewnschens, im Fall sie zufällig ihren eigenen Leib berührten: andere hielten unter die Nase der Ohnmächtigen eine alte Citrvne, die, mit Gewürznägel- chcn durchstochen, noch vom letzten Fasttage herrührte, wo sie zum nervenstärkenden Anriechen diente. Ermattet und tief seufzend schlug endlich die schöne Sara die Augen auf, und mit stummen Blicken dankte sie für die gütige Sorgfalt. Doch jetzt ward unten das Achtzehngebet, welches niemand versäumen darf, feierlich angestimmt, und die geschäftigen Weiber eilten zurück nach ihren Plätzen, und verrichteten jenes Gebet, wie es geschehen muß, stehend und das Gesicht gewendet gegen Morgen, welches die Himmelsgegend, wo Jerusalem liegt. Vögele Ochs, Schnapper-Elle und Hündchen Reiß verweilten am längsten bei der schönen Sara; die beiden ersteren, indem sie ihr Der Rabbi von Bacharach. 81 eifrigst ihre Dienste anboten, die letztere, indem sie sich nochmals bei ihr erkundigte, weshalb sie so plötzlich ohnmächtig geworden. Die Ohnmacht der schönen Sara hatte aber eine ganz besondere Ursache. Es ist nämlich Gebrauch in der Synagoge, daß jemand, welcher einer großen Gefahr entronnen, nach der Vorlesung der Gesetzabschnitte hervortritt und der göttlichen Vorsicht für seine Rettung dankt. Als nun Rabbi Abraham zu solcher Danksagung unten in der Synagoge sich erhob und die schöne Sara die Stimme ihres Mannes erkannte, merkte sie, wie der Ton derselben allmählich in das trübe Gemurmel des Totengebetes überging, sie hörte die Namen ihrer Lieben und Verwandten, und zwar begleitet von jenem segnenden Beiwort, das man den Verstorbenen erteilt; und die letzte Hoffnung schwand aus der Seele der schönen Sara, und ihre Seele ward zerrissen von der Gewißheit, daß ihre Lieben und Verwandte wirklich ermordet worden, daß ihre kleine Nichte tot sei, daß auch ihre Väschen, Blümchen und Vögclchen, tot seien, auch der kleine Gottschalk tot sei, alle ermordet und tot! Bon dem Schmerze dieses Bewußtseins wäre sie schier selber gestorben, hätte sich nicht eine wvhlthätige Ohnmacht über ihre Sinne ergossen. Kapitel Iii. Als die schöne Sara nach beendigtem Gottesdienste in den Hof der Synagoge hinabstieg, stand dort der Rabbi, harrend seines Weibes. Er nickte ihr mit heiterem Antlitz und geleitete sie hinaus auf die Straße, wo die frühere Stille ganz verschwunden und ein lärmiges Mcuschengcwimmcl zu schauen war. Bärtige Schwarzröcke, wie Ameisenhaufen; Weiber, glanzrcich hinflatternd, wie Goldkäfer; neugekleidete Knaben, die den Alten die Gebetbücher nachtrugen; junge Mädchen, die, weil sie nicht in die Synagoge gehen dürfen, jetzt aus den Häusern ihren Eltern entgegen hüpfen, vor ihnen die Lockenköpfchen beugen, um den Segen zu empfangen — alle heiter und freudig, und die Gasse auf und ab spazierend im seligen Vorgefühl eines guten Mittagmahls, dessen lieblicher Duft schon mundwässernd hervorstieg aus deu schwarzen, mit Kreide bezeichneten Töpfen, die eben von deu lachenden Mägden aus dem großen Gemeinde-Ofen geholt worden. In diesem Gewirre war besonders bemerkbar die Gestalt eines spanischen Ritters, auf dessen jugendlichen Gesichtszügen jene reizende Blässe lag, welche die Frauen gewöhnlich einer unglücklichen Liebe, die Männer hingegen einer glücklichen zuschreiben. Sein Gang, obgleich gleichgültig hinschlendernd, halte dennoch eine etwas gesuchte Zierlichkeit; die Federn seines Barettes bewegten sich mehr durch das vornehme Wiegen des Hauptes als durch das Wehen des Windes; mehr als eben notwendig klirrten seine goldenen Sporen und das 32 Novellistische Fragmente. Wehrgehünge seines Schwertes, welches er in, Arme zu tragen schien, und dessen Griff kostbar hervorblitzte aus dem weißen Reitermantel, der seine schlanken Glieder scheinbar nachlässig umhüllte und dennoch den sorgfältigsten Faltenwurf verriet. Hin und wieder, teils mit Neugier, teils mit Kennermienen, nahte er sich den vorüberwandeln- den Frauenzimmern, sah ihnen seelenruhig fest ins Antlitz, verweilte bei solchem Anschauen, wenn die Gesichter der Mühe lohnten, sagte auch manchem liebenswürdigen Kinde einige rasche Schmcichelworte, und schritt sorglos weiter, ohne die Wirkung zu erwarten. Die schöne Sara hatte er schon mehrmals umkreist, jedesmal wieder zurückgescheucht von dem gebietenden Blick derselben oder auch von der rätselhaft lächelnden Miene ihres Mannes, aber endlich, in stolzen. Abstreifen aller scheuen Befangenheit, trat er beiden keck in den Weg, und mit stutzenhafter Sicherheit und süßlich galantem Tone hielt er folgende Anrede, „Sennora, ich schwöre! Hört, Sennora, ich schwöre! Bei den Rosen beider Kastilien, bei den aragonesischen Hyacinthen und nnda- lnsischen Grnnatblüten! Bei der Sonne, die ganz Spanien mit all seinen Blumen, Zwiebel», Erbsensuppen, Wäldern, Bergen, Mauleseln, Ziegenböcken und Alt-Christen beleuchtet! Bei der Himmels- dccke, woran diese Sonne nur ein goldener Quast ist! Und bei dem Gott, der ans der Himmclsdecke sitzt, und Tag und Nacht über neue Bildung holdseliger Franengcstalten nachsinnt... Ich schwöre, Sennora, Ihr seid daS schönste Weib, das ich im deutschen Lande gesehen habe, und so Ihr gewillt seid, meine Dienste anzunehmen, so bitte ich Euch um die Gunst, Huld und Erlaubnis, mich Euren Ritter nennen zu dürfen, und in Schimpf und Ernst Eure Farben zu tragen!" Ein errötender Schmerz glitt über das Antlitz der schönen Sara, und mit einem Blicke, der um so schneidender wirkt, je sanfter die Augen sind, die ihn versenden, und mit einem Tone, der um so vernichtender, je bebend weicher die Stimme, antwortete die ticfgekränkte Frau: „Edler Herr! Wenn Ihr mein Ritter sein wollt, so müht Ihr gegen ganze Völker kämpfen, und in diesem Kampfe giebt es wenig Dank und noch weniger Ehre zu gewinnen! Und wenn Ihr gar meine Farben tragen wollt, so müßt Ihr gelbe Ringe auf Euren Mantel nähen oder eine blaugestreifte Schärpe umbinden; denn dieses sind meine Farben, die Farben meines Hauses, des Hauses, welches JSrael heißt, und sehr elend ist, und auf den Gassen verspottet wird von den Söhnen des Glücks." Plötzliche Purpurröte bedeckte die Wangen des Spaniers, eine unendliche Verlegenheit arbeitete in allen seinen Zügen, und fast stotternd sprach er: „Sennora . . . Ihr habt mich mißverstanden . . . unschuldiger Scherz. . , aber, bei Gott, kein Spott, kein Spott über Israel . . . Der Rabbi von Bacharach. 33 ich stamme selber aus dem Hause Israel , . . mein Großvater war ein Jude, vielleicht sogar mein Vater, , „Und ganz sicher, Seuuor, ist Euer Oheim ein Jude" — fiel ihm der Rabbi, der dieser Scenc ruhig zugesehen, plötzlich in die Rede, und mit einem fröhlich neckenden Blicke setzte er° hinzu: — „Und ich will mich selbst dafür verbürgen, daß Don Isaak Nbarbanel, Neffe des großen Rabbi, dem besten Blute Israels entsprossen ist, wo nicht gar dem königlichen Geschlechte Davids!" Da klirrte das Schwertgchttnge unter dem Mantel des Spaniers, seine Wangen erblichen wieder bis zur fahlsten Blässe, auf seiner Oberlippe zuckte es wie Hohn, der mit dem Schmerze ringt, aus seinen Augen grinste der zornigste Tod, und in einen: ganz verwandelten, eiskalten, scharfgehackten Tone sprach er: „Sennvr Rabbi! Ihr kennt mich. Nun wohlan, so wißt Ihr auch, wer ich bin. Und weiß der Fuchs, daß ich der Brut des Löwen angehöre, so wird er sich hüten, und seinen Fuchsbart nicht in Lebensgefahr bringen und meinen Zorn nicht reizen! Wie will der Fuchs den Löwen richten? Nur wer wie der Löwe fühlt, kann seine Schwächen begreifen . . ." „O, ich begreife es wohl," — antwortete der Rabbi, und wehmütiger Ernst zog über seine Stirne — „ich begreife es wohl, wie der stolze Leu aus Stolz seinen fürstlichen Pelz abwirft und sich in den bunten Schuppenpanzer deS Krokodils verkappt, weil es Mode ist, ein greinendes, schlaues, gefräßiges Krokodil zu sein! WaS sollen erst die geringeren Tiere beginnen, wenn sich der Löwe verleugnet? Aber hüte dich, Don Isaak, du bist nicht geschaffen für das Element deS Krokodils. Das Wasser — sdu weißt wohl, wovon ich rede) — ist dein Unglück, und du wirst untergehen. Nicht im Wasser ist dein Reich: die schwächste Forelle kann besser darin gedeihen als der König des Waldes. Weißt du noch, wie dich die Strudel des Togo verschlingen wollten.. . ." In ein lautes Gelächter ausbrechend, fiel Don Isaak plötzlich dem Rabbi um den Hals, verschloß seinen Mund mit Küssen, sprang spvrcnklirreud vor Freude in die Höhe, daß die vorbeigehenden Inden zurückschraken, und in seinem natürlich herzlich heiteren Tone rief er: „Wahrhaftig, du bist Abraham von Bacharach ! Und es war ein guter Witz und obendrein ein Freundschaftsstück, als du zu Toledo von der Älkautara-Brückc ins Wasser sprangst und deinen Freund, der besser trinken als schwimmen konnte, beim Schopf faßtest und aufs Trockene zogst! Ich war nahe daran, recht gründliche Untersuchungen anzustellen, ob auf dem Grunde des Tago wirklich Goldkörner zu finden, und ob ihn mit Recht die Römer den goldenen Fluß genannt haben. Ich sage dir, ich erkälte mich noch heute durch die bloße Erinnerung an jene Wasserpartie." Heine'S Werke. XI. Bd. 3 34 Novellistische Fragmente, Bei diesen Worten gebärdete sich der Spanier, als wollte er anhängende Wnssertrvpsen von sich abschütteln. Das Antlitz des Rabbi aber war gänzlich aufgeheitert. Er drückte seinem Freunde wieder- holentlich die Hand, und jedesmal sagte er: „Ich freue mich!" „Und ich freue mich ebenfalls," — sprach der andere — „ wir haben uns seit sieben Jahren nicht gesehen; bei unserem Abschied war ich noch ein ganz junger Gelbschnabel, und du, du warst schon so gesetzt und ernsthaft , , , Was ward aber aus der schönen Donna, die dir damals so viele Seufzer kostete, wohlgereiinte Seufzer, die du mit Lantenklang begleitet hast , , ." „Still, still! die Donna hört uns, sie ist mein Weib, und du selbst hast ihr heute eine Probe deines Geschmackes und DichtertalenteS dargebracht," Nicht ohne Nachwirkung der früheren Verlegenheit begrüßte der Spanier die schöne Frau, welche mit anmutiger Güte jetzt bedauerte, daß sie durch Äußerungen des Unmutes einen Freund ihreS Mannes betrübt habe. „Ach, Sennora," — antwortete Don Isaak — „ wer mit täppischer Hand nach einer Rose griff, darf sich nicht beklagen, daß ihn die Dornen verletzen! Wenn der Abendstern sich im blauen Strome goldfunkelnd abspiegelt , , ." „Ich bitte dich um Gottes willen," — unterbrach ihn der Rabbi, — „hör ans! , , , Wenn wir so lange warten sollen, bis der Abendstern sich im blauen Strome goldfunkelnd abspiegelt, so verhungert meine Frau; sie hat seit gestern nichts gegessen und seitdem viel Ungemach und Mühsal erlitten," „Nun, so will ich euch nach der besten Garküche Israels führen" — rief Don Isaak — „ nach dem Hause meiner Freundin Schnapper- Elle, das hier in der Nähe, Schölt rieche ich ihren holden Duft, nämlich der Garküche, O wüßtest du, Abraham, wie dieser Duft mich anspricht! Er ist es, der mich, seit ich in dieser Stadt verweile, so oft hinlockt nach den Zelten Jakobs. Der Verkehr mit dem Volke Gottes ist sonst nicht meine Liebhaberei, und wahrlich nicht um hier zu beten, sondern um zu essen, besuche ich die Judengasse . , ." „Du hast uns nie geliebt, Don Isaak , , ," „Ja" — fuhr der Spanier fort — „ich liebe eure Küche weit mehr als euren Glauben; es fehlt ihm die rechte Sauce, Euch selber habe ich nie ordentlich verdauen können. Selbst in euren besten Zeiten, selbst unter der Regierung meines Ahnherrn David, welcher König war über Inda und Israel, hätte ich es nicht unter euch aushalten können, und ich wäre gewiß eines frühen Morgens aus der Burg Zion entsprungen und nach Phönizien emigriert oder nach Babylon, wo die Lebenslust schäumte im Tempel der Götter , , ," „Du lästerst, Isaak, den einzigen Gott," — murmelte finster Dcr Rabbi von Bacharach. 35 der Rabbi — „du bist weit schlimmer als ein Christ, du bist ein Heide, ein Götzendiener . . „Ja, ich bin ein Heide, und ebenso zuwider wie die dürren, freudlosen Hebräer sind mir die trüben, qualsüchtigen Nazarener. Unsere liebe Frau von Sidon, die heilige Astarte, mag es mir verzeihen, daß ich vor der schmerzenreichen Mutter des Gekreuzigten niederknie und bete. . . Nur mein Knie und ineine Zunge huldigt dem Tode, mein Herz blieb treu dem Leben! . . ." „Aber schau nicht so sauer," fuhr der Spanier fort in seiner Rede, als er sah, wie wenig dieselbe den Rabbi zu erbauen schien — „schau mich nicht an mit Abscheu. Meine Nase ist nicht abtrünnig geworden. Als mich einst der Zufall um Mittagszeit in diese Straße führte, und aus den Küchen der Juden mir die wohlbekcmnten Düfte in die Nase stiegen, da erfaßte mich jene Sehnsucht, die unsere Väter empfanden, als sie zurückdachten an die Fleischtöpfe Ägyptens; wohlschmeckende Jugenderinncruugen stiegen in mir auf; ich sah wieder im Geiste die Karpfen mit brauner Rosinensauce, die meine Tante für den Freitagabend so erbaulich zu bereiten wußte; ich sah wieder das gedämpfte Hammelfleisch mit Knoblauch und Meerrettich, womit man die Toten erwecken kann, und die Suppe mit schwärmerisch schwimmenden Klößchen . . . und meine Seele schmolz, wie die Töne einer verliebten Nachtigall, und seitdem esse ich in der Garküche meiner Freundin Donna Schnapper-Elle!" Diese Garküche hatte man unterdessen erreicht; Schnapper-Elle selbst stand an der Thüre ihres Hauses, die Mcßfremden, die sich hungrig hineindrängten, freundlich begrüßend. Hinter ihr, den Kopf über ihre Schulter hinauslehnend, stand der lange Nasenstern und musterte neugierig ängstlich die Ankömmlinge. Mit übertriebener Grandezza nahte sich Don Isaak unserer Gastwirtin, die seine schalkhaft tiefen Verbeugungen mit unendlichen Knixen erwiderte; darauf zog er den Handschuh ab von seiner rechten Hand, umwickelte sie mit dem Zipfel seines Mantels, ergriff damit die Hand der Schnapper-Elle, strich sie langsam über die Haare seines Stutzbartes und sprach: „Sennora! Eure Augen wetteifern mit den Gluten der Sonne! Aber obgleich die Eier, je länger sie gekocht werden, sich desto mehr verhärten, so wird dennoch mein Herz nur um so weicher, je länger es von den Flammenstrahlen Eurer Augen gekocht wird! Aus dein Dotter meines Herzens flattert hervor der geflügelte Gott Amor und sucht ein trauliches Nestchen in Eurem Busen . . . Diesen Busen, Sennora, womit soll ich ihn vergleichen? Es giebt in der weiten Schöpfung keine Blume, keine Frucht, die ihm ähnlich wäre! Dieses Gewächs ist einzig in seiner Art. Obgleich der Sturm die zartesten Röslein entblättert, so ist doch Euer Busen eine Wintcrrvse, die allen Winden trotzt! Obgleich die saure Citrone, je mehr sie altert, nur 3* BD-- Zl - - ' PL/ -/"/ ' 36 Novellistische Fragmente. desto gelber und runzlichter wird, so wetteifert dennoch Euer Busen mit der Farbe und Zartheit der süßesten Ananas! O Scnuora, ist auch die Stadt Amsterdam so schön, wie Ihr mir gestern und vorgestern und alle Tage erzählt habt, so ist doch der Boden, worauf sie ruht, noch tausendmal schöner , . Der Ritter sprach diese letzteren Worte mit erheuchelter Befangenheit und schielte schmachtend nach dein großen Bilde, das au Schnapper- Elles Halse hing; der Nasenstcrn schaute von oben herab mit suchenden Augen, und der belobte Busen sehte sich in eine so wogende Bewegung, daß die Stadt Amsterdam hin und her wackelte. „Ach!" — senfzte die Schnapper-Elle — „ Tugend ist mehr wert als Schönheit. Was nützt mir die Schönheit? Meine Jugend geht vorüber, und seit Schnapper tot ist — er hat wenigstens schöne Hände gehabt — was hilft mir da die Schönheit?" Und dabei seufzte sie wieder, und wie ein Echo, fast unhörbar, seufzte hinter ihr der Rascustcrn. „Was Euch die Schönheit nützt?" — rief Don Isaak — „O, Donna Schnapper-Elle, versündigt Euch nicht an der Güte der schaffenden Natur! Schmäht nicht ihre holdesten Gaben! Sie würde sich furchtbar rächen. Diese beseligenden Augen würden blöde verglasen, diese anmutigen Lippen würden sich bis ins Abgeschmackte verplattcn, dieser keusche, liebesuchende Leib würde sich in eine schwerfällige Talgtonne verwandeln, die Stadt Amsterdam würde auf einen muffigen Morast zu ruhen kommen —" Und so schilderte er Stück vor Stück das jetzige Aussehen der Schnapper-Elle, so daß der armen Frau sonderbar beängstigend zu Mute ward, und sie den unheimlichen Reden des Ritters zu entrinnen suchte. In diesem Augenblicke war sie doppelt froh, als sie der schönen Sara ansichtig ward nnd sich angelegentlichst erkundigen konnte, ob sie ganz von ihrer Ohnmacht genesen. Sie stürzte sich dabei in ein lebhaftes Gespräch, worin sie alle ihre falsche Nornehmthnerci nnd echte Herzcnsgüte entwickelte, nnd mit mehr Weitläufigkeit als Klugheit die fatale Geschichte erzählte, wie sie selbst vor Schrecken fast in Ohnmacht gefallen wäre, als sie wildfremd mit der Trekschnite zu Amsterdam ankam, und der spitzbübische Träger ihres Koffers sie nicht in ein ehrbares Wirtshans, sondern in ein freches Franenhans brachte, was sie bald gemerkt an dem vielen Branntweingesöffe und den unsittlichen Zumutungen . . . nnd sie wäre, wie gesagt, wirklich in Ohnmacht gefallen, wenn sie es während der sechs Wochen, die sie in jenein verfänglichen Hanse zubrachte, nur einen Augenblick wagen durste, die Augen zu schließen . . . „Meiner Tugend wegen" — fetzte sie hinzu — „durfte ich es nicht wagen. Und das alles passierte mir wegen meiner Schönheit! Aber Schönheit vergeht, nnd Tugend besteht." Memoiren des Herrn von Schnabclewopski, 37 Don Isaak war schon im Begriff, die Einzelheiten dieser Geschichte kritisch zn beleuchten, als glücklicherweise der scheele Aron Hirschkuh von Homburg an der Lahn, mit der weißen Serviette im Maule, ans dem Hanse hervorkam, und ärgerlich klagte, daß schon längst die Suppe aufgetragen sei und die Gäste zu Tische säßen und die Wirtin fehle, (Der Schluß und die folgenden Kapitel sind, ohne Verschulden des Autors, verloren gegangen.) Aus den AAuuoireu des Herrn von Hchnabelewoxski. Erstes Buch. (1831,) Kapitel i. Mein Vater hieß Schnabelewopski, meine Mutter hieß Schnabe- lewopska; als beider ehelicher Sohn wurde ich geboren den 1, April 1795 zu Schnabelewops, Meine Großtante, die alte Frau von Pipitzka, pflegte meine erste Kindheit, und erzählte mir viele schöne Märchen, und sang mich oft in den Schlaf mit einein Liede, dessen Worte und Melodie meinem Gedächtnisse entfallen. Ich vergesse aber nie die geheimnisvolle Art, wie sie mit dem zitternden Kopfe nickte, wenn sie es sang, und wie wehmütig ihr großer einziger Zahn, der Einsiedler ihres Mundes, alsdann zum Vorschein kam. Auch erinnere ich mich noch manchmal des Papageis, über dessen Tod sie oft bitterlich weinte. Die alte Großtante ist seht ebenfalls tot, und ich bin in der ganzen Welt wohl der einzige Mensch, der an ihren lieben Papagei noch denkt. Unsere Katze hieß Mimi, und unser Hund hieß Jvli, Er hatte viel Menschenkenntnis und ging mir immer aus dem Wege, wenn ich zur Peitsche griff. Eines Morgens sagte unser Bedienter, der Hund trage den Schwanz etwas eingekniffen zwischen den Beinen und lasse die Zunge länger als gewöhnlich hervorhttngen; und der arme Joli wurde, nebst einigen Steinen, die man ihm an den Hals festband, ins Wasser geworfen. Bei dieser Gelegenheit ertrank er. Unser Bedienter hieß Prrschtzztwitsch, Man muß dabei niesen, wenn AM MU .FMc>> nMA i '^- / iK' 88 Novellistische Fragmente, man diesen Namen richtig aussprechen will. Unsere Magd hieß Swnrtszska, welches im Deutschen etwas rauh, im Polnischen aber äußerst melodisch klingt. Es war eine dicke, untersehte Person mit weißen Haaren und blonden Zähnen. Außerdem liefen noch zwei schöne schwarze Augen im Hause herum, welche man Seraphine nannte. Es war mein schönes herzliebeS Miihmelein, und wir spielten zusammen im Garten, und belauschten die Haushaltung der Ameisen, und haschten Schmetterlinge, und pflanzten Blumen, Sie lachte einst wie toll, als ich meine kleinen Strnmpfchen in die Erde pflanzte, in der Meinung, daß ein paar große Hosen für meinen Vater daraus hervorwachsen würden. Mein Vater war die gütigste Seele von der Welt und war lange Zeit ein wunderschöner Mann; der Kopf gepudert, hinten ein niedlich geflochtenes Zöpfchen, das nicht herabhing, sondern mit einem Kämmchen voll Schildkröte ans dem Scheitel befestigt war. Seine Hände waren blendend weiß, und ich küßte sie oft. Es ist mir, als röche ich noch ihren süßen Duft nnd er dränge mir stechend ins Auge, Ich habe meinen Vater sehr geliebt; denn ich habe nie daran gedacht, daß er sterben könne. Mein Großvater väterlicher Seite war der alte Herr von Schnabe- lewopski; ich weiß gar nichts von ihm, außer daß er ein Mensch und daß mein Vater sein Sohn war. Mein Großvater mütterlicher Seite war der alte Herr von Wlrssrnski sman muß gleichfalls niesen, wenn man seinen Namen richtig aussprechen will), und er ist abgemalt in einem scharlachroten Samtrock und einem langen Degen, nnd meine Mutter erzählte mir oft, daß er einen Freund hatte, der einen grünseidenen Rock, rosaseidcnc Hosen nnd weißseidene Strümpfe trug, und wütend den kleinen Chapcau bas hin und her schwenkte, wenn er vom König von Preußen sprach. Meine Mutter, Frau von Schnabelewopska, gab mir, als ich heranwuchs, eine gute Erziehung, Sie hatte viel gelesen; als sie mit mir schwanger ging, las sie fast ausschließlich den Plutarch, nnd hat sich vielleicht an einem von dessen großen Männern versehen, wahrscheinlich an einem von den Gracchen. Daher meine mystische Sehnsucht, das agrarische Gesetz in moderner Form zu verwirklichen. Mein Freiheits- nnd Gleichheitssinn ist vielleicht solcher mütterlicher Vorlektüre beizumessen. Hätte meine Mutter damals das Leben des Cartonche gelesen, so wäre ich vielleicht ein großer Bankier geworden. Wie oft als Knabe versäumte ich die Schule, um ans den schönen Wiesen von SchnabelcwvpS einsam darüber nachzudenken, wie man die ganze Menschheit beglücken könnte. Man hat mich deshalb oft einen Müßiggänger gescholten nnd als solchen bestraft; nnd für meine WeltbeglückungSgcdanken mußte ich schon damals viel Leid nnd Not erdulden. Die Gegend um Schnabclewops ist übrigens sehr schön, Memoire» des Herr» von Schnabclcwopsli. 39 eS stießt dort ein Flüßchen, worin man des Somincrs sehr angenehm badet, anch giebt es allerliebste Vogelnester in den Gehölzen des Users. Das alte Gncsen, die ehemalige Hauptstadt von Polen, ist mir drei Meilen davon entfernt. Dort im Dom ist der heilige Adalbert begraben. Dort steht sein silberner Sarkophag, nnd darauf liegt sein eigenes Konterfei in Lebensgröße, mit Bischosmützc nnd Krummstab, die Hände fromm gefaltet, und alles von gegossenem Silber. Wie oft muß ich deiner gedenken, du silberner Heiliger! Ach, wie oft schleichen meine Gedanken nach Polen zurück, nnd ich stehe wieder in dem Dome von Gncsen, an den Pfeiler gelehnt, bei dein Grabmal Adalberts! Dann rauscht auch wieder die Orgel, als probiere der Organist ein Stück aus AlegriS Miserere; in einer fernen Kapelle wird eine Messe gemurmelt; die lebten Sonnenlichter fallen durch die bunten Fensterscheiben; die Kirche ist leer; nur vor dem silbernen Grabmal des Heiligen liegt eine betende Gestalt, ein wunderholdeS Frauenbild, das mir einen raschen Seitenblick zuwirft, aber ebenso rasch sich wieder gegen den Heiligen wendet und mit ihren sehnsüchtig schlauen Lippen die Worte flüstert: „Ich bete dich an!" In demselben Augenblick, als ich diese Worte hörte, klingelte in der Ferne der Mehner, die Orgel rauschte mit schwellendem Ungestüm, das holde Fraucnbild erhob sich von den Stufen des Grabmals, warf ihren weißen Schleier über das errötende Antlitz, und verließ den Dom. „Ich bete dich an!" Galten diese Worte mir oder dem silbernen Adalbert? Gegen diesen hatte sie sich gewendet, aber nur mit dem Antlitz. Was bedeutete jener Seitenblick, den sie mir vorher zugeworfen nnd dessen Strahlen sich über meine Seele ergossen, gleich einem langen Lichtstreif, den der Mond über das nächtliche Meer dahinzieht, wenn er ans dem Wolkendunkel hervortritt und sich schnell wieder dahinter verbirgt? In meiner Seele, die ebenso düster wie das Meer, weckte jener Lichtstreif alle die Ungetüme, die im tiefen Grunde schliefen, und die tollsten Haifische und Schwertfische der Leidenschaft schössen plötzlich hervor, und tummelten sich, und bissen sich vor Wonne in den Schwänzen, nnd dabei brauste nnd kreischte immer gewaltiger die Orgel, wie Sturmgctöse auf der Nordsee. Den andern Tag verließ ich Polen. Knpitcl Ii. Meine Mutter packte selbst meinen Koffer; mit jedem Hemde hat sie auch eine gute Lehre hincingepackt. Die Wäscherinnen haben mir späterhin alle diese Hemden mitsamt den guten Lehren vertauscht. Mein Vater war tief bewegt; und er gab mir einen langen Zettel, worin er artikelweis aufgeschrieben, wie ich mich in dieser Welt zu Verhalten habe. Der erste Artikel lautete, daß ich jeden Dukaten 40 Novellistische Fragmente. zehnmal herumdrehen solle, ehe ich ihn ausgäbe, Das befolgte ich auch im Anfang; nachher wurde mir das beständige Herumdrehen viel zu mühsam. Mit jenem Zettel überreichte mir mein Vater auch die dazu gehörigen Dukaten, Dann nahm er eine Schere, schnitt damit das Zöpfchen von feinem lieben Haupte, und gab mir das Zöpfchcn zum Andenken, Ich besitze es noch, und weine immer, wenn ich die gepuderten feinen Härchen betrachte — — Die Nacht vor meiner Abreise hatte ich folgenden Traum: Ich ging einsam spazieren in einer heiter schönen Gegend am Meer, Es war Mittag, und die Sonne schien ans das Wafser, daß es wie lauter Diamanten funkelte. Hier und da am Gestade erhob sich eine große Aloe, die sehnsüchtig ihre grünen Arme nach dem sonnigen Himmel cmpvrstreckte. Dort stand auch eine Trauerweide mit lang herabhängenden Tressen, die sich jedesmal emporhoben, wenn die Wellen heranspülten, so daß sie alsdann wie eine junge Nixe aussah, die ihre grünen Locken in die Höhe hebt, um besser hören zu können, was die verliebten Lnftgeister ihr ins Ohr flüstern. In der That, das klang manchmal wie Seufzer und zärtliches Gekvse, DaS Meer erstrahlte immer blühender und lieblicher, immer wohllautender rauschten die Wellen, und ans den rauschenden glänzenden Wellen schritt einher der silberne Adalbert, ganz wie ich ihn im Gnesener Dome gesehen, den silbernen Krnmmstab in der silbernen Hand, die silberne Bischofsmütze auf dem silbernen Haupte, und er winkte mir mit der Hand und er nickte mir mit dem Haupte, und endlich, als er mir gegenüber stand, rief er mir zu mit unheimlicher Silberstimme: — — — Ja, die Worte habe ich wegen des WellengeräuscheS nicht hören können. Ich glaube aber, mein silberner Nebenbuhler hat mich verhöhnt, Denn ich stand noch lange am Strande und weinte, bis die Abenddämmerung heranbrach und Himmel und Meer trüb und blaß wurden und traurig über alle Maßen, Es stieg die Flut, Aloe und Weide krachten und wurden fortgeschwemmt von den Wogen, die manchmal hastig zurückliefen und desto ungestümer wieder heranschwollen, tosend, schaurig, in schanmweißen Halbkreisen, Dann aber auch hörte ich ein taktförmiges Geräusch wie Ruderschlag, und endlich sah ich einen Kahn mit der Brandung herantreiben. Vier weiße Gestalten, fahle Tvtcngesichter, eingehüllt in Leichentüchern, saßen darin und ruderten mit Anstrengung, In der Mitte des KahneS stand ein blasses, aber unendlich schönes Frauenbild, unendlich zart, wie geformt aus Liliendnft — und sie sprang ans Ufer, Der Kahn mit seinen gespenstischen Nnderkncchten schoß Pfeilschnell wieder zurück ins hohe Meer, und in meinen Armen lag Panna Jadviga und weinte und lachte: „Ich bete dich an!" Memoiren des Herrn von Schnabelewopski, 41 Kapitel Iii. Mein erster Ausflug, als ich SchuabelewvpS verließ, war nach Deutschland, und zwar nach Hamburg, wo ich sechs Monate blieb, statt gleich nach Leyden zu reisen und mich dort, nach dem Wunsche meiner Eltern, dem Studium der Gottesgelahrtheit zu ergeben. Ich muß gestehen, daß ich während jenes Semesters mich mehr mit weltlichen Dingen abgab als mit göttlichen. Die Stadt Hamburg ist eine gute Stadt; lauter solide Häuser. Hier herrscht nicht der schändliche Macbeth, sondern hier herrscht Banko. Der Geist Bantus herrscht überall in diesem kleinen Freistaate, dessen sichtbares Oberhaupt ein hoch- und wohlweiser Senat. In der That, es ist ein Freistaat, und hier findet man die größte politische Freiheit. Die Bürger können hier thun, was sie wollen, und der hoch- nnd wohlweise Senat kann hier ebenfalls thun, was er will; jeder ist hier freier Herr seiner Handlungen. Es ist eine Republik. Hätte Lafayette nicht das Glück gehabt, den Ludwig Philipp zu finden, so würde er gewiß seinen Franzosen die hamburgischen Senatoren und Oberalten empfohlen haben. Hamburg ist die beste Republik. Seine Sitten sind englisch, und seilt Essen ist himmlisch. Wahrlich, es giebt Gerichte zwischen dem Wandrahmen und dem Dreckwall, wovon unsere Philosophen keine Ahnung haben. Die Hamburger sind gute Leute und essen gut. Über Religion, Politik und Wissenschaft sind ihre respektiven Meinungen sehr verschieden, aber in betreff des Essens herrscht das schönste Einverständnis. Mögen die christlichen Theologen dort noch so sehr streiten über die Bedeutung des Abendmahls: über die Bedeutung des Mittagsmahls sind sie ganz einig. Mag es unter den Inden dort eine Partei geben, die das Tischgebet ans deutsch spricht, während eine andere es auf hebräisch absingt: beide Parteien essen, und essen gut, und wissen das Essen gleich richtig zu beurteilen. Die Advokaten, die Bratenwender der Gesetze, die so lange die Gesetze wenden und anwenden, bis ein Braten für sie dabei abfällt, diese mögen noch so sehr streiten, ob die Gerichte öffentlich sein sollen oder nicht: darüber sind sie einig, daß alle Gerichte gut sein müssen, und jeder von ihnen hat sein Leibgericht. Das Militär denkt gewiß ganz tapfer spartanisch, aber von der schwarzen Suppe will es doch nichts wissen. Die Arzte, die in der Behandlung der Krankheiten so sehr uneinig sind und die dortige Nativnalkrankheit snämlich Magenbeschwerden) als Browuiauer durch noch größere Portionen Rauchfleisch oder als Homöopathen durch Tropfen Absinth in einer großen Kumps Mockturtlesuppe zu kurieren pflegen: diese Ärzte sind ganz einig, wenn von dem Geschmacke der Suppe und des Rauchfleisches selbst die Rede ist. Hamburg ist die Vaterstadt des letzteren, des Rauchfleisches, und rühmt sich dessen, wie Mainz sich seines 42 Novellistische Fragmente. Johann Fnst und Eisleben sich seines Luther zu rühmen Pflegt. Aber was bedeutet die Buchdruckerei und die Reformation im Vergleich mit Rauchfleisch? Ob beide ersteren genutzt oder geschadet, darüber streiten zwei Parteien in Deutschland; aber sogar unsere eifrigsten Jesuiten sind eingeständig, daß das Rauchfleisch eine gute, für den Nienschen heilsame Erfindung ist. Hamburg ist erbaut von Karl dem Großen und wird bewohnt von 8l) VW kleinen Leuten, die alle mit Karl dem Großen, der in Aachen begraben liegt, nicht tauschen würden. Vielleicht beträgt die Bevölkerung von Hamburg gegen 1VV VVV; ich weiß es nicht genau, obgleich ich ganze Tage lang auf den Straßen ging, um mir dort die Menschen zu betrachten. Auch habe ich gewiß manchen Mann übersehen, indem die Frauen meine besondere Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen. Letztere fand ich durchaus nicht mager, sondern meistens korpulent, mitunter reizend schön, und im Durchschnitt von einer gewissen wohlhabenden Sinnlichkeit, die mir beileibe nicht mißfiel. Wenn sie in der romantischen Liebe sich nicht allzu schwärmerisch zeigen und von der großen Leidenschaft des Herzens wenig ahnen, so ist das nicht ihre Schuld, sondern die Schuld Amors, des kleinen Gottes, der manchmal die schärfsten Liebespfeile auf seinen Bogen legt, aber aus Schalkheit oder Ungeschick viel zu tief schießt, und statt des Herzens der Hamburgerinnen nur ihren Magen zu treffen Pflegt. Was die Männer betrifft, so sah ich meistens untersetzte Gestalten, verständige kalte Augen, kurze Stirn, nachlässig herabhängende rote Wangen, die Eßwerkzeuge besonders ausgebildet, der Hut wie festgenagelt auf dem Kopfe, und die Hände in beiden Hosentaschen, wie einer, der eben fragen will: Was Hab' ich zu bezahlen? Zu den Merkwürdigkeiten der Stadt gehören: 1) das alte Rathaus, wo die großen Hamburger Rankiers, aus Stein gemeißelt und mit Zepter und Reichsapfel in Händen, abkonterfeit stehen. 2) Die Börse, Ivo sich täglich die Söhne Hammonias versammeln, wie einst die Römer auf dem Forum, und wo über ihren Häuptern eine schwarze Ehrentafel hangt mit den Namen ausgezeichneter Mitbürger. 3) Die schone Marianne, ein außerordentlich schönes Frauenzimmer, woran der Zahn der Zeit schon seit zwanzig Jahren kaut — Nebenbei gesagt, der „Zahn der Zeit" ist eine schlechte Metapher, denn sie ist so alt, daß sie gewiß keine Zähne mehr hat, nämlich die Zeit — die schöne Marianne hat vielmehr jetzt noch alle ihre Zähne und noch immer Haare darauf, nämlich auf den Zähnen. 4) Die ehemalige Centralkasse. Z) Altona. 6) Die Originalmanuskripte von Mnrrs Tragödien. 7) Der Eigentümer des Rödingschen Kabinetts. 8) Die Börsenhalle. S) Die Bacchushalle, und endlich 10) das Stadttheater. Letzteres verdient besonders gepriesen zu werden, seine Mitglieder sind lauter gute Bürger, ehrsame Hausväter, die sich nicht verstellen können Memoiren des Herrn von Schnadelcwopski. 43 und niemanden täuschen, Männer, die das Theater zum Gotteshausc machen, indem sie den Unglücklichen, der an der Menschheit verzweifelt, aufS wirksamste überzeugen, daß nicht alles in der Welt eitel Heuchelei und Verstellung ist. Bei Aufzählung der Merkwürdigkeiten der Republik Hamburg kann ich nicht umhin zu erwähnen, daß zu meiner Zeit der Apollosaal auf der Drehbahn sehr brillant war. Jetzt ist er sehr heruntergekommen, und es werden dort philharmonische Konzerte gegeben, Taschenspielerknnste gezeigt und Naturforscher gefüttert, Einst war es anders! Es schmetterten die Trompeten, es wirbelten die Pauken, es flatterten die Straußfedern, und Heloise und Minka rannten durch die Reihen der Oginski-Polonaise, und alles war sehr anständig. Schöne Zeit, Ivo mir das Glück lächelte! Und das Glück hieß Heloise! Es war ein süßes, liebes, beglückendes Glück mit Rosenwangen, Liliennäschen, heißduftigen Nelkenlippen, Augen wie der blaue Bcrgsee; aber etwas Dummheit lag auf der Stirne, wie ein trüber Wolkenflor über einer prangenden FrühlingSlnndschaft, Sie war schlank wie eine Pappel und lebhaft wie ein Vogel, und ihre Haut war so zart, daß sie zwölf Tage geschwollen blieb durch den Stich einer Haarnadel, Ihr Schmollen, als ich sie gestochen hatte, dauerte aber nur zwölf Sekunden, und dann lächelte sie — Schöne Zeit, als das Glück mir lächelte! , . , Minka lächelte seltener, denn sie hatte keine schöne Zähne, Desto schöner aber waren ihre Thränen, wenn sie weinte, und sie weinte bei jedem fremden Unglück, und sie war wohlthätig über alle Begriffe, Den Armen gab sie ihren letzten Schilling; sie war sogar oft in der Lage, wo sie ihr letztes Hemd weggab, wenn man es verlangte, Sie war so seelengut, Sie konnte nichts abschlagen, ausgenommen ihr Wasser, Dieser weiche, nachgiebige Charakter kontrastierte gar lieblich mit ihrer äußeren Erscheinung, Eine kühne, junonische Gestalt; weißer frecher Nacken, umringelt von wilden schwarzen Locken, wie von wollüstigen Schlangen; Augen, die unter ihren düsteren SiegeSbvgen so weltbeherrschend strahlten; pnrpurstolze, hochgewölbte Lippen; marmorne, gebietende Hände, worauf leider einige Sommersprossen; auch hatte sie in der Form eines kleinen Dolches ein braunes Muttermal an der linken Hüfte, Wenn ich dich in sogenannte schlechte Gesellschaft gebracht, lieber Leser, so tröste dich damit, daß sie dir wenigstens nicht so viel gekostet wie mir. Doch wird es später in diesem Buche nicht an idealischen Frauenspersonen sehlen, und schon jetzt will ich dir zur Erholung zwei Anstandsdamen vorführen, die ich damals kennen und verehren lernte. Es ist Madame Pieper und Madame Schnieper, Erstcrc war eine schöne Frau in ihren reifsten Jahren, große schwärzliche Augen, eine große weiße Stirne, schwarze falsche Locken, eine kühne nltrömischc Nase, und ein Maul, das eine Guillotine war für jeden 44 Novellistische Fragmente. guten Namen. In der That, für einen Namen gab es keine leichtere Hinrichtungsmaschine als Madame Piepers Maul; sie ließ ihn nicht lange zappeln, sie machte keine langwichtige Vorbereitungen; warder beste gute Name zwischen ihre Zähne geraten, so lächelte sie nur — aber dieses Lächeln war wie ein Fallbeil, und die Ehre war abgeschnitten und fiel in den Sack. Sie war immer ein Muster von Austand, Ehrsamkeit, Frömmigkeit und Tugend. Von Madame Schnieper ließ sich dasselbe rühmen. Es war eine zarte Frau, kleine ängstliche Brüste, gewöhnlich mit einem wehmütig dünnen Flor umgeben, hellblonde Haare, hellblaue Augen, die entsetzlich klug hervorstachen aus dem weißen Gesichte. Es hieß, man könne ihren Tritt nie hören, nnd wirklich, ehe man sich dessen versah, stand sie oft neben einem, und verschwand dann wieder ebenso geräuschlos. Ihr Lächeln war ebenfalls tödlich für jeden guten Namen, aber minder wie ein Beil, als vielmehr wie jener afrikanische Giftwind, von dessen Hauch schon alle Blumen verwelken; elendiglich verwelken mußte jeder gute Name, über den sie nur leise hinlächelte. Sie war immer ein Muster von Anstand, Ehrsamkeit, Frömmigkeit und Tugend. Ich würde nicht ermangeln, mehrere von den Söhnen Hammonias ebenfalls hcrvorzuloben und einige Männer, die man ganz besonders hochschätzt — namentlich diejenigen, welche man auf einige Millionen Mark Banco zu schätzen Pflegt — aufs prächtigste zu rühmen; aber ich will in diesem Augenblick meinen Enthusiasmus unterdrücken, damit er späterhin in desto helleren Flammen emporlodere. Ich habe nämlich nichts Geringeres im Sinn, als einen Ehrentempel Hamburgs herauszugeben, ganz nach demselben Plane, welchen schon vor zehn Jahren ein berühmter Schriftsteller entworfen hat, der in dieser Absicht jeden Hamburger aufforderte, ihm ein specifizicrtcs Jnventarinm seiner specicllen Tugenden, nebst einen: Species-Thaler, aufs schleunigste einzusenden. Ich habe nie recht erfahren können, warum dieser Ehrentempel nicht zur Ausführung kam; denn die einen sagten, der Unternehmer, der Ehrenmann, sei, als er kaum von Naron bis Abendrot gekommen und gleichsam die ersten Klötze eingerammt, von der Last des Materials schon ganz erdrückt worden; die andern sagten, der hoch- und wohlweise Senat habe aus allzu großer Bescheidenheit daS Projekt hintertrieben, indem er dem Baumeister seines eigenen Ehrentempels plötzlich die Weisung gab, binnen 24 Stunden das hamburgische Gebiet mit all seinen Tugenden zu verlassen. Aber gleichviel ans welchem Grunde, das Werk ist nicht zustande gekommen; und da ich ja doch einmal aus angeborener Neigung etwas Großes thnn wollte in dieser Welt und immer gestrebt habe das Unmögliche zu leisten, so habe ich jenes ungeheure Projekt wieder aufgefaßt, nnd ich liefere einen Ehrenteinpel Hamburgs, ein unsterbliches Riesenbuch, worin ich die Herrlichkeit aller seiner Einwohner ohne Ausnahme Memoiren des Herrn von Schnabelewopski. 4? IM c! beschreibe, worin ich die edlen Züge von geheimer Mildthätigkcit init- tcile, die noch gar nicht in der Zeitung gestanden, worin ich Groß- thaten erzähle, die keiner glauben wird, und worin mein eigenes Bildnis, wie ich ans dem Jnngfernstieg vor dem Schwcizerpavillon sitze nnd über Hamburgs Verherrlichung nachdenke, als Vignette paradieren soll. Kapitel iv. Für Leser, denen die Stadt Hamburg nicht bekannt ist — und es giebt deren vielleicht in China nnd Ober-Bayern — für diese muß ich "bemerken, daß der schönste Spaziergang der Söhne und Töchter Hammonias den rechtmäßigen Namen Jnngfernstieg führt; daß er aus einer Lindenallee besteht, die auf der einen Seite von einer Reihe Häuser, auf der andern Seite von dem großen Alsterbassin begrenzt wird; und daß vor letzterem, ins Wasser hincingebaut, zwei zeltartige lustige Kaffeehäuslein stehen, die man Pavillons nennt. Besonders vor dem einen, dem sogenannten Schwcizerpavillon, läßt sich gut sitzen, wenn es Sommer ist und die Nachmittagssonne nicht zu wild glüht, sondern nur heiter lächelt und mit ihrem Glänze die Linden, die Häuser, die Menschen, die Alfter und die Schwäne, die sich darauf wiegen, fast märchenhaft lieblich übergießt. Da läßt sich gut sitzen, nnd "da saß ich gut gar manchen Svmmernachmittag, nnd dachte, was ein junger Mensch zu denken Pflegt, nämlich gar nichts, nnd betrachtete, was ein junger Mensch zu betrachten Pflegt, nämlich die jungen Mädchen, die vorübergingen — und da flatterten sie vorüber, jene holden Wesen mit ihren geflügelten Häubchen nnd ihren verdeckten Körbchen, worin nichts enthalten ist — da trippelten sie dahin, die bunten Vicrländerinncn, die ganz Hamburg mit Erdbeeren und eigener Milch versehen, und deren Röcke noch immer viel zu lang sind — da stolzierten die schönen Kaufmannstöchter, mit deren Liebe man auch so viel bares Geld bekommt — da hüpft eine Amme, auf den Armen ein rosiges Knäbchen, das sie beständig küßt, während sie an ihren Geliebten denkt — da wandeln Priestcrinnen der schaum- entsticgenen Göttin, hanseatische Vestalen, Dianen, die auf die Jagd gehen, Najaden, Dryaden, Hamadryaden und sonstige PredigerStöchter — ach! da wandelt auch Minka nnd Hcloisa! Wie oft saß ich vor dem Pavillon nnd sah sie vorüberwandeln in ihren rosagestreiftcn Roben — die Elle kostet 4 Mark nnd 3 Schilling, und Herr Selig mann hat mir versichert, die Rosastreifen würden im Waschen die Farbe behalten — Prächtige Dirnen! riefen dann die tugendhaften Jünglinge, die neben mir saßen. — Ich erinnere mich, ein großer Asseknradeur, der immer wie ein Pfingstochs geputzt ging, sagte einst: Die eine mächt' ich mir mal als Frühstück und die andere als Abend- 46 Novellistische Fragmente. brot zu Gemüts führen, und ich würde an solchem Tage gar nicht zu Mittag speisen — Sie ist ein Engel! sagte einst ein Schiffskapitän ganz laut, so daß sich beide Mädchen zu gleicher Zeit umsahen, und sich dann einander eifersüchtig anblickten. — Ich selber sagte nie etwas, und ich dachte meine süßesten Garnichtsgedanken, und betrachtete die Mädchen nud den heiter sanften Himmel und den laugen Petritnrm mit der schlanken Taille und die stille blaue Alfter, ivorauf die Schwäne so stolz nud so lieblich und so sicher umherschwammen. Die Schwäne! Stundenlang konnte ich sie betrachten, diese holden Geschöpfe mit ihren sanften langen Hälsen, wie sie sich üppig ans den weichen Fluten wiegten, wie sie zuweilen selig untertauchten und wieder auftauchten, und übermütig plätscherten, bis der Himmel dunkelte, und die goldenen Sterne hervortraten, verlaugend, verheißend, wunderbar zärtlich, verklärt. Die Sterne! Sind es goldene Blumen am kränklichen Busen des Himmels? Sind es verliebte Engelsaugcn, die sich sehnsüchtig spiegeln in den blauen Gewässern der Erde und mit den Schwanen buhlen? Ach! Das ist nun lange her. Ich war damals jung und thöricht. Jetzt bin ich alt und thöricht. Manche Blume ist unterdessen verwelkt und manche sogar zertreten worden. Manches seidene Kleid ist unterdessen zerrissen, und sogar der rvsagestreifte Kattun des Herrn Seligmann hat unterdessen die Farbe verloren. Er selbst aber ist ebenfalls verblichen — die Firma ist jetzt „Selig- manns selige Witwe" und Heloisa, das sanfte Wesen, das geschaffen schien, nur auf weichbcblümten indischen Tcppichen zu wandeln und mit Pfauenfedern gefächelt zu werden, sie ging unter in Matrosenlärm, Punsch, TabakSrauch und schlechter Musik. Als ich Minka wiedersah — sie nannte sich jetzt Kathiuka und wohnte zwischen Hamburg und Altona — da sah sie aus wie der Tempel Salvmonis, als ihn Nebukadnezar zerstört hatte und roch nach assyrischem Knaster — und als sie mir Helvisas Tod erzählte, weinte sie bitterlich und riß sich verzweiflungsvoll die Haare aus, und wurde schier ohnmächtig, und mußte ein großes Glas Branntwein austrinken, um zur Besinnung zu kommen. lind die Stadt selbst, wie ivar sie verändert. Und der Jnngfern- stieg! Der Schnee lag auf den Dächern, und es schien, als hätten sogar die Häuser gealtert und weiße Haare bekommen. Die Linden des Jungfernstiegs waren nur tote Bäume mit dürren Asten, die sich gespenstisch im kalten Winde bewegten. Der Himmel war schneidend blau und dunkelte hastig. Es war Sonntag, fünf Uhr, die allgemeine FütterungSstunde, und die Wagen rollten, Herren und Damen stiegen aus mit einem gefrorenen Lächeln auf den hungrigen Lippen — Entsetzlich! in diesem Augenblick durchschanerte mich "die schreckliche Bemerkung, daß ein unergründlicher Blödsinn ans allen Memoiren deS Herrn von SchnabelewoMi. 47 diesen Gesichtern lag, und daß alle Menschen, die eben vorbeigingen, in einem wunderbaren Wahnwitz befangen schienen. Ich hatte sie schon vor zwölf Jahren nm dieselbe Stunde mit denselben Mienen, wie die Puppen einer NathanSuhr, in derselben Bewegung gesehen, und sie hatten seitdem ununterbrochen in derselben Weise gerechnet, die Börse besucht, sich einander eingeladen, die Kinnbacken bewegt, ihre Trinkgelder bezahlt, und wieder gerechnet: zweimal zwei ist vier — Entsetzlich! rief ich, wenn einem von diesen Leuten, während er auf dem Comptoirbock säße, Plötzlich einfiele, daß zweimal zwei eigentlich fünf sei, und daß er also sein ganzes Leben verrechnet und sein ganzes Leben in einem schauderhaften Irrtum vergeudet habe! Ans einmal aber ergriff mich selbst ein närrischer Wahnsinn, und als ich die voriiberwandelnden Menschen genauer betrachtete, kam es mir vor, als seien sie selber nichts anderes als Zahlen, als arabische Ziffern; und da ging eine krnmmfiißige Zwei neben einer fatalen Drei, ihrer schwangeren und vollbusigen Frau Gemahlin; dahinter ging Herr Vier ans Krücken; einherwatschelnd kam eine fatale Fünf, rnndbäuchig mit kleinem Köpfchen; dann kam eine wohlbekannte kleine Sechse und eine noch wohlbekanntere böse Sieben — doch als ich die unglückliche Acht, wie sie Vvriibcrschwankte, ganz genau betrachtete, erkannte ich den Asseknradeur, der sonst wie ein Pfingstochs geputzt ging, jetzt aber wie die magerste von Pharaos mageren Kühen aussah — blasse hohle Wangen wie ein leerer Suppenteller, kaltrote Nase wie eine Wintsrrosc, abgeschabter schwarzer Rock, der einen kümmerlich weißen Wiederschein gab, ein Hut, worin Saturn mit der Sense einige Luftschlösser geschnitten, doch die Stiefel noch immer spiegelblank gewichst — und er schien nicht mehr daran zu denken, Heloisa und Minka als Frühstück und Abendbrot zu verzehren, er schien sich vielmehr nach einem Mittagessen von gewöhnlichem Rindfleisch zu sehnen, linier den vorüberrollendcn Nullen erkannte ich noch manchen alten Bekannten. Diese und die andern Zahlenmcnschcn rollten vorüber, hastig und hungrig, während unfern längs den Häusern des Jungfernstiegs noch grauenhafter drollig ein Leichenzug sich hinbcwcgte. Ein trübsinniger Mummenschanz! hinter dein Traner- wagcn, einherstelzend auf ihren dünnen schwarzseidenen Benutzen, gleich Marionetten des Todes, gingen die wohlbekannten Natsdiener, privilegierte Leidtragende in parodiert altbnrgnndischem Kostüm; kurze schwarze Mäntel und schwarze Pluderhosen, weiße Perücken und weiße Halsberge, wozwischen die roten bezahlten Gesichter gar possenhaft hervorgucken, kurze Stahldegen an den Hüsten, unterm Arm ein grüner Regenschirm. Aber noch unheimlicher und verwirrender als diese Bilder, die sich wie ein chinesisches Schattenspiel schweigend vorbeibewcgtcn, waren die Töne, die von einer andern Seite in mein Ohr drangen. Es !Hc ^ - W!s ->'MA np' P K" I l Ii 48 Novellistische Fragmente, waren heisere, schnarrende, metalllvse Töne, ein unsinniges Kreischen, ein ängstliches Plätschern nnd verzweifelndes Schlürfen, ein Keuchen und Schollern, ein Stöhnen und Ächzen, ein nnbeschrcibbar eiskalter Schmerzlaut, Das Bassin der Alster war zugefroren, nur nahe am Ufer war ein großes breites Viereck in der Eisdecke ausgehaucn, und die entsetzlichen Töne, die ich eben vernommen, kamen aus den Kehlen der armen weißen Geschöpfe, die darin herumschwammen in entsetzlicher Todesangst schrieen, nnd ach! es waren dieselben Schwäne, die einst so weich nnd heiter meine Seele bewegten. Ach! die schönen weißen Schwäne, man hatte ihnen die Flügel gebrochen, damit sie im Herbst nicht auswandern konnten nach dem warmen Süden, und jetzt hielt der Norden sie festgebannt in seinen dunkeln Eisgrnbcn — nnd der Markeur des Pavillons meinte, sie befänden sich wohl darin, nnd die Kälte sei ihnen gesund. Das ist aber nicht wahr, es ist einem nicht wohl, wenn man ohnmächtig in einem kalten Pfuhl eingekerkert ist, fast eingefroren, und einem die Flügel gebrochen sind, und man nicht fortfliegen kann nach dem schönen Süden, wo die schönen Blumen, wo die goldenen Sonnenlichter, wo die blauen Bergseen — Ach! auch mir erging es einst nicht viel besser, und ich verstand die Qual dieser armen Schwäne; und als es gar immer dunkler wurde, und die Sterne oben hell hervortraten, dieselben Sterne, die einst in schönen Sommernächten so liebeheiß mit den Schwänen gebuhlt, jetzt aber so winterkalt, so frostig klar und fast verhöhnend ans sie herabblickten — wohl begriff ich jetzt, daß die Sterne keine liebende, mitfühlende Wesen sind, sondern nur glänzende Täuschungen der Nacht, ewige Trugbilder in einem erträumten Himmel, goldene tilgen im dunkelblauen Nichts — — Kapitel V. Während ich das vorige Kapitel hinschrieb, dacht' ich unwillkürlich an ganz etivas anderes. Ein altes Lied summte mir beständig im Gedächtnis, nnd Bilder und Gedanken verwirrten sich anfs nn leidlichste; ich mag wollen oder nicht, ich muß von jenem Liede sprechen. Vielleicht auch gehört es hierher nnd es drängt sich mit Recht in mein Geschreibsel hinein. Ja, ich fange jetzt sogar an es zu verstehen, und ich verstehe jetzt auch den verdüsterten Ton, womit der Klas Hinrichson es sang; er war ein Jütländer und diente bei uns als Pferdeknecht, Er sang es noch den Abend vorher, ehe er sich in unserem Stall erhenkte. Bei dem Refrain! „Schau dich um, Herr Vonved!" lachte er manchmal gar bitterlich; die Pferde wieherten dabei sehr angstvoll, nnd der Hofhund bellte, als stürbe jemand. Es ist das altdänische Lied von dem Herrn Vonved, der in der Welt auSreitet nnd sich so lange darin herumschlägt, bis man seine Fragen l Memoiren des Herrn von Schnabelewopski, 49 beantwortet, und der endlich, wenn alle seine Rätsel gelöst sind, gar verdrießlich nach Hanse reitet. Die Harfe klingt von Anfang bis zu Ende. Was sang er im Anfang? was sang er am Ende? Ich Hab' oft darüber nachgedacht. Klas Hinrichsons Stimme war manchmal thränenweich, wenn er das Lied anfing, und wurde allmählich rauh und grollend wie das Meer, wenn ein Sturm heranzieht. Es beginnt: Herr Vvnved sitzt im Kämmerlein, Er schlägt die Goldharf' an so rein, Er schlägt die Goldharf' unterm Kleid, Da kommt seine Mutter gegangen herein. Schau dich um, Herr Vonved! Das war seine Mutter Adekin, die Königin, die spricht zu ihm: Mein junger Sohn, laß andere die Harfe spielen, gürt um das Schwert, besteige dein Roß, reit aus, versuche deinen Mut, kämpfe und ringe, schau dich um in der Welt, schau dich um, Herr Vonved! Und Herr Vonved bindet sein Schwert an die Seite, Ihn lüftet mit Kämpfern zu streiten. So wunderlich ist seine Fahrt: Gar keinen Mann er drauf gewahrt. Schau dich um, Herr Vonved! Sein Helm war blinkend, Sein Sporn war klingend, Sein Roß war springend, Selbst der Herr war so schwingend. Schau dich um, Herr Vonved! Ritt einen Tag, ritt drei darnach, Doch nimmer eine Stadt er sah; Ein, sagte der junge Mann, Ist keine Stadt in diesem Land? Schau dich um, Herr Vonved! Er ritt wohl auf dem Weg dahin, Herr Thüle Vang begegnet' ihm, Herr Thüle mit seinen Söhnen zumal, Die waren gute Ritter all'. Schau dich um, Herr Vonved! Mein jüngster Sohn, hör du mein Wort: Den Harnisch tausch mit mir sofort, Unter uns tauschen wir das Panzerkleid, Eh' wir schlagen diesen Helden frei. Schau dich um, Herr Vonved! Herr Vonved reißt sein Schwert von der Seite, Es lüftet ihn mit Kämpfern zu streiten; Heilie's Werke. XI. Bd. 4 5g Novellistische Fragmente. Erst schlägt er dm Herren Thüle selbst, Darnach all seine Söhne zwölf. Schau dich um, Herr Vvnved! Herr Bonved bindet sein Schwert an die Seite, es lüftet ihn weiter auszureiten. Da kommt er zu dem Weidmann und verlangt von ihm die Hälfte seiner Jagdbeute; der aber will nicht teilen und muß mit ihm kämpfen und wird erschlagen. Und Herr Bonved bindet sein Schwert an die Seite, Ihn lüftet weiter auszureitcn; Zum großen Berge der Held hinreit't, Sieht, wie der Hirt das Vieh da treibt. Schau dich um, Herr Bonved! Und hör du, Hirte, sag du mir: Wes ist das Vieh, das du treibst vor dir? Und was ist runder als ein Rad? Wo wird getrunken fröhliche Weihnacht? Schau dich um, Herr Bonved! Sag: wo steht der Fisch in der Flut? Und wo ist der rote Vogel gut? Wo mischet man den besten Wein? Wo trinkt Vidrich mit den Kämpfern sein? Schau dich um, Herr Bonved! Da saß der Hirt, so still sein Mund, Davon er gar nichts sagen knnnt'. Er schlug nach ihm mit der Zunge, Da fiel heraus Leber und Lunge. Schau dich um, Herr Bonved! Und er kommt zu einer andern Herde, und da sitzt wieder ein Hirt, an den er seine Fragen richtet. Dieser aber giebt ihm Bescheid, und Herr Bonved nimmt einen Goldring und steckt ihn dem Hirten an den Arm. Dann reitet er weiter und kommt zu Tyge Rold und erschlägt ihn mitsamt seinen zwölf Söhnen. Und wieder Er warf herum sein Pferd, Herr Bonved der junge Edclherr; Er thät über Berg' und Thale dringen, Doch könnt' er niemand zu Rede bringen. Schau dich um, Herr Bonved! So kam er zu der dritten Schar. Da saß ein Hirt mit silbernem Haar, Hör du, guter Hirte mit deiner Herd', Du giebst mir gewißlich Antwort wert. Schau dich um, Herr Bonved! Memoiren des Herrn von Schnabelewopski. Was ist runder als ein Rad? Wo wird getrunken die beste Weihnacht? Wo geht die Sonne zu ihrem Sitz? Und Ivo ruhn eines toten Mannes Fuß'? Schau dich nm, Herr Vvnved! Was füllet aus alle Thale? Was kleidet am besten im Königssaale? Was ruft lauter, als der Kranich kann? Und was ist weißer als ein Schwan? Schau dich um, Herr Vvnved! Wer trägt den Bart auf seinem Rück'? Wer trägt die Nas' nnter seinem Kinn? Als ein Riegel was ist schwärzer noch mehr? Und waS ist rascher als ein Reh? Schau dich um, Herr Vonved! Wo ist die allerbreiteste Brück'? Was ist am meisten zuwider dcS Menschen Blick? Wo wird gefunden der höchste Gang? Wo wird getrunken der kälteste Trank? Schau dich nm, Herr Vonved! „Die Sonn' ist runder als ein Rad, Im Himmel begeht man die fröhliche Weihnacht, Gen Westen geht die Sonne zu ihrem Sitz, Gen Osten rnhn eines toten Mannes Füß'," Schau dich um, Herr Vvnved! „Der Schnee füllt aus alle Thale, Am herrlichsten kleidet der Mut im Saale, Der Donner ruft lauter, als der Kranich kann, Und Engel sind weißer als der Schwan/' Schau dich um, Herr Vonved! „Der Kiebitz trägt den Bart in dem Nacken sein, Der Bär hat die Nas' unterm Kinn allein, Die Sünde schwärzer ist als ein Riegel noch mehr, Und der Gedanke rascher als ein Reh." Schau dich um, Herr Vvnved! „Das Eis macht die allerbreiteste Brück', Die Kröt' ist am meisten zuwider des Menschen Blick, Zum Paradies geht der höchste Gang, Da unten trinkt man den kältesten Trank." Schau dich um, Herr Vonved! „Weisen Spruch und Rat hast du mm hier, So wie ich ihn habe gegeben dir." Z2 Novellistische Fragmente. Nun Hab" ich so gutes Vertrauen auf dich, Viel' Kämpfer zu finden bescheidcst du mich. Schau dich um, Herr Vonved! Ich weis' dich zu der Sonderburg, Da trinken die Helden den Met ohne Sorg', Dort findest du viel' Kämpfer und Rittersleut', Die können viel gut sich wehren im Streit." Schau dich um, Herr Vonved! Er zog einen Goldring von der Hand, Der wog wohl fünfzehn goldne Pfund; Den thät er dem alten Hirten reichen, Weil er ihm dürft' die Helden anzeigen, Schau dich um, Herr Vonved! Und er reitet ein in die Burg, und er erschlägt zuerst den Randulf, hernach den Strandulf, Er schlug den starken Ege Under, Er schlug den Ege Karl, seinen Bruder, So schlug er in die Kreuz und Quer, Er schlug die Feinde vor sich her. Schau dich um, Herr Vonved! Herr Vonved steckt sein Schwert in die Scheide. Er denkt noch weiter fort zu reiten. Er findet da in der wilden Mark Einen Kämpfer, und der war viel stark. Schau dich um, Herr Vonved! Sag mir, du edler Ritter gut: Wo steht der Fisch in der Flut? Wo wird geschenkt der beste Wein? Und wo trinkt Vidrich mit den Kämpfern sein? Schau dich um, Herr Vonved! „In? Osten steht der Fisch in der Flut, Im Norden wird getrunken der Weil? so gut, Ii? Halland sinkst dn Vidrich daheim Mit Kämpfern und vielen Geselle?? sei??." Schau dich um, Herr Vonved! Bon der Brust Vonved einen Goldring nah???, Den steckt' er den? Kämpfer an seinen Arn?: Sag, du wärst der letzte Mann, Der Gold von? Herrn Vonved gewann. Schau dich um, Herr Vonved! Herr Vonved vor die hohe Zinne thät reiten, Bat die Wächter, ihn hineinzulcitcn: Memoiren beZ Herrn von Schnabelewopski, Als aber keiner heraus zu ihm ging, Da sprang er über die Mauer dahin. Schau dich um, Herr Vonved! Sein Roß an einen Strick er band, Darauf er sich zur Vurgstube gewandt; Er setzte sich oben an die Tafel sofort, Dazu sprach er kein einziges Wort. Schau dich um, Herr Vonved! Er aß, er trank, nahm. Speise sich, Den König fragt' er darum nicht; — Gar nimmer bin ich ausgefahren, Wo so viel verfluchte Zungen waren. Schau dich um, Herr Vonved! Der König sprach zu den Kämpfern sein: „Der tolle Geselle muß gebunden sein; Bindet ihr den fremden Gast nicht fest, So dienet ihr mir nicht aufs best'." Schau dich um, Herr Vonved! Nimm du fünf, nimm du zwanzig auch dazu, Und komm zum Spiel du selbst herzu! Einen Hurcnsohu, so neun' ich dich, Außer du bindest mich. Schau dich um, Herr Vonved! König Esmer, mein lieber Vater, llnd stolz Adelin, meine Mutter, Haben mir gegeben das strenge Verbot, Mii 'nein Schalk nie zu verzehren mein Gold. Schau dich um, Herr Vonved! „War Esmer, der König, dein Vater lind Frau Adcliu deine liebe Mutter, So bist du Herr Vonved, ein Kämpfer schön, Dazu meiner liebsten Schwester Sohn." Schau dich um, Herr Vonved! „Herr Vonved, willst du bleiben bei mir, Beides Ruhm und Ehre soll werden dir, llnd willst du zu Land ausfahren, Meine Ritter sollen dich bewahren." Schau dich um, Herr Vonved! „Mein Gold soll werden für dich gespart, Wenn du willst halten deine Heimfahrt." 63 54 Novellistische Fragmente. Doch das zu thun lüftet ihn nicht, Er wollt' fahren zu seiner Mutter zurück. Schau dich um, Herr Vonved! Herr Vonved ritt auf dein Wege dahin, Er war so gram in seinem Sinn; Und als er zur Burg geritten kam, Da stand zwölf Znnbcrweiber daran. Schau dich um, Herr Bonvcd! Standen mit Rocken und Spindeln vor ihm, Schlugen ihn übers weiße Schienbein hin; Herr Vonved mit seinem Roß herumbringt, Die zwölf Zanbcrweiber schlägt er in einen Ring. Schau dich um, Herr Vonved! Schlägt die Zanberweiber, die stehen da, Sie finden bei ihm so kleinen Rat. Seine Mutter genießt dasselbe Glück, Er haut sie in fünftausend Stück. Schau dich um, Herr Vonved! So geht er in den Saal hinein, Er ißt und trinkt den klaren Wein, Dann schlägt er die Goldharf' so lang, Daß springen entzwei alle die Stratig'. Schau dich um, Herr Vonved! Kapitel vi ES war aber ein gar lieblicher Frühlingstag, als ich zum erstenmal die Stadt Hamburg verlassen. Noch sehe ich, wie im Hafen die goldenen Sonnenlichter auf die beteerten Schiffsbäuche spielen, und ich höre noch das heitere, langhingesungene Hoiho! der Matrosen. So ein Hafen im Frühling hat überdies die freundlichste Ähnlichkeit mit dem Gemüt eines Jünglings, der zum erstenmal in die Welt geht, sich zum erstenmal ans die hohe See des Lebens hinauswagt — noch sind alle seine Gedanken buntbewimpelt, Übermut schwellt alle Segel seiner Wünsche, hoiho! — aber bald erheben sich die Stürme, der Horizont verdüstert sich, die Windsbraut heult, die Planken krachen, die Wellen zerbrechen das Steuer, und das arme Schiff zerschellt an romantischen Klippen oder strandet auf seicht prosaischem Sand — oder vielleicht morsch und gebrochen, mit gekapptem Mast, ohne einen einzigen Anker der Hoffnung, gelangt es wieder heim in den alten Hasen und vermodert dort, abgetakelt kläglich, als elendes Wrack! Aber es giebt auch Menschen, die nicht mit gewöhnlichen Schiffen verglichen werden dürfen, sondern mit Dampfschiffen. Diese tragen Memoiren des Herrn von Schnabelewopski. 55 ein dunkles Fener in der Brnst, nnd sie fahren gegen Wind nnd Wetter — ihre Ranchflagge flattert wie der schwarze Federbusch des nächtlichen ReiterS, ihre Zackenräder sind wie kolossale Pfundsporen, womit sie das Meer in die Wellenrippen stacheln, nnd das widerspenstig schäumende Element muß ihrem Willen gehorchen wie ein Roß — aber sehr oft platzt der Kessel, nnd der innere Brand verzehrt uns. Doch ich will mich aus der Metapher wieder herausziehen und auf ein wirkliches Schiff setzen, welches von Hamburg nach Amsterdam fährt. ES war ein schwedisches Fahrzeug, hatte außer dem Helden dieser Blätter auch Eisenbarren geladen, und sollte wahrscheinlich als Rückfracht eine Ladung Stockfische nach Hamburg oder Eulen nach Athen bringen. Die Usergegenden der Elbe sind wunderlieblich, besonders hinter Altona, bei Rainville. Unfern liegt Klopstock begraben. Ich kenne keine Gegend, wo ein toter Dichter so gut begraben liegen kann wie dort. Als lebendiger Dichter dort zu leben, ist schon weit schwerer. Wie oft Hab ich dein Grab besucht, Sänger des Messias, der du so rührend wahr die Leiden Jesu besungen! Du hast aber auch lang genug auf der Königstraße hinter dem Jnngfcrnstieg gewohnt, um zu nnssen, wie Propheten gekreuzigt werden. Den zweiten Tag gelangten wir nach Knxhaven, welches eine hambnrgischc Kolonie. Die Einwohner sind Unterthancn der Republik und haben es sehr gut. Wenn sie im Winter frieren, werden ihnen ans Hamburg wollene Decken geschickt, und in allznhcißen Sommertagen schickt man ihnen auch Limonade. Als Prvkonsnl residiert dort ein hoch- nnd wohlwciser Senator. Er hat jährlich ein Einkommen von 20000 Mark nnd regiert über 5000 Seelen. Es ist dort auch ein Seebad, welches vor andern Seebädern den Vorteil bietet, daß es zu gleicher Zeit ein Elbbad ist. Ein großer Damm, worauf man spazieren gehen kann, führt nach Ritzebüttel, welches ebenfalls zu Knxhaven gehört. Das Wort kommt aus dem Phönizischen; die Worte „Ritze" und „Büttel" heißen ans phönizisch- „Mündung der Elbe". Manche Historiker behaupten, Karl der Große habe Hamburg nur erweitert, die Phönizier aber hätten Hamburg und Altona gegründet, nnd zwar zu derselben Zeit, als Svdom nnd Gomorrha zu Grunde gingen. Vielleicht haben sich Flüchtlinge ans diesen Städten nach der Mündung der Elbe gerettet. Man hat zwischen der Fuhlcntwicte nnd der Kaffcemachcrei einige alte Münzen ausgegraben, die noch unter der Regierung von Vera XVI. nnd Byrsa X. geschlagen worden. Nach meiner Meinung ist Hainburg das alte Tharsis, woher Salomo ganze Schiffsladungen voll Gold, Silber, Elfenbein, Pfauen und Affen erhalten hat. Salomo, nämlich der König von Inda und Israel, hatte immer eine besondere Liebhaberei für Gold und Affen. Unvergeßlich bleibt mir diese erste Seereise. Meine alte Groß 56 Novellistische Fragmente. muhme hat mir so viele Wassermärchen erzählt, die jetzt alle wieder in meinem Gedächtnis ausblühten. Ich kannte ganze Stunden lang auf dem Verdeck sitzen und an die alten Geschichten denken, und wenn die Wellen murmelten, glaubte ich die Grvßmuhme sprechen zu hören. Wenn ich die Augen schloß, dann sah ich sie wieder leibhaftig vor mir sitzen, mit dem einzigen Zahn in dem Munde, und hastig bewegte sie wieder die Lippen und erzählte die Geschichte vom fliegenden Holländer. Ich hätte gern die Meernixen gesehen, die auf weißen Klippen sitzen und ihr grünes Haar kämmen; aber ich konnte sie nur singen hören. Wie angestrengt ich auch manchmal in die klare See Hinabschnute, so konnte ich doch nicht die versunkenen Städte sehen, worin die Menschen, in allerlei Fischgestalten verwünscht, ein tiefes, wnndertiefes Wasserleben führen. Es heißt, die Lachse und alte Rochen sitzen dort, wie Damen geputzt, am Fenster und fächern sich und gucken hinab auf die Straße, wo Schellfische in Ratsherrentracht vorbeischwimmen, wo junge Modeheringe nach ihnen hinauflorgnieren, und Ivo Krabben, Hummer und sonstig niedriges Krebsvolk umherwimmelt. Ich habe aber nicht so tief hinabsehen können, und nur die Glocken hörte ich unten läuten. In der Nacht sah ich mal ein großes Schiff mit ausgespannten blutroten Segeln vorbeifahren, daß es aussah wie ein dunkler Riese in einem weiten Scharlachmantel. War das der fliegende Holländer? In Amsterdam aber, wo ich bald darauf anlangte, sah ich ihn leibhaftig selbst, den grauenhaften Mynhccr, und zwar auf der Bühne. Bei dieser Gelegenheit, im Theater zu Amsterdam, lernte ich auch eine von jenen Nixen kennen, die ich auf dem Meere selbst vergeblich gesucht. Ich will ihr, weil sie gar so lieblich war, ein besonderes Kapitel weihen. Kapitel VII. Die Fabel von dem fliegenden Holländer ist euch gewiß bekannt. Es ist die Geschichte von dem verwünschten Schiffe, das nie in den Hasen gelangen kann, und schon seit undenklicher Zeit auf dem Meere herumfährt. Begegnet es einem andern Fahrzeuge, so kommen einige von der unheimlichen Mannschaft in einem Boote herangcfähren und bitten, ein Paket Briefe gefälligst mitzunehmen. Diese muß man an den Maslbanm festnageln, sonst widerfährt dem Schiffe ein Unglück, besonders wenn keine Bibel an Bord oder kein Hufeisen am Fockmaste befindlich ist. Die Briefe sind immer an Menschen adressiert, die man gar nicht kennt, oder die längst verstorben, so daß zuweilen der späte Enkel einen Liebesbrief in Empfang nimmt, der an seine Urgroßmutter gerichtet, die schon seit hundert Jahren im Grabe liegt. Memoiren des Herrn von Schnabelewopski, ö? Jenes hölzerne Gespenst, jenes grauenhafte Schiff führt seinen^llamen von feinem Kapitän, einem Holländer, der einst bei allen Teufein geschworen, daß er irgend ein Vorgebirge, dessen Namen mir ent fallen, trotz des heftigen Sturmes, der eben wehte, umschiffen wolle, und sollte er auch bis zum jüngsten Tage segeln müssen. Der Teufet hat ihn beim Wort gefaßt, er muß bis zum jüngsten Tage ans dem Meere hernmirren, es sei denn, daß er durch die Treue eines Weibes erlöst werde. Der Teufel, dumm wie er ist, glaubt nicht an Weibertreue, und erlaubte daher dein verwünschten Kapitän, alle sieben Jahre einmal ans Land zu steigen und zu heiraten, und bei dieser Gelegenheit seine Erlösung zu betreiben. Armer Holländer! Er ist oft froh genug, von der Ehe selbst wieder erlöst und seine Erlöserin los zu werden, und er begiebt sich dann wieder an Bord. Auf diese Fabel gründete sich das Stück, das ich im Theater zu Amsterdam gesehen. Es sind wieder sieben Jahre verflossen, der arme Holländer ist des endlosen Umherirrens müder als jemals, steigt nnS Land, schließt Freundschaft mit einem schottischen Kaufmann, dem er begegnet, verkauft ihm Diamanten zu spottwohlfeilem Preise, und wie er hört, daß sein Kunde eine schöne Tochter besitzt, verlangt er sie zur Gemahlin. Auch dieser Handel wird abgeschlossen. Nun sehen wir das Haus des Schotten; das Mädchen erwartet den Bräutigam, zagen Herzens. Sie schaut oft mit Wehmut nach einem großen verwitterten Gemälde, welches in der Stube hängt und einen schönen Mann in spanisch-niederländischer Tracht darstellt; es ist ein altes Erbstück, und nach der Aussage der Großmutter ist es ein getreues Konterfei des fliegenden Holländers, wie man ihn vor hundert Jahren in Schottland gesehen, zur Zeit König Wilhelms von Oranien. Auch ist mit diesem Gemälde eine überlieferte Warnung verknüpft, daß die Frauen der Familie sich vor dem Originale hüten sollten. Eben deshalb hat das Mädchen von Kind auf sich die Züge des gefährlichen Mannes ins Herz geprägt. Wenn nun der wirkliche fliegende Holländer leibhaftig hereintritt, erschrickt das Mädchen; aber nicht aus Furcht. Auch jener ist betroffen bei dem Anblick des Porträts. Als man ihm bedeutet, wen es vorstelle, weih er jedoch jeden Argwohn von sich fern zu halten; er lacht über den Aberglauben, er spöttelt selber über den fliegenden Holländer, den ewigen Juden des Ozeans: jedoch unwillkürlich in einen wehmütigen Ton übergehend, schildert er, wie Mynheer ans der unermeßlichen Wasserwüste die unerhörtesten Leiden erdulden müsse, wie sein Leib nichts anderes sei als ein Sarg von Fleisch, worin seine Seele sich langweilt, wie das Leben ihn von sich stößt und auch der Tod ihn abweist; gleich einer leeren Tonne, die sich die Wellen einander zuwerfen und sich spottend einander zurückwerfen, so werde der arme Holländer zwischen Tod und Leben hin und her geschleudert, keins von beiden wolle ihn behalten; sein Schmerz 88 Novellistische Fragmente. sei tief wie das Meer, »vorauf er herumschwimmt, sein Schiff sei ohne Anker und sein Herz ohne Hoffnung. Ich glaube, dieses waren ungefähr die Worte, womit der Bräutigam schließt. Die Braut betrachtet ihn ernsthaft, und wirft manchmal Seitenblicke nach seinem Konterfei. Es ist, als ob sie sein Geheimnis erraten habe, und wenn er nachher fragt: Katharina, willst du mir treu fein? antwortet sie entschlossen: Treu bis in den Tod. Bei dieser Stelle, erinnere ich mich, hörte ich lachen, und dieses Lachen kam nicht von unten aus der Hölle, sondern von oben, vom Paradiese. Als ich hinaufschaute, erblickte ich eine wunderschöne Eva, die mich mit ihren großen blauen Augen verführerisch ansah. Ihr Arm hing über der Galerie herab, und in der Hand hielt sie einen Apfel, oder vielmehr eine Apfelsine. Statt mir aber symbolisch die Hälfte anzubieten, warf sie mir bloß metaphorisch die Schalen auf den Kopf. War es Absicht oder Zufall? Das wollte ich wissen. Ich war aber, als ich ins Paradies hinaufstieg, um die Bekanntschaft fortzusetzen, nicht wenig befremdet, ein weißes sanftes Mädchen zu finden/eine überaus weiblich weiche Gestalt, nicht schmächtig, aber doch krystallig zart, ein Bild häuslicher Zucht und beglückender Holdseligkeit. Nur um die linke Oberlippe zog sich etwas, oder vielmehr ringelte sich etwas wie das Schwänzchen einer fortschlüpfendcn Eidechse. Es war ein geheimnisvoller Zug, wie mau ihn just nicht bei den reinen Engeln, aber auch nicht bei häßlichen Teufeln zu finden pflegt. Dieser Zug bedeutete weder das Gute noch das Böse, sondern bloß ein schlimmes Wissen; es ist ein Lächeln, welches vergiftet worden von jenem Apfel der Erkenntnis, den der Mund genossen. Wenn ich diesen Zug auf weichen, vollrosigen Mädchenlippen sehe, dann fühle ich in den eigenen Lippen ein krampfhaftes Zucken, ein zuckendes Verlangen, jene Lippen zu küssen; es ist Wahlverwandtschaft. Ich flüsterte daher dem schönen Mädchen ins Ohr: Juffrow! ich will deinen Mund küssen. Bei Gott, Mynheer, das ist ein guter Gedanke! war die Antwort, die hastig und mit entzückendem Wohllaut aus dem Herzen hcrvorklang. Aber nein — die ganze Geschichte, die ich hier zu erzählen dachte, und wozu der fliegende Holländer nur als Rahmen dienen sollte, will ich jetzt unterdrücken. Ich räche mich dadurch an den Prüden, die dergleichen Geschichten mit Wonne einschlürfen und bis an den Nabel, ja noch tiefer, davon entzückt sind, und nachher den Erzähler schelten und in Gesellschaft über ihn die Nase rümpfen und ihn als unmoralisch verschreien. ES ist eine gute Geschichte, köstlich wie eingemachte Ananas, oder wie frischer Kaviar, oder wie Trüffel in Burgunder, und wäre eine angenehme Lektüre nach der Betstunde: aber aus Ranküne, zur Strafe für frühere Unbill, will ich sie unterdrücken. Ich mache daher hier einen langen Gedankenstrich Memoiren des Herrn von Schnadelewopski. 59 Dieser Strich bedeutet ein schwarzes Sofa, und daraus passierte die Geschichte, die ich nicht erzähle. Der Unschuldige muß mit dem Schuldigen leiden, und manche gute Seele schaut mich jetzt an mit einem bittenden Blick. Je mm, diesen Besseren will ich im Vertrauen gestehen, daß ich noch nie so wild geküßt worden, wie von jener holländischen Blondine, und daß diese das Vorurteil, welche? ich bisher gegen blonde Haare und blaue Augen hegte, aufs siegreichste zerstört hat. Jetzt erst begriff ich, warum ein englischer Dichter solche Damen mit gefrorenem Champagner verglichen hat. In der eisigen Hülle lauert der heißeste Extrakt. Es giebt nichts Pikanteres als der Kontrast jener äußeren Kälte und der inneren Glut, die bacchantisch emporlodert und den glücklichen Zecher unwiderstehlich berauscht. Ja, weit mehr als in Brünetten zehrt der Sinnenbrand in manchen scheinstillen Heiligenbildern mit goldenem Glorienhaar und blauen Himmelsangen und frommen Lilienhändcn. Ich weiß eine Blondine ans einein der besten niederländischen Hänser, die zuweilen ihr schönes Schloß am Znhdersee verließ und inkognito nach Amsterdam und dort ins Theater ging, jedem, der ihr gefiel, Apfelsinenschalen auf den Kopf warf, zuweilen gar in Matrosenherbergen die wüsten Nächte zubrachte, eine holländische Messaline. Als ich ins Theater noch einmal zurückkehrte, kam ich eben zur letzten Scene des Stücks, wo auf einer hohen Mcerklippe das Weib des fliegenden Holländers, die Frau fliegende Holländerin, verzweiflungsvoll die Hände ringt, während auf dem Meere, auf dem Verdeck seines unheimlichen Schiffes, ihr unglücklicher Gemahl zu schauen ist. Er liebt sie und will sie verlassen, um sie nicht ins Verderben zu ziehen, und er gesteht ihr sein grauenhaftes Schicksal und den schrecklichen Fluch, der auf ihm lastet. Sie aber ruft mit lauter Stimme- Ich war dir treu bis zu dieser Stunde, und ich weiß ein sicheres Mittel, wodurch ich dir meine Treue erhalte bis in den Tod! Bei diesen Worten stürzt sich das treue Weib ins Meer, und nun ist auch die Verwünschung des fliegenden Holländers zu Ende, er ist erlöst, und wir sehen, wie das gespenstische Schiff in den Abgrund des Meeres versinkt. Die Moral des Stückes ist für die Frauen, daß sie sich in acht nehmen müssen, keinen fliegenden Holländer zu heiraten- und wir Männer ersehen aus diesem Stücke, wie wir durch die Weiber im günstigsten Falle zu Grunde gehen. Knpitrl vm. Aber nicht bloß in Amsterdam haben die Götter sich gütigst bemüht, mein Vorurteil gegen Blondinen zu zerstören. Auch im übrigen Holland hatte ich daS Glück, meine früheren Irrtümer zu berichtigen. KV Novellistische Fragmente. Ich will beileibe die Holländerinnen nicht auf Kosten der Damen anderer Länder hervorstreichen. Bewahre mich der Himmel vor solchem Unrecht, welches von meiner Seite zugleich der größte Undank wäre. JedeS Land hat seine besondere Küche und seine besonderen Weiblichkeiten, und hier ist alles Gcschmacksache. Der eine liebt gebratene Hühner, der andere gebratene Enten; was mich betrifft, ich liebe gebratene Hühner und gebratene Enten und noch außerdem gebratene Gänse. Von hohem idealischen Standpunkte betrachtet, haben die Weiber überall eine gewisse Ähnlichkeit mit der Küche des Landes. Sind die britischen Schönen nicht ebenso gesund, nahrhaft, solide, konsistent, kunstlos und doch so vortrefflich wie Altcnglands einfach gute Kost: Rostbeef, Hammelbraten, Pudding in flammendem Cognac, Gemüse in Wasser gekocht, nebst zwei Saucen, wovon die eine ans zerlassener Butter besteht? Da lächelt kein Frikassee, da täuscht kein flatterndes Vol-au-vsut, da seufzt kein geistreiches Ragout, da tändeln nicht jene tausendartig gestopften, gesottenen, aufgehüpften, gerösteten, dnrchzuckertcn, pikanten, deklamatorischen und sentimentalen Gerichte, die wir bei einem französischen Restaurant finden, und die mit den schönen Französinnen selbst die größte Ähnlichkeit bieten! Merken wir doch nicht selten, daß bei diesen ebenfalls der eigentliche Stoff nur als Nebensache betrachtet wird, daß der Braten selber manchmal weniger wert ist, als die Sauce, daß hier Geschmack, Grazie und Eleganz die Hauptsache sind. Italiens gelbfette, leidenschaftgewürzte, humoristisch garnierte, aber doch schmachtend idealische Küche trägt ganz den Charakter der italienischen Schönen. O, wie sehne ich mich manchmal nach den lombardischen Stuffados und Zampettis, nach den Fcgatellis, Tagliarinis und BroccoliS des holdseligen Toskana! Alles schwimmt in Ol, träge und zärtlich, und trillert Rossinis süße Melodien, und weint vor Zwiebelduft und Sehnsucht! Den Macca- roni mußt du aber mit den Fingern essen, und dann heißt er: Beatrice! Nur gar zu oft denke ich an Italien, und am öftesten des Nachts. Vorgestern träumte mir, ich befände mich in Italien und sei ein bunter Harlekin und läge recht faulenzerisch unter einer Trauerweide. Die herabhängenden Zweige dieser Trauerweide waren aber lauter Maccaroni, die mir lang und lieblich bis ins Manl hineinfielen; zwischen diesem Laubwerk von Maccaroni flössen statt Sonnenstrahlen lauter gelbe Butterströme, und endlich fiel von oben herab ein weißer Regen von geriebenem Parmesankäse. Ach! von geträumtem Maccaroni wird man nicht satt — Beatrice! Von der deutschen Küche kein Wort. Sie hat alle möglichen Tugenden und nur einen einzigen Fehler; ich sage aber nicht, welchen. Da giebt's gefühlvolles, jedoch unentschlossenes Backwerk, verliebte Eierspeisen, tüchtige Dampfnudeln, Gemütssuppe mit Gerste, Pfann- Memoiren des Herrn von Schnabelewopski. 81 kuchcn mit Äpfeln und Speck, tugendhafte Hausklößc, Sauerkohl — wohl dem, der es verdauen kann! Was die holländische Küche betrifft, so unterscheidet sie sich von letzterer erstens durch die Reinlichkeit, zweitens durch die eigentliche Leckcrkeit. Besonders ist die Zubereitung der Fische unbeschreibbar liebenswürdig. Rührend inniger und doch zugleich ticfsinulicher Sellcrieduft. Selbstbewußte Naivetnt und Knoblauch. Tadelhaft jedoch ist es, daß sie Unterhosen von Flanell tragen; nicht die Fische, sondern die schönen Töchter des meerumspültcn Holland. Aber zu Lehden, als ich ankam, fand ich das Essen fürchterlich schlecht. Die Republik Hamburg hatte mich verwöhnt; ich muß die dortige Küche nachträglich noch einmal loben, und bei dieser Gelegenheit preise ich noch einmal Hamburgs schöne Mädchen und Frauen. O ihr Götter! in den ersten vier Wochen, wie sehnte ich mich zurück nach den Rauchflcischlichkcitcn und nach den Mocktnrtcltaubcn Ham- mvnins! Ich schinachtete an Herz und Magen. Hätte sich nicht endlich die Frau Wirtin zur roten Kuh in mich verliebt, ich wäre vor Sehnsucht gestorben! Heil dir, Wirtin zur roten Kuh! Es war eine untersetzte Frau mit einem sehr großen runden Bauche und einem sehr kleineu runden Kopfe. Rote Wttngelein, blaue Angelein; Rosen und Veilchen. Stundenlang saßen wir beisammen im Garten und tranken Thee aus echt chinesischen Porzellantassen. Es war ein schöner Garten, viereckige und dreieckige Beete, symmetrisch bestreut mit Goldsand, Zinnober und kleinen blanken Muscheln. Die Stämme der Bäume hübsch rot und blau angestrichen. Kupferne Käfige voll Kanarienvögel. Die kostbarsten Zwiebelgewächse in buntbemalten, glasierten Töpfen. Der TaxuS allerliebst künstlich geschnitten, mancherlei Obelisken, Pyramiden, Vasen, auch Tiergestalten bildend. Da stand ein aus Taxus geschnittener grüner Ochs, welcher mich fast eifersüchtig ansah, wenn ich sie umarmte, die holde Wirtin zur roten Kuh. Heil dir, Wirtin zur roten Kuh! Wenn Myfrvw den Oberteil des Kopfes mit den friesischen Goldplatten umschildet, den Bauch mit ihrem buntgeblümten Damastrock cingcpanzert und die Arme mit der weißen Fülle ihrer Brabanter Spitzen gar kostbar belastet hatte, dann sah sie ans wie sine fabelhafte chinesische Puppe, wie etiva die Göttin des Porzellans. Wenn ich alsdann in Begeisterung geriet und sie auf beide Backen laut küßte, so blieb sie ganz porzellanig steif stehen und seufzte ganz pvr- zellanig; Mynheer! Alle Tulpen des Gartens schienen dann mitgerührt und mitbewegt zu sein und schienen mitznseufzeiw Mynheer! Dieses delikate Verhältnis schaffte mir manchen delikaten Bissen. Denn jede solche Liebesscene inflnenzierte auf den Inhalt der Eßkörbe, 62 Novellistische Fragmente. welche mir die vortreffliche Wirtin alle Tage ins Haus schickte. Meine Tischgcnossen, sechs andere Studenten, die auf meiner Stube mit mir aßen, konnten an der Zubereitung des Kalbsbratens oder des Ochsen- filcts jedesmal schmecken, wie sehr sie mich liebte, die Frau Wirtin zur roten Kuh. Wenn das Essen einmal schlecht war, mußte ich viele demütige Spötteleien ertragen, und es hieß dann: Seht, wie der Schnabelewopski miserabel aussieht, wie gelb und rnnzlicht sein Gesicht, wie katzenjttmmerlich seine Äugen, als wollte er sie sich ans dem Kopfe heraustragen, es ist kein Wunder, daß unsere Wirtin seiner überdrüssig wird und uns jetzt schlechtes Essen schickt. Oder man sagte auch: Um Gottes willen, der Schnabelewopski wird täglich schwächer und matter und verliert am Ende ganz die Gunst unserer Wirtin, und wir kriegen dann immer schlechtes Essen wie heute — wir müssen ihn tüchtig füttern, damit er wieder ein feuriges Äußere gewinnt. Und dann stopften sie mir just die allerschlechtesten Stücke ins Maul und nötigten mich, übergebührlich viel Sellerie zu essen. Gab es aber magere Küche mehrere Tage hintereinander, dann wurde ich mit den ernsthaftesten Bitten bestürmt, für besseres Essen zu sorgen, das Herz unserer Wirtin aufs neue zu entflammen, meine Zärtlichkeit für sie zu erhöhen, kurz, mich fürs allgemeine Wohl aufzuopfern. In langen Reden wurde mir dann vorgestellt, wie edel, wie herrlich es sei, wenn jemand für das Heil seiner Mitbürger sich heroisch resigniert, gleich dem Regnlns, welcher sich in eine alte vernagelte Tonne stecken ließ, oder auch gleich dem Thesens, welcher sich in die Höhle des Minvtaurs freiwillig begeben hat — und dann wurde der Livius citiert und der Plutarch n. s. w. Auch sollte ich bildlich zur Nacheifcrung gereizt werden, indem man jene Großthaten ans die Wand zeichnete, und zwar mit grotesken Anspielungen; denn der Minvtanr sah ans wie die rote Kuh ans dem wohlbekannten Wirtshansschilde, und die karthaginiensische vernagelte Tonne sah aus wie meine Wirtin selbst. Überhaupt hatten jene undankbaren Menschen die äußere Gestalt der vortrefflichen Frau zur beständigen Zielscheibe ihres Witzes gewählt. Sie pflegten gewöhnlich ihre Figur aus Äpfeln zusammen zu setzen oder aus Brotkrumen zu kneten. Sie nahmen dann ein kleines Äpfelchcn, welches der Kopf sein sollte, setzten dieses auf einen ganz großen Apfel, welcher den Bauch vorstellte, und dieser stand wieder auf zwei Zahnstochern, welche sich für Beine ausgaben. Sic formten auch wohl ans Brotkrumen das Bild unserer Wirtin und kneteten dann ein ganz winziges Püppchen, welches mich selber vorstellen sollte, und dieses setzten sie dann auf die große Figur und rissen dabei die schlechtesten Vergleiche. Z. B. der eine bemerkte, die kleine Figur sei Hannibal, welcher über die Alpen steigt. Ein anderer meinte hingegen, es sei Marius, welcher auf den Ruinen von Karthago sitzt. Dem sei nun, wie ihm wolle, wäre ich nicht manchmal über Memoiren des Herrn von SchuabelewopSki. 63 die Alpen gestiegen, oder hätte ich mich nicht manchmal auf die Ruinen von Karthago gesetzt, so wurden meine Tischgenosscn beständig schlechtes Essen bekommen haben. Kapitel ix. Wenn der Braten ganz schlecht war, disputierten wir über die Existenz Gottes. Der liebe Gott hatte aber immer die Majorität. Nur drei von der Tischgenossenschaft waren atheistisch gesinnt; aber auch diese ließen sich überreden, wenn wir wenigstens guten Käse zum Dessert bekamen. Der eifrigste Deist war der kleine Simson, und wenn er mit dein langen Van Pitter über die Existenz Gottes disputierte, wurde er zuweilen höchst ärgerlich, lief im Zimmer ans und ab und schrie beständig: Das ist, bei Gott! nicht erlaubt. Der lange Van Pitter, ein magerer Friese, dessen Seele so ruhig ivic das Wasser in einem holländischen Kanal, und dessen Worte sich ruhig hinzogen wie eine Trckschnite, holte seine Argumente ans der deutschen Philosophie, womit man sich damals in Lehden stark beschäftigte. Er spöttelte über die engen Köpfe, die dem lieben Gott eine Privatexistenz zuschreiben, er beschuldigte sie sogar der Blasphemie, indem sie Gott mit Weisheit, Gerechtigkeit, Liebe und ähnlichen menschlichen Eigenschaften versähen, die sich gar nicht für ihn schickten; denn diese Eigenschaften seien gewissermaßen die Negation von menschlichen Gebrechen, da wir sie nur als Gegensatz zu menschlicher Dummheit, Ungerechtigkeit und Haß aufgefaßt haben. Wenn aber Van Pittcr seine eigenen pantheistischen Ansichten entwickelte, so trat der dicke Fichteaner, ein gewisser Tricksen aus Utrecht, gegen ihn aus, und wußte seinen vagen, in der Natur verbreiteten, also immer im Räume existierenden Gott gehörig durchzuhecheln, ja er behauptete, es sei Blasphemie, wenn man auch nur von einer Existenz Gottes spricht, indem „Existieren" ein Begriff sei, der einen gewissen Raum, kurz etwas Substantielles voraussetze. Ja, eS sei Blasphemie, von Gott zu sagen: „Er ist;" das re.instc Sein könne nicht ohne sinnliche Beschränkung gedacht werden; wenn man Gott denken wolle, müsse man von aller Substanz abstrahieren, man müsse ihn nicht denken als eine Form der Ausdehnung, sondern als eine Ordnung der Begebenheiten; Gott sei kein Sein, sondern ein reines Handeln, er sei nur Prinzip einer übersinnlichen Weltordnung. Bei diesen Worten aber wurde der kleine Simson immer ganz wütend und lief noch toller im Zimmer herum, und schrie noch lauter: O Gott! Gott! das ist, bei Gott! nicht erlaubt, v Gott! Ich glaube, er hätte den dicken Fichteaner geprügelt zur Ehre Gottes, wenn er nicht gar zu dünne Ärmchen hatie. Manchmal stürmte er auch wirklich auf ihn los; dann aber nahm der Dicke die beiden 64 Novellistische Fragmente. Ärmchen des kleinen Simson, hielt ihn ruhig fest, setzte ihn, sein System ganz ruhig auseinander, ohne die Pfeife anS dem Munde zu nehmen, und blies ihm dann seine dünnen Argumente mitsamt dem dicksten Tabaksdampf ins Gesicht, so daß der Kleine fast erstickte vor Rauch und Ärger, und immer leiser und hilfeflehend wimmerte: O Gott! o Gott! Aber der half ihm nie, obgleich er dessen eigene Sache verfocht. Trotz dieser göttlichen Indifferenz, trotz diesem fast menschlichen Undank Gottes, blieb der kleine Simson doch der beständige Champion des DeiSmus, und ich glaube, aus angeborener Neigung. Denn seine Väter gehörten zu dem auserwähltcn Volke Gottes, einem Volke, das Gott einst mit seiner besonderen Liebe protegiert, und das daher bis auf diese Stunde eine gewisse Anhänglichkeit für den lieben Gott bewahrt hat. Die Juden sind immer die gehorsamsten Deisten, namentlich diejenigen, welche, wie der kleine Simson, in der freien Stadt Frankfurt geboren sind. Diese können bei politischen Fragen so republikanisch als möglich denken, ja sich sogar sanSculottisch im Kote wälzen; kommen aber religiöse Begriffe ins Spiel, dann bleiben sie unterthänige Kammerknechte ihres Jehovah, des alten Fetisch, der doch von ihrer ganzen Sippschaft nichts mehr wissen will und sich zu einem gottreinen Geiste umtaufen lassen. Ich glaube, dieser gottreine Geist, dieser Parvenü des Himmels, der jetzt so moralisch, so kosmopolitisch und universell gebildet ist, hegt ein geheimes Mißwollen gegen die armen Juden, die ihn noch in seiner ersten rohen Gestalt gekannt haben und ihn täglich in ihren Synagogen an seine ehemaligen obskuren Nationalvcrhältnisse erinnern. Vielleicht will es der alte Herr gar nicht mehr wissen, daß er palästinischen Ursprungs und einst der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs gewesen und damals Jehovah geheißen hat. Knpitcl x. Mit dem kleinen Simson hatte ich zu Lehden sehr vielen Umgang, und er wird in diesen Denkblättern noch oft erwähnt werden. Außer ihm sah ich am öftesten einen andern meiner Tischgenossen, den jungen Van Moeulen; ich konnte ganze Stunden lang sein schönes Gesicht betrachten und dabei an seine Schwester denken, die ich nie gesehen, und wovon ich nur wußte, daß sie die schönste Frau im Waterland sei. Van Moeulen war ebenfalls ein schönes Menschenbild, ein Apollo, aber kein Apollo von Marmor, sondern viel eher von Käse. Er war der vollendetste Holländer, den ich je gesehen. Ein sonderbares Gemisch von Mut und Phlegma. Als er einst im Kaffeehause einen Jrländer so sehr erzürnt, daß dieser eine Pistole auf ihn losdrückte und, statt ihn zu treffen, ihm nur die irdene Pfeife Memoiren des Herrn von Schnabelewopski. 6b vom Munde wegschoß, da blieb Van Moeulens Gesicht so bewegungslos wie Käse, und im gleichgültig ruhigsten Tone rief er: Jan, e nüe Piep! Fatal war mir an ihm sein Lächeln, denn alsdann zeigte er eine Reihe ganz kleiner weißer Zähnchen, die eher wie Fischgräte aussahen. Auch mißfiel mir, daß er große goldene Ohrringe trug. Er hatte die sonderbare Gewohnheit, alle Tage in seiner Wohnung die Aufstellung der Möbel zu verändern, und wenn man zu ihm kam, fand man ihn entweder beschäftigt, die Kommode an die Stelle des Bettes, oder den Schreibtisch an die Stelle des Sofas zu sehen. Der kleine Simson bildete in dieser Beziehung den ängstlichsten Gegensatz. Er konnte nicht leiden, daß man in seinem Zimmer das Mindeste verrückte; er wurde sichtbar unruhig, wenn man dort auch nur das Mindeste, sei es auch nur eine Lichtschere, zur Hand nahm. Alles mußte liegen bleiben, wie eS lag. Denn seine Möbel und sonstigen Effekten dienten ihm als Hilfsmittel, nach den Vorschriften der Mnemonik allerlei historische Daten oder philosophische Sätze in seinem Gedächtnisse zu fixieren. Als einst die Hausmagd in seiner Abwesenheit einen alten Kästen ans seinem Zimmer fortgeschafft und seine Hemden und Strümpfe aus der Kommode genommen, nur sie waschen zu lassen, da war er untröstlich, als er nach Hanse kam, und er behauptete, er wisse jetzt gar nichts mehr von der assyrischen Geschichte, und alle seine Beweise für die Unsterblichkeit der Seele, die er so mühsam in den verschiedenen Schubladen ganz systematisch geordnet, seien jetzt in die Wäsche gegeben. Zu den Originalen, die ich in Lehden kennen gelernt, gehört auch Mynheer Van der Pissen, ein Vetter Van Moeulens, der mich bei ihm eingeführt. Er war Professor der Theologie an der Universität, und ich hörte bei ihm das hohe Lied Snlomvnis und die Offenbarung Johannis. Er war ein schöner, blühender Mann, etwa fünfnnddreißig Jahre alt und auf dem Katheder sehr ernst und gesetzt. Als ich ihn aber einst besuchen wollte und in seinem Wohnzimmer Niemanden fand, sah ich durch die halbgeöffnete Thür eines Seitcn- knbinetts ein gar merkwürdiges Schauspiel. Dieses Kabinett war halb chinesisch, halb pompadvurisch verziert: an den Wänden goldig schillernde Damasttapeten; auf dem Boden der kostbarste persische Teppich: überall wunderliche Porzellaupagoden, Spielsachen von Perlmutter, Blumen, Strnußfedcrn und Edelsteine; die Sessel von rotem Sammet mit Goldtrvddcln, und darunter ein besonders erhöhter Sessel, der wie ein Thron aussah, und «vorauf ein kleines Mädchen saß, das etwa drei Jahre alt sein mochte, und in blauen silber- gcsticktcn Atlas, jedoch sehr altfränkisch, gekleidet war und in der einen Hand, gleich einem Zepter, einen bunten Pfauenwcdel und in der andern einen welken Lorbeerkranz emporhielt. Vor ihr aber auf dem Boden wälzten sich Mynhccr Van der Pissen, sein kleiner Heine 's Werke. XI. Vd. ü 66 Novellistische Fragmente. Mohr, sein Pudel und sein Asse. Diese vier zausten sich und bissen sich untereinander, während daS Kind und der grüne Papagei, welcher ans der Stange saß, beständig Bravo! riefen. Endlich erhob sich Mynheer vom Boden, kniete vor dein Kinde nieder, rühmte in einer ernsthaften lateinischen Rede den Mut, womit er seine Feinde bekämpft und besiegt, ließ sich von der Kleinen den welken Lorbeerkranz auf das Haupt setzen, — und Bravo! Bravo! rief daS Kind und der Papagei und ich, welcher jetzt ins Zimmer trat. Mynheer schien etwas bestürzt, daß ich ihn in seinen Wunderlichkeiten überrascht. Diese, wie man mir später sagte, trieb er alle Tage; alle Tage besiegte er den Mohr, den Pudel und- den Affen; alle Tage ließ er sich belorbeeren von dem kleinen Mädchen, welches nicht sein eigenes Kind, sondern ein Findling aus dem Waisenhause von Amsterdam war. Kapitel xi. Das Haus, worin ich zu Lehden logierte, bewohnte einst Jan Steen, der große Jan Steen, den ich für ebenso groß halte wie Raffael. Auch als religiöser Maler war Jan ebenso groß, und das wird man einst ganz klar einsehen, wenn die Religion des Schmerzes erloschen ist und die Religion der Freude den trieben Flor von den Rosenbüschen dieser Erde fvrtreißt und die Nachtigallen endlich ihre lang verheimlichten Entzückungen hervorjauchzen dürfen. Aber keine Nachtigall wird je so heiter und jubelnd singen, wie Jait Steen gemalt hat. Keiner hat so tief wie er begriffen, daß auf dieser Erde ewig Kirmes sein sollte: er begriff, daß unser Leben nur ein farbiger Kuß Gottes sei, und er wußte, daß der heilige Geist sich am herrlichsten offenbart im Licht und Lachen. Sein Auge lachte ins Licht hinein, und daS Licht spiegelte sich in seinem lachenden Auge. Und Jan blieb immer ein gutes, liebes Kind. Als der alte strenge Prädikant von Leyden sich neben ihn an den Herd setzte, und eine lange Vermahnnng hielt über sein fröhliches Leben, seinen lachend unchristlichen Wandel, seine Trunkliebe, seine ungeregelte Wirtschaft und seine verstockte Lustigkeit, da hat Jan ihm zwei Stunden lang ganz ruhig zugehört, und er verriet nicht die mindeste Ungeduld über die lange Strafpredigt, und nur einmal unterbrach er sie mit den Worten: „Ja, Domine, die Beleuchtung wäre dann viel besser, ja ich bitte Euch, Domine, dreht Euren Stuhl ein klein wenig dein Kamine zu, damit die Flamme ihren roten Schein über Euer ganzes Gesicht wirft und der übrige Körper im Schatten bleibt — —" Der Domine stand wütend auf und ging davon. Jan aber griff sogleich nach der Palette und malte den alten strengen Herrn, ganz Memoiren des Herrn von Schnadelewopski. 67 wie er ihm in jener Strafpredigtpvsitur, ohne es zu ahnen, Modell gesessen. Das Bild ist vortrefflich und hing in meinem Schlafzimmer zu Lehden. Nachdem ich in Holland so viele Bilder von Jan Steen gesehen, ist mir, als kennte ich das ganze Leben des Mannes. Ja, ich kenne seine sämtliche Sippschaft, seine Frau, seine Kinder, seine Mutter, alle seine Bettern, seine Hausfeinde und sonstige Angehörigen, ja, ich kenne sie von Angesicht zu Angesicht. Grüßen uns doch diese Gesichter aus allen seinen Gemälden hervor, und eine Sammlung derselben wäre eine Biographie des Malers. Er hat oft mit einem einzigen Pinselstrich die tiefsten Geheimnisse seiner Seele darin eingezeichnet. So glaube ich, seine Frau hat ihm allzuoft Vorwürfe gemacht über sein vieles Trinken. Denn auf dem Gemälde, welches das Bohnenfest vorstellt, und wo Jan mit seiner ganzen Familie zu Tische sitzt, da sehen wir seine Frau mit einem gar großen Weinkrng in der Hand, und ihre Augen leuchten wie die einer Bacchantin. Ich bin aber überzeugt, die gute Frau hat nie zuviel Wein genossen, und der Schalk hat uns weiß machen wollen, nicht er, sondern seine Frau liebe den Trunk. Deshalb lacht er desto vergnügter aus dem Bilde hervor. Er ist glücklich: er sitzt in der Mitte der Seinigen; sein Söhnchen ist Bohnenkönig und steht mit der Krone von Flittergold auf einem Stuhle; seine alte Mutter, in ihren Gesichtsfalten das seligste Schmunzeln, trägt das jüngste Enkelchen ans dem Arm; die Musikanten spielen ihre närrisch lustigsten Hopsamelodieen; und die sparsam bedächtige, ökonomisch schmollende Hausfrau ist bei der ganzen Nachwelt in den Verdacht hineingemalt, als sei sie besoffen. Wie oft, in meiner Wohnung zu Lehden, konnte ich mich ganze Stunden lang in die häuslichen Sccnen zurückdenken, die der vortreffliche Jan dort erlebt und erlitten haben mußte. Manchmal glaubte ich, ich sähe ihn leibhaftig selber an seiner Staffelei sitzen, dann und wann nach dem großen Henkelkrng greifen, „überlegen und dabei trinken, und dann wieder trinken, ohne zu überlegen". Das war kein trübkatholischer Spuk, sondern ein modern Heller Geist der Freude, der nach dem Tode noch sein altes Atelier besucht, um lustige Bilder zu malen und zu trinken. Nur solche Gespenster werden unsere Nachkommen zuweilen schauen, am lichten Tage, während die Sonne durch die blanken Fenster schaut und vom Turme herab keine schwarz dumpfen Glocken, sondern rotjanchzende Trompetentöne die liebliche Mittagstunde ankündigen. Die Erinnerung an Jan Steen war aber das Beste, oder vielmehr das einzig Gute an meiner Wohnung zu Lehden. Ohne diesen gemütlichen Reiz hätte ich darin keine acht Tage ausgehakten. Das Äußere des Hauses war elend und klüglich und mürrisch, ganz un- holländisch. Das dunkle morsche Haus stand dicht am Wasser, und 5* 68 Novellistische Fragmente. wenn man an der andern Seite deS Kanals vorbeiging, glaubte man eine alte Hexe zu sehen, die sich in einem glänzenden Znnber- spiegel betrachtete. Auf dem Dache standen immer ein paar Störche, wie auf allen holländischen Dächern. Neben mir logierte die Kuh, deren Milch ich des Mvrgens trank, und unter meinem Fenster war ein Hühnersteig. Meine gefiederten Nachbarinnen lieferten gute Eier; aber da ich immer, ehe sie deren zur Welt brachten, ein langes Gackern, gleichsam die langweilige Vorrede zu deren Eiern, anhören mußte, so wurde mir der Genuß derselben ziemlich verleitet. Zu den Unannehmlichkeiten meiner Wohnung gehörten aber zwei der fatalsten Mißstände, erstens das Violinspiclen, womit man meine Ohren während des Tages belästigte, und dann die Störungen deS Nachts, wenn meine Wirtin ihren armen Mann mit ihrer sonderbaren Eifersucht verfolgte. Wer das Verhältnis meines Hanswirts zu meiner Frau Wirtin kennen lernen wollte, brauchte nur beide zu hören, wenn sie miteinander Musik machten. Der Mann spielte das Violoncello, und die Frau spielte das sogenannte Biolon d'Amour; aber sie hielt nie Tempo und war dem Manne immer einen Takt voraus und wußte ihrem unglücklichen Instrumente die grellfeinsten Keislaute abzuquälen; wenn das Cello brummte und die Violine greinte, glaubte man ein zankendes Ehepaar zu hören. Auch spielte die Frau noch immer weiter, wenn der Mann längst fertig war, daß es schien, als wollte sie das letzte Wort behalten. Es war ein großes, aber sehr mageres Weib, nichts als Haut und Knochen, ein Maul, worin einige falsche Zähne klapperten, eine kurze Stirn, fast gar kein Kinn und eine desto längere Nase, deren Spitze wie ein Schnabel sich herabzog, und womit sie zuweilen, wenn sie Violine spielte, den Ton einer Saite zu dämpfen schien. Mein HauSwirt war etwa fünfzig Jahre alt und ein Mann von sehr dünnen Beinen, abgezehrt bleichem Antlitz und ganz kleinen grünen Auglein, womit er beständig blinzelte, wie eine schildwache, welcher die Sonne ins Gesicht scheint. Er war seines Gewerbes ein Bruchbandmacher und seiner Religion nach ein Wiedertäufer. Er las sehr fleißig in der Bibel. Diese Lektüre schlich sich in seine nächtlichen Träume, und mit blinzelnden Auglein erzählte er seiner Frau des Morgens beim Kaffee, wie er wieder hochbegnadigt worden, wie die heiligsten Personen ihn ihres Gespräches gewürdigt, wie er sogar mit der allerhöchst heiligen Majestät Jehovahs verkehrt, und wie alle Frauen des Alten Testaments ihn mit der freundlichsten und zärtlichsten Aufmerksamkeit behandelt. Letzterer Umstand war meiner Hauswirtin gar nicht lieb, und nicht selten bezeigte sie die eifersüchtigste Mißlaune über ihres Mannes nächtlichen Umgang mit den Weibern des Alten Testamentes. Wäre es noch, sagte sie, die keusche Memoiren des Herrn von Schnabelewopski. 69 Mutter Maria, oder die alte Warthe, oder auch meinethalb die Magdaleue, die sich ja gebessert hat — aber ein nächtliches Verhältnis mit den Sauftöchtern des alten Lot, mit der sauberen Madame Judith, mit der verlaufenen Königin von Saba und dergleichen zweideutigen Weibsbildern darf nicht geduldet werdein Nichts glich aber ihrer Wut, als eines Morgens ihr Mann im Übergeschwätze der Seligkeit eine begeisterte Schilderung der schönen Esther entwarf, welche ihn gebeten, ihr bei ihrer Toilette behilflich zu sein, indem sie durch die Macht ihrer Reize den König Ahasveros für die gute Sache gewinnen wollte. Vergebens beteuerte der arme Mann, daß Herr Mardachai selber ihn bei seiner schönen Pflegetochter eingeführt, daß diese schon halb bekleidet war, daß er ihr nur die langen schwarzen Haare ausgekämmt — vergebens! die erboste Frau schlug den armen Mann mit seinen eigenen Bruchbändern, goß ihm den heißen Kaffee ins Gesicht, und sie hätte ihn gewiß umgebracht, wenn er nicht aufs heiligste versprach, allen Umgang mit den alttestamentalischen Weibern aufzugeben, und künftig nur "mit Erzvätern und männlichen Propheten zu verkehren. Die Folge dieser Mißhandlung war, daß Myuheer von nun an sein nächtliches Glück gar ängstlich verschwieg; er wurde jetzt erst ganz ein heiliger Rvus; wie er mir gestand, hatte er den Mut, sogar der nackten Susanna die unsittlichsten Anträge zu machen; ja, er war am Ende frech genug, sich in den Harem des Königs Solomon hineinznträumen und mit dessen tausend Weibern Thec zu trinken. Kapitel xii. Unglückselige Eifersucht! durch diese ward einer meiner schönsten Träume und mittelbar vielleicht das Leben des kleinen Simson unterbrochen! Was ist Traum? Was ist owd? Ist dieser nur eine Unterbrechung des Lebens, oder gänzliches Aufhören desselben? Ja, für Leute, die nur Vergangenheit und Zukunft kennen und nicht in jedem Momente der Gegenwart eine Einigkeit leben können, ja, für solche muß der Tod schrecklich sein! Wenn ihnen die beiden Krücken, Raum und Zeit, entfallen, dann sinken sie ins ewige Nichts. Und der Traum? Warum fürchten wir uns vor dem Schlafengehen nicht weit mehr als vor dem. Begrabenwerdcn? Ist es nicht furchtbar, daß der Leib eine ganze Nacht lcichentot sein kann, während der Geist in uns das bewegteste Leben führt, ein Leben mit allen Schrecknissen jener Scheidung, die wir eben zwischen Leben und Geist gestiftet? Wenn einst in der Zukunft beide wieder in unserem Bewußtsein vereinigt sind, dann gicbt es vielleicht keine Träume mehr, oder nur kranke Menschen, Menschen, deren Harmonie gestört, werden 7 k) Novellistische Fragmente. träumen. Nur leise und wenig träumten die Alten; ein starker, gewaltiger Traum war bei ihnen ein Ereignis und wurde in die Geschichtsbücher eingetragen. Das rechte Träumen beginnt erst bei den Juden, dem Volke des Geistes, und erreichte seine höchste Blüte bei den Christen, dem Geistervolk. Unsere Nachkommen werden schaudern, wenn sie einst lesen, welch ein gespenstiges Dasein wir geführt, wie der Mensch in uns gespalten war und nur die eine Hälfte ein eigentliches Leben geführt. Unsere Zeit — und sie beginnt am Kreuze Christi — wird als eine große Krankheitsperiode der Menschheit betrachtet werden. Und doch, welche süße Träume haben wir träumen können! Unsere gesunden Nachkommen werden es kaum begreifen. Um uns her verschwanden alle Herrlichkeiten der Welt, und wir fanden sie wieder in unserer inneren Seele — in unsere Seele flüchtete sich der Dust der zertretenen Rosen und der lieblichste Gesang der verscheuchten Nachtigallen — Ich weiß das alles, und sterbe an den unheimlichen Ängsten und grauenhaften Süßigkeiten unserer Zeit. Wenn ich des Abends mich auskleide und zu Bette lege, und die Beine lang ausstrecke, und mich bedecke mit dem weißen Laken, dann schaudere ich manchmal unwillkürlich, und mir kommt in den Sinn, ich sei eine Leiche, und ich begrübe mich selbst. Dann schließe ich hastig die Augen, um diesem schauerlichen Gedanken zu entrinnen, um mich zu retten in das Land der Träume. Es war ein süßer, lieber, sonniger Traum. Der Himmel himmelblau und wolkenlos, das Meer meergrün und still. Unabsehbar weite Wasserfläche, und darauf schwamm ein buntgewimpeltes Schiff, und auf dem Verdeck saß ich kosend zu den Füßen Jadvigas. Schwärmerische Liebeslieder, die ich selber auf rosige Papicrstreifen geschrieben, las ich vor, heiter seufzend, und sie horchte niit ungläubig geneigtem Ohr und sehnsüchtigem Lächeln, und riß mir zuweilen hastig die Blätter aus der Hand und warf sie ins Meer. Aber die schönen Nixen, mit ihren schneeweißen Busen und Armen, tauchten jedesmal aus dem Wasser empor und erhaschten die flatternden Lieder der Liebe. Als ich mich über Bord beugte, konnte ich ganz klar bis in die Tiefe des Meeres Hinabschanen, und da saßen, wie in einem gesellschaftlichen Kreise die Nixen, und in ihrer Mitte stand ein junger Nix, der mit gefühlvoll belebtem Angesicht meine Liebeslieder deklamierte. Ein stürmischer Beifall erscholl bei jeder Strophe; die grünlockigen Schönen applaudierten so leidenschaftlich, daß Brust und Nacken erröteten, und sie lobten mit einer freudigen, aber doch zugleich mitleidigen Begeisterung: „Welche sonderbare Wesen sind diese Menschen! Wie sonderbar ist ihr Leben! wie tragisch ihr ganzes Schicksal! Sie lieben sich und dürfen es meistens nicht sagen, und Memoiren des Herrn von Schnnbelewopski. 71 dürfen sie es eimncil sagen, so können sie doch einander selten verstehen! Und dabei leben sie nicht ewig wie wir, sie sind sterblich, nur eine kurze Spanne Zeit ist ihnen vergönnt das Gliick zu suchen, sie müssen es schnell erhaschen, hastig ans Herz drücken, ehe es entflieht — deshalb sind ihre Liebeslieder auch so zart, so innig, so süß ängstlich, so verzweiflungsvoll lustig, ein so seltsames Gemisch von Freude und Schmerz. Der Gedanke des Todes wirft seinen melancholischen Schatten über ihre glücklichsten Stunden und tröstet sie lieblich im Unglück, Sie können weinen. Welche Poesie in so einer Menschenthräne!" Hörst du, sagte ich zu Jadviga, wie die da unten über uns urteilen? — Wir wollen, uns umarmen, damit sie uns nicht mehr bemitleiden, damit sie sogar neidisch werden! Sie aber, die Geliebte, sah mich an mit unendlicher Liebe, und ohne ein Wort zu reden, Ich hatte sie stumm geküßt. Sie erblich, und ein kalter Schauer überflog die holde Gestalt, Sie lag endlich starr wie weißer Marmor in meinen Armen, und ich hätte sie für tot gehalten, wenn sich nicht zwei große Thränenströme unaufhaltsam aus ihren Augen ergossen — und diese Thräncn überfluteten mich, während ich das holde Bild immer gewaltiger mit meinen Armen umschlang — Da hörte ich plötzlich die keifende Stimme meiner Hauswirtin, und erwachte aus meinem Traum, Sie stand vor meinem Bette, mit der Blendlaterne in der Hand, und bat mich, schnell auszustehen und sie zu begleiten. Nie hatte sie so häßlich gesehen, Sie war im Hemde, und ihre verwitterten Brüste vergoldete der Mondschein, der eben durchs Fenster fiel; sie sahen aus wie zwei getrocknete Citronen, Ohne zu wissen, was sie begehrte, folgte ich ihr nach dem Schlafgemache ihres Gatten, und da lag der arme Mann, die Nachtmütze über die Augen gezogen, und schien heftig zu träumen. Manchmal zuckte sichtbar sein Leib unter der Bettdecke, seine Lippen lächelten vor überschwenglichster Wonne, spitzten sich manchmal krampfhaft wie zu einem Kusse, und er röchelte und stammelte: Vasthi! Königin Vasthi! Majestät! Fürchte keinen Ahasveros! Geliebte Vasthi! Mit zorngliihenden Augen beugte sich nun das Weib über den schlafenden Gatten, legte ihr Ohr an sein Haupt, als ob sie seine Gedanken erlauschen könnte, und flüsterte mir zu: Haben Sie sich nun überzeugt, Mynheer Schnabelewopski? Er hat jetzt eine Buhlschaft mit der Königin Vasthie! Der schändliche Ehebrecher! Ich habe dieses unzüchtige Verhältnis schc i gestern nacht entdeckt. Sogar eine Heidin hat er mir vorgezogen! Aber ich bin Weib und Christin, und Sie sollen sehen, wie ich mich räche. Bei diesen Worten riß sie erst die Bettdecke von dem Leibe des armen Sünders — er lag im Schweiß — alsdann ergriff sie ein hirschlederues Bruchband, und schlug damit gottlästerlich los auf die 72 Novellistische Fragmente. dünnen Gliedmaßen des armen Sünders. Dieser, also unangenehm geweckt aus seinem biblischen Traum, schrie so laut, als ob die Hauptstadt Susa in Feuer und Holland in Wasser stünde, und brachte mit seinem Geschrei die Nachbarschaft in Aufruhr. Den andern Tag hieß es in ganz Lehden, mein HauSwirt habe solch großes Geschrei erhoben, weil er mich des Nachts in der Gesellschaft seiner Gattin gesehen. Man hatte letztere halbnackt am Fenster erblickt; und unsere Hausmngd, die mir gram war, und von der Wirtin zur roten Kuh über dies Ereignis befragt worden, erzählte, daß sie selber gesehen, wie Mhfrow mir in meinem Schlafzimmer einen nächtlichen Besuch abgestattet. Ich kann nicht ohne gewaltigen Kummer an dieses Ereignis denken. Welche fürchterliche Folgen! Kapitel xm. Wäre die Wirtin zur roten Kuh eine Italienerin gewesen, so Hütte sie vielleicht mein Essen vergiftet; da sie aber eine Holländerin war, so schickte sie mir schlechtes Essen. Schon deS andern Mittags erduldeten wir die Folgen ihres weiblichen Unwillens. Das erste Gericht war: keine Suppe. Das war schrecklich, besonders für einen wohlerzogenen Menschen wie ich, der von Jugend auf alle Tage Suppe gegessen, der sich bis jetzt gar keine Welt denken konnte, wo nicht deS Morgens die Sonne'aufgeht und des Mittags die Suppe aufgetragen wird. Das zweite Gericht bestand aus Rindfleisch, welches kalt und hart war wie Myrons Kuh. Drittens kam ein Schellfisch, der ans dem Halse roch wie ein Mensch. Viertens kam ein großes Huhn, das, weit entfernt unseren Hunger stillen zu wollen, so mager und abgezehrt aussah, als ob es selber Hunger hätte, so daß mau fast vor Mitleid nichts davon essen konnte. Und nun, kleiner Simson, rief der dicke Dricksen, glaubst du noch an Gott? Ist das Gerechtigkeit? Die Frau Bandagistiu besucht dcu SchnabelcwopSki in der dunkeln Nacht, und wir müssen dafür schlecht essen am hellen, lichten Tag! O Gott! Gott! seufzte der Kleine, gar verdrießlich wegen solcher atheistischer Ausbrüche und vielleicht auch wegen des schlechten Essens. Seine Verdrießlichkeit stieg, als auch der lange Van Pitter seine Witze gegen die Anthropvmorphisten losließ und die Ägypter lobte, die einst Ochsen und Zwiebeln verehrten; denn erstere, wenn sie gebraten, und letztere, wenn sie gestovt, schmeckten ganz göttlich. Des kleinen simsons Gemüt wurde aber durch solche Spöttereien immer bitterer gestimmt, und er schloß endlich folgendermaßen seine Apologie des Deismus: Was die Sonne für die Blumen ist, das ist Gott für die Menschen. Wenn die Strahlen jenes himmlischen Gc- Memoiren des Herrn von Schuabelewopski. stirns die Blumen berühren, dann wachsen sie heiter empor und öffnen ihre Kelche und entfalten ihren buntesten Farbenschmuck. Des Nachts, wenn ihre Sonne entfernt ist, stehen sie traurig mit geschlossenen Kelchen, und schlafen, oder träumen von den goldenen Strahlenküssen der Vergangenheit. Diejenigen Blumen, die immer im Schatten stehen, verlieren Farbe und Wuchs, verkrüppeln und erbleichen und welken mißmutig, glücklos. Die Blumen aber, die ganz im Dunkeln wachsen, in alten Burgkellern, unter Klosterrninen, die werden häßlich und giftig, sie ringeln am Boden wie Schlangen, schon ihr Dust ist unheilbringend, boshaft betäubend, tödlich — O, du brauchst deine biblische Parabel nicht weiter auszuspinncn, schrie der dicke Tricksen, indem er sich ein großes Glas Schiedammer Genevcr in den Schlund goß; du, kleiner Simson, bist eine fromme Blume, die im Sonnenschein Gottes die heiligen Strahlen der Tugend und Liebe so trunken einsangt, daß deine Seele wie ein Regenbogen blüht, während die nnsrige, abgewendet von der Gottheit, farblos und häßlich verwelkt, wo nicht gar pcstilenzialischc Düfte verbreitet — Ich habe einmal zu Frankfurt, sagte der kleine Simson, eine Uhr gesehen, die an keinen Uhrmacher glaubte; sie war von Tombak und ging sehr schlecht — Ich will dir wenigstens zeigen, daß so eine Uhr wenigstens gut schlagen kann, versetzte Tricksen, indem er plötzlich ganz ruhig wurde und den Kleinen nicht weiter molestierte. Da letzterer trotz seiner schwachen Ärmchen ganz vortrefflich stieß, so ward beschlossen, daß sich die beiden noch denselben Tag auf Parisicns schlagen sollten. Sic stachen auseinander los mit großer Erbitterung. Die schwarzen Augen des kleinen Simson glänzten feurig groß, und kontrastierten um so wunderbarer mit seinen Ärni- chen, die aus den anfgeschürzten Hemdärmeln gar kläglich dünn hervortraten. Er wurde immer heftiger; er schlug sich ja für die Existenz Gottes, des alten Jehovah, des Königs der Könige. Dieser aber gewährte seinem Champion nicht die mindeste Unterstützung, und im sechsten Gang bekam der Kleine einen Stich in die Lunge! O Gott! seufzte er, und stürzte zu Boden. Kapitel XIV. Diese Scene hatte mich furchtbar erschüttert. Gegen das Weib aber, das mittelbar solches Unglück verursacht, wandte sich der ganze Ungestüm meiner Empfindungen; das Herz voll Zorn und Kummer stürmte ich nach dem roten Ochsen. Ungeheuer, warum hast du keine Suppe geschickt? Dieses waren die Worte, womit ich die erbleichende Wirtin anredete, als ich sie in der Küche antraf. Das Porzellan auf dem Kamine zitterte bei dem 74 Novellistische Fragmente. Ton meiner Stimme. Ich war so entsetzlich, wie der Mensch es nnr immer sein kann, wenn er keine Suppe gegessen und sein bester Freund einen Stich in die Lunge bekommen. Ungeheuer, warum hast du keine Suppe geschickt? Diese Worte wiederholte ich, während das schuldbewußte Weib starr und sprachlos vor mir stand. Endlich aber, wie aus geöffneten Schleusen, stürzten aus ihren Augen die Thränen. Sie überschwemmten ihr ganzes Antlitz und tröpfelten bis in den Kanal ihres Busens. Dieser Anblick konnte jedoch meinen Zorn nicht erweichen, und mit verstärkter Bitterkeit sprach ich: O ihr Weiber, ich weiß, daß ihr weinen könnt; aber Thränen sind keine Suppe. Ihr seid erschaffen zu unserem Unheil. Euer Blick ist Lug, und euer Hauch ist Trug. Wer hat zuerst vom Apfel der Sünde gegessen? Gänse haben das Kapital gerettet, aber durch ein Weib ging Trvja zu Grunde. O Troja, Troja, des Priamos heilige Feste, dm bist gefallen durch die Schuld eines Weibes! Wer hat den Marcus Antonius ins Verderben gestürzt? Wer ließ den Marcus Tullius Cicero ermorden? Wer verlangte den Kopf Johannis des Täufers? Wer war Ursache von NbälardS Verstümmelung? Ein Weib! Die Geschichte ist voll Beispiele, wie wir durch euch zu Grunde gehen. All euer Thun ist Thorheit und all euer Denken ist Undank. Wir geben euch das Höchste, die heiligste Flamme des Herzens, unsere Liebe — was gebt ihr uns als Ersatz? Fleisch, schlechtes Rindfleisch, noch schlechteres Hühnerfleisch — Ungeheuer, warum hast du keine Suppe geschickt! Vergebens begann Myfrvw jetzt eine Reihe von Entschuldigungen herznstammeln und mich bei allen Seligkeiten unserer genossenen Liebe zu beschwören, ihr diesmal zu verzeihen. Sie wollte mir von nun an noch besseres Essen schicken als früher und noch immer nnr sechs Gulden die Portion anrechnen, obgleich der groote Dohlenwirt für sein ordinäres Essen sich acht Gulden bezahlen läßt. Sie ging so weit, mir für den folgenden Tag Austerpastete zu versprechen; ja, in dem weichen Ton ihrer Stimme dufteten sogar Trüffeln. Aber ich blieb standhast, ich war entschlossen, auf immer zu brechen, und verließ die Küche mit den tragischen Worten: Adien, für dieses Leben haben wir ausgekocht! Im Fortgehen hörte ich etwas zu Boden fallen. War es irgend ein Küchentopf oder Myfrow selber? Ich nahm mir nicht einmal die Mühe nachzusehen, und ging direkt nach der grooten Dohlen, um sechs Portionen Essen für den nächsten Tag zu bestellen. Nach diesem wichtigsten Geschäft eilte ich nach der Wohnung des kleinen Simson, den ich in einem sehr schlechten Zustand fand. Er lag in einem großen altfränkischen Bette, das keine Vorhänge hatte, und an dessen Ecken vier große marmorierte Holzsäulen befindlich waren, die oben einen reich vergoldeten Betthimmel trugen. Das Memoiren des Herrn von Schnabelewopski, 7Z Antlitz des Kleinen war leidend blaß, und in dem Blick, den er mir zuwarf, lag so viel Wehmut, Güte und Elend, daß ich davon bis in die Tiefe meiner Seele gerührt wurde. Der Arzt hatte ihn eben verlassen und seine Wunde für bedenklich erklärt. Van Moenlen, der allein dort geblieben, um die Nacht bei ihm zu wachen, saß vor seinem Bette und las ihm vor aus der Bibel. Schnabelewopski, seufzte der Kleine, es ist gut, daß du kommst. Kannst zuhören, und es wird dir Wohlthun. Das ist ein liebes Buch. Meine Borfahren haben es in der ganzen Welt mit sich herumgetragen, und gar viel Kummer und Unglück und Schimpf und Haß dafür erduldet, oder sich gar dafür totschlagen lassen. Jedes Blatt darin hat Thränen und Blut gekostet, es ist das aufgeschriebene Vaterland der Kinder Gottes, es ist das heilige Erbe Jchovähs. Rede nicht zu viel, rief Van Moenlen, es bekommt dir schlecht. Und gar, setzte ich hinzu, rede nicht von Jehovah, dem undankbarsten der Götter, für dessen Existenz du dich heute geschlagen — O Gott! seufzte der Kleine, und Thränen fielen aus seinen Augen — O Gott, du hilfst unseren Feinden! Rede nicht so viel, wiederholte Van Moenlen. Und du, Schnabelewopski, flüsterte er mir zu, entschuldige, wenn ich dich langweile; der Kleine wollte durchaus, daß ich ihm die Geschichte seines Namensvetters, des Simson, vorlese — wir sind am vierzehnten Kapitel, hör zu: „Simson ging hinab gen Thimnath und sähe ein Weib zu Thimnath unter den Töchtern der Philister —" Nein, rief der Kleine mit geschlossenen Augen, wir sind schon am sechzehnten Kapitel. Ist mir doch, als lebte ich das alles mit, was du da vorliest, als hörte ich die Schafe blöken, die am Jordan weiden, als hätte ich selber den Füchsen die Schwänze angezündet und sie in die Felder der Philister gejagt, als hätte ich mit einein Eselskinnbacken tausend Philister erschlagen. — O, die Philister! sie hatten uns unterjocht und verspottet, und ließen uns wie Schweine Zoll bezahlen, und haben mich zum Tanzsaal hinausgeschmissen ans dein Roß und zu Bockenheim mit Füßen getreten — hinausgeschmissen, und mit Füßen getreten, auf dem Roß! O Gott, das ist nicht erlaubt! Er liegt im Wundfieber und phantasiert, bemerkte leise Van Moenlen, und begann das sechzehnte Kapitel: „Simson ging hin gen Gaza, und sähe daselbst eine Hure, und lag bei ihr. „Da ward den Gazitern gesagt: Simson ist hereingekommen. Und sie umgaben ihn, und ließen aus ihn lauern die ganze Nacht in der Stadt Thor, und waren die ganze Nacht stille und sprachen: Harre; morgen, wenn es Licht wird, wollen wir ihn erwürgen. „Simson aber lag bis zu Mitternacht. Da stund er ans zu 76 Novellistische Fragmente. Mitternacht, und ergriff beide Thürcn an der Stadt Thor, samt den beiden Pfosten, und Hub sie ans mit den Riegeln, und legte sie auf seine Schultern, und trug sie hinauf auf die Höhe des Berges von Hebron. „Darnach gewann er ein Weib lieb am Bach Sorek, das hieß Delila. „Zu der kamen der Philister Fürsten hinauf und sprachen zu ihr" Überrede ihn und besiehe, worin er so große Kraft hat, und womit wir ihn überwögen, daß wir ihn binden und zwingen; so wollen wir dir geben ein jeglicher tausend und hundert Silberlinge. „lind Delila sprach zu Simson: Lieber, sage mir, worinnen deine große Kraft sei, und womit man dich binden möge daß man dich zwinge. „Simsvn sprach zu ihr: Wenn man mich bände mit sieben Seilen von frischem Bast, die noch nicht verdorret sind; so würde ich schwach, und wäre wie ein anderer Mensch. „Da brachten der Philister Fürsten zu ihr hinauf sieben Seile von frischem Bast, die noch nicht verdorret waren; und sie band ihn damit. „(Man hielt aber auf ihn bei ihr in der Kammer.) lind sie sprach zu ihm: Die Philister über dir, Simson! Er aber zerriß die Seile, wie eine flächserne Schnur zerreißet, wenn sie ans Feuer reucht; und ward nicht kund, wo seine Kraft wäre." O dumme Philister! rief jetzt der Kleine, und lächelte vergnügt; wollten mich auch auf die Konstablerwacht setzen — Van Moeulen aber las weiter: „Da sprach Delila zu Simson: Siehe, du hast mich getnuschct und mir gelogen; nun, so sage mir doch, womit kann man dich binden? „Er antwortete ihr: Wenn sie mich bänden mit neuen Stricken, damit nie keine Arbeit geschehen ist; so würde ich schwach und wie ein anderer Mensch. „Da nahm Delila neue Stricke, und band ihn damit und sprach: Philister über dir, Simson! siuan hielt aber auf ihn in der Kammer), und er zerriß sie von seinen Armen, wie einen Faden." O dumme Philister! rief der Kleine im Bette. „Delila aber sprach zu ihm: Noch hast du mich getänschet und mir gelogen. Lieber, sage mir doch, womit kann man dich binden? Er antwortete ihr: Wenn du sieben Locken meines Hauptes flochtest mit einem Flechtbande, und heftest sie mit einem Nagel ein. „lind sie sprach zu ihm: Philister über dir, Simsvn! Er aber wachte ans von seinem Schlaf, und zog die geflochtenen Locken mit Nagel und Flcchtband heraus." Der Kleine lachte: Das war auf der Eschenheimer Gasse. Van Moeulen aber fuhr fort: „Da sprach sie zu ihm: Wie kannst du sagen, du habest mich lieb, so dein Herz doch nicht mit mir ist? Dreimal hast du mich getänschet, und mir nicht gcsaget, worinnen deine große Kraft sei. Memoiren des Herrn von Schnabelewopski. 77 „Da sie ihn aber trieb mit ihren Worten alle Tage, und zerplagte ihn, ward seine Seele matt bis an den Tod, " „Und sagte ihr sein ganzes Herz, nnd sprach zn ihr: Es ist nie kein Schermesser ans mein Haupt kommen; denn ich bin ein Verlobter Gottes von Mutterleib an. Wenn du mich beschörcst, so wich meine Kraft von mir, daß ich schwach würde und wie alle andere Menschen," Welch eine Dummheit! seufzte der Kleine, Bau Moculen fuhr fort: „Da nun Delila sähe, daß er ihr alle sein Herz offenbaret hatte, sandte sie hin, und ließ der Philister Fürsten rufen, nnd sagen: Kommet noch einmal herauf; denn er hat mir alle sein Herz offenbaret, Da kamen der Philister Fürsten zu ihr herauf, und brachten das Geld mit sich in ihrer Hand, „Und sie ließ ihn entschlafen ans ihrem Schoß, nnd rief einem, der ihm die sieben Locken seines Hauptes abschöre. Und sie fing an ihn zu zwingen. Da war seine Kraft von ihm gewichen, „Und sie sprach zu ihm: Philister über dir, Simson! Da er nun von seinem Schlaf erwachte, gedachte er: Ich will ausgehen, wie ich mehrmals gethan habe, ich will mich ausreißen, und wußte nicht, daß der Herr von ihm gewichen war, „Aber die Philister griffen ihn, und stachen ihm die Augen ans, und führten ihn hinab gen Gaza, nnd banden ihn mit zwo ehernen Ketten, und er mußte mahlen in: Gefängnis," O Gott! Gott! wimmerte und weinte beständig der Kranke, Sei still, sagte Van Moeulen, und las weiter: „Aber das Haar seines Hauptes fing wieder an zu wachsen, Ivo es bescheren war, „Da aber der Philister Fürsten sich versammelten, ihrem Gott Dagon ein groß' Opfer zn thnn nnd sich zu freuen, sprachen sie: Unser Gott hat uns unseren Feind Simson in unsere Hände gegeben, „Desselbigcngleichen, als ihn das Volk sähe, lobeten sie ihren Gott; denn sie sprachen: Unser Gott hat uns unseren Feind in unsere Hände gegeben, der unser Land verderbctc, und unser viele erschlug, „Da nun ihr Herz guter Dinge war, sprachen sie: Lasset Simson holen, daß er vor uns spiele. Da holeten sie Simson aus dem Gefängnis, nnd er spielete vor ihnen, nnd sie stelleten ihn zwischen zwo Säulen, „Simson aber sprach zu dem Knaben, der ihn bei der Hand le itet e: „Laß mich, daß ich die Säulen taste, auf welchen das Haus stehet, daß ich mich daran lehne, „Das HauS aber war voll Männer und Weiber, Es waren auch der Philister Fürsten alle da, nnd ans dem Dach bei dreitausend, Mann nnd Weib, die da zusahen, wie Simson spielete, „Simson aber rief den Herrn an, nnd sprach: Herr, Herr, ge- 78 Novellistische Fragmente, denke mein, und stärke mich doch, Gott, diesmal, daß ich für meine beiden Augen mich einst räche an den Philistern! „Und er fassete die zwo Mittelsänlc», auf welchen das Haus gc- setzet war und darauf sich hielt, eine in seine rechte, und die andere in seine linke Hand, „Und sprach: Meine Seele sterbe mit den Philistern! und neigete sich kräftiglich. Da fiel das Haus auf die Fürsten, und auf alles Volk, das darinnen war, daß der Toten mehr waren, die in seinem Tode stürben, denn die bei seinem Leben stürben." Bei dieser Stelle öffnete der kleine Simson seine Augen geisterhaft weit, hob sich krampfhaft in die Höhe, ergriff mit seinen dünnen Armchen die beiden Säuleu, die zu Füßen seines Bettes, und rüttelte daran, während er zornig stammelte: Es sterbe meine Seele mit den Philistern! Aber die starken Bettsäulen blieben unbeweglich, ermattet und wehmütig lächelnd fiel der Kleine zurück auf seine Kissen, und aus seiner Wunde, deren Verband sich verschoben, quoll ein roter Blutstrvm, Iloreutinische Höchte, (1836,) Erste Nacht. Im Vorzimmer fand Maximilian den Arzt, wie er eben seine schwar zen Handschuhe anzog, „Ich bin sehr pressiert," rief ihm dieser hastig entgegen, „Signora Maria hat den ganzen Tag nicht geschlafen, und nur in diesem Augenblick ist sie ein wenig eingeschlummert. Ich brauche Ihnen nicht zu empfehlen, sie durch kein Geräusch zu wecken; und wenn sie erwacht, darf sie beileibe nicht reden. Sie muß ruhig liegen, darf sich nicht rühren, nicht im mindesten bewegen, darf nicht reden, und nur geistige Bewegung ist ihr heilsam, Bitte, erzählen Sie ihr wieder allerlei närrische Geschichten, so daß sie ruhig zuhören muß." „Seien Sie unbesorgt, Doktor," erwiderte Maximilian mit einem wehmütigen Lächeln, „Ich habe mich schon ganz zum Schwätzer ausgebildet und lasse sie nicht zu Worte kommen. Und ich will ihr schon genug phantastisches Zeug erzählen, soviel Sie nur begehren . . . Aber wie lange wird sie noch leben können?" „Ich bin sehr pressiert," antwortete der Arzt und entwischte. Die schwarze Deborah, feinohrig wie sie ist, hatte schon am Tritte den Ankommenden erkannt, und öffnete ihm leise die Thürs. Aus seinen Wink verließ sie ebenso leise daS Gemach, und Maximilian Florcntinische Nächte, 73 befand sich allein bei seiner Frenndin, Nnr dämmernd war das Zimmer von einer einzigen Lampe erhellt. Diese warf dann nnd wann furchtsame, halb neugierige Lichter über das Antlitz der kranken Frau, welche ganz angekleidet in weißem Musselin auf einem grünseidenen Sofa hingestreckt lag und ruhig schlief. Schweigend mit verschränkten Armen, stand Maximilian einige Zeit vor der Schlafenden nnd betrachtete die schönen Glieder, die das leichte Gewand mehr offenbarte als verhüllte, und jedesmal, wenn die Lampe einen Lichtstreif über das blasse Antlitz warf, erbebte sein Herz, „Um Gott!" sprach er leise vor sich hin, „was ist das? Welche Erinnerung wird in mir wach? Ja, jetzt weiß ich's, Dieses weiße Bild, auf dem grünen Grunde, ja, jetzt , , ," In diesem Augenblick erwachte die Kranke, und wie aus der Tiefe eines Traumes hervorschauend, blickten ans den Freund die sanften, dunkelblauen Augen, fragend, bittend , . , „An was dachten Sie eben, Maximilian?" sprach sie mit jener schauerlich weichen Stimme, wie sie bei Lungenkranken gefunden wird, und worin wir zugleich das Lallen eines Kindes, das Zwitschern eines Vogels und daS Geröchel eines Sterbenden zu vernehmen glauben, „An was dachten Sie eben, Maximilian?" wiederholte sie nochmals und erhob sich so hastig in die Höhe, daß die langen Locken ivie aufgeschreckte Goldschlangen ihr Haupt umringelten, „Um Gott!" rief Maximilian, indem er sie sanft wieder aufs Sofa niederdrückte, „bleiben Sie ruhig liegen, sprechen Sie nicht; ich will Ihnen alles sagen, alles was ich denke, was ich empfinde, ja was ich nicht einmal selber weiß!" „In der That," fuhr er fort, „ich weiß nicht genau, was ich eben hachte und fühlte. Bilder aus der Kindheit zogen mir dämmernd durch den Sinn, ich dachte an daS Schloß meiner Mutter, an den wüsten Garten dort, an die schöne Marmorstatue, die im grünen Grase lag . . , Ich habe ,das Schloß meiner Mutter" gesagt, aber ich bitte Sie, beileibe, denken Sie sich darunter nichts Prächtiges und Herrliches! An diese Benennung habe ich mich nun einmal gewöhnt; mein Vater legte immer einen ganz besonderen Ausdruck auf die Worte ,das Schloß!' und er lächelte dabei immer so eigentümlich. Die Bedeutung dieses Lächelns begriff ich erst später, als ich, ein etwa zwölfjähriges Bübchen, mit meiner Mutter nach dem Schlosse reiste. Es war meine erste Reise, Wir fuhren den ganzen Tag durch einen dicken Wald, dessen dunkle Schauer mir immer unvergeßlich bleiben, und erst gegen Abend hielten wir still vor einer langen Qnerstange, die uns von einer großen Wiese trennte. Wir mußten fast eine halbe Stunde warten, ehe aus der nahegelegenen Lehmhütte der Junge kam, der die Sperre wegschob nnd uns einließ. Ich sage ,der Junge', weil die alte Warthe ihren vierzigjährigen Neffen noch 80 Novellistische Fragmente. immer de» Jungen nannte; dieser hatte, um die gnädige Herrschaft würdig zu empfangen, das alte Livreekleid seines verstorbenen Oheims angezogen, und da er es vorher ein bißchen ausstäuben mußte, ließ er nns so lange warten. Hätte man ihm Zeit gelassen, würde er auch Strümpfe angezogen haben; die langen, nackten, roten Beine stachen aber nicht sehr ab von dem grellen Scharlachrock. Ob er darunter eine Hose trug, weiß ich nicht mehr. Unser Bedienter, der ebenfalls die Benennung .Schlichst oft vernommen, machte ein sehr verwundertes Gesicht, als der Jnnge uns zu dem kleinen gebrochenen Gebäude führte, wo der selige Herr gewohnt. Er ward aber schier bestürzt, als meine Mutter ihm befahl, die Betten hineinzubringen. Wie konnte er ahnen, daß ans dem .Schlvssist keine Betten befindlich! und die Ordre meiner Mutter, daß er Bettung für nns mitnehmen solle, hatte er entweder ganz überhört oder als überflüssige Mühe unbeachtet gelassen. „Das kleine Hans, das nur eine Etage hoch, in seinen besten Zeiten höchstens fünf bewohnbare Zimmer enthalten, war ein kummervolles Bild der Vergänglichkeit. Zerschlagene Möbel, zerfetzte Tapeten, keine einzige Fensterscheibe ganz verschont, hier und da der Fußboden aufgerissen, überall die häßlichen Spuren der übermütigsten Soldatenwirtschaft. .Die Einquartierung hat sich immer bei uns sehr amüsiert/ sagte der Junge mit einem blödsinnigen Lächeln. Die Mutter aber winkte, daß wir sie allein lassen möchten, und während der Jnnge mit Johann sich beschäftigte, ging ich den Garten besehen. Dieser bot ebenfalls den trostlosesten Anblick der Zerstörnis. Die großen Bäume waren zum Teil verstümmelt, zum Teil niedergebrochen, und höhnische Wucherpflanzen erhoben sich über die gefallenen Stämme. Hier und da, an den aufgeschossenen Tnxusbüschen, konnte man die ' ehemaligen Wege erkennen. Hier und da standen auch Statuen, denen meistens die Köpfe, wenigstens die Nasen, fehlten. Ich erinnere mich einer Diana, deren untere Hälfte von dunklem Epheu aufs lächerlichste umwachsen war, sowie ich mich auch einer Göttin des Überflusses erinnere, ans deren Füllhorn lauter mißduftendes Unkraut hervorblühte. Nur eine Statue war, Gott weiß wie, von der Bosheit der Menschen und der Zeit verschont geblieben; von ihrem Postamente freilich hatte man sie herabgestürzt ins hohe Gras, aber da lag sie unverstümmclt, die marmorne Göttin mit den reinschönen Gesichtszügen und mit dem. straffgeteilten, edlen Busen, der wie eine griechische Offenbarung aus dem hohen Grase hervorglänzte. Ich erschrak fast, als ich sie sah; dieses Bild flößte mir eine sonderbar schwüle Scheu ein, und eine geheime Blödigkeit ließ mich nicht lange bei seinem holden Anblick verweilen. Als ich wieder zu meiner Mutter kam, stand sie am Fenster, verloren in Gedanken, das Haupt gestützt auf ihrem rechten Arm, Florentiuische Nächte. 81 und die Thräneu flössen ihr unaufhörlich über die Wangen. Sa hatte ich sie nach nie weinen sehen. Sie umarmte mich mit hastiger Zärtlichkeit und bat mich um Verzeihung, daß ich durch Johanns Nachlässigkeit kein ordentliches Bett bekommen werde. .Die alte Marthe/ sagte sie, .ist schwer krank und kann dir, liebes Kind, ihr Bett nicht abtreten. Johann soll dir aber die Kissen ans dem Wagen so zurecht legen, daß du darauf schlafen kannst, und er mag dir auch seinen Mantel zur Decke geben. Ich selber schlafe hier auf Stroh; es ist das Schlafzimmer meines seligen Vaters; es sah sonst hier viel besser aus. Laß mich allein!' Und die Thräncn schössen ihr noch heftiger aus den Augen. „War es nun das ungewohnte Lager oder das aufgeregte Herz, es ließ mich nicht schlafen. Der Mondschein drang so unmittelbar durch die gebrochenen Fensterscheiben, und es war mir, als wolle er mich hinanslockeu in die helle Sommernacht. Ich mochte mich rechts oder links wenden auf meinem Lager, ich mochte die Augen schließen oder wieder ungeduldig öffnen, immer mußte ich an die schöne Marmorstatue denken, die ich im Grase liegen sehen. Ich konnte mir die Blödigkeit nicht erklären, die mich bei ihrem Anblick erfaßt hatte; ich ward verdrießlich ob dieses kindischen Gefühls, und .morgen/ sagte ich leise zu mir selber, .morgen küssen wir dich, du schönes Marmorgesicht, wir küssen dich eben auf die schönen Mundwinkel, wo die Lippen in ein so holdseliges Grübchen zusammenschmelzen/ Eine Ungeduld, wie ich sie noch nie gefühlt, rieselte dabei durch alle meine Glieder, ich konnte dem wunderbaren Drange nicht länger gebieten, und endlich sprang ich auf mit keckem Mute und sprach: .Was gilt's, und ich küsse dich noch heute, du licbeS Bildnis!' Leise, damit die Mutter meine Tritte nicht höre, verließ ich das Haus, was um so leichter, da das Portal zwar noch mit einem großen Wappenschild, aber mit keinen Thüren mehr versehen war; und hastig arbeitete ich mich durch das Laubwerk des wüsten Gartens. Auch kein Laut regte sich, und alles ruhtc»stnmm und ernst im stillen Mondschein. Die Schatten der Bäume waren wie angenagelt auf der Erde Im grünen Grase lag die schöne Göttin ebenfalls regungslos, aber kein steinerner Tod, sondern nur ein stiller Schlaf schien ihre lieblichen Glieder gefesselt zu halten, und als ich ihr nahte, fürchtete ich schier, daß ich sie durch das geringste Geräusch aus ihrem Schlummer erwecken könnte. Ich hielt den Atem zurück, als ich mich über sie hinbcngte, um die schönen Gesichtszüge zu betrachten; eine schauerliche Beängstigung stieß mich von ihr ab, eine knabenhafte Lüsternheit, zog mich wieder zu ihr hin, mein Herz pochte, als wollte ich eine Mvrdthat begehen, und endlich küßte ich die schöne Göttin mit einer Inbrunst, mit einer Zärtlichkeit, mit einer Verzweiflung, wie ich nie mehr geküßt habe in diesem Leben. Auch nie habe ich diese grauenhaft süße 82 Novellistische Fragmente. Empfindung vergessen können, die meine Seele durchflutete, als die beseligende Kälte jener Marmorlippen meinen Mund berührte , , , Und sehen Sie, Maria, als ich eben vor Ihnen stand und ich Sie in Ihrem weißen Musselinkleide aus dem grünen Sofa liegen sah, da mahnte mich Ihr Anblick an das weiße Marmorbild im grünen Grase. Hätten Sie länger geschlafen, meine Lippen würden nicht widerstanden haben . . ." „Max! Max!" schrie das Weib aus der Tiefe ihrer Seele — „Entsetzlich! Sie wissen, daß ein Kuß von Ihrem Munde . . ." „Ö, schweigen Sie nur, ich weiß, das wäre für Sie etwas Entsetzliches! Sehen Sie mich nur nicht so flehend an. Ich mißdeute nicht Ihre Empfindungen, obgleich die letzten Gründe derselben mir verborgen bleiben. Ich habe nie meinen Mund auf Ihre Lippen drücken dürfen ..." Aber Maria ließ ihn nicht ausreden, sie hatte seine Hand erfaßt, bedeckte diese Hand mit den heftigsten Küssen, und sagte dann lächelnd: „Bitte, bitte, erzählen Sie mir noch mehr von Ihren Liebschaften. Wie lange liebten Sie die marmorne Schöne, die Sie im Schloßgarten Ihrer Mutter geküßt?" „Wir reisten den andern Tag ab," antwortete Maximilian, „und ich habe das holde Bildnis nie wieder gesehen. Aber fast vier Jahre beschäftigte es mein Herz. Eine wunderbare Leidenschaft für marmorne Statuen hat sich seitdem in meiner Seele entwickelt, und noch diesen Morgen empfand ich ihre hinreißende Gewalt. Ich kam aus der Lanrentiana, der Bibliothek der Mediceer, und geriet, ich weiß nicht mehr wie, in die Kapelle, Ivo jenes prachtvollste Geschlecht Italiens sich eine Schlafstelle von Edelsteinen gebaut hat und ruhig schlummert. Eine ganze Stunde blieb ich dort versunken in dem Anblick eines marmornen Frauenbildes, dessen gewaltiger Leibcsban von der kühnen Kraft des Michel Angela zeugt, während doch die ganze Gestalt von einer ätherischen Süßigkeit umflossen ist, die man bei jenem Meister eben nicht zu suchen pflegt. In diesen Marmor ist das ganze Traumrcich gebannt mit allen seinen stillen Seligkeiten, eine zärtliche Ruhe wohnt in diesen schönen Gliedern, ein besänftigendes Mondlicht scheint durch ihre Adern zu rinnen ... es ist die Nacht des Michel Angela Buonarotti. O, wie gern möchte ich schlafen des ewigen Schlafes in den Armen dieser Nacht . . . „Gemalte Frauenbilder," fuhr Maximilian fort nach einer Pause, „haben mich immer minder heftig interessiert als Statuen. Nur einmal war ich in ein Gemälde verliebt. Es war eine wunderschöne Madonna, die ich in einer Kirche zu Köln am Rhein kennen lernte. Ich wurde damals ein sehr eifriger Kirchengänger, und mein Gemüt versenkte sich in die Mystik des Katholizismus. Ich hätte damals gern, wie ein spanischer Ritter, alle Tage auf.Leben und Tod ge- Florentiiiische Nächte. 83 kämpft für die immaknlicrtc Empfängnis Mariä, der Königin der Engel, der schönsten Dame des Himmels nnd der Erde! Für die ganze heilige Familie interessierte ich mich damals, nnd ganz besonders freundlich zog ich jedesmal den Hut ab, wenn ich an einem Bilde des heiligen Joseph vorbeikann Dieser Zustand dauerte jedoch nicht lange, und fast ohne Ilmstände verließ ich die Mutter Gottes, als ich in einer Antiken-Galerie mit einer griechischen Nymphe bekannt wurde, die mich lange Zeit in ihren Marmorfesseln gefangen hielt." „Und Sie liebten immer nur gemeißelte oder gemalte Frauen?" kicherte Maria. „Nein, ich habe auch tote Frauen geliebt," antwortete Maximilian, über dessen Gesicht sich wieder ein großer Ernst verbreitete. Er bemerkte nicht, daß bei diesen Worten Maria erschreckend zusammenfuhr, und ruhig sprach er weiter: „Ja, es ist höchst sonderbar, daß ich mich einst in ein Mädchen verliebte, nachdem sie schon seit sieben Jahren verstorben war. Als ich die kleine Bery kennen lernte, gefiel sie mir ganz außerordentlich gut. Drei Tage lang beschäftigte ich mich mit dieser jungen Person nnd fand das höchste Ergötzen an allem, was sie that und sprach, an allen Äußerungen ihres reizend wunderlichen Wesens, jedoch ohne daß mein Gemüt dabei in überzärtliche Bewegung geriet. Auch wurde ich einige Monate darauf nicht allzntief ergriffen, als ich die Nachricht empfing, daß sie infolge eines Nervenficbers plötzlich gestorben sei. Ich vergaß sie ganz gründlich, nnd ich bin überzeugt, daß ich jahrelang auch nicht ein einziges Mal an sie gedacht habe. Ganze sieben Jahre waren seitdem verstrichen, und ich befand mich in Potsdam, um in ungestörter Einsamkeit den schönen Sommer zu genießen. Ich kam dort mit keinem einzigen Menschen in Berührung, und mein ganzer Umgang beschränkte sich auf die Statuen, die sich im Garten von Sanssouci befinden. Da geschah es eines Tages, daß mir Gesichtszüge und eine seltsam liebenswürdige Art des Sprechens nnd BcwegenS ins Gedächtnis traten, ohne daß ich mich dessen entsinnen konnte, welcher Person dergleichen angehörten. Nichts ist quälender als solches Herumstöbern in alten Erinnerungen, nnd ich war deshalb wie freudig überrascht, als ich nach einigen Tagen mich auf einmal der kleinen Bcry erinnerte nnd jetzt merkte, daß eS ihr liebcS, vergessenes Bild war, was mir so beunruhigend vorgeschwebt hatte. Ja, ich freute mich dieser Entdeckung wie einer, der seinen intimsten Freund ganz unerwartet wiedergefunden; die verblichenen Farben belebten sich allmählich, und endlich stand die süße kleine Person wieder leibhaftig vor mir, lächelnd, schmollend, witzig, und schöner noch als jemals. Bon nun an wollte mich dieses holde Bild nimmermehr verlassen, es füllte meine ganze Seele; wo ich ging und stand, stand und ging es an meiner Seite, sprach mit mir, lachte mit mir, jedoch 6* 84 Novellistische Fragmente, harnilvs und vhue große Zärtlichkeit, Ich aber wurde täglich mehr und mehr bezaubert von diesem Bilde, das täglich mehr und mehr Realität sür mich gewann. Es ist leicht, Geister zu beschwören, doch ist es schwer, sie wieder zurückzuschicken in ihr dunkles Nichts; sie sehen uns dann so flehend an, unser eigenes Herz leiht ihnen so mächtige Fürbitte , . , Ich konnte mich nicht mehr losreißen, und ich verliebte mich in die kleine Very, nachdem sie schon seit sieben Jahren verstorben. So lebte ich sechs Monate in Potsdam, ganz versunken in dieser Liebe, Ich hütete mich noch sorgfältiger als vorher vor jeder Berührung mit der Außenwelt, und wenn irgend jemand ans der Straße etwas nahe an mir vorbeistreifte, empfand ich die mißbehaglichste Beklemmung, Ich hegte vor allen Begegnissen eine tiefe Scheu, wie solche vielleicht die nachtwandelnden Geister der Toten empfinden; denn diese, wie man sagt, wenn sie einem lebenden Menschen begegnen, erschrecken sie ebensosehr, wie der Lebende erschrickt, wenn er einem Gespcnste begegnet. Zufällig kam damals ein Reisender durch Potsdam, dem ich nicht ausweichen konnte, nämlich mein Bruder, Bei seinem Anblick und bei seinen Erzählungen von den letzten Borfällen der Tagesgeschichte erwachte ich wie aus einem tiefen Traume, und zusammenschreckend fühlte ich plötzlich, in welcher grauenhaften Einsamkeit ich so lange für mich hingelebt. Ich hatte in diesem Zustande nicht einmal den Wechsel der Jahrzeiten gemerkt, und mit Verwunderung betrachtete ich jetzt die Bäume, die längst entblättert, mit herbstlichem Reife bedeckt standen. Ich verließ alsbald Potsdam und die kleine Very, und in einer andern Stadt, wo mich wichtige Geschäfte erwarteten, wurde ich durch sehr eckige Verhältnisse und Beziehungen sehr bald wieder in die rohe Wirklichkeit hineingeguält, „Lieber Himmel!" fuhr Maximilian fort, indem ein schmerzliches Lächeln um seine Oberlippe zuckte, — „lieber Himmel! die lebendigen Weiber, mit denen ich damals in unabweisliche Berührungen kam, wie haben sie mich gequält, zärtlich gequält mit ihrem Schmollen, Eifersüchteln und beständigem Jnatemhalten! Ans wie vielen Bällen mußte ich mit ihnen herumtraben, in wie viele Klatschereien mußte ich mich mischen! Welche rastlose Eitelkeit, welche Freude an der Lüge, welche küssende Verräterei, welche giftige Blumen! Jene Damen wußten mir alle Lust und Liebe zu verleiden, und ich wurde auf einige Zeit ein Weiberfeind, der das ganze Geschlecht verdammte. Es erging mir fast wie dem französischen Offizier, der im russischen Feldzuge sich nur mit Mühe aus den Eisgruben der Bcrcsina gerettet hatte, aber seitdem gegen alles Gefrorene eine solche Antipathie bekommen, daß er jetzt sogar die süßesten und angenehmsten Eissorten von Tortoni mit Abscheu von sich wies. Ja, die Erinnerung an die Beresina der Liebe, die ich damals passierte, verleidete mir einige Zeit sogar die köstlichsten Damen, Frauen wie Engel, Mädchen wie Vanillensorbett," Florentinische Nächte. 85 „Ich bitte Sie," rief Maria, „schmähen Sie nicht die Weiber! Das sind abgedroschene Redensarten der Männer. Am Ende, um glücklich zu sein, bedürft ihr dennoch der Weiber." „O," seufzte Maximilian, „das ist freilich wahr. Aber die Weiber haben leider nur eine einzige Art, wie sie uns glücklich machen können, während sie uns auf dreißigtausend Arten unglücklich zu machen missen." „Teurer Freund," erwiderte Maria, indem sie ein leises Lächeln verbiß, „ich spreche von dem Einklänge zweier gleichgestimmten Seelen. Haben Sie dieses Glück nie empfunden? . . . Aber ich sehe eine ungewohnte Röte über Ihre Wangen ziehen ... Sprechen Sie ... Max?" „Es ist wahr, Maria, ich fühle mich fast knabenhaft befangen, da ich Ihnen die glückliche Liebe gestehen soll, die mich einst unendlich beseligt hat! Diese Erinnerung ist mir noch nicht verloren, und in ihren kühlen Schatten flüchtet sich noch oft meine Seele, wenn der brennende Staub und die Tageshitze des Lebens unerträglich wird. Ich bin aber nicht imstande, Ihnen von dieser Geliebten einen richtigen Begriff zu geben. Sie war so ätherischer Natur, daß sie sich mir nur im Traume offenbaren konnte. Ich denke, Maria, Sie hegen kein banales Vorurteil gegen Träume; diese nächtlichen Erscheinungen haben wahrlich ebensoviel Realität wie jene roheren Gebilde des Tages, die wir mit Händen antasten können, und woran wir uns nicht selten beschmutzen. Ja, es war im Traume, wo ich sie sah, jenes holde Wesen, das mich am meisten auf dieser Welt beglückt hat. Über ihre Äußerlichkeit weiß ich wenig zu sagen. Ich bin nicht imstande, die Form ihrer Gesichtszüge ganz genau anzugeben. Es war ein Gesicht, das ich nie vorher gesehen, und daS ich nachher nie wieder im Leben erblickte. So viel erinnere ich mich, es war nicht weiß nnd rosig, sondern ganz einfarbig, ein sanft angerötctes Blaß- gelb und durchsichtig wie Krhstall. Die Reize dieses Gesichtes bestanden weder im strengen Schönheitsmaß, noch in der interessanten Beweglichkeit; sein Charakter bestand vielmehr in einer bezaubernden, entzückenden, fast erschreckenden Wahrhaftigkeit. Es war ein Gesicht voll bewußter Liebe und graziöser Güte; es war mehr eine Seele als ein Gesicht, und deshalb habe ich die äußere Form mir nie ganz vergegenwärtigen können. Die Augen waren sanft wie Blumen, die Lippen etwas bleich, aber anmutig gewölbt. Sie trug ein seidenes Peignoir von kvrnblauer Farbe, aber hierin bestand auch ihre ganze Bekleidung; Hals und Füße waren nackt, nnd durch das weiche, dünne Gewand lauschte manchmal wie verstohlen die schlanke Zartheit der Glieder. Die Worte, die wir miteinander gesprochen, kann ich mir ebenfalls nicht mehr verdeutlichen; so viel weiß ich, daß wir uns verlobten, und daß wir heiter und glücklich, offenherzig und traulich, wie Bräutigam nnd Braut, ja fast wie Bruder und Schwester, miteinander kosten. Manchmal aber sprachen wir gar nicht mehr und sahen nnS 8k> Novellistische Fragmente, einander an, Ang' in Auge, und i» diesem beseligten Anschauen verharrten nur ganze Ewigkeiten , , , Wodurch ich erwacht bin, kann ich ebenfalls nicht sagen, aber ich schwelgte noch lange Zeit in dem Nach- gcfühle dieses Licbesglücks, Ich war lange wie getränkt von unerhörten Wonnen, die schmachtende Tiefe meines Herzens war wie gefüllt mit Seligkeit, eine mir unbekannte Freude schien über alle meine Empfindungen ausgegossen, und ich blieb froh und heiter, obgleich ich die Geliebte in meinen Träumen niemals wiedersah. Aber hatte ich nicht in ihrem Anblick ganze Ewigkeiten genossen? Auch kannte sie mich zu gut, um nicht zu wissen, daß ich keine Wiederholungen liebe," „Wahrhaftig," rief Maria, „Sie sind ein bomms a, Uonns kor- tuns . . , Aber sagen Sie mir, war Madcmoiselle Lanrcnce eine Marmorstatue oder ein Gemälde? eine Tote oder ein Traum?" „Bielleicht alles dieses zusammen," antwortete Maximilian sehr ernsthaft. „Ich konnte mir's vorstellen, teurer Freund, daß diese Geliebte von sehr zweifelhaftem Fleische sein mußte. Und wann werden Sic mir diese Geschichte erzählen?" „Morgen, Sie ist lang, und ich bin heute müde. Ich komme aus der Oper und habe zu viel Musik in den Ohren," „Sie gehen seht oft in die Oper, und ich glaube, Max, Sie gehen dorthin mehr um zu sehen, als um zu hören," „Sie irren sich nicht, Maria, ich gehe wirklich in die Oper, um die Gesichter der schönen Italienerinnen zu betrachten. Freilich, sie sind schon außerhalb dem Theater schön genug, und ein Geschichtsforscher könnte an der Idealität ihrer Züge sehr leicht den Einfluß der bildenden Künste ans die Leiblichkcit des italienischen Volkes nachweisen, Die Natur hat hier den Künstlern das Kapital zurückgenommen, das sie ihnen einst geliehen, und siehe! es hat sich aufs entzückendste verzinst. Die Natur, welche einst den Künstlern ihre Modelle lieferte, sie kopiert heute ihrerseits die Meisterwerke, die dadurch entstanden. Der Sinn für das Schöne hat das ganze Volk durchdrungen, und wie einst das Fleisch ans den Geist, so wirkt setzt der Geist auf das Fleisch, Und nicht fruchtlos ist die Andacht vor jenen schönen Madonnen, den lieblichen Altarbildern, die sich dem Gcmüte des Bräutigams einprägen, während die Braut einen schönen Heiligen im brünstigen Sinne trägt. Durch solche Wahlverwandtschaft ist hier ein Menschengeschlecht entstanden, das noch schöner ist als der holde Boden, woraus es blüht, und der sonnige Himmel, der es wie ein goldener Rahmen umstrahlt. Die Männer interessieren mich nie viel, wenn sie nicht entweder gemalt oder gemeißelt sind, und Ihnen, Maria, überlasse ich allen möglichen Enthusiasmus in betreff jener schönen, geschmeidigen Italiener, die so wildschwarze Backenbärte und Florentinische Nächte. 87 so kühn edle Nasen und so sanft kluge Augen haben. Man sagt, die Lombarden seien die schönsten Männer. Ich habe nie darüber Untersuchungen angestellt, nur über die Lombardinnen habe ich ernsthaft nachgedacht, und diese, das habe ich wohl gemerkt, sind wirklich so schön, wie der Ruhm meldet. Aber auch schon im Mittelalter müssen sie ziemlich schön gewesen sein. Sagt man doch von Franz I., daß das Gerücht von der Schönheit der Mailänderinnen ein heimlicher Antrieb gewesen, der ihn zu seinem italienischen Feldzuge bewogen habe; der ritterliche König war gewiß neugierig, ob seine geistlichen Miihmchen, die Sippschaft seines Taufpaten, so hübsch seien, wie er rühmen hörte . . . Armer Schelm! zu Pavia mußte er für diese Neugier sehr teuer büßen! „Aber wie schön sind sie erst, diese Italienerinnen, wenn die Mu sik ihre Gesichter beleuchtet. Ich sage: beleuchtet, denn die Wirkung der Musik, die ich in der Oper auf den Gesichtern der schönen Frauen bemerke, gleicht ganz jenen Licht- und Schatteneffekten, die uns in Erstannen setzen, wenn wir Statuen in der Nacht bei Fackelschein betrachten. Diese Marmorbildcr offenbaren uns dann mit erschreckender Wahrheit ihren innewohnenden Geist und ihre schauerlichen stummen Geheimnisse. In derselben Weise giebt sich uns auch das ganze Leben der schönen Italienerinnen kund, wenn wir sie in der Oper sehen; die wechselnden Melodien wecken alsdann in ihrer Seele eine Reihe von Gefühlen, Erinnerungen, Wünschen und Ärgernissen, die sich alle augenblicklich in den Bewegungen ihrer Züge, in ihrem Erröten, in ihrem Erbleichen, und gar in ihren Augen aussprechen. Wer zu lesen versteht, kann alsdann auf ihren schönen Gesichtern sehr viel süße und interessante Dinge lesen. Geschichten, die so merkwürdig wie die Novellen des Boccaccio, Gefühle, die so zart wie die Sonette des Petrarchn, Launen, die so abenteuerlich wie die Ottaverime des Ariosto, manchmal auch furchtbare Verräterei und erhabene Bosheit, die so poetisch wie die Hölle des großen Dante. Da ist es der Mühe wert, hinaufzuschauen nach den Logen. Wenn nur die Männer unterdessen ihre Begeisterung nicht mit so fürchterlichem Lärm aussprächen! Dieses allzu tolle Geräusch in einem italienischen Theater wird mir manchmal lästig. Aber die Musik ist die Seele dieser Menschen, ihr Leben, ihre Nationalsache. In andern Ländern giebt es gewiß Musiker, die den größten italienischen Renommecn gleichstehen, aber es giebt dort kein musikalisches Volk. Die Musik wird hier in Italien nicht durch Individuen repräsentiert, sondern sie offenbart sich in der ganzen Bevölkerung, die Musik ist Volk geworden. Bei uns im Norden ist es ganz anders; da ist die Musik nur Mensch geworden und heißt Mozart oder Meyerbeer; und obendrein wenn man das beste, was solche nordische Musiker uns bieten, genau untersucht, so findet sich darin italienischer Sonnenschein und Orangendnft. und viel eher als unserem 88 Novellistische Fragmente, Deutschland gehöre» sie dem schönen Italien, der Heimat der Musik, Ja, Italien wird immer die Heimat der Musik sein, wenn auch seine großen Maestri frühe ins Grab steigen oder verstummen, wenn auch Vellini stirbt und Rossini schweigt," „Wahrlich," bemerkte Maria, „Rossini behauptet ein sehr strenges Stillschweigen, Wenn ich nicht irre, schweigt er schon seit zehn Jahren," „Das ist vielleicht ein Witz von ihm," antwortete Maximilian, „Er hat zeigen wollen, daß der Name .Schwan von Pcsaroß den man ihm erteilt, ganz unpassend sei. Die Schwäne singen am Ende ihres Lebens, Rossini aber hat in der Mitte des Lebens zu singen aufgehört, Und ich glaube, er hat wohl daran gcthan und eben dadurch gezeigt, daß er ein Genie ist. Ein Künstler, welcher nur Talent hat, behält bis an sein Lebensende den Trieb, dieses Talent auszuüben, der Ehrgeiz stachelt ihn, er fühlt, daß er sich beständig vervollkommnet, und es drängt ihn, das Höchste zu erstreben. Der Genius aber hat das Höchste bereits geleistet, er ist zufrieden, er verachtet die Welt und den kleinen Ehrgeiz, und geht nach Hause, nach Stratford am Avon wie William Shakespeare, oder promeniert sich lachend und witzelnd auf dem Boulevard eis» Italiens zu Paris wie Joachim Rossini, Hat der Genius keine ganz schlechte Leibeskonstitution, so lebt er in solcher Weise noch eine gute Weile fort, nachdem er seine Meisterwerke geliefert oder, wie man sich auszudrücken Pflegt, nachdem er seine Mission erfüllt hat. Es ist ein Vorurteil, wenn man meint, das Genie müsse früh sterben; ich glaube, man hat das dreißigste bis zum vierunddrcißigsten Jahr als die gefährliche Zeit für die Genies bezeichnet. Wie oft habe ich den armen Bellini damit geneckt, und ihm aus Scherz prophezeit, daß er, in seiner Eigenschaft als Genie, bald sterben müsse, indem er das gefährliche Alter erreiche. Sonderbar! trotz des scherzenden Tones ängstigte er sich doch ob dieser Prophezeiung, er nannte mich seinen Jettatvre und machte immer daS Jettatorezeichen , , , Er wollte so gern leben bleiben, er hatte eine fast leidenschaftliche Abneigung gegen den Tod, er wollte nichts vom Sterben hören, er fürchtete sich davor wie ein Kind, das sich fürchtet im Dunkeln zu schlafen ... Er war ein gutes, liebes Kind, manchmal etwas unartig, aber dann brauchte man ihm nur mit seinem baldigen Tode zu drohen, und er ward dann gleich kleinlaut und bittend und machte mit den zwei erhobenen Fingern das Jettatorezeichen . . . Armer Bellini!" „Sie haben ihn also persönlich gekannt? War er hübsch?" „Er war nicht häßlich, Sie sehen, auch wir Männer können nicht bejahend antworten, wenn man uns über jemand von unserem Geschlechte eine solche Frage vorlegt. Es war eine hoch aufgeschossene, schlanke Gestalt, die sich zierlich, ich möchte sagen kokett, bewegte; immer s. grmtrs spinales; ein regelmäßiges Gesicht, länglich, blaß- Florentinische Nächte. 83 rosig! hellblondes, fast goldiges Haar, in dünnen Welchen frisiert! hohe, sehr hohe, edle Stirn; gerade Rase; bleiche, blaue Augen; schön- gemessener Mund; rundes Kinn. Seine Züge hatten etwas Vages, Charakterloses, etwas wie Milch, und in diesem Milchgcsichtc gnirlte manchmal süßsäuerlich ein Ausdruck von Schmerz. Dieser Ausdruck von Schmerz ersetzte in Belliuis Gesicht den mangelnden Geist; aber es war ein schmerz ohne Tiefe; er flimmerte poesielos in den Augen, er zuckte leidenschaftslos um die Lippen des Mannes. Diesen flachen, matten Schmerz schien der junge Maestro in seiner ganzen Gestalt veranschaulichen zu wollen. So schwärmerisch wehmütig waren seine Haare frisiert, die Kleider saßen ihm so schmachtend an dem zarten Leibe, er trug sein spanisches Röhrchen so idyllisch, daß er mich immer an die jungen Schäfer erinnerte, die wir in unseren Schäferspielcn mit bebänderten Stäben und hellfarbigen Jäckchen nnd Höschen minaudieren sehen. Und sein Gang war so jungfräulich, so elegisch, so ätherisch. Der ganze Mensch sah aus wie ein Seufzer sn ssonrxins. Er hat bei den Frauen vielen Beifall gefunden, aber ich zweifle, ob er irgendwo eine starke Leidenschaft geweckt hat. Für mich selber hatte seine Erscheinung immer etwas spaßhaft Ungenießbares, dessen Grund wohl zunächst in seinem Französischsprechen zu finden war. Obgleich Vellini schon mehrere Jahre in Frankreich gelebt, sprach er doch das Französische so schlecht, wie es vielleicht kaum in England gesprochen werden kann. Ich sollte dieses Sprechen nicht mit dem Beiwort .schlecht' bezeichnen; schlecht ist hier viel zu gut. Man muß entsetzlich sagen, blutschänderisch, weltnntcrgangsmäßig. Ja, wenn man mit ihm in Gesellschaft war, und er die armen französischen Worte wie ein Henker radebrach, und unerschütterlich seine kolossalen eoci-n-1'A.no auskramte, so meinte man manchmal, die Welt müsse mit einem Donnergekrache untergehen. . . Eine Leichenstille herrschte dann im ganzen Saale; Todesschreck malte sich auf allen Gesichtern, mit Kreidesarbe oder mit Zinnober; die Frauen wußten nicht, ob sie in Ohnmacht fallen oder entfliehen sollten; die Männer sahen bestürzt nach ihren Beinkleidern, um sich zu überzeugen, daß sie wirklich dergleichen trugen; und was das Furchtbarste war, dieser Schreck erregte zu gleicher Zeit eine konvulsive Lachlust, die sich kaum verbeißen ließ. Wenn man daher mit Bellini in Gesellschaft war, mußte seine Nähe immer eine gewisse Angst einflößen, die durch einen grauenhaften Reiz zugleich abstoßend und anziehend war. Manchmal waren seine unwillkürlichen Calcmbvurs bloß belustigender Art, und in ihrer Possierlichen Abgeschmacktheit erinnerten sie au das Schloß seines Landsmannes, des Prinzen von Pallagonien, welches Goethe in seiner italienischen Reise als ein Museum von barocken Verzerrtheitcn und ungereimt zusammcngckoppelten Mißgestalten bildet. Da Bellini bei solchen Gelegenheiten immer etwas ganz Harmloses nnd ganz Ernst 90 Novellistische Fragmente. Haftes gesagt zu haben glaubte, so bildete sein Gesicht mit seinem Worte eben den allertollslcn Kontrast. Das, was mir an seinem Gesichte mißfallen konnte, trat dann um so schneidender hervor. Das, was mir da mißfiel, war aber nicht von der Art, daß es just als ein Mangel bezeichnet werden konnte, und am wenigsten mag es wohl den Damen ebenfalls nnerfrensam gewesen sein. Bcllinis Gesicht, wie seine ganze Erscheinung, hatte jene physische Frische, jene Fleisch- blütc, jene Rvsenfarbe, die auf mich einen unangenehmen Eindruck macht, auf mich, der ich vielmehr das Totenhafte und das Marmorne liebe. Erst späterhin, als ich Belliui schon lange kannte, empfand ich für ihn einige Neigung. Diese entstand namentlich, als ich bemerkte, daß sein Charakter durchaus edel und gut war. Seine Seele ist gewiß rein und unbefleckt geblieben von allen häßlichen Berührungen. Auch fehlte ihm nicht die harmlose Gutmütigkeit, daS Kindliche, das wir bei genialen Menschen nie vermissen, wenn sie auch dergleichen nicht für jedermann zur Schau tragen. „In, ich erinnere mich" — fuhr Maximilian fort, indem er sich auf den Sessel niederließ, an dessen Lehne er sich bis jetzt aufrecht gestützt hatte — „ich erinnere mich eines Augenblickes, wo mir Belliui in einem so liebenswürdigen Lichte erschien, daß ich ihn mit Vergnügen betrachtete und mir vornahm, ihn näher kennen zu lernen. Aber es war leider der letzte Augenblick, wo ich ihn in diesem Leben sehen sollte. Dieses war eines Abends, nachdem wir im Hanse einer großen Dame, die den kleinsten Fuß in Paris hat, miteinander gespeist und sehr heiter geworden, und am Fortepiano die süßesten Melodien erklangen . . . Ich sehe ihn noch immer, den guten Bcllini, wie er endlich, erschöpft von den vielen tollen Bellinismen, die er geschwatzt, sich ans einen Sessel niederließ . . . Dieser Sessel war sehr niedrig, fast wie ein Bänkcheu, so daß Bellini dadurch gleichsam zu den Füßen einer schönen Dame zu sitzen kam, die sich ihm gegenüber auf ein Sofa hingestreckt hatte und mit süßer Schadenfreude ans Bcllini hinabsah, während dieser sich abarbeitete, sie mit einigen Redensarten zu unterhalten, und er immer in die Notwendigkeit geriet, das, was er eben gesagt hatte, in seinem sizilianischen Jargon zu kommentieren, um zu beweisen, daß es keine Svttisc, sondern im Gegenteil die feinste Schmeichelei gewesen sei. Ich glaube, daß die schöne Dame auf Belliuis Redensarten gar nicht hinhörte: sie hatte ihm sein spanisches Röhrchen, womit er seiner schwachen Rhetorik manchmal zu Hilfe kommen wollte, aus den Händen genommen, und bediente sich dessen, um den zierlichen Lockenban an den beiden Schläfen des jungen Maestro ganz ruhig zu zerstören. Diesem mutwilligen Geschäfte galt wohl jenes Lächeln, das ihrem Gesichte einen Ausdruck gab, wie ich ihn nie auf einem lebenden Menschenantlitz gesehen. Nie kommt mir dieses Gesicht aus dem Gedächtnisse! ES war eins jener Gesichter, Florentimsche Nächte. 91 die mehr dem Traumrcich der Poesie als der rohen Wirklichkeit des Lebens zu gehören scheinen, Konturen, die an Da Vinci erinnern, jenes edle Oval mit den naiven Wangengrübchen nnd dem sentimental spitz zulaufenden Kinn der lombardijchen Schule. Die Färbung mehr römisch sanft, matter Perlenglnnz, vornehme Blässe, Mvrbidezza. Kurz, es war ein Gesicht, wie es mir auf irgend einem altitalienischen Porträt gefunden wird, das etwa eine von jenen großen Damen vorstellt, worin die italienischen Künstler des sechzehnten Jahrhunderts verliebt waren, wenn sie ihre Meisterwerke schufen, woran die Dichter jener Zeiten dachten, wenn sie sich unsterblich sangen, nnd wonach die deutschen und französischen Kriegshelden Verlangen trugen, wenn sie sich das Schwert umgürteten und thatcnsüchtig über die Alpen stürzten ... Ja, ja so ein Gesicht war es, worauf ein Lächeln der süßesten Schadenfreude nnd des vornehmsten Mutwillens spielte, während sie, die schöne Dame, mit der Spitze des spanischen Rohrs den blonden Lockenbau des guten Bellini zerstörte. In diesem Augenblick erschien mir Bellini wie berührt von einem Zanberstttbchen, wie umgewandelt zu einer durchaus befreundeten Erscheinung, und er wurde meinem Herzen auf einmal verwandt. Sein Gesicht erglänzte im Wiederschein jenes Lächelns, es war vielleicht der blühendste Moment seines Lebens . . . Ich werde ihn nie vergessen . . . Vierzehn Tage nachher las ich in der Zeitung, daß Italien einen seiner rühmlichsten Söhne verloren! „Sonderbar! Zu gleicher Zeit wurde auch der Tod Paganinis angeze igt. An diesem Todesfall zweifelte ich keinen Augenblick, da der alte, fahle Paganini immer wie ein Sterbender aussah; doch der Tod des jungen, rosigen Bellini kam mir unglaublich vor. Und doch war die Nachricht vom Tode des ersteren nur ein Zeitungs-Jrrtum, Paganini befindet sich frisch und gesund zu Genua, nnd Bellini liegt im Grabe zu Paris!" „Lieben Sie Paganini?" frug Maria. „Dieser Mann," antwortete Maximilian, „ist eine Zierde seines Vaterlandes und verdient gewiß die ausgezeichnetste^ Erwähnung, wenn man von den musikalischen Notabilitäten Italiens sprechen will." „Ich habe ihn nie gesehen," bemerkte Maria, „aber dem Rufe nach soll sein Äußeres den Schönheitssinn nicht vollkommen befriedigen. Ich habe Porträts von ihm gesehen . . ." „Die alle nicht ähnlich sind," fiel ihr Maximilian in die Rede; „sie verhäßlichen oder verschönern ihn, nie geben sie seinen wirklichen Charakter. Ich glaube, es ist nur einem einzigen Menschen gelungen, die wahre Physiognomie Paganinis anss Papier zu bringen; es ist ein tauber Maler, Namens Lyscr, der in seiner geistreichen Tollheit mit wenigen Kreidestrichen den Kops Paganinis so gut getroffen hat, daß man' ob der Wahrheit der Zeichnung zugleich lacht nnd erschrickt. 32 Novellistische Fragmente. ,Der Teufel hat mir die Hand geführt/ sagte mir der taube Maler, geheimnisvoll kichernd und gutmütig ironisch mit dem Kopfe nickend, wie er bei seinen genialen Eulenspiegeleien zu thun pflegte. Dieser Maler war immer ein wunderlicher Kauz; trotz seiner Taubheit liebte er enthusiastisch die Musik, und er soll es verstanden haben, wenn er sich nahe genug am Orchester befand, den Musikern die Musik auf dem Gesichte zu lesen, und an ihren Fingerbewegungen die mehr oder minder gelungene Exekution zu beurteilen; auch schrieb er die Operkritiken in einem schätzbaren Jourirale zu Hamburg. Was ist eigentlich da zu bewundern? In der sichtbaren Signatur des Spieles konnte der taube Maler die Töne sehen. Giebt es doch immer Menschen, denen die Töne selber nur unsichtbare Signaturen sind, worin sie Farben und Gestalten hören." „Ein solcher Mensch sind Sie!" rief Maria. „ES ist mir leid, daß ich die kleine Zeichnung von Lyser nicht mehr besitze; sie würde Ihnen vielleicht von Paganinis Äußerem einen Begriff verleihen. Nur in grell schwarzen, flüchtigen Strichen konnten jene fabelhaften Züge erfaßt werden, die mehr dem schweflichten Schattenreich als der sonnigen Lebenswelt zu gehören scheinen. ,Wahrhaftig, der Teufel hat mir die Hand geführt/ beteuerte mir der taube Maler, als wir zu Hamburg vor dem Alsterpavillon standen, an dem -tage, wo Paganini dort sein erstes Konzert gab. ,Jn, mein Freund/ fuhr er fort, ,es ist wahr, was die ganze Welt behauptet, daß er sich dem Teufel verschrieben hat, Leib und Seele, um der beste Violinist zu werden, um Millionen zu erficdeln, und zunächst, um von der verdammten Galeere loszukommen, wo er schon viele Jahre geschmachtet. Denn, sehen Sie, Freund, als er zu Lncca Kapellmeister war, verliebte er sich in eine Theaterprinzcssin, ward eifersüchtig auf irgend einen kleinen Abbate, ward vielleicht ooou, erstach auf gut italienisch seine ungetreue Amata, kam auf die Galeere zu Genua und, wie gesagt, verschrieb sich endlich dem Teufel, um loszukommen, um der beste Violinspieler zu werden, und um jedem von uns diesen Abend eine Brandschatzung von zwei Thalern auferlegen zu können . . . Aber, sehen Sie! alle guten Geister loben Gott! sehen Sie, dort in der Allee kommt er selber mit seinem zweideutigen Famulo / „In der That, es war Paganini selber, den ich alsbald zu Gesicht bekam. Er trug einen dunkelgranen Oberrvck, der ihm bis zu den Füßen reichte, wodurch seine Gestalt sehr hoch zu sein schien. Das lange schwarze Haar fiel in verzerrten Locken auf seine Schultern herab und bildete wie einen dunklen Rahmen um das blasse, leichenartige Gesicht, ivorauf Kummer, Genie und Hölle ihre unverwüstlichen Zeichen eingegraben hatten. Neben ihm tänzelte eine niedrige, behagliche Figur, Putzig prosaisch: — rosig verrunzeltes Gesicht, hell- Floreiitinische Nächte. 93 graueS Röckcheu mit Stahlknöpfen, unausstehlich freundlich nach allen Seiten hingrüßend, mitunter aber voll besorglicher Scheu nach der dufteren Gestalt hinausfchielend, die ihm ernst und nachdenklich zur Seite wandelte. Man glaubte das Bild von Retzsch zu sehen, wo Faust mit Wagner vor den Thoren von Leipzig spazieren geht. Der taube Maler kommentierte mir aber die beiden Gestalten in seiner tollen Weise, und machte mich besonders aufmerksam auf den gemessenen breiten Gang des Paganini. .Ist es nicht/ sagte er, ,als trüge er noch immer die eiserne Querstange zwischen den Beinen? Er hat sich nun einmal diesen Gang ans immer angewöhnt. Sehen Sie auch, wie verächtlich ironisch er aus seinen Begleiter manchmal hinabschant, wenn dieser ihm mit seinen prosaischen Fragen lästig wird; er kann ihn aber nicht entbehren, ein blutiger Kontrakt bindet ihn an diesen Diener, der eben kein anderer ist als Satan. Das unwissende Volk meint freilich, dieser Begleiter sei der Komödien- und Anckdotenschrcibcr Harrys aus Hannover, den Paganini auf Reisen mitgenommen habe, um die Geldgeschäfte bei seinen Konzerten zu verwalten. Das Volk weiß nicht, daß der Teufel dem Herrn Georg Harrys bloß seine Gestalt abgeborgt hat, und daß die arme Seele dieses armen Menschen unterdessen neben anderem Lnmpcnkram in einem Kasten zu Hannover so lange eingesperrt sitzt, bis der Teufel ihr wieder ihre Fleisch-Enve- loppe znrückgiebt, und er vielleicht seinen Meister Paganini in einer würdigeren Gestalt, nämlich als schwarzer Pudel, durch die Welt begleiten wird? „War mir aber Paganini, als ich ihn am hellen Mittage unter den grünen Bäumen des Hamburger Jungfcrnsticgs cinherwandeln sah, schon hinlänglich fabelhaft und abenteuerlich erschienen: wie mußte mich erst des Abends im Konzert seine schauerlich bizarre Erscheinung überraschen. Das Hamburger Komödicnhans war der Schauplatz dieses Konzertes, und das knnstliebende Publikum hatte sich schon früh und in solcher Anzahl eingefunden, daß ich kaum noch ein Plätzchen für mich am Orchester erkämpfte. Obgleich es Posttag war, erblickte ich doch in den ersten Ranglogen die ganze gebildete Handelswelt, einen ganzen Olymp von Bankiers und sonstigen Millionärs, die Götter des Kaffees und des Zuckers, nebst deren dicken Ehegöttinnen, Junonen vom Wandrahm und Aphroditen vom Dreckwall. Auch herrschte eine religiöse Stille im ganzen Saal. Jedes Auge war nach der Bühne gerichtet. Jedes Ohr rüstete sich zum Hören. Mein Nachbar, ein Pelzmakler, nahm seine schmutzige Baumwolle ans den Ohren, um bald die kostbaren Töne, die zwei Thaler Entreegeld kosteten, besser einsangen zu können. Endlich aber, auf der Bühne, kam eine dunkle Gestalt zum Vorschein, die der Unterwelt entstiegen zu sein schien. Das war Paganini in seiner schwarzen Gala: der schwarze Frack und die schwarze Weste von einem entsetzlichen Zuschnitt, wie 34 Novellistische Fragmente, er vielleicht am Hofe Proserpinens von der höllischen Etikette vorgeschrieben ist; die schwarzen Hosen ängstlich schlotternd um die dünnen Beine, Die langen Arme schienen noch verlängert, indem er in der einen Hand die Violine und in der andern den Bogen gesenkt hielt und damit fast die Erde berührte, als er vor dem Publikum seine unerhörten Verbeugungen auskramte. In den eckigen Krümmungen seines Leibes lag eine schauerliche Hölzernheit und zugleich etwas närrisch Tierisches, daß uns bei diesen Verbeugungen eine sonderbare Lachlust anwandeln mußte; aber sein Gesicht, das durch die grelle Orchesterbeleuchtung noch leichenartig weißer erschien, hatte alsdann so etwas Flehendes, so etwas blödsinnig Demütiges, daß ein grauenhaftes Mitleid unsere Lachlust niederdrückte. Hat er diese Komplimente einem Automaten abgelernt oder einem Hunde? Ist dieser bittende Blick der eines Todkranken, oder lauert dahinter der Spott eines schlauen Geizhalses? Ist das ein Lebender, der im Verscheiden begriffen ist und der das Publikum in der Knnst-Arcna, wie ein sterbender Fechter, mit seinen Zuckungen ergötzen soll? Oder ist es ein Toter, der aus dem Grabe gestiegen, ein Vamppr mit der Violine, der uns, Ivo nicht das Blut aus dem Herzen, doch auf jeden Fall das Geld aus den Taschen saugt? „Solche Fragen kreuzten sich in unserem Kopfe, während Paganini seine unaufhörlichen Komplimente schnitt; aber alle dergleichen Gedanken mußten stracks verstummen, als der wunderbare Meister seine Violine ans Kinn setzte und zu spielen begann. Was mich betrifft, so kennen Sic ja mein musikalisches zweites Gesicht, meine Begabnis, bei jedem Tone, den ich erklingen höre, auch die adäquate Klangfignr zu sehen; und so kam es, daß mir Paganini mit jedem Striche seines Bogens auch sichtbare Gestalten und Situationen vor die Augen brachte, daß er mir in tönender Bilderschaft allerlei grelle Geschichten erzählte, daß er vor mir gleichsam ein farbiges Schattenspiel hin- gankcln ließ, worin er selber immer mit seinem Violinspiel als die Hauptperson agierte. Schon bei seinem ersten Bogenstrich hatten sich die Conlissen um ihn her verändert; er stand mit seinem Mnsikpnlt plötzlich in einem heiteren Zimmer, welches lustig unordentlich dekoriert mit verschnörkelten Möbeln im Pvmpndourgeschmack: überall kleine Spiegel, vergoldete Amoretten, chinesisches Porzellan, ein allerliebstes Chaos von Bändern, Blumenguirlanden, weihen Handschuhen, zerrissenen Blonden, falschen Perlen, Diademen von Goldblech und sonstigem Götterflitterkram, wie man dergleichen im Studierzimmer einer Primadonna zu finden Pflegt, Paganinis Außeres hatte sich ebenfalls, und zwar anfs allervorteilhafteste verändert; er trug kurze Beinkleider von lilafarbigem Atlas, eine silbergestickte, weiße Weste, einen Rock von hellblauem Samt mit goldumsponncnen Knöpfen, und die sorgsam in kleinen Löckchen frisierten Haare umspielten sein Florentinische Nächte. 95 Gesicht, daS ganz jung und rosig blühte und von süßer Zärtlichkeit erglänzte, wenn er nach dem hübschen Dämchen hinäugelte, das neben ihm am Notenpult stand, während er Violine spielte. „In der That, an seiner Seite erblickte ich ein hübsches junges Geschöpf, altmodisch gekleidet, der weiße Atlas ausgebauscht unterhalb der Hüften, die Taille um so reizender schmal, die gepuderten Haare hoch auffrisiert, das hübsch runde Gesicht um so freier hervorglänzend mit seinen blitzenden Augen, mit seinen geschminkten Wnnglein, Schönpflästerchen und impertinent süßem Naschen. In der Hand trug sie eine weiße Papierrolle, und sowohl nach ihren Lippen- bewegnugen, als nach dem kokettierenden Hin- und Herwiegen ihres Oberleibchens zu schließen, schien sie zu singen; aber vernehmlich ward mir kein einziger ihrer Triller, und nur aus dem Biolinspiel, womit der junge Pnganini das holde Kind begleitete, erriet ich, was sie sang und was er selber während ihres Singens in der Seele fühlte. O, das waren Melodien, wie die Nachtigall sie flötet in der Abenddämmerung, wenn der Duft der Rvfe ihr das ahnende Frühlingsherz mit Sehnsucht berauscht! O, daS war eine schmelzende, wollüstig Hin- schmachtende Seligkeit! Das waren Töne, die sich küßten, dann schmollend einander flohen, und endlich wieder lachend sich umschlangen und eins wurden, und in trunkener Einheit dahinstarben. Ja, die Töne trieben ein heiteres Spiel, wie Schmetterlinge, wenn einer dem andern neckend ausweicht, sich hinter eine Blume verbirgt, endlich erhascht wird, und dann mit dem andern, leichtsinnig beglückt, im goldenen Sonnenlichte hinaufflattert. Aber eine Spinne, eine Spinne kann solchen verliebten Schmetterlingen mal plötzlich ein tragisches Schicksal bereiten. Ahnte dergleichen das junge Herz? Ein wehmütig seufzender Ton, wie Vorgefühl eines heranschleichenden Unglücks, glitt leise durch die entzücktesten Melodien, die ans Paganinis Violinenspiel hervorstrahlten . . . Seine Augen werden feucht . . . Anbetend kniet er nieder vor seiner Amata . . . Aber ach! indem er sich beugt, um ihre Füße zu küssen, erblickt er unter dem Bette einen kleinen Abbatc! Ich weiß nicht, was er gegen den armen Menschen haben mochte, aber der Gennescr wurde blaß wie der Tod, er ersaßt den Kleinen mit wütenden Händen, giebt ihm diverse Ohrfeigen, sowie auch eine beträchtliche Anzahl Fußtritte, schmeißt ihn gar zur Thür hinaus, zieht alsdann ein langes Stilett aus der Tasche und stößt es in die Brust der jungen Schönen . . . „In diesem Augenblick aber erscholl von allen Seiten: Bravo! Bravo! Hamburgs begeisterte Männer und Frauen zollten ihren ranschendsten Beifall dem großen Künstler, welcher eben die erste Abteilung seines Konzertes beendigt hatte, und sich mit noch mehr Ecken und Krümmungen als vorher verbeugte. Auf seinem Gesichte, wollte mich bedünken, winselte ebenfalls eine noch flehsamere Demut als N6 Novellistische Fragmente. vorher. In seinen Augen starrte eine grauenhafte Ängstlichkeit, wie die eines armen Sünders. „Gottlich! rief mein Nachbar, der Pelzmakler, indem er sich in den Ohren kratzte, dieses Stück war allein schon zwei Thaler wert. „Als Paganini anfs neue zu spielen begann, ward es mir düster vor den Augen. Die Töne verwandelten sich nicht in helle Formen und Farben! die Gestalt des Meisters umhüllte sich vielmehr in finstere Schatten, aus deren Dunkel seine Musik mit den schneidendsten Jammertönen hervorklagte. Nur manchmal, wenn eine kleine Lampe, die über ihm hing, ihr kümmerliches Licht auf ihn warf, erblickte ich sein erbleichtes Antlitz, worauf aber die Jugend noch immer nicht erloschen war. Sonderbar war sein Anzug, gespaltet in zwei Farben, wovon die eine gelb und die andere rot. An den Füßen lasteten ihm schwere Ketten. Hinter ihm bewegte sich ein Gesicht, dessen Physiognomie ans eine lustige BockSnatnr hindeutete, und lange, haarichte Hände, die, wie es schien, dazu gehörten, sah ich zuweilen hilfreich in die Saiten der Violine greifen, worauf Paganini spielte. Sie führten ihm auch manchmal die Hand, womit er den Bogen hielt, und ein meckerndes Beisalllachen accompagnierte dann die Töne, die immer schmerzlicher und blutender aus der Violine hervorgnollcn. Das waren Töne gleich dem Gesang der gefallenen Engel, die mit den Töchtern der Erde gebuhlt hatten und, aus dem Reiche der Seligen verwiesen, mit schamglnhcnden Gesichtern in die Unterwelt hinabstiegen. Das waren Töne, in deren bodenloser Untiefe weder Trost noch Hoffnung glimmte. Wenn die Heiligen im Himmel solche Töne hören, erstirbt das Lob Gottes auf ihren verbleichenden Lippen, und sie verhüllen weinend ihre frommen Häupter! Zuweilen, wenn in die melodischen Qual nisse dieses Spiels das obligate Bockslachen hineinmcckerte, erblickte ich auch im Hintergründe eine Menge kleiner Weibsbilder, die boshaft lustig mit den häßlichen Köpfen nickten und mit den gekreuzten Fingern in neckender Schadenfreude ihre Rübchen schabten. Aus der Violine drangen alsdann Angstlaute und ein entsetzliches Seufzen und ein Schluchzen, wie man es noch nie gehört ans Erden, und wie man es vielleicht nie wieder ans Erden hören wird, es sei denn im Thale Josaphat, wenn die kolossalen Posaunen des Gerichts erklingen und die nackten Leichen ans ihren Gräbern hervorkricchen und ihres Schicksals harren . . . Aber der gegnttlte Violinist that plötzlich einen Strich, einen sv wahnsinnig verzweifelten Strich, daß seine Ketten rasselnd entzweisprangen und sein unheimlicher Gehilfe, mitsamt den verhöhnenden Unholden, verschwanden. „In diesem Augenblicke sagte mein Nachbar, der Pelzmakler: Schade, schade, eine Saite ist ihm gesprungen, das kommt von dem beständigen Pizzikato! „War wirklich die Saite auf der Violine gesprungen? Ich weiß Florentinische Nächte. 97 nicht. Ich bemerkte nur die Transfiguration der Töne, nnd da schien mir Paganini nnd seine Umgebung plötzlich wieder ganz verändert. Jenen konnte ich kaum wieder erkennen in der brannen Mönchstrncht, die ihn mehr versteckte als bekleidete. Das verwilderte Antlitz halb verhüllt von der Kapuze, einen Strick um die Hüfte, barfüßig, eine einsam trotzige Gestalt, stand Paganini auf einem felsigen Vvrsprnnge am Meere und spielte Bioline. Es war, wie mich dünkte, die Zeit der Dämmerung, das Abendrot überfloß die Ivetten Mceresflnten, die immer röter sich färbten und immer feierlicher rauschten, im geheimnisvollsten Einklang mit den Tönen der Violine. Je röter aber das Meer wurde, desto fahler erbleichte der Himmel, und als endlich die wogenden Wasser wie lauter scharlnchgrelles Blut aussahen, da ward droben der Himmel ganz gespenstisch hell, ganz lcichenweiß, und groß und drohend traten daraus hervor die Sterne . . . nnd diese Sterne waren schwarz, schwarz wie glänzende Steinkohlen. Aber die Töne der Violine wurden immer stürmischer und kecker, in den Augen des entsetzlichen Spiclmanns funkelte eine so spöttische Zerstörungslust, und seine dünnen Lippen bewegten sich so grauenhaft hastig, daß es aussah, als murmelte er uralt verruchte Zaubersprüche, womit man den Sturm beschwört und jene bösen Geister entfesselt, die in den Abgründen des Meeres gefangen liegen. Manchmal, wenn er, den nackten Arm aus dem weiten Mönchsärmcl lang mager hervorstrcckcnd, mit dem Fidclbogcn in den Lüften fegte, dann erschien er erst recht wie ein Hexenmeister, der mit dem Znnberstabe den Elementen gebietet, und es heulte dann wie wahnsinnig in der Meercstiefc, und die entsetzten Blutwellcn sprangen dann so gewaltig in die Höhe, daß sie fast die bleiche Himmclsdecke und die schwarzen Sterne dort mit ihrem roten Schaume bespritzten. Das heulte, das kreischte, das krachte, als ob die Welt in Trümmer zusammenbrechen wollte, und der Mönch strich immer hartnackiger seine Bioline. Er wollte durch die Gewalt seines rasenden Willens die sieben Siegel brechen, womit Solomon die eisernen Töpfe versiegelt, nachdem er darin die überwundenen Dämonen verschlossen. Jene Töpfe hat der weise König ins Meer versenkt, und eben die Stimmen der darin verschlossenen Geister glaubte ich zu vernehmen, während Paganinis Violine ihre zornigsten Baßtöne grollte. Aber endlich glaubte ich gar wie Jubel der Befreiung zu vernehmen, und aus den roten Blutwcllen sah ich hervortauchen die Häupter der entfesselten Dämoneni Ungetüme von fabelhafter Häßlichkeit, Krokodile mit FlcdermauSflügeln, Schlangen mit Hirschgeweihen, Affen bcmützt mit Trichtcrmuscheln, Seehunde mit patriarchalisch langen Bärten, Weibcrgcsichter mit Brüsten an der Stelle der Wangen, grüne KamclSköpse, Zwittergeschöpfe von unbegreiflicher Zusammensetzung, alle mit kaltklugcn Augen hinglotzcnd nnd mit langen Floßtatzcn hingrcifend nach dem fidelnden Mönche . .. H eine's Werke. XI. Vd. 7 g8 Novellistische Fragmente, Diesem aber, in dem rasenden Beschwörungseifer, fiel die Kapuze zurück, und die lockigen Haare, im Winde dahinflatternd, umringelten sein Haupt wie schwarze Schlangen, „Diese Erscheinung war so sinnverwirrend, daß ich, um nicht wahnsinnig zu werden, die Ohren mir zuhielt und die Augen schloß. Da war nun der Spuk verschwunden, und als ich wieder aufblickte, sah ich den armen Genueser in seiner gewöhnlichen Gestalt seine gewöhnlichen Komplimente schneiden, wahrend das Publikum aufs entzückteste applaudierte, ,„Das ist also das berühmte Spiel auf der Ll-Saite/ bemerkte mein Nachbar; ,ich spiele selber die Violine und weiß, was es heißt, dieses Instrument so zu bemeistern Zum Glück war die Pause nicht groß, sonst hätte mich der musikalische Pelzkenner gewiß in ein langes Kunstgespräch eingemufft, Pagauini setzte wieder ruhig seine Violine ans Kinn, und mit dein ersten Strich seines Bogens begann auch wieder die wunderbare Transfignration der Töne, Nur gestaltete sie sich nicht mehr so grellfarbig und leiblich bestimmt. Diese Töne entfalteten sich ruhig, majestätisch wogend und anschwellend, wie die eines Orgelchorals in einem Dome; und alles umher hatte sich immer weiter und höher ausgedehnt zu einem kolossalen Räume, wie nicht das körperliche Auge, sondern nur das Auge des Geistes ihn fassen kann. In der Mitte dieses Raumes schwebte eine leuchtende Kugel, worauf riesengroß und stvlzerhaben ein Mann stand, der die Violine spielte. Diese Kugel, war sie die Sonne? Ich weiß nicht. Aber in den Zügen des Mannes erkannte ich Paganini, nur idcalisch verschönert, himmlisch verklärt, versöhnungsvoll lächelnd. Sein Leib blühte in kräftigster Männlichkeit, ein hellblaues Gewand umschloß die veredelten Glieder, um seine Schultern wallte in glänzenden Locken das schwarze Haar; und wie er da fest und sicher stand, ein erhabenes Götterbild, und die Violine strich, da war es, als ob die ganze Schöpfung seinen Tönen gehorchte. Er war der Mensch-Planet, um den sich das Weltall bewegte, mit gemessener Feierlichkeit und in seligen Rhythmen erklingend. Diese großen Lichter, die so ruhig glänzend um ihn her schwebten, waren es die Sterne des Himmels, und jene tönende Harmonie, die aus ihren Bewegungen entstand, war es der Sphärengesang, wovon Poeten und Seher so viel Verzückendes berichtet haben? Zuweilen, wenn ich angestrengt weit hinauSschaute in die dämmernde Ferne, da glaubte ich lauter weiße wallende Gewänder zu sehen, worin kolossale Pilgrime vermummt einher wandelten, mit weißen Stäben in den Händen, und sonderbar! die goldenen Knöpfe jener Stäbe wäret! eben jene großen Lichter, die ich für Sterne gehalten hatte. Die Pilgrime zogen in weiter Kreisbahn um den großen Spielmann umher, von den Tönen seiner Violine erglänzten immer Heller die goldenen Knöpfe ihrer Stäbe, und die Choräle, die von ihren Lippen erschollen und die ich für Sphärengesang halten konnte, Florentinische Nächte. gg waren eigentlich nur das verhallende Echo jener Vivlinentöne. Eine unnennbare heilige Inbrunst wohnte in diesen Klängen, die manchmal kaum hörbar erzitterten, wie geheimnisvolles Flüstern auf dem Wasser, dann wieder süßschauerlich anschwollen, wie Waldhorntöne im Mondschein, und dann endlich mit ungezügeltem Jubel dahinbrausten, als griffen tausend Barden in die Saiten ihrer Harfen und erhüben ihre Stimmen zu einem Siegeslicde, Das waren Klange, die nie das Ohr hört, sondern nur das Herz träumen kann, wenn es des Nachts am Herzen der Geliebten ruht. Vielleicht auch begreift sie das Herz am hellen, lichten Tage, wenn es sich jauchzend versenkt in die Schönheitslinien und Ovale eines griechischen Kunstwerks . . ." „Oder wenn man eine Bouteille Champagner zu viel getrunken hat!" ließ sich plötzlich eine lachende Stimme vernehmen, die unseren Erzähler wie aus einem Traume weckte. Als er sich umdrehte, erblickte er den Doktor, der in Begleitung der schwarzen Deborah ganz leise ins Zimmer getreten war, um sich zu erkundigen, wie seine Medizin auf die Kranke gewirkt habe. „Dieser Schlaf gefällt mir nicht," sprach der Doktor, indem er nach dem Sofa zeigte. Maximilian, welcher, versunken in den Phantasmen seiner eigenen Rede, gar nicht gemerkt hatte, daß Maria schon lange eingeschlafen war, biß sich verdrießlich in die Lippen. „Dieser Schlaf," fuhr der Doktor fort, „verleiht ihrem Antlitz schon ganz den Charakter des Todes. Sieht es nicht schon aus wie jene weißen Masken, jene Gipsabgüsse, worin wir die Züge der Verstorbenen zu bewahren suchen?" „Ich möchte wohl," flüsterte ihm Maximilian ins Ohr, „von dem Gesichte unserer Freundin einen solchen Abguß aufbewähren. Sie wird auch als Leiche noch sehr schön sein." „Ich rate Ihnen nicht dazu," entgegnete der Doktor. „Solche Masken verleiden uns die Erinnerung an unsere Lieben. Wir glauben, in diesem Gipse sei noch etwas von ihrem Leben enthalten, und was wir darin aufbewahrt haben, ist doch ganz eigentlich der Tod selbst. Regelmäßig schöne Ziige bekommen hier etwas grauenhaft Starres, Verhöhnendes, Fatales, wodurch sie uns mehr erschrecken als erfreuen. Wahre Karikaturen aber sind die Gipsabgüsse von Gesichtern, deren Reiz mehr von geistiger Art war, deren Züge weniger regelmäßig als interessant gewesen; denn sobald die Grazien des Lebens darin erloschen sind, werden die wirklichen Abweichungen von den idealen Schönheitslinien nicht mehr durch geistige Reize ausgeglichen. Gemeinsam ist aber allen diesen Gipsgesichtern ein gewisser rätselhafter Zug, der uns bei längerer Betrachtung aufs unleidlichste die Seele durchfröstelt: sie sehen alle aus wie Menschen, die im Begriffe sind, einen schweren Gang zu gehen." 7* 100 Novellistische Fragmente. „Wohin?" frug Maximilian, als der Doktor seinen Arm ergriff und ihn ans dem Zimmer fortführte. Zweite Nacht. „Und warum wollen Sie mich noch mit dieser häßlichen Medizin quälen, da ich fa doch so bald sterbe!" Es war Maria, welche eben, als Maximilian ins Zimmer trat, diese Worte gesprochen. Vor ihr stand der Arzt, in der einen Hand eine Medizinflasche, in der andern einen kleinen Becher, worin ein bräunlicher Saft widerwärtig schäumte. „Teuerster Freund," rief er, indem er sich zu dem Eintretenden wandte, „Ihre Anwesenheit ist mir jetzt sehr lieb. Suchen Sie doch Signora dahin zu bewegen, daß sie nur diese wenigen Tropfen einschlürft; ich habe Eile." „Ich bitte Sie, Maria!" flüsterte Maximilian mit jener weichen Stimme, die man nicht sehr oft an ihm bemerkt hat, und die ans einem so wunden Herzen zu kommen schien, daß die Kranke, sonderbar gerührt, fast ihres eigenen Leides vergessend, den Becher in die Hand nahm; ehe sie ihn aber zum Munde führte, sprach sie lächelnd: „Nicht wahr, zur Belohnung erzählen Sie mir dann auch die Geschichte von der Lanrentia?" „Alles, was Sie wünschen, soll geschehen!" nickte Maximilian. Die blasse Frau trank alsbald den Inhalt des Bechers, halb lächelnd, halb schaudernd. „Ich habe Eile," sprach der Arzt, indem er seine schwarzen Handschuhe anzog. „Legen Sie sich ruhig nieder, Signora, und bewegen Sie sich so wenig als möglich. Ich habe Eile." Begleitet von der schwarzen'Deborah, die ihm leuchtete, verließ er das Gemach. — Als nun die beiden Freunde allein waren, sahen sie sich lange schweigend an. In beider Seele wurden Gedanken laut, die eins dem andern zu verhehlen suchte. Das Weib aber ergriff plötzlich die Hand des Mannes und bedeckte sie mit glühenden Küssen. „Ilm Gottes willen," sprach Maximilian, „bewegen Sie sich nicht so gewaltsam und legen Sie sich wieder ruhig aufs Sofa." Als Maria diesen Wunsch erfüllte, bedeckte er ihre Füße sehr sorgsam mit dem Shawl, den er vorher mit seinen Lippen berührt hatte. Sie mochte es wohl bemerkt haben, denn sie zwickte vergnügt mit den Augen wie ein glückliches Kind. „War Mademoiselle Lanrence sehr schön?" „Wenn Sie mich nie unterbrechen wollen, teure Freundin, und mir angeloben, ganz schweigsam und ruhig zuzuhören, so will ich alles, was Sie zu wissen begehren, umständlich berichten." Dem bejahenden Blicke Marias mit Freundlichkeit zulächelnd, Florentinische Nächte. 101 setzte sich Maximilian auf den Sessel, der vor dein Sofa stand, und begann folgendermaßen seine Erzählung: „Es sind nun acht Jahre, daß ich nach London reiste, um die Sprache und das Volk dort kennen zu lernen. Hol der Teufel das Volk mitsamt seiner Sprache! Da nehmen sie ein Dutzend einsilbiger Worte ins Maul, kauen sie, knatschen sie, spucken sie wieder aus, und das nennen sie sprechen. Zum Glück sind sie ihrer Natur nach ziemlich schweigsam, und obgleich sie uns immer mit aufgesperrtem Maule ansehen, so verschonen sie uns jedoch mit langen Konversationen. Aber wehe uns, wenn wir einem Sohne Nlbions in die Hände fallen, der die große Tour gemacht und auf dem Kontinente Französisch gelernt hat. Dieser will dann die Gelegenheit benutzen, die erlangten Sprachkenntnisse zu üben, und überschüttet uns mit Fragen über alle möglichen Gegenstände, und kaum hat man die eine Frage beantwortet, so kommt er mit einer neuen herangezogen, entweder über Alter oder Heimat oder Dauer unseres Aufenthalts, und mit diesem unaufhörlichen Jnquirieren glaubt er uns aufs allerbeste zu unterhalten. Einer meiner Freunde in Paris hatte vielleicht recht, als er behauptete, daß die Engländer ihre französische Konversation auf dem Lnrsan clas xasssxorts erlernen. Am nützlichsten ist ihre Unterhaltung bei Tische, wenn sie ihre kolossalen Roastbeefs tranchieren und mit den ernsthaftesten Mienen uns abfragen, welch ein Stück wir verlangen, ob stark oder schwach gebraten, ob aus der Mitte oder aus der braunen Rinde, ob fett oder mager. Diese Roastbeefs und ihre Hammelbraten sind aber auch alles, was sie Gutes haben. Der Himmel bewahre jeden Christenmensch vor ihren Saucen, die aus Mehl und Butter, oder, je nachdem die Mischung eine Abwechselung bezweckt, aus Butter und Mehl bestehen. Der Himmel bewahre auch jeden vor ihren naiven Gemüsen, die sie in Wasser gekocht, ganz wie Gott sie erschaffen hat, auf den Tisch bringen. Entsetzlicher noch als die Küche der Engländer sind ihre Toaste und obligaten Standreden, wenn das Tischtuch aufgehoben wird und die Damen sich von der Tafel wegbegeben, und statt ihrer ebensovicle Bvuteillen Portwein aufgetragen werden ... denn durch letztere glauben sie die Abwesenheit des schönen Geschlechtes aufs beste zu ersetzen. Ich sage des schönen Geschlechtes, denn die Engländerinnen verdienen diesen Namen. Es sind schöne, weiße, schlanke Leiber. Nur der allzubreite Raum zwischen der Nase und dem Munde, der bei ihnen ebenso häufig wie bei den englischen Männern gefunden wird, hat mir oft in England die schönsten Gesichter verleidet. Diese Abweichung von dem Typus des Schönen wirkt auf mich noch fataler, wenn ich die Engländer hier in Italien sehe, wo ihre kärglich gemessenen Nasen und die breite Fleischfläche, die sich darunter bis zum Maule erstreckt, einen desto schrofferen 102 Novellistische Fragmente. Kontrast bilden mit den Gesichtern der Italiener, deren Züge mehr von antiker Regelmäßigkeit sind, und deren Nasen, entweder römisch gebogen oder griechisch gesenkt, nicht selten ins Allzulängliche ausarten, Sehr richtig ist die Bemerkung eines deutschen Reisenden, daß die Engländer, wenn sie hier unter den Italienern wandeln, alle wie Statuen aussehen, denen man die Nasenspitze abgeschlagen hat. „Ja, wenn man den Engländern in einem fremden Lande begegnet, kann man durch den Kontrast ihre Mängel erst recht grell hervortreten sehen. Es sind die Götter der Langeweile, die in blank lackierten Wagen mit Extrapost durch alle Länder jagen, und überall eine graue Staubwolke von Traurigkeit hinter sich lassen. Dazu kommt ihre Neugier ohne Interesse, ihre geputzte Plumpheit, ihre freche Blödigkeit, ihr eckiger Egoismus, und ihre öde Freude an allen melancholischen Gegenständen. Schon seit drei Wochen sieht man hier auf der Piazza del Gran Duca alle Tage einen Engländer, welcher stundenlang mit offenem Maule jenem Charlataue zuschaut, der dort, zu Pferde sitzend, den Leuten die Zähne ausreißt. Dieses Schauspiel soll den edlen Sohn Albions vielleicht schadlos halten für die Exekutionen, die er in seinem teuren Baterlande versäumt . . . Denn nächst Boxen und Hahnenkampf giebt es für einen Briten keinen köstlicheren Anblick, als die Agonie eines armen Teufels, der ein Schaf gestohlen oder eine Handschrift nachgeahmt hat, und vor der Fapade von Old-Baylie eine Stunde lang mit einem Strick um den Hals ausgestellt wird, ehe man ihn in die Ewigkeit schleudert. Es ist keine Übertreibung, wenn ich sage, daß Schafdiebstahl und Fälschung in jenem häßlich gransamen Lande gleich den abscheulichsten Verbrechen, gleich Vatermord und Blutschande, bestraft werden. Ich selber, den ein trister Zufall vorbsiführte, ich sah in London einen Menschen hängen, weil er ein Schaf gestohlen, und seitdem verlor ich alle Freude an Hammelbraten; das Fett erinnert mich immer an die weiße Mütze des armen Sünders. Neben ihm ward ein Jrländer gehenkt, der die Handschrift eines reichen Bankiers nachgeahmt; noch immer sehe ich die naive Todesangst des armen Paddy, welcher vor den Assisen nicht begreifen konnte, daß mau ihn einer nachgeahmten Handschrift wegen so hart bestrafe, ihn, der doch jedem Menschenkind erlaube, seine eigene Handschrift nachzuahmen! Und dies Volk spricht beständig von Christentum, und versäumt des Sonntags keine Kirche, und überschwemmt die ganze Welt mit Bibeln. „Ich will es Ihnen gestehen, Maria, wenn mir in England nichts munden wollte, weder Menschen noch Küche, so lag auch wohl zum Teil der Grund in mir selber. Ich hatte einen guten Vorrat von Mißlauuc mit hinllbergebracht aus der Heimat, und ich suchte Erheiterung bei einem Volke, das selber nur im Strudel der politischen und mcrkantilischen Thätigkcit seine Langeweile zu töten weiß. Florentinische Nächte. 103 Die Vollkommenheit der Maschinen, die hier überall angewendet werden, nnd so viele menschliche Verrichtungen übernommen, hatte ebenfalls für mich etwas kinheimliches; dieses künstliche Getriebe von Rädern. Stangen. Cylindern und tausenderlei kleinen Häkchen. Stift- chen nnd Zähnchen, die sich fast leidenschaftlich bewegen, erfüllte mich mit Grauen. Das Bestimmte, das Genaue, das Ausgemcsscne und die Pünktlichkeit im Leben der Engländer beängstigte mich nicht minder; denn gleichwie die Maschinen in England uns wie Menschen vorkommen, so erscheinen uns dort die Menschen wie Maschinen. Ja, Holz. Eisen und Messing scheinen dort den Geist des Menschen usurpiert zu haben und vor Geistesfülle fast wahnsinnig geworden zu sein, während der entgeistete Mensch als ein hohles Gespenst ganz maschinenmäßig seine Gewohnheitsgeschäfte verrichtet, zur bestimmten Minute Beesstcaks frißt, Parlamcntsreden hält, seine Nägel bürstet, in die Stage-Coach steigt oder sich aufhängt. „Wie mein Mißbehagen in diesem Lande sich täglich steigerte, können Sie sich wohl vorstellen. Nichts aber gleicht der schwarzen Stimmung, die mich einst befiel, als ich gegen Abendzeit ans der Waterloo-Brücke stand nnd in die Wasser der Themse hineinblickte. Mir war, als spiegelte sich darin meine Seele, als schaute sie mir auS dem Wasser entgegen mit allen ihren Wundermalen . . . Dabei kamen mir die kummervollsten Geschichten ins Gedächtnis . . . Ich dachte an die Rose, die immer mit Essig begossen worden und dadurch ihre süßesten Düfte einbüßte und frühzeitig verwelkte . . . Ich dachte an den verirrten Schmetterling, den ein Naturforscher, der den Montblanc bestieg, dort ganz einsam zwischen den Eiswäuden umherflattern sah . . . Ich dachte an die zahme Äffin, die mit den Menschen so vertraut war, mit ihnen spielte, mit ihnen speiste, aber einst bei Tische in dem Braten, der in der Schüssel lag, ihr eigenes junges Äffchen erkannte, es hastig ergriff, damit in den Wald eilte, und sich nie mehr unter ihren Freunden, den Menschen, sehen ließ . . . Ach, mir war so weh zu Mute, daß mir gewaltsam die heißen Tropfen aus den Augen stürzten . . . Sie fielen hinab in die Themse und schwammen fort ins große Meer, das schon so manche Menschcn- thräne verschluckt hat, ohne es zu merken! „In diesem Augenblick geschah es, daß eine sonderbare Musik mich aus meinen dunklen Träumen weckte, und als ich mich umsah, bemerkte ich am Ufer einen Haufen Menschen, die um irgend ein ergötzliches Schauspiel einen Kreis gebildet zu haben schienen. Ich trat näher nnd erblickte eine Künstlerfamilie, welche aus folgenden vier Personen bestand: „Erstens eine kleine untersetzte Frau, die ganz schwarz gekleidet war, einen sehr kleinen Kopf und einen mächtig dick hervortretenden Bauch hatte. Uber diesen Bauch hing ihr eine ungeheuer große Trommel, worauf sie ganz unbarmherzig lostrommelte. 104 Novellistische Fragmente. „Zweitens ein Zwerg, der wie ein altfrnuzösischer Marquis ein brodicrtes Kleid trug, eiuen großen gepuderten Kopf, aber übrigens sehr dünne winzige Gliedmaßen hatte, und hin und her tänzelnd, den Triangel schlug. „Drittens ein etwa fünfzehnjähriges junges Mädchen, welches eine kurze, enganliegende Jacke von blaugestreifter Seide und weite, ebenfalls blangestreifte Pantalous trug. Es war eine luftig gebaute, anmutige Gestalt. Das Gesicht griechisch schön. Edel gerade Nase, lieblich geschürzte Lippen, träumerisch weich gerundetes Kinn, die Farbe sonnig gelb, die Haare glänzend schwarz um die Schläfen gewunden: so stand sie, schlank und ernsthaft, ja mißlaunig, und schaute auf die vierte Person der Gesellschaft, welche eben ihre Kunststücke produzierte. „Diese vierte Person war ein gelehrter Hund, ein sehr hoffnungsvoller Pudel, und er hatte eben zur höchsten Freude des englischen Publikums auS den Holzbuchstabcn, die man ihm vorgelegt, den Namen des Lord Wellington zusammengesetzt und ein sehr schmeichelhaftes Beiwort, nämlich Heros, hinzugefügt. Da der Hund, was man schon seinem geistreichen Äußeren anmerken konnte, kein englisches Vieh war, sondern nebst den andern drei Personen aus Frankreich hinübergekommeu, so freuten sich Albions Sohne, daß ihr großer Feldherr wenigstens bei französischen Hunden jene Anerkennung erlangt habe, die ihm von den übrigen Kreaturen Frankreichs so schmählich versagt wird. „In der That, diese Gesellschaft bestand aus Franzosen, und der Zwerg, welcher sich hiernächst als Monsieur Türlütü ankündigte, fing an in französischer Sprache und mit so leidenschaftlichen Gesten zu bramarbasieren, daß die armen Engländer noch weiter als gewöhnlich ihre Mäuler und Nasen aufsperrten. Manchmal nach einer laugen Phrase krähte er wie ein Hahn, und diese Kikerikis, sowie auch die Namen von vielen Kaisern, Königen und Fürsten, die er seiner Rede einmischte, waren wohl das einzige, was die armen Zuschauer verstanden. Jene Kaiser, Könige und Fürsten rühmte er nämlich als seine Gönner und Freunde. Schon als Knabe von acht Jahren, wie er versicherte, hatte er eine lange Unterredung mit der höchstseligen Majestät Ludwig XVI., welcher auch späterhin bei wichtigen Gelegenheiten ihn immer um Rat fragte. Den Stürmen der Revolution war er, wie so viele andere, durch die Flucht entgangen, und erst unter dem Kaisertum war er inS geliebte Vaterland zurückgekehrt, um teilzunehmen an dem Ruhme der großen Nation. Napoleon, sagt er, habe ihn nie geliebt, dagegen von Seiner Heiligkeit dem Papst Pius VII. sei er fast vergöttert worden. Der Kaiser Alexander gab ihm Bonbons, und die Prinzessin Wilhelm von Kyritz nahm ihn auf den Schoß. Seine Durchlaucht der Herzog Karl von Florentinische Nächte. 10S Brannschwcig ließ ihn manchmal ans seinen Hunden nmherreiten, und Seine Majestät der König Ludwig von Bayern hatte ihm seine erhabenen Gedichte vorgelesein Die Fürsten von Neuß-Schlciz-Kreuz und von Schwarzburg-Sondershanscn liebten ihn ivie einen Bruder, und hatten immer aus derselben Pfeife mit ihm geraucht. Ja, von Kindheit auf, sagte er, habe er unter lauter Souveränen gelebt, die jetzigen Monarchen seien gleichsam mit ihm aufgewachsen, und er betrachtete sie wie seinesgleichen, und er lege auch jedesmal Trauer an, wenn einer von ihnen das Zeitliche segne. Nach diesen gravitätischen Worten krähte er wie ein Hahn. „Monsieur Türlütii war in der That einer der kuriosesten Zwerge, die ich je gesehen; sein verrunzelt altes Gesicht bildete einen so putzigen Kontrast mit seinem kindisch schmalen Leibchen, und seine ganze Person kontrastierte wieder so Putzig mit den Kunststücken, die er produzierte. Er warf sich nämlich in die kecksten Posituren, und mit einem unmenschlich langen Rappiere durchstach er die Luft die Kreuz und die Quer, während er beständig bei seiner Ehre schwur, daß die Quarte oder jene Terze von niemandem zu parieren sei, daß hingegen seine Parade von keinem sterblichen Menschen durchschlagen werden könne, und daß er jeden im Publikum auffordere, sich mit ihm in der edlen Fechtkunst zu messen. Nachdem der Zwerg dieses Spiel einige Zeit getrieben und niemanden gefunden hatte, der sich zu einem öffentlichen Zweikampfe mit ihm entschließen wollte, verbeugte er sich mit altfranzösischer Grazie, dankte für den Beifall, den man ihm gespendet, und nahm sich die Freiheit, einem hochzn- verchrendcn Pnbliko das außerordentlichste Schauspiel anzukündigen, das jemals auf englischem Boden bewundert worden. ,Sehen Sie, diese Person' — rief er, nachdem er schmutzige Glacehandschuh angezogen und das junge Mädchen, das zur Gesellschaft gehörte, mit ehrfurchtsvoller Galanterie bis in die Mitte des Kreises geführt — .diese Person ist Mademoisclle Laurence, die einzige Tochter der ehrbaren und christlichen Dame, die Sie dort mit der großen Trommel sehen, und die jetzt noch Trauer trägt wegen des Verlustes ihres innigstgelicbtcn Gatten, des größten Bauchredners Europas! Mademoisclle Laurence wird jetzt tanzen! Bewundern Sie jetzt den ^.anz von Mademoiselle Laurence!' Nach diesen Worten krähte er wieder wie ein Hahn. „Das junge Mädchen schien weder auf diese Reden, noch auf die Blicke der Zuschauer im mindesten zu achten; verdrießlich in sich selbst versunken harrte sie, bis der Zwerg einen großen Teppich zu ihren Füßen ausgebreitet und wieder in Begleitung der großen Trommel seinen Triangel zu spielen begann. Es war eine sonderbare Musik, eine Mischung von täppischer Brnmmigkeit und wollüstigem Gekitzel, und ich vernahm eine pathetisch närrische, wehmütig freche, 1l)6 Novellistische Fragmente, bizarre Melodie, die dennoch von der sonderbarsten Einfachheit, Diese Musik aber vergaß ich bald, als das junge Mädchen zu tanzen begann. „Tanz und Tänzerin nahmen fast gewaltsam meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch, Das war nicht das klassische Tanzen, das wir noch in unseren großen Balletten finden, wo, ebenso wie in der klassischen Tragödie, nur gespreizte Einheiten und Künstlichkeitcn herrschen; das waren nicht jene getanzten Alexandriner, jene deklamatorischen Sprünge, jene antithetischen Entrechats, jene edle Leidenschaft, die so wirbelnd auf dem Fuße herumpirouettiert, daß man nichts sieht, als Himmel und Trikot, nichts als Idealität und Lüge! Es ist mir wahrlich nichts so sehr zuwider wie das Ballett in der großen Oper zu Paris, wo sich die Tradition jenes klassischen Tanzens am reinsten erhalten hat, während die Franzosen in den übrigen Künsten, in der Poesie, in der Musik und in der Malerei, daS klassische System umgestürzt haben. Es wird ihnen aber schwer werden, eine ähnliche Revolution in der Tanzkunst zu vollbringen; es sei denn, daß sie hier wieder, wie in ihrer politischen Revolution, zum Terrorismus ihre Zuflucht nehmen, und den verstockten Tänzern und Tänzerinnen des alten Regimes die Beine guillotinieren, Made- moiselle Laurcnce war keine große Tänzerin, ihre Fußspitzen waren nicht sehr biegsam, ihre Beine waren nicht geübt zu allen möglichen Verrenkungen, sie verstand nichts von der Tanzkunst, wie sie Bestris lehrt, aber sie tanzte wie die Natur den Menschen zu tanzen gebietet: ihr ganzes Wesen war im Einklänge mit ihren Pas, nicht bloß ihre Füße, sondern ihr ganzer Leib tanzte, ihr Gesicht tanzte,,, sie wurde manchmal blaß, fast totenblaß, ihre Augen öffneten sich gespenstisch weit, um ihre Lippen zuckten Begier und Schmerz, und ihre schwarzen Haare, die in glatten Ovalen ihre Schläfen umschlossen, bewegten sich wie zwei flatternde Nabenflngel, Das war in der That kein klassischer Tanz, aber auch kein romantischer Tanz, in dem Sinne wie ein junger Franzose von der Eugene Nenduel- schen Schule sagen würde. Dieser Tanz hatte weder etwas Vene- tianisches, noch etwas Bucklichtes, noch etwas Makabrisches, es war weder Mondschein darin, noch Blutschande ... Es war ein Tanz, welcher nicht durch äußere Bewegungsformen zu amüsieren strebte, sondern die äußeren Bewcgungsfvrmen schienen Worte einer besonderen Sprache, die etwas Besonderes sagen wollte. Was aber sagt dieser Tanz? Ich konnte es nicht verstehen, so leidenschaftlich auch diese Sprache sich gebürdete. Ich ahnte nur manchmal, daß von etwas grauenhaft Schmerzlichem die Rede war. Ich, der sonst die Signatur aller Erscheinungen so leicht begreift, ich konnte dennoch dieses getanzte Rätsel nicht lösen, und daß ich immer vergeblich nach dem Sinne desselben tappte, daran war auch wohl die Musik schuld, die mich gewiß absichtlich auf falsche Fährten leitete, mich listig zn Florentinische Nächte. 107 verwirren suchte und mich immer störte. Monsieur Türlütüs Triangel kicherte manchmal so hämisch! Madame Mutter aber schlug aus ihre große Trommel so zornig, daß ihr Gesicht aus dein Gewölke der schwarzen Mutze wie ein blutrotes Nordlicht hervorglühte. „Als die Truppe sich wieder entfernt hatte, blieb ich noch lange auf demselben Platze stehen, und dachte darüber nach, was dieser Tanz bedeuten mochte. War es ein südfranzösischer oder spanischer Nationaltanz? An dergleichen mahnte wohl der Ungestüm, womit die Tänzerin ihr Leibchen hin und her schleuderte, und die Wildheit, womit sie manchmal ihr Haupt rückwärts warf in der frevelhaft kühnen Weise jener Bacchantinnen, die wir auf den Reliefs der antiken Vasen mit Erstaunen betrachten. Ihr Tanz hatte dann etwas trunken Willenloses, etwas finster Unabwendbares, etwas Fatalistisches, sie tanzte dann wie das Schicksal. Oder waren es Fragmente einer uralten verschollenen Pantomime? Oder war es gctanzte Privatgeschichte? Manchmal beugte sich das Mädchen zur Erde wie mit lauerndem Ohre, als hörte sie eine Stimme, die zu ihr hernuf- sprttche ... sie zitterte dann wie Espenlaub, bog rasch nach einer andern Seite, entlud sich dort ihrer tollsten, ausgelassensten Sprünge, beugte dann wieder das Ohr zur Erde, horchte noch ängstlicher als zuvor, nickte mit dem Kopfe, ward rot, ward blaß, schauderte, blieb eine Weile kerzengerade stehen wie erstarrt, und machte endlich eine Bewegung wie jemand, der sich die Hände wäscht. War es Blut, was sie so sorgfältig lange, so grauenhaft sorgfältig von ihren Händen abwusch? Sie warf dabei seitwärts einen Blick, der so bittend, so flehend, so seelcnschmelzend . . . und dieser Blick fiel zufällig auf mich. „Die ganze folgende Nacht dachte ich an diesen Blick, an diesen Tanz, an das abenteuerliche Accompagnement; und als ich des andern Tages, wie gewöhnlich, durch die Straßen von London schlenderte, empfand ich den sehnlichsten Wunsch, der hübschen Tänzerin wieder zu begegnen, und ich spitzte immer die Ohren, ob ich nicht irgend eine Trommel- oder Triangelmusik hörte. Ich hatte endlich in London etwas gefunden, wofür ich mich interessierte, und ich wanderte nicht mehr zwecklos einher in seinen gähnenden Straßen. „Ich kam eben aus dem Tower und hatte mir dort die Axt, womit Anna Bullen geköpft worden, genau betrachtet, sowie auch die Diamanten der englischen Krone und die Löwen, als ich auf dem Towerplatze inmitten eines großen Menschenkreises wieder Madame Mutter mit der großen Trommel erblickte und Monsieur Türlütü wie einen Hahn krähen hörte. Der gelehrte Hund scharrte wieder das Heldentum des Lord Wellington zusammen, der Zwerg zeigte wieder seine unparierbarcn Terzen und Quarten, und Mademoiselle Laurence begann wieder ihren wunderbaren Tanz. Es waren wieder dieselben rätselhaften Bewegungen, dieselbe Sprache, die etwaS sagte, 1l)8 Novellistische Fragmente. was ich nicht verstand, dasselbe ungestüme Zurückwerfen des schönen Kopfes, dasselbe Lauschen nach der Erde, die Angst, die sich durch immer tollere Sprünge beschwichtigen will, und wieder das Horchen mit nach dem Boden geneigtem Ohr, das Zittern, das Erblassen, das Erstarren, dann auch das furchtbar geheimnisvolle Händewascheu und endlich der bittende, flehende Seitenblick, der diesmal noch länger auf mir verweilte. „Ja, die Weiber, die jungen Mädchen ebensogut wie die Frauen, merken es gleich, sobald sie die Aufmerksamkeit eines Mannes erregen. Obgleich Mademvisclle Lanrence, wenn sie nicht tanzte, immer regungslos verdrießlich vor sich hinsah und, während sie tanzte, manchmal nur einen einzigen Blick auf das Publikum warf, so war es von seht an doch nie mehr bloßer Zufall, daß dieser Blick immer ans mich fiel, und je öfter ich sie tanzen sah, desto bedeutungsvoller strahlte er, aber auch desto unbegreiflicher. Ich war wie verzaubert von diesem Blicke, und drei Wochen lang von Morgen bis Abend trieb ich mich umher in den Straßen von London, überall verweilend, >vo Mademoisclle Lanrence tanzte. Trotz des größten Volksgeräuschcs konnte ich schon in der weitesten Entfernung die Töne der Trommel und des Triangels vernehmen, und Monsieur Türlütü, sobald er mich herancilcn sah, erhob sein freundlichstes Krähen. Ohne daß ich mit ihm, noch mit Mademvisclle Laurenee, noch mit Madame Mutter, noch mit dem gelehrten Hund jemals ein Wort sprach, so schien ich doch am Ende ganz zu ihrer Gesellschaft zu gehören. Wenn Monsieur Türlütü Geld einsammelte, betrug er sich immer mit dem feinsten Takt, sobald er mir nahte, und er schaute immer nach der entgegengesetzten Seite, wenn ich in sein dreieckiges Hütchen ein kleines Geldstück warf. Er besaß wirklich einen vornehmen Anstand, er erinnerte an die guten Manieren der Vergangenheit, man konnte es dem kleinen Manne anmerken, daß er mit Monarchen aufgewachsen, und inn so befremdlicher war es, wenn er zuweilen, ganz und gar seiner Würde vergessend, wie ein Hahn krähte. „Ich kann Ihnen nicht beschreiben, wie sehr ich verdrießlich wurde, als ich einst drei Tage lang vergebens die kleine Gesellschaft in allen Straßen Londons gesucht, uud endlich wohl merkte, daß sie die Stadt verlassen habe. Die Langeweile nahm mich wieder in ihre bleiernen Arme und preßte mir wieder das Herz zusammen. Ich konnte es endlich nicht länger aushalten, sagte ein Lebewohl dem Mob, den Vlackguards, den Gentlemen und den Fashionables von England, den vier Ständen des Reichs, und reiste zurück nach dem civilisierten festen Lande, wo ich vor der weißen Schürze des ersten Kochs, dem ich dort begegnete, anbetend niederkniete. Hier konnte ich wieder einmal wie ein vernünftiger Mensch zu Mittag essen und an der Gemütlichkeit uneigennütziger Gesichter meine Seele erquicken. Norentinischc Nächte. lllll Aber Madcmviscllc Laurence konnte tch lüniineruiehr vergessen, sie tanzte lange Zeit in meinem Gedächtnisse, in einsamen Stunden mußte ich noch oft nachdenken über die rätselhaften Pantomimen des schönen Kindes, besonders über das Lauschen mit nach der Erde gebeugtem Ohre. Es dauerte auch ein gute Weile, ehe die abenteuerlichen Triangel- und Trommelmclodien in meiner Erinnerung verhallten." „Und das ist die ganze Geschichte?" schrie auf einmal Maria, indem sie sich leidenschaftlich emporrichtete. Maximilian aber drückte sie wieder sanft nieder, legte bedeutungsvoll den Zeigefinger auf seinen Mund und flüsterte: „Still! still! nur kein Wort gesprochen! liegen Sie wieder hübsch ruhig, und ich werde Ihnen den Schwanz der Geschichte erzählen. Nur beileibe unterbrechen Sie mich nicht." Indem er sich noch etwas gemächlicher in seinen Sessel zurücklehnte, fuhr Maximilian folgendermaßen fort in seiner Erzählung: „Fünf Jahre nach diesem Begebnis kam ich zum ersten Male nach Paris, und zwar in einer sehr merkwürdigen Periode. Die Franzosen hatten soeben ihre Jnlinsrevolution aufgeführt, und die ganze Welt applaudierte. Dieses Stück war nicht so gräßlich wie die früheren Tragödien der Republik und des Kaiserreichs. Nur einige Tausend Leichen blieben ans dem Schauplatz. Auch waren die Politischen Romantiker nicht sehr zufrieden und kündigten ein neues Stück an, worin mehr Blut fließen würde und wo der Henker mehr zu thun bekäme. „Paris ergötzte mich sehr durch die Heiterkeit, die sich in allen Erscheinungen dort kundgicbt und auch auf ganz verdüsterte Gemüter ihren Einfluß ausübt. Sonderbar! Paris ist der Schauplatz, Ivo die größten Tragödien der Weltgeschichte aufgeführt werden, Tragödien, bei deren Erinnerung sogar in den entferntesten Ländern die Herzen zittern und die Augen naß werden; aber dem Zuschauer dieser großen Tragödien ergeht es hier in Paris, wie es mir einst an der Porte Saint Martin erging, als ich die ,Tour de Nesle' aufführen sah. Ich kam nämlich hinter eine Dame zu sitzen, die einen Hut von rosaroter Gaze trug, und dieser Hut war so breit, daß er mir die ganze Aussicht auf die Bühne versperrte, daß ich alles, was dort tragicrt wurde, nur durch die rote Gaze dieses Hutes sah, und daß mir also alle Greuel der ,Tvnr de Nesle' in: heitersten Rosenlichte erschienen. Ja, es giebt in Paris ein solches Rvscnlicht, welches alle Tragödien für den nahen Zuschauer erheitert, damit ihm dort der Lebensgenuß nicht verleidet wird. Sogar die Schrecknisse, die man im eigenen Herzen mitgebracht hat nach Paris, verlieren dort ihre beängstigenden Schauer. Die Schmerzen werden sonderbar gcsänftigt. In dieser Luft von Paris heilen alle Wunden viel schneller als Ilt) Novellistische Fragmente. irgend anderswo; es ist in dieser Lust etwas so Großmütiges, so Mildreiches, so Liebenswürdiges wie im Volke selbst. „Was mir am besten an diesem Pariser Volke gefiel, das war sein höfliches Wesen und sein vornehmes Ansehen. Süßer Ananas- duft der Höflichkeit! wie wohlthätig erquicktest du meine kranke Seele, die in Deutschland so viel Tabaksqualm, Sauerkrautsgeruch und Grobheit eingeschluckt! Wie Rvssiuische Melodien erklangen in meinem Ohr die artigen Entschuldigungsreden eines Franzosen, der am Tage meiner Ankunft mich auf der Straße nur leise gestoßen hatte. Ich erschrak fast vor solcher süßen Höflichkeit, ich, der ich an deutsch flegelhafte Rippenstöße ohne Entschuldigung gewöhnt war. Während der ersten Woche meines Aufenthaltes in Paris suchte ich voriätzlich einigemal gestoßen zu werden, bloß um mich au dieser Musik der Entjchuldigungsreden zu erfreuen. Aber nicht bloß wegen dieser Höflichkeit, sondern auch schon seiner Sprache wegen hatte für mich das französische Volk einen gewissen Anstrich von Vornehmheit. Denn, wie Sie wissen, bei uns im Norden gehört die französische Sprache zu den Attributen des hohen Adels, mit Französisch-sprechen hatte ich von Kindheit an die Idee der Vornehmheit verbunden. Und so eine Pariser Dame de la Halle sprach besser französisch als eine deutsche Stiftsdame von vierundsechzig Ahnen. Wegen dieser Sprache, die ihm ein vornehmes Ansehen verleiht, hatte das französische Volk in meinen Augen etwas allerliebst Fabelhaftes. Dieses entsprang aus einer andern Reminiscenz meiner Kindheit. Das erste Buch nämlich, worin ich Französisch lesen lernte, waren die Fabeln von Lafontaine; die naiv vernünftigen Redensarten derselben hatten sich meinem Gedächtnisse am unauslöschlichsten eingeprägt, und als ich nun nach Paris kam und überall französisch sprechen hörte, erinnerte ich mich beständig der Lafontaineschen Fabeln, ich glaubte immer die wohlbekannten Tierstimmen zu hören; jetzt sprach der Löwe, dann wieder sprach der Wolf, dann das Lamm oder der Storch oder die Taube, nicht selten vermeinte ich auch den Fuchs zu vernehmen, und in meiner Erinnerung erwachten manchmal die Worte: bllr! lzon jour, monsisur cku Oorlzsuu! vo wir wohnten/ fuhr Lanrence fort, /hieß man mich immer das Totenkind! Die alten Spinnweiber behaupteten, ich sei eigentlich die Tochter eines dortigen Grafen, der seine Frau beständig mißhandelte und, als sie starb, sehr prachtvoll begraben ließ; sie sei aber hochschwanger und nur scheintot gewesen, und als einige KirchhvfSdiebe, um die reichgeschmücktc Leiche zu bcstehlen, ihr Grab öffneten, hätten sie die Gräfin ganz lebendig und in KindcS- nöten gefunden; und als sie nach der Entbindung gleich verschied, hätten die Diebe sie wieder ruhig ins Grab gelegt und das Kind mitgenommen und ihrer Hehlerin, der Geliebten des großen Bauchredners, zur Erziehung übergeben. Dieses arme Kind, das begraben gewesen, noch ehe es geboren worden, nannte man nun überall daS Totenkind . . . Ach! Sie begreifen nicht, wieviel Kummer ich schon als kleines Mädchen empfand, wenn man mich bei diesem Namen nannte. Als der große Bauchredner noch lebte nnd nicht selten mit mir unzufrieden war, rief er immer': Verwünschtes Totenkind, ich wollt', ich hätte dich nie aus dem Grabe geholt! Ein geschickter Bauchredner, wie er war, konnte er seine Stimme so modulieren, daß man glauben mußte, sie käme aus der Erde hervor, und er Florentmische Nächte. 121 machte mir dann weis, das sei die Stimme meiner verstorbenen Mutter, die mir ihre Schicksale erzähle. Er kannte sie wohl kennen, diese furchtbaren Schicksale, denn er war einst Kammerdiener des Grafen, Sein gransames Bergnilgen war es, wenn ich armes kleines Mädchen über die Worte, die aus der Erde hervorzustechen schienen, das furchtbarste Entsetzen empfand. Diese Worte, die anS der Erde hervorzustechen schienen, meldeten gar schreckliche Geschichten, Geschichten, die ich in ihrem Zusammenhange nie begriff, die ich auch späterhin allmählich vergaß, die mir aber, wenn ich tanzte, recht lebendig wieder in den Sinn kamen. Ja, wenn ich tanzte, ergriff mich immer eine sonderbare Erinnerung, ich vergaß meiner selbst und kam mir vor, als sei ich eine ganz andere Person, und als quälten mich alle Qualen und Geheimnisse dieser Person , , , und sobald ich aufhörte zu tanzen, erlosch wieder alles in meinem Gedächtnis/ „Während Lawrence dieses sprach, langsam und wie fragend, stand sie vor mir am Kamine, worin das Feuer immer angenehmer loderte, und ich saß in dem Lehnsessel, welcher wahrscheinlich der Sitz ihres Gatten, wenn er des Abends vor Schlafengehen seine Schlachten erzählte, Lanrencc sah mich an mit ihren großen Angeig als srüge sie mich um Rat; sie wiegte ihren Kopf so wehmütig sinnend; sie flößte mir ein so edles, süßes Mitleid ein; sie war so schlank, so jung, so schön, diese Lilie, die aus dem Grabe gewachsen, diese Tochter des Todes, dieses Gespenst mit dem Gesichte eines Engels und dem Leibe einer Bajadere! Ich weiß nicht, wie es kam, es war vielleicht die Influenz des Sessels, worauf ich saß, aber mir ward plötzlich zu Sinne, als sei ich der alte General, der gestern auf dieser Stelle die Schlacht bei Jena geschildert, als müsse ich fortfahren in meiner Erzählung, und ich sprach: Nach der Schlacht bei Jena ergaben sich binnen wenigen Wochen, fast ohne Schwertstreich, alle Preußischen Festungen, Zuerst ergab sich Magdeburg; es war die stärkste Festung, und sie hatte dreihundert Kanonen, Ist das nicht schmählich? „Madcmoisclle Lawrence ließ mich aber nicht weiter reden, alle trübe Stimmung war von ihrem schönen Antlitz verflogen, sie lachte wie ein Kind und rief: ,Ja, daS ist schmählich, mehr als schmählich! Wenn ich eine Festung wäre und dreihundert Kanonen hätte, würde ich mich nimmermehr ergeben'/ „Da nun Mademviselle Lawrence keine Festung war und keine dreihundert .Kanonen hatte . , ," Bei diesen Worten hielt Maximilian plötzlich ein in seiner Erzählung, und nach einer kurzen Pause frug er leise: „Schlafen Sie, Maria?" ,Jch schlafe/ antwortete Maria. 122 Novellistische Fragmente. „Desto besser," sprach Maximilian mit einem feinen Lächeln, „ich brauche also nicht zu fürchten, daß ich Sie langweile, wenn ich die Möbel des Zimmers, worin ich mich befand, wie heutige Novellisten pflegen, etwas ausführlich beschreibe." ,Vergessen Sie nur nicht das Bett, teurer Freund b „Es war in der That," erwiderte Maximilian, „ ein sehr prachtvolles Bett. Die Füße, wie bei allen Betten des Empires, bestanden ans Karyatiden und Sphinxen, es strahlte von reichen Vergoldungen, namentlich von goldenen Adlern, die sich wie Turteltauben schnäbelten, vielleicht ein Sinnbild der Liebe unter dem Empire. Die Vorhänge des Bettes waren von roter Seide, und da die Flammen des KaminS sehr stark hindurchschienen, so befand ich mich mit Laurenec in einer ganz feuerroten Beleuchtung, und ich kam mir vor wie der Gott Pluto, der, von Hollengluten umlodert, die schlafende Proscrpine in seinen Armen hält. Sie schlief, und ich betrachtete in diesem Zustand ihr holdes Gesicht nnd suchte in ihren Zügen ein Verständnis jener Sympathie, die meine Seele für sie empfand. Was bedeutet dieses Weib? Welcher Sinn lauert unter der Symbolik dieser schönen Formen? Ich hielt dies anmutige Rätsel jetzt als mein Eigentum in meinen Armen, und doch fand ich nicht seine Lösung. „Aber ist es nicht Thorheit, den inneren Sinn einer fremden Erscheinung ergründen zu wollen, während ivir nicht einmal das Rätsel unserer eigenen Seele zu lösen vermögen! Wissen wir doch nicht einmal genau, ob die fremden Erscheinungen wirklich existircn! Können wir "doch manchmal die Realität nicht von bloßen Traumgesichten unterscheiden! War es ein Gebilde meiner Phantasie, oder war es entsetzliche Wirklichkeit, was ich in jener Nacht hörte nnd sah? Ich weiß es nicht. Ich erinnere mich nur, daß, während die wildesten Gedanken durch mein Herz fluteten, ein seltsames Geräusch mir ans Ohr drang. Es war eine verrückte Melodie, sonderbar leise. Sie kam mir ganz bekannt vor, und endlich unterschied ich die Töne eines Triangels und einer Trommel. Diese Musik, schwirrend nnd summend, schien aus weiter Ferne zu erklingen, nnd dennoch, als ich aufblickte, sah ich nahe vor nur mitten im Zimmer ein wohlbekanntes Schauspiel: es war Monsieur Türlütü, der Zwerg, welcher den Triangel spielte, nnd Madame Mutter, welche die große Trommel schlug, während der gelehrte Hund am Boden hernmscharrte, als suche er wieder seine hölzernen Buchstaben zusammen. Der Hund schien nur mühsam sich zu bewegen, und sein Fell war von Blut befleckt. Madame Mutter trug noch immer ihre schwarze Traucr- kleidnng, aber ihr Bauch war nicht mehr so spaßhaft hervortretend, sondern vielmehr widerwärtig herabhängend; auch ihr Gesicht war nicht mehr rot, sondern blaß. Der Zwerg, welcher noch immer die brodiertc Kleidung eines altfranzösischen Marquis und ei» gepudertes Florentinische Nächte. 128 Tvnpet trug, schien etwas gewachsen zu sein, vielleicht weil er so gräßlich abgemagert war. Er zeigte wieder seine Fechterkünste und schien auch seine alten Prahlereien wieder abzuhaspeln; er sprach jedoch so leise, daß ich kein Wort verstand, und nur an seiner Lippenbeweguug konnte ich manchmal merken, daß er wieder wie ein Hahn krähte. „Während diese lächerlich grauenhaften Zerrbilder wie ein Schattenspiel mit unheimlicher Hast sich vor meinen Augen bewegten, fühlte ich, wie Mademoiselle Laurencc immer unruhiger atmete. Ein kaller Schauer überfröstelte ihren ganzen Leib, und wie von unerträglichen Schmerzen zuckten ihre holden Glieder. Endlich aber, geschmeidig wie ein Aal, glitt sie aus meinen Armen, stand plötzlich mitten im Zimmer und begann zu tanzen, während die Mutter mit der Trommel und der Zwerg mit dem Triangel ihre gedämpfte, leise Musik ertönen ließen. Sic tanzte ganz wie ehemals an der Waterloobrücke und ans den Karrefonrs von London. Es waren dieselben geheimnisvollen Pantomimen, dieselben Ausbrüche der leidenschaftlichsten Sprünge, dasselbe bacchantische Zurückwerfen des Hauptes, manchmal auch dasselbe Hinbeugen nach der Erde, als wolle sie horchen, was man unten spräche, dann auch das Zittern, das Erbleichen, das Erstarren, und wieder aufs neue das Horchen mit nach dem Boden gebeugtem Ohr. Auch rieb sie wieder ihre Hände, als ob sie sich wüsche. Endlich schien sie auch wieder ihren tiefen, schmerzlichen, bittenden Blick auf mich zu werfen . . . aber nur in den Zügen ihres todblassen Antlitzes erkannte ich diesen Blick, nicht in ihren Augen, denn diese waren geschlossen. In immer leiseren Klängen verhallte die Musik; die Trommelmutter und der Zwerg, allmählich verbleichend und wie Nebel zcrguirlend, verschwanden endlich ganz; aber Mademoiselle Lanrcnce stand noch immer und tanzte mit verschlossenen Augen. Dieses Tanzen mit verschlossenen Augen im nächtlich stillen Zimmer gab diesem holden Wesen ein so gespenstisches Aussehen, daß mir sehr unheimlich zu Mute wurde, daß ich manchmal schauderte, und ich war herzlich froh, als sie ihren Tanz beendigt hatte und wieder ebenso geschmeidig, wie sie fortgehuscht war, in meine Arme glitt. „Wahrhaftig, der Anblick dieser Scene Halle für mich nichts Angenehmes. Aber der Mensch gewöhnt sich an alles, lind es ist sogar möglich, daß das Unheimliche diesem Weibe einen noch besonderen Reiz verlieh, daß sich meinen Empfindungen eine schauerliche Zärtlichkeit beimischte . . . genug, nach einigen Wochen wunderte ich mich nicht mehr im mindesten, wenn des Nachts die leisen Klänge von Trommel und Triangel ertönten, und meine teure Lanrcnce Plötzlich aufstand und mit verschlossenen Augen ein Solo tanzte. Ihr Gemahl, der alte Bvnapartist, kommandierte in der Gegend von Paris, und seine Dienstpflicht erlaubte ihm nur die Tage in der 124 Novellistische Fragmente, Stadt zuzubringen. Wie sich Vvn selbst versteht, er wurde mein intimster Freund, und er weinte helle Tropfen, als er späterhin für lange Zeit Vvn mir Abschied nahm. Er reiste nämlich mit seiner Gemahlin nach Sieilien, und beide habe ich seitdem nicht wiedergesehen, „Als Maximilian diese Erzählung vollendet, erfaßte er rasch seinen Hut und schlüpfte ans dem Zimmer, Es war ini Jahre 181S nach Christi Geburt, daß mir der Name Börne zuerst ans Ohr klang. Ich befand mich mit meinem seligen Vater ans der Frankfurter Messe, wohin er mich mitgenommen, damit ich mich in der Welt einmal umsehe; das sei bildend. Da bot sich mir ein großes Schauspiel, In den sogenannten Hütten, oberhalb der Zeil, sah ich die Wachsfiguren, wilde Tiere, außerordentliche Kunst- und Naturwerke, Auch zeigte mir mein Vater die großen, sowohl christlichen als jüdischen Magazine, worin man die Waaren zehn Prozent unter dem Fabrikpreis einkauft, und man doch immer betrogen wird. Auch das Rathaus, den Römer, ließ er mich sehen, wo die deutschen Kaiser gekauft wurden, zehn Prozent unter dem Fabrikpreis, Der Artikel ist am Ende ganz ausgegangen, Einst führte mich mein Vater ins Lesekabinctt einer der Logen oder fffZ Logen, wo er oft soupierte, Kaffee trank, Karten spielte und sonstige Freimaurer-Arbeiten verrichtete. Während ich im Zeituugs- lescn vertieft lag, flüsterte mir ein junger Mensch, der neben mir saß, leise ins Ohr: „Das ist der Doktor Börne, welcher gegen die Komödianten schreibt!" Als ich aufblickte, sah ich einen Mann, der, nach einem Journale suchend, mehrmals im Zimmer sich hin und her bewegte und bald wieder zur Thüre hinausging. So kurz auch sein Verweilen, so blieb mir doch das ganze Wesen deS Mannes im Gedächtnisse, und noch heute könnte ich ihn mit diplomatischer Treue abkonterfeien. Er trug einen schwarzen Leibrvck, der noch ganz neu glänzte, und Heinrich L^eme über (1840.) Erstes Buch. Heinrich Heine Wer Ludwig Börne, 125 blendend weiße Wäsche; aber er trug dergleichen nicht wie ein Stutzer, sondern niit einer wohlhabenden Nachlässigkeit, wo nicht gar mit einer verdrießlichen Indifferenz, die hinlänglich bekundete, daß er sich mit dem Knoten der weißen Kravatte nicht lange vor dem Spiegel beschäftigt, und daß er den Nock gleich angezogen sobald ihn der Schneider gebracht, ohne lange zu prüfen, ob er zu eng oder zu weit. Er schien weder klein noch groß von Gestalt, weder mager noch dick, sein Gesicht war weder rot noch blaß, sondern von einer am geröteten Blässe oder verblaßten Röte, und waS sich darin zunächst aussprach, war eine gewisse ablehnende Vornehmheit, ein gewisses Dedaiu, wie man es bei Menschen findet, die sich besser als ihre Stellung fühlen, aber an der Leute Anerkenntnis zweifeln. Es war nicht jene geheime Majestät, die man auf dem Antlitz eines Königs oder eines Genies, die sich inkognito unter der Menge verborgen halten, entdecken kann; es war vielmehr jener revolutionäre, mehr oder minder titanenhafte Mißmut, den man auf den Gesichtern den Prätendenten jeder Art bemerkt. Sein Auftreten, seine Bewegung, sein Gang hatten etwas Sicheres, Bestimmtes, Charaktervolles, Sind außerordentliche Menschen heimlich umflossen von dem Ausstrahlen ihres Geistes? Ahnet unser Gemüt dergleichen Glorie, die wir mit den Augen des Leibes nicht sehen können? Das moralische Gewitter in einem solchen außerordentlichen Menschen wirkt vielleicht elektrisch ans junge, noch nicht abgestumpfte Gemüter, die ihm nahen, wie das materielle Gewitter auf Katzen wirkt. Ein Funken aus dem Auge des Mannes berührte mich, ich weiß nicht wie, aber ich vergaß nicht diese Berührung und vergaß nie den Doktor Börne, welcher gegen die Komödianten schrieb. Ja, er war damals -vheaterkritiker und übte sich an den Helden der Bretterwelt, Wie mein llniversitätsfreund Dietzenbach, als wir in Bonn studierten, überall, wo er einen Hund oder eine Katze erwischte, ihnen gleich die Schwänze abschnitt, aus purer Schneidelnst, was wir ihm damals, als die armen Bestien gar entsetzlich heulten, so sehr verargten, später aber ihm gern verziehen, da ihn diese Schneidelnst zu dem größten Operateur Deutschlands machte, so hat sich auch Börne zuerst an Komödianten versucht, und manchen jugendlichen Übermut, den er damals beging an den Hcigcln, Weidncrn, Ursprüngen und dergleichen unschuldigen Tieren, die seitdem ohne Schwänze herumlaufen, muß man ihm zu gute halten für die besseren Dienste, die er später als großer politischer Operateur mit seiner gewetzten Kritik zu leisten verstand. Es war Varnhagen von Ense, welcher, etwa zehn Jahre nach dem erwähnten Begegnisse, den Namen Börne wieder in meiner Erinnerung heraufrief, und mir Aussätze dieses Mannes, namentlich in der „Wage" und in den „Zeitschwingcn", zu lesen gab. Der Ton, 126 Novellistische Fragmente. womit er mir diese Lektüre empfahl, war bedeutsam dringend, und das Lächeln, welches um die Lippen der anwesenden Rahel schwebte, jenes wohlbekannte, rätselhaft wehmütige, vernunftvoll mystische Lächeln, gab der Empfehlung ein noch größeres Gelvicht. Rahel schien nicht bloß auf literarischem Wege über Börne unterrichtet zu sein, und, wie ich mich erinnere, versicherte sie bei dieser Gelegenheit, es existierten Briefe, die Börne einst an eine geliebte Person gerichtet habe, und worin sein leidenschaftlicher hoher Geist sich noch glänzender als in seinen gedruckten Aufsätzen ausspräche.*) Auch über seinen Stil äußerte sich Rahel, und zwar mit Worten, die jeder, der mit ihrer Sprache nicht vertraut ist, sehr mißverstehen möchte; sie sagte: „Börne kann nicht schreiben, ebensowenig wie ich oder Jean Paul." tinter Schreiben verstand sie nämlich die ruhige Anordnung, sozusagen die Redaktion der Gedanken, die logische Zusammensetzung der Redeteile, kurz, jene Kunst des Periodenbaues, den sie sowohl bei Goethe, wie bei ihrem Gemahl so enthusiastisch bewunderte, und worüber wir damals fast täglich die fruchtbarsten Debatten führten. Die heutige Prosa, was ich hier beiläufig bemerken will, ist nicht ohne viel Versuch, Berathung, Widerspruch und Mühe geschaffen worden. Rahel liebte vielleicht Börne um so mehr, da sie ebenfalls zu jenen Autoren gehörte, die, wenn sie gut schreiben sollen, sich immer iu einer leidenschaftlichen Anregung, in einem gewissen Geistesransch befinden müssen, — Bacchanten des Gedankens, die dem Gotte mit heiliger Trunkenheit nachtaumeln. Aber bei ihrer Bor- liebe für wahlverwandte Naturen hegte sie dennoch die größte Bewunderung für jene besonnenen Bildner des Wortes, die all ihr Denken, Fühlen und Anschauen, abgelöst von der gebärenden Seele, wie einen gegebenen Stoff zu handhaben und gleichsam plastisch darzustellen wissen. Ungleich jener großen Frau, hegte Borne den engsten Widerwillen gegen dergleichen Darstellungsart: in seiner subjektiven Befangenheit begriff er nicht die objektive Freiheit, die Goethesche Weise, und die künstlerische Form hielt er für Geiniit- losigkeit; er glich dem Kinde, welches, ohne den glühenden Sinn einer griechischen Statue zu ahnen, nur die marmornen Formen betastet und über Kälte klagt. Indem ich hier nntecipierend von dem Widerwillen rede, welchen die Goethesche Darstellnngsart in Börne aufregte, lasse ich zugleich erraten, daß die Schreibart des letzteren schon damals kein unbedingtes Wohlgefallen bei mir hervorrief. Es ist nicht meines Amtes, die Mängel dieser Schreibweise aufzudecken, auch würde jede Andeutung über das, was mir an diesem Stile am meisten mißfiel, nur von Die erwähnte Korrespondenz — „Briese des jnngcn Börne NN Henriette Herz" — ist ans Varnhagcn's Nachlab (Leipzig, F. A. Brockhans, 180t) veröffentlicht worden. Der Herausgeber. Heinrich Heine über Ludwig Börne. 127 den wenigsten verstanden werden. Nur so viel will ich bemerken, daß, um vollendete Prosa zu schreiben, unter anderem auch eine große Meisterschaft in metrischen Formen erforderlich ist. Ohne eine solche Meisterschaft fehlt dem Prosaiker ein gewisser Takln es entschlüpfen ihm Wortfügungen, Ausdrücke, Cttsuren und Wendungen, die nur in gebundener Rede statthast sind, und es entsteht ein geheimer Mißlaut, der nur wenige, aber sehr feine Ohren verletzt. Wie sehr ich aber auch geneigt war, an der Außenschale, an dem Stile Börnes zu mäkeln, und namentlich, Ivo er nicht beschreibt, sondern räsonniert, die kurzen Sätze seiner Prosa als eine kindische llnbeholfenheit zu betrachten, so ließ ich doch dem Inhalt, dem Kern seiner Schriften die reichlichste Gerechtigkeit widerfahren, ich verehrte die Originalität, die Wahrheitsliebe, überhaupt den edlen Charakter, der sich durchgängig darin aussprach, und seitdem verlor ich den Verfasser nicht mehr aus dem Gedächtnis. Man hatte mir gesagt, daß er noch immer zu Frankfurt lebe, und als ich mehrere Jahre später, Anno 1S27, durch diese Stadt reisen mußte, um mich nach München zu begeben, hatte ich mir bestimmt vorgenommen, dem Doktor Börne in seiner Behausung meinen Besuch abzustatten. Dies gelang mir, aber nicht ohne vieles llmherfrngen und Fehlsnchen; tiberall wo ich mich nach ihm erkundigte, sah man mich ganz befremdlich an, und man schien in seinem Wohnorte ihn entweder wenig zu kennen, oder sich noch weniger um ihn zu bekümmern. Sonderbar! Hören wir in der Ferne von einer Stadt, wo dieser oder jeuer große Mann lebt, unwillkürlich denken wir uns ihn als den Mittelpunkt der Stadt, deren Dächer sogar von seinem Ruhme bestrahlt würden. Wie wundern wir uns nun, wenn wir in der Stadt selbst anlangen und den großen Mann wirklich darin aufsuchen wollen und ihn erst lange erfragen müssen, bis wir ihn unter der großen Menge herausfinden! So sieht der Reisende schon in weiter Ferne den hohen Dom einer Stadt; gelangt er aber in ihr Weichbild selbst, so verschwindet derselbe wieder seinen Blicken und erst hin und her wandernd durch viele krumme und enge Sträßchen kommt der große Turmbau wieder zum Vorschein, in der Nähe von gewöhnlichen Häusern und Butiken, die ihn schier verborgen halten . . . Ich hatte Mühe, den Mann wieder zu erkennen, dessen früheres Aussehen mir noch lebhaft im Gedächtnisse schwebte. Keine Spur mehr von vornehmer Unzufriedenheit und stolzer Vcrdüsteruug. Ich sah jetzt ein zufriedenes Männchen, sehr schmächtig, aber nicht krank, ein kleines Köpfchen mit schwarzen glatten Härchen, auf den Wangen sogar ein Stück Röte, die lichtbranneu Augen sehr munter, Gemütlichkeit in jedem Blick, in jeder Bewegung, auch im Tone. Dabei trug er ein gesticktes Kamisölchen von grauer Wolle, welches, eng anliegend wie ein Ringpanzer, ihm ein drollig märchenhaftes Au- 128 Novellistische Fragmente. sehen gab. Er empfing mich mit Herzlichkeit und Liebe; es vergingen keine drei Minuten, und wir gerieten ins vertraulichste Gespräch. Wovon mir zuerst redeten? Wenn Köchinnen zusammenkommen, sprechen sie von ihrer Herrschaft, und wenn deutsche Schriftsteller zusammenkommen, sprechen sie von ihren Verlegern. Unsere Konversation begann daher mit Cotta und Campe, und als ich, nach einigen gebräuchlichen Klagen, die guten Eigenschaften des letzteren eingestand, vertraute mir Börne, daß er mit einer Heransgabe seiner sämtlichen Schriften schwanger gehe, und für dieses Unternehmen sich den Campe merken wolle. Ich konnte nämlich von Julius Campe versichern, daß er kein gewöhnlicher Buchhändler sei, der mit dem Edlen, Schönen, Großen nur Geschäfte machen und eine gute Konjunktur benutzen null, sondern daß er manchmal das Große, Schöne, Edle unter sehr ungünstigen Konjunkturen druckt und wirklich sehr schlechte Geschäfte "damit macht. Ans solche Worte horchte Börne mit beiden Ohren, und sie haben ihn späterhin veranlaßt, nach Hamburg zu reisen und sich mit dem Verleger der „Reisebilder" über eine Herausgabe seiner sämtlichen Schriften zu verständigen. Sobald die Verleger abgethan sind, beginnen die wechselseitigen Komplimente zwischen zwei Schriftstellern, die sich zum ersten Male sprechen. Ich übergehe, was Börne über meine Vorzüglichkeit äußerte, und erwähne nur den leisen Tadel, den er bisweilen in den schäumenden Kelch des Lobes eintröpfeln ließ. Er hatte nämlich kurz vorher den zweiten Teil der „Rcisebilder" gelesen, und vermeinte, daß ich von Gott, welcher doch Himmel und Erde erschaffen und doch so weise die Welt regiere, mit zu wenig Reverenz, hingegen von dem Napoleon, welcher doch nur ein sterblicher Despot gewesen, mit übertriebener Ehrfurcht gesprochen habe. Der Deist "und Liberale trat mir also schon merkbar entgegen. Er schien den Napoleon wenig zu lieben, obgleich er doch unbewußt den größten Respekt vor ihm in der Seele trug. Es verdroß ihn, daß die Fürsten sein Standbild von der Vendomcsänle so ungroßmütig hcrabgerisscn. „Ach!" rief er mit einem bitteren Seufzer, „ ihr konntet dort seine Statue getrost stehen lassen; ihr brauchtet nur ein Plakat mit der Inschrift: ,Achtzehnter Brumaire' daran zu befestigen, und die Bendvmesänle wäre seine verdiente Schandsäule geworden! Wie liebte ich diesen Mann bis zum achtzehnten Brumaire; noch bis zum Frieden von Campo Formiv bin ich ihm zugethan; als er aber die Stufen des Thrones erstieg, sank er immer tiefer im Werte; man konnte von ihm sagen: er ist die rote Treppe hinaufgefallen!" „Ich habe noch diesen Morgen," setzte Börne hinzu, „ihn bewundert, als ich in diesem Buche, das hier auf meinem Tische liegt — er zeigte auf Thiers RcvolutionSgeschichte — die vortreffliche Anekdote las, wie Napoleon zu lldine eine Enirevue mit Heinrich Heine über Ludwig Börne. 129 Kobcntzel hat und im, Eifer des Gesprächs das Porzellan zerschlägt, das Kobcntzel einst von der Kaiserin Katharina erhalten und gewiß sehr liebte. Dieses zerschlagene Porzellan hat vielleicht den Frieden von Canipo Forinio herbeigeführt. Der Kobentzcl dachte gewiß: „Mein Kaiser hat so viel Porzellan, und das giebt ein Unglück, wenn der Kerl nach Wien käme und gar zu feurig in Eifer geriete — das beste ist, nur machen mit ihm Friede." Wahrscheinlich in jener Stunde, als zu Udinc das Porzcllanservice von Kobcntzel zu Boden purzelte und in lauter Scherben zerbrach, zitterte zu Wien alles Porzellan, und nicht bloß die Kaffeekannen und Tassen, sondern auch die chinesischen Pagoden, sie nickten mit den Kopsen vielleicht hastiger als je, und der Friede wurde ratifiziert. In Bildcrlädcn sieht man den Napoleon gewöhnlich, wie er auf bäumendem Roß den Simplon besteigt, wie er mit hochgeschwuugcner Fahne über die Brücke von Lodi stürmt u. s. w. Wenn ich aber ein Maler wäre, so würde ich ihn darstellen, wie er daS Service von Kobcntzel zerschlägt. Das war seine erfolgreichste That. Jeder König fürchtete seitdem für sein Porzellan, und gar besondere Angst überkam die Berliner wegen ihrer großen Porzellanfabrik. Sie haben keinen Begriff davon, liebster Heine, wie man durch den Besitz von schönem Porzellan im Zaum gehalten wird. Sehen Sie z.B. mich, der ich einst so wild war, als ich wenig Gepäck hatte und gar kein Porzellan. Mit dem Besitztum und gar mit gebrechlichem Besitztum kommt die Furcht und die Knechtschaft. Ich habe mir leider vor kurzem ein schönes Thceservice angeschafft — die Kanne war so lockend prächtig vergoldet — auf der Zuckerdose war das eheliche Glück abgemalt, zwei Liebende, die sich schnäbeln — auf der einen Tasse der Katharinenturm; auf einer andern die Kvustablerwache, lauter vaterländische Gegenden auf den übrigen Tassen. — Ich habe wahrhaftig jetzt meine liebe Sorge, daß ich in meiner Dummheit nicht zu frei schreibe und plötzlich flüchten müßte. — Wie könnte ich in der Geschwindigkeit all diese Tassen und gar die große Kanne einpacken? In der Eile konnten sie zerbrochen werden, und zurücklassen möchte ich sie in keinem Falle. In, wir Menschen sind sonderbare Käuze! Derselbe Mensch, der vielleicht Ruhe und Freude seines Lebens, ja das Leben selbst aufs Spiel setzen würde, um seine Meinungsfreiheit zu behaupten, der will doch nicht gern ein paar Tassen verlieren, und wird ein schweigender Sklave, um seine Theckanne zu konservieren. Wahrhaftig, ich fühle, wie das verdammte Porzellan mich im Schreiben hemmt, ich werde so milde, so vorsichtig, so ängstlich . . . Am Ende glaub' ich gar, der Porzellanhändler war ein österreichischer Polizei- ngent und Metternich hat mir das Porzellan ans den Hals geladen, um mich zu zähmen. Ja, ja, deshalb war es so wohlfeil, und der Mann so beredsam. Ach, die Zuckerdose mit dem ehelichen Glück Hcinc 's Werke. XI. Vd. 9 130 Novellistische Fragmente. war eine so süße Lockspeise! Ja, je mehr ich mein Porzellan betrachte, desto wahrscheinlicher wird mir der Gedanke, daß es von Metternich herrührt. Ich verdenke es ihm nicht im mindesten, daß man mir auf solche Weise beizukvmmen sucht. Wenn man kluge Mittel gegen mich anwendet, werde ich nie unwirsch; nur die Plumpheit und die Dummheit ist mir unausstehlich. Da ist aber unser Frankfurter Senat — —" Ich habe meine Gründe, den Mann nicht weiter sprechen zu lassen, und bemerke nur, daß er am Ende seiner Rede mit gutmütigem Lachen ausrief: „Aber noch bin ich stark genug, meine Porzellanfesseln zu brechen, und machte man mir den Kopf warm, wahrhaftig, die schöne vergoldete Thcekanne fliegt zum Fenster hinaus mitsamt der Zuckerdose und dem ehelichen Glück und dem Katharinenturnt und der Konstablerwache und den vaterländischen Gegenden, und ich bin dann wieder ein freier Mann, nach wie vor!" Börnes Humor, wovon ich eben ein sprechendes Beispiel gegeben, unterschied sich von dem Humor Jean Pauls dadurch, daß letzterer gern die entferntesten Dinge ineinanderrükrte, während jener, wie ein lustiges Kind, nur nach dem Naheliegenden griff, und während die Phantasie des konfusen Polyhistors von Baireuth in der Rumpelkammer aller Zeiten herumkramte und mit Siebenmeilenstiefeln alle Weltgegenden durchschweifte, hatte Börne nur den gegenwärtigen Tag im Auge, und die Gegenstände die ihn beschäftigten, lagen alle in seinem räumlichen Gesichtskreis. Er besprach das Buch, das er eben gelesen, das Ereignis, das eben vorfiel, den Stein, an dem er sich eben gestoßen, Rothschild, an dessen Haus er täglich vorbeiging, den Bundestag, der auf der Zeil residiert und den er ebenfalls an Ort und Stelle hassen konnte, endlich alle Gedankenwege führten ihn zu Metternich. Sein Groll gegen Goethe hatte vielleicht ebenfalls örtliche Anfänge; ich sage Anfänge, nicht Ursachen; denn wenn auch der Unistand, daß Frankfurt ihre gemeinschaftliche Vaterstadt war, Börnes Aufmerksamkeit zunächst auf Goethe lenkte, so war doch der Haß, der gegen diesen Mann in ihm brannte und immer leidenschaftlicher entloderte, nur die notwendige Folge einer tiefen, in der Natur beider Männer begründeten Differenz. Hier wirkte keine kleinliche Scheelsucht, sondern ein uneigennütziger Widerwille, der angeborncn Trieben gehorcht, ein Hader, welcher, alt wie die Welt, sich in allen Geschichten des Menschengeschlechts kundgicbt und am grellsten hervortrat in dem Zweikampfe, welchen der judäische Spiritualismus gegen hellenische Lebensherrlichkeit führte, ein Zweikampf, der noch immer nicht entschieden ist und vielleicht nie ausgekämpft wird, der kleine Nazarcner haßte den großen Griechen, der noch dazu ein griechischer Gott war. Das Werk von Wolfgang Menzel war eben erschienen, und Börne Heinrich Heine über Ludwig Börne. 131 freute sich kindisch, daß jemand gekommen sei, der den Mut zeige, so rücksichtslos gegen Goethe aufzutreten. „Der Respekt," setzte er naiv hinzu, „ hat mich immer davon abg ehalten, dergleichen öffentlich auszusprechen. Der Menzel, der hat Mut, der ist ein ehrlicher Mann und ein Gelehrter; den müssen Sie kennen lernen, an dem werden wir noch viele Freude erleben; der hat viel Courage, der ist ein grundehrlicher Mann und ein großer Gelehrter! An dem Goethe ist gar nichts, er ist eine Memme, ein serviler Schmeichler und ein Dilettant." Ans dieses Thema kam er oft zurück; ich mußte ihm versprechen, in Stuttgart den Menzel zu besuchen und er schrieb mir gleich zu diesem BeHufe eine Einpfehlungskartc, und ich höre ihn noch eifrig hinzusetzen: „Der hat Mut, außerordentlich viel Courage, der ist ein braver, grundehrlicher Mann und ein großer Gelehrter!" Wie in seinen Äußerungen über Goethe, so auch in seiner Bc- urteilung anderer Schriftsteller, verriet Börne seine nazarenische Beschränktheit. Ich sage unzarenisch, um mich weder des Ausdrucks „jüdisch" noch „christlich" zu bedienen, obgleich beide Ausdrücke für mich synonym sind und von mir nicht gebraucht werden, um einen Glauben, sondern um ein Naturell zu bezeichnen. „Juden" und „Christen" sind für mich ganz sinnverwandte Worte, im Gegensatz zu „Hellenen", mit welchem Namen ich ebenfalls kein bestimmtes Volk, sondern eine sowohl angeborene als angebildete Geistesrichtuug und Anschauungsweise bezeichne. In dieser Beziehung möchte ich sagen: alle Menschen sind entweder Inden oder Hellenen, Menschen mit asketischen, bildfeindlichen, vergcistigungSsüchtigeu Trieben, oder Menschen von lebcusheiterem, entfaltungsstvlzem und realistischem Wesen. So gab es Hellenen in deutschen Predigerfamilicn, und Inden, die in Athen geboren und vielleicht von Theseus abstammen. Der Bart macht nicht den Juden, oder der Zopf macht nicht den Christen, kann man hier mit Recht sagen. Börne war ganz Naza- rcner, seine Antipathie gegen Goethe ging unmittelbar hervor aus seinem naznrenischcn Gemütc, seine spätere politische Exaltation war begründet in jenem schroffen Asketismus, jenem Durst nach Martyrium, der überhaupt bei den Republikanern gefunden wird, den sie republikanische Tugend nennen, und der von der Passionssucht der früheren Christen so wenig verschieden ist. In seiner späteren Zeit wendete sich Börne sogar zum historischen Christentinn, er sank fast in den Katholizismus, er fraternisierte mit dein Pfaffen Lainennais und verfiel in den widerwärtigsten Kapuzinertvn, als er sich einst über einen Nachfolger Goethes, einen Pantheisten von der heiteren Observanz, öffentlich aussprach. — Psychologisch merkwürdig ist die Untersuchung, wie in Börnes Seele allmählich das eingeborene Christentum emporstieg, nachdem es lange niedergehalten worden von S» k-!2 Novellistische Fragmente. seinem scharfen Verstand und seiner Lustigkeit. Ich sage Lustigkeit, Mite, nicht Freude, ,jois; die Nazarcner haben zuweilen eine gewisse springende gute Laune, eine witzige, eichkätzchenhafte Munterkeit, gar lieblich kapriziös, gar süß, auch glänzend, worauf aber bald eine starre GemiitSvcrtrübung folgt; es fehlt ihnen die Majestät der Ge- unßseligkeit, die nur bei bewußten Göttern gefunden wird. Ist aber in unserem Sinne kein großer Unterschied zwischen Ju den und Christen, so existiert dergleichen desto herber in der Wclt- bctrachtuug Frankfurter Philister; über die Mißstände, die sich daraus ergeben, sprach Börne sehr viel und sehr oft während den drei Tagen, die ich ihm zu Liebe in der freien Reichs- und Handelsstadt Frankfurt am Main verweilte. Ja, mit drolliger Güte drang er mir das Versprechen ab, ihm drei Tage meines Lebens zu schenken, er ließ mich nicht mehr von sich, und ich mußte mit ihm in der Stadt herumlaufen, allerlei Freunde besuchen, auch Freundinnen . . . Mich interessiert bei ausgezeichneten Leuten der Gegenstand ihrer Liebesgefiihle immer weniger, als das Gefühl der Liebe selbst. Letzteres aber — das weiß ich — muß bei Börne sehr stark gewesen sein. Wie später bei der Lektüre seiner gesammelten Schriften, so schon in Frankfurt durch manche hingeworfene Äußerung, merkte ich, daß Börne zu verschiedenen Jahreszeiten seines Lebens von den Tücken des kleinen Gottes weidlich geplagt worden. Namentlich von den Qualen der Eifersucht weiß er viel zu sagen, wie denn überhaupt die Eifersucht in seinem Charakter lag und ihn, im Leben wie in der Politik, alle Erscheinungen durch die gelbe Lupe des Mißtrauens betrachten ließ. Ich erwähnte, daß Börne zu verschiedenen Zeiten seines Lebens von Liebesleiden heimgesucht worden. „Ach," seufzte er einmal wie ans der Tiefe schmerzlicher Erinnerungen, „in späteren Jahren ist diese Leidenschaft noch weit gefährlicher, als in der Jugend. Matt sollte es kaum glauben, da sich doch mit dem Alter auch unsere Vernunft entwickelt hat und diese uns unterstützen könnte im Kampfe mit der Leidenschaft. Saubere Unterstützung! Merken Sic sich das: die Vernunft hilft uns nur, jene kleinen Kaprizen zu bekämpfen, die wir auch ohne ihre Intervention bald überwinden würden. Aber sobald sich eine große, wahre Leidenschaft unseres HerzcNs bemächtigt hat und unterdrückt werden soll, wegen des positiven Schadens, der uns dadurch bedroht, alSdanu gewährt uns die Vernunft wenig Hilfe, ja, die Canaille, sie wird alsdann sogar eine Bnndesgenossin des Feindes, und anstatt unsere materiellen oder moralischen Interessen zu ver treten, leiht sie dem Feinde der Leidenschaft alle ihre Logik, alle ihre Syllogismen, alle ihre Sophismen, und dem stummen Wahnsinn liefert sie die Waffe deS Wortes. Vernünftig, wie sie ist, schlägt sich Heinrich Heine iiber Ludwig Börne. 133 die Vernunft immer zur Partei dcS Stärkeren, zur Partei der Leiden schaft, und verläßt sie wieder, svbald die Force derselben durch die Gewalt der Zeit oder durch das Gesetz der Reaktion gebrochen wird. Wie verhöhnt sie alsdann die Gefühle, die sie kurz vorher so eifrig rechtfertigte! Mißtranen Sie, lieber Freund, in der Leidenschaft immer der Sprache der Vernunft, und ist die Leidenschaft erloschen, so mißtrauen Sie ihr ebenfalls, und seien Sie nicht ungerecht gegen Ihr Herz!" , , . Börne wollte mich die Merkwürdigkeiten Frankfurts sehen lassen, und vergnügt, im gemütlichsten Hundctrab, lief er mir zur Seite, als wir durch die Straßen wanderten. Ein wunderliches Ansehen gab ihm sein kurzes Mäntclchen und sein weißes Hütchen, welches zur Hälfte mit einem schwarzen Flor umwickelt war. Der schwarze Flor bedeutete den Tod seines Vaters, welcher ihn bei Lebzeiten sehr knapp gehalten, ihm jetzt aber auf einmal viel Geld hinterließ, Börne schien damals die angenehmen Empfindungen solcher Glllcks- verändcrungcn noch in sich zu tragen und überhaupt im Zenith deS Wohlbehagens zu stehen. Er klagte sogar über seine Gesundheit, d, h, er klagte, er werde täglich gesunder und mit der zunehmenden Gesundheit schwänden seine geistigen Fähigkeiten, „Ich bin zu gesund und kann nichts mehr schreiben," klagte er im Scherz, vielleicht auch im Ernst, denn bei solchen Naturen ist das Talent abhängig von gewissen krankhaften Zuständen, von einer gewissen Reizbarkeit, die ihre Empfindnngs- und Ausdrucksweise steigert, und die mit der eintretenden Gesundheit wieder verschwindet, „Er hat mich bis zur Dummheit kuriert," sagte Börne von seinem Arzte, zu welchem er mich führte, und in dessen Hau? ich auch mit ihm speiste. Die Gegenstände, womit Börne in zufällige Berührung kam, gaben seinem Geiste nicht bloß die nächste Beschäftigung, sondern wirkten auch unmittelbar auf die Stimmung seines Geistes, und mit ihrem Wechsel stand seine gute oder böse Laune in unmittelbarer Verbindung, Wie das Meer von den vorüberziehenden Wolken, so empfing Börnes Seele die jedesmalige Färbung von den Gegen ständen, denen er ans seinem Weg begegnete. Der Anblick schöner Gartenanlagen oder einer Gruppe schäkernder Mägde, die uns ent gegenlachte, warfen gleichsam Rosenlichter über Börnes Seele, und der Wiederschein derselben gab sich kund in sprühenden Witzen, Als wir aber durch das Jndenqnarticr gingen, schienen die schwarzen Häuser ihre finsteren Schatten in sein Gemüt zu gießen, „Betrachten Sie diese Gasse," sprach er seufzend, „und rühmen Sie mir alsdann das Mittelalter! Die Menschen sind tot, die hier gelebt und geweint haben, und können nicht widersprechen, wenn unsere verrückten Poeten und noch verrückteren Historiker, wenn Narren und Schälke von der alten Herrlichkeit ihre Entzückungen 134 Novellistische Fragmente. drucken lassen; aber wo die toten Menschen schweigen, da sprechen desto lauter die lebendigen Steine/' In der That, die Häuser jener Straße sahen mich an, als wollten sie mir betrübsame Geschichten erzählen, Geschichten, die man wohl weiß, aber nicht wissen will oder lieber vergäße, als daß man sie ins Gedächtnis zurückriefe. So erinnere ich mich noch eines giebel- hohen Hauses, dessen Kohlenschwärze um so greller hervorstach, da unter den Fenstern eine Reihe kreideweißer Talglichter hingen; der Eingang, zur Hälfte mit rostigen Eisenstangcn vergittert, führte in eine dunkle Höhle, wo die Feuchtigkeit von den Wänden herabzurieseln schien, und aus dem Innern tönte ein höchst sonderbarer, näselnder Gesang. Die gebrochene Stimme schien die eines alten Mannes, und die Melodie wiegte sich in den sanftesten Klagelauten, die allmählich bis zum entsetzlichsten Zorne anschwollen. Was ist das für ein Lied? frug ich meinen Begleiter. „Es ist ein gutes Lied," antwortete dieser mit einem mürrischen Lachen, „ein lyrisches Meisterstück, das im diesjährigen Musenalmanach schwerlich seinesgleichen findet . . . Sie kennen es vielleicht in der deutschen Übersetzung: Wir saßen an den Flüssen Babels, unsere Harfen hingen an den Trauerweiden u. s. w. Ein Prachtgedicht! und der alte Rabbi Chayim singt es sehr gut mit seiner zittrigen, abgemergelten Stimme; die Sonntag säuge es vielleicht mit größerem Wohllaut, aber nicht mit so viel Ausdruck, mit so viel Gefühl . . . Denn der alte Mann haßt noch immer die Ba- bylonier und weint noch täglich über den Untergang Jerusalems durch Ncbukadnezar . . . Dieses Unglück kann er gar nicht vergessen, obgleich so viel Neues seitdem passiert ist, und noch jüngst der zweite Tempel durch Titus, den Böselvicht, zerstört worden. Ich muß Ihnen nämlich bemerken, der alte Rabbi Chayim betrachtet den Titus keineswegs als ein ckslioium Asnsris bninani, er hält ihn für einen Bösewicht, den auch die Rache Gottes erreicht hat ... Es ist ihm nämlich eine kleine Mücke in die Nase geflogen, die, allmählich wachsend, mit ihren Klanen in seinem Gehirn herumwühlte und ihm so grenzenlose Schmerzen verursachte, daß er nur dann einige Erholung empfand, wenn in seiner Nähe einige hundert Schmiede auf ihre Amboße lvs- hämmerten. Das ist sehr merkwürdig, daß alle Feinde der Kinder Israel ein so schlechtes Ende nehmen. Wie es dem Nebukadnezar gegangen ist, wissen Sie, er ist in seinen alten Tagen ein Ochs geworden und hat Gras essen müssen. Sehen Sie den persischen Staatsmiuister Haman, ward er nicht am Ende gehenkt zu Susa, in der Hauptstadt? Und Antiochus, der König von Syrien, ist er nicht bei lebendigem Leibe verfault durch die Läusesucht? Die späteren Bösewichter, die Judenfeinde, sollten sich in acht nehmen . . . Aber was hilft's, es schreckt sie nicht ab, das furchtbare Beispiel, und dieser Tage habe ich wieder eine Broschüre gegen die Jude:: gelesen, von Heinrich Heine über Ludwig Börne. 138 einem Professor der Philosophie, der sich Na^is amicm nennt. Er wird einst Gras essen, ein Ochs ist er schon von Natur, vielleicht gar wird er mal gehenkt, wenn er die Sultanin Favorite des Königs von Flachsensingen beleidigt, und Läuse hat er gewiß auch schon, wie der Antiochus. Am liebsten war' mir's, er ginge zur See und machte Schiffbruch an der nordafrikanischen Küste. Ich habe nämlich jüngst gelesen, daß die Mohammedaner, die dort wohnen, sich durch ihre Religion berechtigt glauben, alle Christen, die bei ihnen Schiffbruch leiden und in ihre Hände fallen, als Sklaven zu behandeln. Sie verteilen unter sich diese Unglücklichen und benutzen jeden derselben nach seinen Fähigkeiten. So hat nun jüngst ein Engländer, der jene Küste bereiste, dort einen deutschen Gelehrten gefunden, der Schiffbruch gelitten und Sklave geworden, aber zu gar nichts anderem zu gebrauchen war, als daß man ihm Eier zum Ausbrüten unterlegte; er gehörte nämlich zur theologischen Fakultät. Ich wünsche nun, der Doktor arnlou käme in eine solche Lage; wenn er auf seinen Eiern drei Wochen unausstehlich sitzen müßte (sind es Enteneier, sogar vier Wochen), so kämen ihm gewiß allerlei Gedanken in den Sinn, die ihm bisher nie eingefallen, und ich Ivette, er verwünscht den Glaubensfanatismus, der in Europa die Inden und in Afrika die Christen herabwürdigt, und sogar einen Doktor der Theologie bis zur Bruthenne entmenscht . . . Die Hühner, die er aus- gcl'rütet, werden sehr tolerant schmecken, besonders wenn man sie mit einer Sauce a 1a Narsn^o verzehrt." Aus leicht begreiflichen Gründen übergehe ich die Bemerkungen, die mein Begleiter in bitterster Fülle losließ, als wir auf unserer Wanderung im Weichbilde Frankfurts dem Hause vorübergingen, wo der Bundestag seine Sitzungen hält. Die Schildwache hielt ihr Mittagsschläfchen in aufrechter Stellung, und die Schmalben, die an den Fliesen der Fenster ihre friedlichen Nester gebaut, flogen seelenruhig auf und nieder. Schwalben bedeuten Glück, behauptete meine Großmutter; sie war sehr abergläubisch. Von der Ecke der Schnurgasse bis zur Börse mußten wir uns durchdrängen; hier fließt die goldene Ader der Stadt, hier versammelt sich der edle Handelsstand und schachert und mauschelt . . . Was wir nämlich in Norddeutschland Mauscheln nennen, ist nichts anderes als die eigentliche Frankfurter Landessprache, und sie wird von der un- beschnitteuen Population ebenso vortrefflich gesprochen, wie von der beschnittenen. Börne sprach diesen Jargon sehr schlecht, obgleich er, ebenso wie Goethe, den heimatlichen Dialekt nie ganz verleugnen konnte. Ich habe bemerkt, daß Frankfurter, die sich von allen Handelsinteressen entfernt hielten, am Ende jene Frankfurter Aussprache, die wir, wie gesagt, in Norddeutschland Mauscheln nennen, ganz verlernten. ktz6 Novellistische Fragmente. Eine Strecke weiter, am Ausgange der Saalgasse, erfreuten wir uns einer viel angenehmeren Begegnung. Wir sahen nämlich einen Rudel Knaben, welche ans der Schule kamen, hübsche Jungen mit rosigen Gesichtchen, einen Pack Bücher unterm Arm. „Weit mehr Respekt," — rief Börne, — „ weit mehr Respekt habe ich für diese Buben, als für ihre erwachsenen Väter. Jener Kleine mit der hohen Stirn denkt vielleicht jetzt an den zweiten punischen Krieg, und er ist begeistert für Hannibal, als man ihm heute erzählte, wie der große Karthager schon als Knabe den Römern Rache schwur — ich Ivette, da hat sein kleines Herz mitgeschworen .,. Haß und lintergang dem bösen Rom! Halte deinen Eid, mein kleiner Waffenbruder! Ich möchte ihn küssen, den vortrefflichen Jungen! Der andere Kleine, der so pfiffig hübsch aussieht, denkt vielleicht an den Mithridates und möchte ihm einst nachahmen . . . Das ist auch gut, ganz gut, und du bist mir willkommen. Aber, Bursche, wirst du auch Gift schlucken können, wie der alte König des Pvntus? ll.be dich frühzeitig! Wer mit Rom Krieg führen will, muß alle möglichen Gifte vertragen können, nicht bloß plumpen Arsenik, sondern auch einschläferndes phantastisches Opium, und gar das schleichende Aqua- toffana der Verleumdung! Wie gefällt Ihnen der Knabe, der so lange Beine hat und ein so unzufrieden aufgestülptes Näschen? Den stickt es vielleicht, ein Catilina zu werden, er hat auch lange Finger, und er wird einmal den Ciceros unserer Republik, den gepuderten Vätern des Vaterlandes, eine Gelegenheit geben, sich mit langen, schlechten Reden zu blamieren. Der dort, der arme kränkliche Bub', mochte gewiß weit lieber die Rolle des Brutus spielen . . . Armer Junge, du wirst keinen Cäsar finden, und mußt dich begnügen, einige alte Perücken mit Worten zu erstechen, und wirst dich endlich nicht in dein Schwert, sondern in die Schellingschc Philosophie stürzen und verrückt werden! Ich habe Respekt für diese Kleinen, die sich den ganzen Tag für die hochherzigsten Geschichten der Menschheit interessieren, während ihre Väter nur für das Steigen oder Fallen der StaatSpapiere Interesse fühlen und an Kaffeebohnen und Cochenille und Manufakturwaren denken! Ich hätte nicht übel Lust, dem kleinen Brutus dort eine Düte mit Zuckcrkringcln zu kaufen . . . Nein, ich will ihm lieber Branntwein zu trinken geben, damit er klein bleibe ... Nur solange wir klein sind, sind wir ganz uneigennützig, ganz heldenmütig, ganz heroisch . . . Mit dem wachsenden Leib'schrumpft die Seele immer mehr ein ... Ich fühle es an mir selber . . . Ach, ich bin ein großer Mann gewesen, als ich noch ein kleiner Junge war!" Als wir über den Nomerberg kamen, wollte Börne mich in die alte Kaiserburg hinaufführen, um dort die goldene Bulle zu betrachten. „Ich habe sie noch nie gesehen," seufzte er, „und seit meiner Kindheit hegte ich immer eine geheime Sehnsucht nach dieser goldenen Heinrich Heine über Ludwig Börne. 137 Bulle, Als Kucibc machte ich mir die wunderlichste Vorstellung davon, und ich hielt sie für eine Kuh mit goldenen Hörnern; später bildete ich mir ein, es sei ein Kalb, und erst als ich ein großer Junge ward, erfuhr ich die Wahrheit, daß sie nämlich nur eine alte Haut sei, ein nichtsnutzig Stück Pergament, worauf geschrieben steht, wie Kaiser und Reich sich einander wechselseitig verkauften. Nein, laßt uns diesen miserabelen Kontrakt, wodurch Deutschland zu Grunde ging, nicht betrachten; ich will sterben, ohne die goldene Bulle gesehen zu haben," Ich übergehe hier ebenfalls die bitteren Nachbemerkungen, Es gab ein Thema, das man nur zu berühren brauchte, um die wildesten und schmerzlichsten Gedanken, die in Börnes Seele lauerten, hervorzurufen; dieses Thema war Deutschland und der politische Zustand des deutschen Volkes, Börne war Patriot vom Wirbel bis zur Zehe, und das Vaterland war seine ganze Liebe, Als wir denselben Abend wieder durch die Jndengasse gingen und daS Gespräch über die Insassen derselben wieder anknüpften, sprudelte die Quelle des Börneschen Geistes um so heilerer, da auch jene Straße, die am Tage einen düsteren Anblick gewahrte, jetzt aufs fröhlichste illuminiert war, und die Kinder Israel an jenem Abend, wie mir mein Cicerone erklärte, ihr lustiges Lampenfest feierten. Dieses ist einst gestiftet worden zum ewigen Andenken an den Sieg, den die Makkabttcr über den König von Syrien so heldenmütig erfochten haben, „Sehen Sie," sagte Börne, „das ist der 18, Oktober der Juden, nur daß dieser makkabäische 18, Oktober mehr als zwei Jahrtausende alt ist und noch immer gefeiert wird, statt daß der Leipziger 18, Oktober noch nicht das fünfzehnte Jahr erreicht hat und bereits in Vergessenheit ..geraten, Die Deutschen sollten bei der alten Madame Rothschild in die Schule gehen, um Patriotismus zu lernen. Sehen Sic, hier in diesem kleinen Hanse wohnt die alte Frau, die Lätitin, die so viele Finanz-Bonapartcn geboren hat, die große Mutter aller Anleihen, die aber trotz der Weltherrschaft ihrer königlichen Söhne noch immer ihr kleines Stammschlößchcn in der Jndengasse nicht verlassen will, und heute wegen des großen Freudenfestes ihre Fenster mit weißen Vorhängen geziert hat. Wie vergnügt funkeln die Lämpchen, die sie mit eigenen Händen anzündete, um jenen Siegestag zu feiern, Ivo Judas Makkabäus und seine Brüder ebenso tapfer und heldenmütig das Vaterland befreiten, wie in unseren Tagen Friedrich Wilhelm, Alexander und Franz II, Wenn die gute Frau die Lämpchen betrachtet, treten ihr die Thrttnen in die alten Augen, und sie erinnert sich mit wehmütiger Wonne jener jüngeren Zeit, wo der selige Meyer Amschcl Rothschild, ihr teurer Gatte, das Lampenfest mit ihr feierte, und ihre Söhne noch kleine Bübchen waren und kleine Lichtchcn ans den Boden pflanzten, und in kindischer Lust darüber hin und her sprangen, wie es Brauch und Sitte ist in Israel!" 138 Novellistische Fragmente. „Der alte Rothschild/' fuhr Börne fort, „der Stammvater der regierenden Dynastie, war ein braver Mann, die Frömmigkeit und Gutherzigkeit selbst. Es war ein mildthätiges Gesicht mit einem spitzigen Bärtchen, auf dem Kopf ein dreieckig gehörnter Hut, und die Kleidung mehr als bescheiden, fast ärmlich. So ging er in Frankfurt herum, und beständig umgab ihn, wie ein Hofstaat, ein Haufe armer Leute, denen er Almosen erteilte oder mit gutem Rat zusprach; wenn mau auf der Straße eine Reihe von Bettlern antraf mit getrösteten und vergnügten Mienen, so wußte man, daß hier eben der alte Rothschild seinen Durchzug gehalten. Als ich noch ein kleines Bübchen war, und eines Freitags abends mit meinem Vater durch die Judengasse ging, begegneten wir dein alten Rothschild, welcher eben ans der Synagoge kam; ich erinnere mich, daß er, nachdem er mit meinem Vater gesprochen, auch mir einige liebreiche Worte sagte, und daß er endlich die Hand auf meinen Kopf legte, um mich zu segnen. Ich bin fest überzeugt, diesem Rothschildschen Segen verdanke ich es, daß späterhin, obgleich ich ein deutscher Schriftsteller wurde, doch niemals das bare Geld in meiner wasche ganz ausging." Ich kann nicht umhin, hier die Zwischenbemerkung einzuschalten, daß Börne immer im behaglichen Wohlstande lebte, und sein späterer Illtraliberalismns keineswegs, wie bei vielen Patrioten, dem verbissenen Ingrimm der eigenen Armut beizumessen war. Obgleich er selber reich war, ich sage reich nach dem Maßstabe seiner Bedürfnisse, so hegte er doch einen unergründlichen Groll gegen die Reichen. Obgleich der Segen des Vaters auf seinem Haupte ruhte, so haßte er doch die Söhne, Meyer Amschcl Rothschilds Söhne. Wie weit die persönlichen Eigenschaften dieser Männer zu jenem Hasse berechtigen, will ich hier nicht untersuchen; es wird an einem andern Orte ausführlich geschehen. Hier möchte ich nur der Bemerkung Raum geben, daß unsere deutschen Freiheitsprediger ebenso ungerecht wie thöricht handeln, wenn sie daS Haus Rothschild wegen seiner politischen Bedeutung, wegen seiner Einwirkung auf die Interessen der Revolution, kurz wegen seines öffentlichen Charakters, mit so viel Grimm und Blutgier anfeinden. Es giebt keine stärkere Beförderer der Revolution als eben die Rothschilde . . . und, was noch befremdlicher klingen mag, diese Rothschilde, die Bankiers der Könige, diese fürstlichen Säckelmeister, deren Existenz durch einen tlmstnrz des europäischen Staatssystems in die ernsthaftesten Gefahren geraten dürfte, sie tragen dennoch im Gemütc das Bewußtsein ihrer revolutionären Sendung. Namentlich ist dieses der Fall bei dem Manne, der unter dem scheinloscn Namen Baron James bekannt ist, und in welchem sich jetzt, nach dem Tode seines erlauchten Bruders von England, die ganze politische Bedeutung des Hauses Rothschild resümiert. Dieser Nerv der Finanz, der sich in der Heinrich Heine über Ludwig Börne. 139 Rue Lafitte seinen goldenen Palast erbaut hat und van dart anS als unumschränkter Imperator die Börsen beherrscht, er ist, wie weiland sein Vorgänger, der römische Nerv, am Ende ein gewaltsamer Zerstörer des bevorrechteten Patriziertnms und Begründer der neuen Demokratie. Einst, vvr mehreren Jahren, als er in guter Laune war und wir Arm in Arm, ganz famillionär, wie Hirsch Hyacinth sagen würde, in den Straßen von Paris umherflanicrten, sehte mir Baron James ziemlich klar auseinander, wie eben er selber durch sein Staatspnpierensystem für den gesellschaftlichen Fortschritt in Europa überall die ersten Bedingnisse erfüllt, gleichsam Bahn gebrochen habe. „Zu jeder Begründung einer neuen Ordnung von Dingen," sagte er mir, „gehört ein Zusammenfluß von bedeutenden Menschen, die sich mit diesen Dingen gemeinsam zu beschäftigen haben. Dergleichen Menschen lebten ehemals vom Ertrag ihrer Güter oder ihres Amtes, und waren deshalb nie ganz frei, sondern immer an einen entfernten Grundbesitz oder an irgend eine örtliche Amtsverwaltnng gefesselt; jetzt aber gewährt das Staatspapierensystem diesen Menschen die Freiheit, jeden beliebigen Aufenthalt zu wählen, überall können sie von den Zinsen ihrer Staatspapiere, ihres Portativen Vermögens, geschäftSlos leben, und sie ziehen sich zusammen und bilden die eigentliche Macht der Hauptstädte. Bon welcher Wichtigkeit aber eine solche Residenz der verschiedenartigsten Kräfte, eine solche Centralisation der Intelligenzen und socialen Autoritäten, das ist hinlänglich bekannt. Ohne Paris hätte Frankreich nie seine Revolution gemacht; hier hatten so viele Geister Weg und Mittel gefunden, eine mehr oder minder sorglose Existenz zu führen, miteinander zu verkehren, und so weiter. Jahrhunderte haben in Paris einen solchen günstigen Znstand allmählich herbeigeführt. Durch das Rcntensystem wäre Paris weit schneller Paris geworden, und die Deutschen, die gern eine ähnliche Hauptstadt hätten, sollten nicht über das Rentensystem klagen — es centralisiert, es macht vielen Leuten möglich, an einem selbstgewählten Orte zu leben, und von dort aus der Menschheit jeden nützlichen Impuls zu geben . . ." Von diesem Standpunkt aus betrachtet Rothschild die Resultate seines Schaffens und Treibens. Ich bin mit dieser Ansicht ganz einverstanden, ja ich gehe noch weiter, und ich sehe in Rothschild einen der größten Revolutionäre, welche die moderne Demokratie begründeten. Richelieu, Robespierre und Rothschild sind für mich drei terroristische Namen, und sie bedeuten die graduelle Vernichtung der alten Aristokratie. Richelieu, Robespierre und Rothschild sind die drei furchtbarsten Nivelleurs. Europas. Richelieu zerstörte die Souveränität des Feudalädels und beugte ihn nnter jene königliche Willkür,'die ihn entweder durch Hofdienst herabwürdigte, oder durch 140 Novellistische Fragmente. krantjnnkerliche Unthätigkeit in der Provinz vermodern ließ. Robespierre schlug diesem unterwürfigen und faulen Adel endlich das Haupt ab. Aber der Boden blieb, und der neue Herr desselben, der neue Gutsbesiber, ward ganz wieder ein Aristokrat, wie seine Vorgänger, deren Prätensionen er unter anderem Namen fortsetzte. Da kam Rothschild und zerstörte die Oberherrschaft des Bodens, indem er das Staatspapicrcnsystcm zur höchsten Macht emporhob, dadurch die großen Besitztümer und Einkünfte mobilisierte, und gleichsam das Geld mit den ehemaligen Vorrechten des Bodens belehnte. Er stiftete freilich dadurch eine neue Aristokratie, aber diese, beruhend auf dem unzuverlässigsten Elemente, auf dem Gelds, kann nimmer mehr so nachhaltig miszwirken, wie die ehemalige Aristokratie, die im Boden, in der Erde selber, wurzelte. Geld ist flüssiger als Wasser, windiger als Luft, und dem jetzigen Geldadel verzeiht man gern seine Impertinenzen, wenn man seine Vergänglichkeit bedenkt . .'. er zerrinnt und verdunstet, ehe man sich dessen versieht. Indem ich oben die Namen Richelieu, Robespierre und Rothschild zusammenstellte, drängte sich mir die Bemerkung auf, daß diese drei größten Terroristen noch mancherlei andere Ähnlichkeiten bieten. Sie haben z. B. miteinander gemein eine gewisse unnatürliche Liebe zur Poesie; Richelieu schrieb schlechte Tragödien, Robespierre machte erbärmliche Madrigale, und James Rothschild, wenn er lustig wird, fängt er an zu reimen . . . Doch das gehört nicht hierher, diese Blätter haben sich zunächst mit einem kleineren Revolutionär, mit Ludwig Börne, zu beschäftigen. Dieser hegte, wie wir mit Bedauern bemerken, den höchsten Haß gegen die Nothschilde, und in seinem Gespräche, als nur zu Frank snrt dem Stammhause derselben vorübergingen, äußerte sich jener Haß bereits ebenso grell und giftig, wie in seinen späteren Pariser Briefen. Nichtsdestoweniger ließ er doch den persönlichen Eigenschaften dieser Leute manche Gerechtigkeit widerfahren, und er gestand mir ganz naiv, daß er sie nur hassen könne, daß es ihm aber trotz aller Mühe nicht möglich sei, sie verächtlich oder gar lächerlich zu findeil. „Denn sehen Sie," sprach er, „die Nothschilde haben so viel Geld, eine solche Unmasse von Geld, daß sie uns einen fast grauenhaften Respekt einflößen; sie identifizierten sich, sozusagen, mit dem Begriff des Geldes überhaupt, und Geld kann man nicht verachten. Auch haben diese Leute das sicherste Mittel angewendet, um jenem Nidikül zu entgehen, dem so manche andere baronisiertc Millivnttren- familien des Alten Testaments verfallen sind: sie entHallen sich des christlichen Weihwassers. Die Taufe ist jetzt bei den reichen Juden an der Tagesordnung, und das Evangelium, das den Armen Judäas vergebens gepredigt worden, ist jetzt in üoridus bei den Reichen. Aber da die Annahme desselben nur Selbstbetrug, Ivo nicht gar Lüge Heinrich Heine über Ludwig Börne. 141 ist, und das angeheuchelte Christentum mit dem alten Adam bisweilen recht grell kontrastiert, so geben diese Leute dem Witze und dem Spotte die bedenklichsten Blößein Oder glauben Sie, daß durch die Taufe die innere Natur ganz verändert worden? Glauben Sie, daß mau Läuse in Flöhe verwandeln kann, wenn man sie mit Wasser begießt?" Ich glaube nicht. „Ich glaub's auch nicht, und ein ebenso melancholischer wie lächerlicher Anblick ist es für mich, wenn die alten Lause, die noch aus Ägypten stammen, ans der Zeit der pharaouischen Plage, sich Plötzlich einbilden, sie wären Flöhe, und christlich zu hüpfen beginnen. In Berlin habe ich auf der Straße alte Töchter Israels gesehen, die am Halse lauge Kreuze trugen, Kreuze, die noch länger als ihre Nasen, und bis au den Nabel reichten; in den Händen hielten sie ein evangelisches Gesangbuch, und sie sprachen von der prächtigen Predigt, die sie eben in der DreifaltigkcitSkirche gehört. Die eine srng die andere, bei wem sie daS Abendmahl genommen und beide rochen dabei aus dem Halse. Widerwärtiger war mir noch der Anblick von schmutzigen Bartjnden, die ans ihren polnischen Kloaken kamen, von der Bekehrnngsgesellschaft in Berlin für den Himmel angeworben wurden, und in ihrem mundfaulen Dialekte das Christentum predigten und so entsetzlich dabei stanken. Es wäre jedenfalls wünschenswert, wenn man dergleichen polnisches Läusevolk nicht mit gewöhnlichem Wasser, sondern mit Ean de Cologne taufen ließe." Im Hanse des Gehängten, unterbrach ich diese Rede, muß man nicht von Stricken sprechen, lieber Doktor; sagen Sie mir vielmehr; wo sind jetzt die großen Ochsen, die, wie mein Bater mir einst erzählte, ans dem jüdischen Kirchhofe hier zu Frankfurt herumliefen und in der Nacht so entsetzlich brüllten, daß die Ruhe der Nachbarn dadurch gestört wurde? „Ihr Herr Vater," rief Börne lachend, „hat Ihnen in der That keine Unwahrheit gesagt. Es existierte frnherhin der Gebrauch, daß die jüdischen Viehhändler die männliche Erstgeburt ihrer Kühe nach biblischer Vorschrift dem lieben Gölte widmeten, und in dieser Absicht aus allen Gegenden Deutschlands hierher nach Frankfurt brachten, Ivo man jenen Ochsen Gottes den jüdischen Kirchhof zum Grasen anwies, und wo sie bis an ihr seliges Ende sich herumtrieben und wirklich oft entsetzlich brüllten. Aber die alten Ochsen sind jetzt tot und das heutige Rindvieh hat nicht mehr den rechten Glauben, und ihre Erstgeburten bleiben ruhig daheim, wenn sie nicht gar zum Christentnme übergehen. Die alten Ochsen sind tot." Ich kann nicht umhin, bei dieser Gelegenheit zu erwähnen, daß mich Börne während meines Aufenthaltes in Frankfurt einlud, bei einem seiner Freunde zu Mittag zu speisen, und zwar, weil derselbe, in getreuer Bcharrnis an jüdischen Gebräuchen, mir die berühmte 142 Novellistische Fragmente. Schaletspeise vorsetzen werde; und in der That, ich erfreute mich dort jenes Gerichtes, daS vielleicht noch ägyptischen Ursprungs und alt wie die Pyramiden ist. Ich wundere mich, daß Börne späterhin, als er scheinbar in humoristischer Laune, in der That aber aus plebejischer Absicht, durch mancherlei Erfindungen und Insinuationen, wie gegen Kroneuträger überhaupt, so auch gegen ein gekröntes Dichterhaupt den Pöbel verhetzte ... ich wundere mich, daß er in seinen Schriften nie erzählt hat, mit welchem Appetit, mit welchem Enthusiasmus, mit welcher Andacht, mit welcher Überzeugung ich einst beim Doktor St. . . . das altjüdische Schaletessen verzehrt habe! Dieses Gericht ist aber auch ganz vortrefflich, und es ist schmerzlichst zu bedauern, daß die christliche Kirche, die dem alten Judentum so viel Gutes entlehnte, nicht auch den Schalet adoptiert hat. Vielleicht hat sie sich dieses für die Zukunft noch vorbehalten, und wenn es ihr mal ganz schlecht geht, wenn ihre heiligsten Symbole, sogar daS Kreuz, seine Kraft verloren, greift die christliche Kirche zum Schaletessen, und die entwischten Volker werden sich wieder mit neuem Appetit in ihren Schoß hineindrängen. Die Juden wenigstens werden sich alsdann auch mit Überzeugung dem Christentnme anschließen . . . denn, wie ich klar einsehe, es ist nur der Schalet, der sie zusammenhält in ihrem alten Bunde. Börne versicherte mir sogar, daß die Abtrünnigen, welche zum neuen Bunde übergegangen, nur den Schalet zu riechen brauchen, um ein gewisses Heimweh nach der Synagoge zu empfinden, daß der Schalet, sozusagen, der Kuhreigen der Juden sei. Auch nach Boruheim sind wir miteinander hinausgefahren am Sabbnth, um dort Kaffee zu trinken und die Töchter Israels zu betrachten ... Es waren schöne Mädchen und rochen nach Schalet, allerliebst. Börne zwinkerte mit den Augen. In diesem geheimnisvollen Zwinkern, in diesem unsicher lüsternen Zwinkern, das sich vor der inneren Stimme fürchtet, lag die ganze Verschiedenheit unserer Gefühlsweise. Börne nämlich war, wenn auch nicht in seinen Gedanken, doch desto mehr in seinen Gefühlen, ein Sklave der nazn- renischen Abstinenz; und wie es allen Leuten seinesgleichen geht, die zwar die sinnliche Enthaltsamkeit als höchste Tilgend anerkennen, aber nicht vollständig ausüben können, so wagte er es nur im verborgenen, zitternd und errötend, wie ein genäschiger Knabe, von Evas verbotenen Äpfeln zu kosten. Ich weiß nicht, ob bei diesen Leuten der Genuß intensiver ist, als bei uns, die wir dabei den Reiz des geheimen Unterschleifs, der moralischen Kontrebande, entbehren; behauptet man doch, daß Mohammed seinen Türken den Wein verboten habe, damit er ihnen desto süßer schmecke. In großer Gesellschaft war Börne wortkarg und einsilbig, und dem Fluß der Rede überließ er sich nur im Zwiegespräch, wenn er Heinrich Heine über Ludwig Börne. 143 glaubte, sich neben einem gleichgcsinntcn Menschen zu befinden. Daß Börne mich für einen solchen ansah, war ein Irrtum, der späterhin für mich sehr viele Verdrießlichkeiten zur Folge hatte. Schon damals in Frankfurt harmonierten wir nur im Gebiete der Politik, keineswegs in den Gebieten der Philosophie oder der Kunst oder der Natur, — die ihm sämtlich verschlossen waren. Vielleicht entfallen mir späterhin in dieser Beziehung einige charakteristische Züge. Wir waren überhaupt von entgegengesetztem Wesen, und diese Verschiedenheit wurzelte am Ende vielleicht nicht bloß in unserer moralischen, sondern auch physischen Natur. Es giebt im Grunde nur zwei Menschensorten, die mageren und die fetten, oder vielmehr Menschen, die immer dünner werden, und solche, die ans schmächtigen Anfängen allmählich zur rundlichsten Korpulenz übergehen. Die erstercn sind eben die gefährliche Sorte, die Cäsar so sehr fürchtete — „ich wollte, er wäre fetter", sagte er von Cassius. Brutus war von einer ganz andern Sorte, und ich bin überzeugt, wenn er nicht die Schlacht bei Philippi verloren und sich bei dieser Gelegenheit erstochen hätte, wäre er ebenso dick geworden, wie der Schreiber dieser Blätter — „Und Brutus war ein braver Mann." Da ich hier an Shakespeare erinnert werde, so ergreife ich die Gelegenheit, mich für eine alte Lesart zu erklären, die den Hamlet „fett" nennt. — Bedauernswürdiger Prinz von Dänemark! die Natur hatte dich dazu bestimmt, in glücklichster Wohlbeleibtheit deine Tage zu verschleudern, und da fällt auf einmal die Welt aus ihren Angeln, und du solltest sie wieder einrahmen! Armer dicker Dänen- Prinz! Die drei Tage, welche ich in Frankfurt in Bornes Gesellschaft zubrachte, verflossen in fast idyllischer Friedsamkeit. Er bch.rebte sich angelegentlichst, mir zu gefallen. Er ließ die Raketen seines Witzes so heiter als möglich aufleuchten, und wie bei chinesischen Feuerwerken am Ende der Feuerwerker selbst unter sprühendem Flammcn- gcprassel in die Luft steigt, so schlössen die humoristischen Reden deS Mannes immer mit einem tollen Brillantfeuer, worin er sich selbst aufs keckste preisgab. Er war harmlos wie ein Kind. Bis zum letzten Augenblick meines Aufenthaltes in Frankfurt lief er gemütlich neben mir einher, mir an den Augen ablauschend, ob er mir vielleicht noch irgend eine Liebe erweisen könne. Er wußte, daß ich ans Veranlassung des alten Baron Cotta nach München reiste, um dort die Redaktion der politischen Annaien zu übernehmen und auch einigen projektierten litterarischen Instituten meine Thätigkeit zu widmen. Es galt damals, sür die liberale Presse jene Organe zu schassen, die späterhin so heilsamen Einfluß üben könnten; es galt die Zukunft zu säen, eine Aussaat, für welche in der Gegenwart nur 144 Novellistische Fragmente. die Feinde Augen hatten, so daß der arme Säcmann schon gleich nur Arger und Schmähung einerntete. Mänuiglich bekannt sind die giftigen Jämmerlichkeiten, welche die ultramvntauc aristokratische Propaganda in München gegen mich und meine Freunde ausübte. „Hüten Sie sich, in München mit den Pfaffen zu kollidieren," waren die letzten Worte, welche mir Börne beim Abschied ins Ohr flüsterte. Als ich schon im Coups des Postwagens saß, blickte er mir noch lange nach, wehmütig, wie ein alter Seemann, der sich aufs feste Land zurückgezogen hat und sich von Mitleid bewegt fühlt, wenn er einen jungen Fant sieht, der sich zum ersten Male nnfs Meer bcgiebt . . . Der Alte glaubte damals, dem tückischen Elemente ans ewig Valct gesagt zu haben und den Nest seiner Tage im sicheren Hafen beschließen zu können. Armer Mann! Die Götter wollten ihm diese Ruhe nicht gönnen! Er mnßte bald wieder hinaus ans die hohe See, und dort begegneten sich unsere Schiffe, während jener furchtbare Sturm wütete, worin er zu Grunde ging. Wie da? heulte! wie das krachte! Beim Licht der gelben Blitze, die aus dem schwarzen Gewölk Herabschossen, konnte ich genau sehen, wie Mut und Sorge ans dem Gesichte des Mannes schmerzlich wechselten! Er stand am Steuer seines Schiffes und trotzte dem Ungestüm der Wellen, die ihn manchmal zu verschlingen drohten, manchmal ihn nur kleinlich bespritzten und durchnäßten, was einen so kummervollen und zugleich komischen Anblick gewährte, daß man darüber weinen und lachen konnte. Armer Mann! Sein Schiff war ohne Anker und sein Herz ohne Hoffnung . . . Ich sah, wie der Mast brach, wie die Winde das Tauwerk zerrissen ... Ich sah, wie er die Hand nach mir ausstreckte . . . Ich durfte sie nicht erfassen, ich durfte die kostbare Ladung, die heiligen Schätze, die mir vertraut, nicht dem sicheren Verderben preisgeben . . . Ich trug an Bord meines Schiffes die Götter der Zukunft. Zweites Buch. Helgoland, den 1. ZnlinS 18ZV. — — Ich selber bin dieses Guerilla-KriegeS müde und sehne mi ch nach Ruhe, wenigstens nach einem Zustand, Ivo ich mich meinen natürlichen Neigungen, meiner träumerischen Art und Weise, meinem phantastischen Sinnen und Grübeln ganz fesscllos hingeben kann. Welche Ironie des Geschickes, daß ich, der ich mich so gerne auf die Pfühle des stillen beschaulichen GemütlebenS bette, daß eben ich dazu bestimmt war, meine armen Mitdeutschen aus ihrer Behaglichkeit hervvrzugeißeln und in die Bewegung hineinznhetzcn! Ich, der ich mich am liebsten damit beschäftige, Wolkenzüge zu beobachten, metrische Wortznuber zu erklügeln, die Geheimnisse der Elcmentargeister zu erlauschen, und mich in die Wnndcrwelt alter Märchen zu versenken . . . Heinrich Heine über Ludwig Börne. 148 ich mußte politische Aunnlcn herausgeben. Zeitinteressen vortragen, revolutionäre Wünsche anzetteln, die Leidenschaften aufstacheln, den armen deutschen Michel bestandig an der Nase zupfen, daß er aus seinein gesunden Riesenschlaf erwache . . . Freilich, ich konnte dadurch bei dem schnarchenden Giganten nur ein sanftes Niesen, keineswegs aber ein Erwachen bewirken , , . Und riß ich auch heftig an seinem Kopfkissen, so rückte er es sich doch wieder zurecht mit schlaftrunkener Hand , , . Einst wollte ich aus Verzweiflung seine Nachtmütze in Brand stecken, aber sie war so feucht von Gedankcnschweiß. daß sie nur gelinde rauchte . . , und Michel lächelte im Schlummer . . . Ich bin müde und lechze nach Ruhe. Ich »verde mir ebenfalls eine deutsche Nachtmütze anschaffen und über die Ohren ziehen. Wenn ich nur wüßte, wo ich jetzt »nein Haupt niederlegen kann. In Deutschland ist es unmöglich. Jeden Augenblick würde ein Polizei- dicner herankommen und mich rütteln, um zu erproben, ob ich wirklich schlafe; schon diese Idee verdirbt mir aller' Behagen. Aber in der That. Ivo soll ich hin? Wieder nach Süden? Nach dem Lande. Ivo die Citronen blühen und die Goldorangen? Ach! vor jedem Citronenbaum steht dort eine österreichische Schildwache. und donnert dir ein schreckliches „Wer da!" entgegen. Wie die Citronen. so sind auch die Goldorangen jetzt sehr sauer. Oder soll ich nach Norden? Etiva nach Nordosten? Ach! die Eisbären sind jetzt gefährlicher als je. seitdem sie sich civilisicrcu und Glacehandschuhe tragen. Oder soll ich wieder nach dem verteufelten England, wo ich nicht in skÜAis hängen, wie viel weniger in Person leben möchte! Man sollte einem noch Geld dazu geben, um dort zu wohnen, und statt dessen kostet einem der Aufenthalt in England doppelt so viel, wie an andern Orten. Nimmermehr nach diesem schnöden Lande, wo die Maschinen sich wie Menschen, und die Menschen »nie Maschinen gebärden. Das schnurrt und schweigt so beängstigend. Als ich dem hiesigen Gouverneur präsentiert wurde, und dieser Stvckcngländer mehrere Minuten, ohne ein Wort zu sprechen, unbeweglich vor mir stand, kam es mir unwillkürlich in den Sinn, ihn einmal von hinten zu betrachten, um nachzusehen, ob man etiva dort vergessen habe, die Maschine aufzuziehen. Daß die Insel Helgoland unter britischer Herrschaft steht, ist mir schon hinlänglich fatal. Ich bilde mir manchmal ein, ich röche jene Langeweile, welche Albions Söhne überall ausdünsten. In der That, aus jedem Engländer entwickelt sich ein gewisses Gas, die tödliche Stickluft der Langeweile, und dieses habe ich mit eigenen Augen beobachtet, nicht in England, Ivo die Atmosphäre ganz davon geschwängert ist, aber in südlichen Ländern, wo der reisende Brite isoliert umherwandert, und, die graue Aureole der Langeweile, die sein Haupt umgiebt, in der sonnig blauen Luft recht schneidend sichtbar wird. Die Engländer freilich glauben, ihre dicke Langeweile sei Heine's W crke. XI. Vd. 1ö 146 Novellistische Fragmente. ein Produkt de? Ortes, und, um derselben zu entfliehen, reisen sie durch alle Lande, langweilen sich überall und kehren heim mit einem Ui-rrz- ob an snnn^o. Es geht ihnen, wie dem Soldaten, dem seine Kameraden, als er schlafend ans der Pritsche lag, Unrat unter die Nase rieben; als er erwachte, bemerkte er, eS röche schlecht in der Wachtstube, und er ging hinaus, kam aber bald zurück und behauptete, auch draußen röche es übel, die ganze Welt stänke. Einer meiner Freunde, welcher jüngst ans Frankreich kam, behauptete, die Engländer bereisten den Kontinent aus Verzweiflung über die plumpe Küche ihrer Heimat; an den französischen Table d'hoten sähe man dicke Engländer, die nichts als Bol-an-Vcnts, Creme, Suprsmes, Ragouts, Gelees und dergleichen luftige Speisen verschluckten, und zwar mit jenem kolossalen Appetite, der sich daheim an Roastbeesmasscn und Uorkshirer Plnmpudding geübt hatte, und wodurch am Ende alle französischen Gastwirte zu Grunde gehen müssen. Ist etwa wirklich die Exploitation der Table d'hoten der geheime Grund, weshalb die Engländer herumreisen? Während wir über die Flüchtigkeit lächeln, womit sie überall die Merkwürdigkeiten und Gemäldegalerien ansehen, sind sie es vielleicht, die nnS mystifizieren, und ihre belächelte Neugier ist nichts als ein pfiffiger Deckmantel für ihre gastronomischen Absichten. Aber wie vortrefflich auch die französische Küche, in Frankreich selbst soll es jetzt schlecht aussehen, und die große Retirade hat noch kein Ende. Die Jesuiten florieren dort und singen Trinmphlieder. Die dortigen Machthaber sind dieselben Thoren, denen man bereits vor fünfzig Jahren die Köpfe abgeschlagen . . . Was half's! sie sind dem Grabe wieder entstiegen, und jetzt ist ihr Regiment thörichtcr als früher; denn als man sis aus dem Tvtenreich ans Tageslicht heraufließ, haben manche von ihnen in der Hast den ersten, besten Kopf aufgesetzt, der ihnen zur Hand lag, und da ereigneten sich gar heillose Mißgriffe; die Köpfe passen manchmal nicht zu dem Rumpf und zu dem Herzen, das darin spukt. Da ist mancher, welcher wie die Vernunft selbst auf der Tribüne sich ausspricht, so daß wir den klugen Kopf bewundern, und doch läßt er sich gleich darauf von dem unverbesserlich verrückten Herzen zu den dümmsten Handlungen verleiten ... Es ist ein grauenhafter Widerspruch zwischen den Gedanken und Gefühlen, den Grundsätzen und Leidenschaften, den Reden und den Thaten dieser Revenants! Oder soll ich nach Amerika, nach diesem ungeheuren Freiheitsgefängnis, Ivo die unsichtbaren Ketten mich noch schmerzlicher drücken würden, als zu Hause die sichtbaren, und wo der widerwärtigste aller Tyrannen, der Pöbel, seine rohe Herrschaft ausübt! Du weißt, wie ich über dieses gottverfluchte Land denke, das ich einst liebte, als ich es nicht kannte . . . Und doch muß ich es öffentlich loben und preisen, Heinrich Heine über Ludwig Börne. 147 aus Metierpflicht ,.. Ihr lieben deutschen Bauern! geht nach Amerika! dvrt giebt eS weder Fürsten nach Adel, alle Menschen sind dort gleich, gleiche Flegel , , , mit Ausnahme freilich einiger Millionen, die eine schwarze oder braune Haut haben und wie die Hunde behandelt werden! Die eigentliche Sklaverei, die in den meisten nordamerikanischen Provinzen abgeschafft, empört mich nicht so sehr, wie die Brutalität, womit dort die freien Schwarzen und die Mulatten behandelt werden. Wer auch nur im entferntesten Grade von einem Neger stammt, und wenn auch nicht mehr in der Farbe, sondern nur in der Gesichtsbildnng eine solche Abstammung verrät, muß die größten Kränkungen erdulden, Kränkungen, die uns in Europa fabelhaft dünken. Dabei machen diese Amerikaner großes Wesen von ihrem Christentum und sind die eifrigsten Kirchengänger, Solche Heuchelei haben sie von den Engländern gelernt, die ihnen übrigens ihre schlechtesten Eigenschafteil zurückließen. Der weltliche Nutzen ist ihre eigentliche Religion, und das Geld ist ihr Gott, ihr einziger, allmächtiger Gott, Freilich, manches edle Herz mag dort im stillen die allgemeine Selbstsucht und Ungerechtigkeit bejammern. Will es aber gar dagegen ankämpfen, so harret seiner ein Märtprtum, das alle enropästchen Begriffe übersteigt. Ich glaube, eS war in New Uork, wo ein protestantischer Prediger über die Mißhandlung der farbigen Menschen so empört war, daß er, dem grausamen Vorurteil trotzend, seine eigene Tochter mit einem Neger verheiratete. Sobald diese wahrhaft christliche That bekannt wurde, stürmte das Volk nach dem Hanse des Predigers, der nur durch die Flucht dem Tode entrann; aber das Haus ward demoliert, und die Tochter des Predigers, das arme Opfer, ward vom Pöbel ergriffen und mußte seine Wut entgelten, Lire vns tiinslrsä, d, h, sie ward splitternackt ausgekleidet, mit Teer bestrichen, in den aufgeschnittenen Federbetten herumgewälzt, in solcher anklebenden Federhülle durch die ganze Stadt geschleift und verhöhnt , , , O Freiheit, du bist ein böser Traum! Helgoland, den s, Julius, Da gestern Sonntag war, und eine bleierne Langeweile über der ganzen Insel lag und mir fast das Haupt eindrückte, griff ich ans Verzweiflung zur Bibel , , , und ich gestehe es dir, trotzdem, daß ich ein heimlicher Hellene bin, hat mich das Buch nicht bloß gut unterhalten, sondern auch weidlich erbaut. Welch ein Buch! groß und weit lvie die Welt, wnrzelnd in die Abgründe der Schöpfung und hinanfragend in die blauen Geheimnisse des Himmels , , , Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, Verheißung und Erfüllung, Geburt und Tod, das ganze Drama der Menschheit, alles ist in diesem Buche , .. Es ist das Buch der Bücher, Biblia, Die Juden 10* 148 Novellistische Fragmente. sollten sich leicht trösten, daß sie Jerusalem und den Tempel und die Bundeslade und die goldenen Geräte und Kleinodien Salomonis eingebüßt haben . . . solcher Verlust ist doch nur geringfügig in Ver- gleichnng mit der Bibel, dem unzerstörbaren Schatze, den sie gerettet. Wenn ich nicht irre, war es Mohammed, welcher die Juden „das Volk des Buches" nannte, ein Name, der ihnen bis heutigen Tag im Oriente verblieben und tiefsinnig bezeichnend ist. Ein Buch ist ihr Baterland, ihr Besitz, ihr Herrscher, ihr Glück und ihr Unglück. Sie leben in den umfriedeten Marken dieses Buches, hier üben sie ihr unveräußerliches Bürgerrecht, hier kann man sie nicht verjagen, nicht verachten, hier sind sie stark und bewunderungswürdig. Versenkt in der Lektüre dieses Buches, merkten sie wenig von den Veränderungen, die um sie her in der wirklichen Welt vorfielen; Völker erhoben sich und schwanden, Staaten blühten empor und erloschen, Revolutionen stürmten über den Erdboden . . . sie aber, die Inden, lagen gebeugt über ihrem Buche und merkten nichts von der wilden Jagd der Zeit, die über ihre Häupter dahinzog! Wie der Prophet des Morgenlandes sie „das Volk des Buches" nannte, so hat sie der Prophet des Abendlandes in seiner Philosophie der Geschichte als „das Volk des Geistes" bezeichnet. Schon in ihre» frühesten Anfängen, wie wir im Pentatench bemerken, bekunden die Inden ihre Vorneignng für daS Abstrakte, und ihre ganze Religion ist nichts als ein Akt der Dialektik, wodurch Materie und Geist getrennt, und das Absolute nur in der alleinigen Form des Geistes anerkannt wird. Welche schauerlich isolierte Stellung mußten sie einnehmen unter den Völkern des Altertums, die, dem freudigsten Naturdienste ergeben, den Geist vielmehr in den Erscheinungen der Materie, in Bild und Symbol begriffen! Welche entsetzliche Opposition bildeten sie deshalb gegen das bnnlgefärbte, hiervglyphenwimmelnde Ägypten, gegen Phönizicn, den großen Frcudetcmpel der Astarte, oder gar gegen die schöne Sünderin, das holde, süßduftige Babylon und endlich gar gegen Griechenland, die blühende Heimat der Kunst! Es ist ein merkwürdiges Schauspiel, wie das Volk des Geistes sich allmählich ganz von der Materie befreit, sich ganz spiritnalisiert. Moses gab dem Geiste gleichsam materielle Bollwerke gegen den realen Andrang der Nachbarvölker; rings um das Feld, wo er Geist gesäct, pflanzte er das schroffe Ceremoninlgesetz und eine egoistische Nationalität als schlitzende Dornhccke. Als aber die heilige Geistpflanze so tiefe Wurzel geschlagen und so himmelhoch emporgeschossen, daß sie nicht mehr ansgereutct werden konnte, da kam Jesus Christus und riß das Ccremonialgesetz nieder, das fürder keine nützliche Bedeutung mehr hatte, und er sprach sogar das VernichtnngSnrteil über die jüdische Nationalität ... Er berief alle Völker der Erde zur Teilnahme an dem Reiche Gottes, das früher nur einem einzigen aus- Heinrich Heine iiber Ludwig Börne. 149 erlesenen Gottesvolke gehörte, er gab der ganzen Menschheit das jüdische Bürgerrecht . , . Das war eine große Emancipativnsfrage, die jedoch weit großmütiger gelöst wnrde, wie die heutigen Eman- cipationsfragcn in Sachsen und Hannover . . . Freilich, der Erlöser, der seine Brüder vom Ceremvnialgesetz nnd der Nationalitat befreite, und den KoSmopolitismns stiftete, ward ein Opfer seiner Humanität, und der Stadtmagistrat von Jerusalem ließ ihn kreuzigen nnd der Pöbel verspottete ihn . . . Aber nur der Leib ward verspottet nnd gekreuzigt, der Geist ward verherrlicht, nnd das Martyrium des Trinmphators, der dem Geiste die Weltherrschaft erwarb, ward Sinnbild dieses Sieges, nnd die ganze Menschheit strebte seitdem, in iinitationsin Obristi, nach leiblicher Abtötung und übersinnlichem Aufgehen im absoluten Geiste ... Wann wird die Harmonie wieder eintreten, wann wird die Welt wieder gesunden von dem einseitigen Streben nach Vcrgeistignng, dem tollen Jrrtnmc, wodurch sowohl Seele wie Körper erkrankten! Ein großes Heilmittel liegt in der politischen Bewegung und in der Kunst. Napoleon und Goethe haben trefflich gewirkt. Jener, indem er die Völker zwang, sich allerlei gesunde Körperbewegung zu gestatten c dieser, indem er uns wieder für griechische Kunst empfänglich machte und solide Werke schuf, woran wir uns, wie an marmornen Götter bildcrn, festklammern können, um nicht unterzugehen im Nebelmecr des absoluten Geistes ... Helgoland, den 18. Julius. Im Alten Testamente habe ich das erste Buch Mosis ganz durchgelesen. Wie lange Karawaucnzüge zog die heilige Borwelt durch meinen Geist. Die Kamele ragen hervor. Auf ihrem hohen Nückcn scheu die verschleierten Rosen von Kanaan. Fromme Bichhirtcn, Ochsen nnd Kühe vor sich hintrcibeud. Das zieht iiber kahle Berge, heiße Saudflächen, wo nur hier und da eine Pnlmengrnppe zum Vorschein kommt nnd Kühlung fächelt. Die Knechte graben Brunnen. Süßes, stilles, Hellsvnnigcs Mvrgenland! Wie lieblich ruht es sich unter deinen Zelten! O Laban, könnte ich deine Herden weiden! Fch würde dir gerne sieben Jahre dienen um Rahcl, nnd noch andere sieben Jahre für die Lea, die du mir in den Kauf giebst! Ich höre, wie sie blöken die Schafe Jakobs und ich sehe, wie er ihnen die geschälten Stäbe vorhält, wenn sie in der Brunstzeit zur Tränke gehen. Die gesprenkelten gehören jetzt uns. Unterdessen kommt Rüben nach Hanse nnd bringt seiner Mutter einen Strauß Judaim, die er auf dem Felde gepflückt. Rahel verlangt die Jndaim, und Lea giebt sie ihr mit der Bedingung, daß Jakob die nächste Nacht bei ihr schlafe. Was sind Judaim? Die Kommentatoren haben sich vergebens darüber den Kopf zerbrochen. Luther weiß sich nicht besser zu helfen, als daß 150 Novellistische Fragmente. er diese Blumen ebenfalls Judaim nennt. Es sind vielleicht schwäbische Gelbveiglein. Die Liebesgeschichte von der Dina und dem jungen Sichern hat mich sehr gerührt. Ihre Brüder Simeon und Levy haben jedoch die Sache nicht so sentimentalisch aufgefaßt. Abscheulich ist es, daß sie den unglücklichen Sichem und alle seine Angehörigen mit grimmiger Hinterlist erwürgten, obgleich der arme Liebhaber sich anheischig machte, ihre Schwester zu heiraten, ihnen Länder und Güter zu geben, sich mit ihnen zu einer einzigen Familie zu verbünden, obgleich er bereits in dieser Absicht sich und sein ganzes Volk beschneiden ließ. Die beiden Burschen hätten froh sein sollen, daß ihre Schwester eine so glänzende Partie machte, die angelobte Verschwägernng war für ihren Stamm von höchstem Nutzen, und dabei gewannen sie außer der kostbarsten Mvrgengabe auch eine gute Strecke Land, dessen sie eben sehr bedurften . . . Man kann sich nicht anständiger ausführen, wie dieser verliebte Sichemprinz, der am Ende doch nur aus Liebe die Rechte der Ehe anticipiert hatte . . . Aber das ist es, er hatte ihre Schwester geschwächt, und für dieses Vergehen gicbt es bei jenen ehrstolzen Brüdern keine andere Buße, als den Tod . . . und wenn der Vater sie ob ihrer blutigen That zur Rede stellt und die Vorteile erwähnt, die ihnen die Verschwägerung mit Sichein verschafft hätte, antworten sie: „Sollten wir etwa Handel treiben mit der Jungferschaft unserer Schwester?" Störrige, grausame Herzen, diese Brüder! Aber unter dem harten St ein duftet das zarteste Sittlichkeitsgefühl. Sonderbar, dieses Sittlichkeitsgefühl, wie es sich noch bei andern Gelegenheiten im Leben der Erzväter äußert, ist nicht Resultat einer positiven Religion oder einer politischen Gesetzgebung — nein, damals gab es bei den Vorfahren der Juden weder positive Religion, noch politisches Gesetz, beides entstand erst in späterer Zeit. Ich glaube daher behaupten zu können, die Sittlichkeit ist unabhängig von Dogma und Legislation, sie ist ein reines Produkt des gesunden Menschengefühls, und die wahre Sittlichkeit, die Vernunft des Herzens, wird ewig fortleben, wenn auch Kirche und Staat zu Grunde gehen. Ich wünschte, wir besäßen ein anderes Wort zur Bezeichnung dessen, was wir jetzt Sittlichkeit nennen. Wir könnten sonst verleitet werden, die Sittlichkeit als Produkt der Sitte zu betrachten. Die romanischen Völker sind in demselben Falle, indem ihr nrorals von raorss abgeleitet worden. Aber wahre Sittlichkeit ist, wie von Dogma und Legislation, so auch von den Sitten eines Volkes unabhängig. Letztere sind Erzeugnisse des Klimas, der Geschichte, und aus solchen Faktoren entstanden Legislation und Dogmatil. Es gicbt daher eine indische, eine chinesische, eine christliche Sitte, aber es giebt nur eine einzige, nämlich eine menschliche Sittlichkeit. Diese läßt sich vielleicht nicht im Begriff erfassen, und das Gesetz der Sittlichkeit, daS wir Heinrich Heine iiber Ludwig Börne. 151 Moral nennen, ist nnr eine dialektische Spielerei. Die Sittlichkeit offenbart sich in Handlungen, und nnr in den Motiven derselben, nicht in ihrer Form und Farbe liegt die sittliche Bedeutung. Ans dem Titelblatt von Golvwins Reise nach Japan stehen als Mottv die schonen Worte, welche der russische Reisende von einem vornehmen Japanesen vernommen: „Die Sitten der Volker sind verschieden, aber gute Handlungen werden überall als solche anerkannt werden." Solange ich denke, habe ich über diesen Gegenstand, die Sittlichkeit, nachgedacht. Das Problem über die Natnr des Guten und Bösen, das seit anderthalb Jahrtausend alle große Gemüter in qualende Bewegung gesetzt, hat sich bei mir nnr in der Frage von der Sittlichkeit geltend gemacht — — Aus dem Alten Testament springe ich manchmal ins Neue, und auch hier iiberschauert mich die Allmacht des großen Buches. Welchen heiligen Boden betritt hier dein Fuß! Bei dieser Lektüre sollte man die schuhe ausziehen, wie in der Nahe von Heiligtümern. Die merkwürdigsten Worte des Neuen Testaments sind für mich die Stelle des Evangelium Johannis, Kap. XVI, Vers 12 n. 13. „Ich habe euch noch viel zu sagen, aber ihr könnet es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, der wird euch in alle Wahrheit leiten. Denn er wird nicht von sich selbst reden, sondern, was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen." Das letzte Wort ist also nicht gesagt worden, und hier ist vielleicht der Ring, woran sich eine neue Offenbarung knüpfen läßt. Sie beginnt mit der Erlösung vom Worte, macht dem Martyrium ein Ende, und stiftet das Reich der ewigen Freude: das Millennium. Alle Verheißungen finden zuletzt die reichste Erfüllung. Eine gewisse mystische Doppelsinnigkeit ist vorherrschend im Neuen Testamente. Eine kluge Abschweifung, nicht ein System sind die Worte: „Gieb Cäsarn, waS des Casars, und Gvit, was Gottes ist." So auch, wenn man Christum fragt: „Bist du .König der Inden?" so ist die Antwort ausweichend. Ebenfalls ans die Frage, ob er Gottes Sohn sei. Mohammed zeigt sich weit offener, bestimmter. Als man ihn mit einer ähnlichen Frage anging, nämlich, ob er Gottes Sohn sei, antwortete er: „Gott hat keine Kinder." Welch ein großes Drama ist die Passion! lind wie tief ist es motiviert durch die Prophezeiungen des Alten Testamentes! Sie konnte nicht umgangen werden, sie war das rote Siegel der Be- glanbnis, tsstnrnsntnrn. Gleich den Wundern, so hat auch die Passion als Annonce gedient . . . Wenn jetzt ein Heiland aufsteht, braucht er sich nicht mehr kreuzigen zu lassen, um seine Lehre eindrücklich zu veröffentlichen ... er läßt sie ruhig drucken, und annonciert IZ2 Novellistische Fragmente, das Büchlein in der Allgemeinen Zeitung mit sechs Kreuzern die Zeile Jnscrtionsgcbühr, Welche süße Gestalt, dieser Gottmensch! Wie borniert erscheint, in Vergleichnng mit ihm, der Heros des Alten Testaments! Moses liebt sein Volk mit einer rührenden Innigkeit; wie eine Mutter, sorgt er für die Zukunft dieses Volkes, Christus liebt die Menschheit, jene Sonne nmflammte die ganze Erde mit den wärmenden Strahlen seiner Liebe, Welch ein lindernder Balsam für alle Wunden dieser Welt sind seine Worte! Welch ein Heilqncll für alle Leidende war das Blut, welches auf Golgatha floß! , , , Die weißen marmornen Griechengötter wurden bespritzt von diesem Blute, und erkrankten vor innerem Grauen, und konnten nimmermehr genesen! Die meisten freilich trugen schon längst in sich das verzehrende Siechtum, und nur der Schreck beschleunigte ihren Tod, Zuerst starb Pan, Kennst du die Sage, wie Plntarch sie erzählt? Diese Schiffersage des Altertums ist höchst merkwürdig, — Sie lautet folgendermaßen: Zur Zeit des Tiberius fuhr ein Schiff nahe an den Inseln Parä, welche an der Küste von Atollen liegen, des Abends vorüber. Die Leute, die sich darauf befanden, waren noch nicht schlafen ge- gangen, und viele saßen nach dem Nachtessen beim Trinken, als man ans einmal von der Küste her eine Stimme vernahm, welche den Namen des Thamns sso hieß nämlich der Steuermann) so laut rief, daß alle in die größte Verwunderung gerieten. Beim ersten und zweiten Rufe schwieg Thamus, beim dritten antwortete er; worauf dann die Stimme mit noch verstärktem Tone diese Worte zu ihm sagte: „Wenn du auf die Höhe von Palodes anlangst, so verkündige, daß der große Pan gestorben ist!" Als er nun diese Höhe erreichte, vollzog Thamus den Auftrag, und rief vom Hinterteil des Schiffes nach dem Lande hin: „Der große Pan ist tot!" Auf diesen Ruf erfolgten von dorther die sonderbarsten Klagetöne, eine Gemisch von Seufzen und Geschrei der Verwunderung, und wie von vielen zu gleich erhoben. Die Angenzeugen erzählten dies Ereignis in Rom, wo man die wunderlichsten Meinungen darüber äußerte, Tiberius ließ die Sache naher untersuchen und zweifelte nicht an der Wahrheit, Helgoland, den so, Julius, Ich habe wieder im Alten Testamente gelesen. Welch ein großes Buch! Merkwürdiger noch als der Inhalt isr für mich diese Darstellung, >vv das Wort gleichsam ein Naturprodukt ist, wie ein Baum, ivie eine Blume, wie das Meer, wie die Sterne, wie der Mensch selbst. Das sproßt, das fließt, das funkelt, das lächelt, man weiß nicht wie, man weiß nicht warum, man findet alles ganz natürlich. Das ist wirklich das Wort Gottes, statt daß andere Bücher nur von Menschenwitz zeugen. Im Homer, dem andern großen Buche, ist Heinrich Heine über Ludwig Börne. 153 die Darstellung ein Produkt der Kunst, und wenn auch der Stoff immer, ebenso wie in der Bibel, aus der Realität aufgegriffen ist, so gestaltet er sich doch zu einem poetischen Gebilde, gleichsam umgeschmolzen im Tiegel des menschlichen Geistes; er wird geläutert durch einen geistigen Prozeß, welchen wir die Kunst nennen. In der Bibel erscheint auch keine Spur von Knust; das ist der Stil eines Notizen bnches, worin der absolute Geist, gleichsam ohne alle individuelle menschliche Beihilfe, die Tagesvorfälle eingezeichnet, ungefähr mit derselben thatsächlichcn Treue, womit wir unsere Waschzettel schreiben. Über diesen Stil läßt sich gar kein Urteil aussprechen, man kann nur seine Wirkung ans unser Gemüt konstatieren, und nicht wenig mußten die griechischen Grammatiker in Verlegenheit geraten, als sie manche frappante Schönheiten in der Bibel nach hergebrachten Knnstbegriffcn definieren sollten. Lvnginns spricht von Erhabenheit. Neuere Ästhetiker sprechen von Naivität. Ach! wie gesagt, hier fehlen alle Maßstäbe der Beurteilung ... die Bibel ist das Wort Gottes. Nur bei einem einzigen Schriftsteller finde ich etwas, was an jenen unmittelbaren Stil der Bibel erinnert. Das ist Shakespeare. Auch bei ihm tritt das Wort manchmal in jener schauerlichen Nacktheit hervor, die uns erschreckt und erschüttert; in den Shakespearcschen Werken sehen wir manchmal die leibhaftige Wahrheit ohne Knnst- gewand. Aber das geschieht nur in einzelnen Momenten; der Genius der Kunst, vielleicht seine Ohnmacht fühlend, überließ hier der Natur sein Amt ans einige Augenblicke und behauptet hernach um so eifersüchtiger seine Herrschaft in der plastische» Gestaltung und der witzigen Verknüpfung des Dramas. Shakespeare ist zu gleicher Zeit Jude und Grieche, oder vielmehr beide Elemente, der Spiritualismus und die Kunst haben sich in ihm versöhnnngsvoll durchdrungen und zu einem höheren Ganzen entfaltet. Ist vielleicht solche harmonische Vermischung der beiden Elemente die Aufgabe der ganzen europäischen Civilisation? Wir sind noch sehr weit entfernt von einem solchen Resultate. Der Grieche Goethe, und mit ihm die ganze poetische Partei, hat in jüngster Zeit seine Antipathie gegen. Jerusalem fast leidenschaftlich ausgesprochen. Die Gegenpartei, die keinen großen Namen an ihrer Spitze hat, sondern nur einige Schreihälse, wie z. B. der Jude Pnstknchcn, der Jude Wolfgang Menzel, der Jude Hengstenberg, diese erheben ihr pharisäisches Zeter um so krächzender gegen Athen und den großen Heiden. Mein Stnbennachbar, ein Jnstizrat aus Königsberg, der hier badet, hält mich für einen Pietisten, da er immer, wenn er mir seinen Besuch abstattet, die Bibel in meinen Händen findet. Er möchte mich deshalb gern ein bißchen prickeln, und ein kaustisch ost- prenßisches Lächeln beflimmert sein mageres Hagestolzes Gesicht jedes- 154 Novellistische Fragmente. mal, wenn er über Religion mit mir sprechen kann. Wir disputierten gestern über die Dreieinigkeit. Mit dem Vater ging es noch gut; das ist ja der Weltschöpfer, und jedes Ding muß seine Ursache haben. Es haperte schon bedeutend mit dem Glauben an den Sohn, den sich der kluge Mann gern verbitten möchte, aber jedoch am Ende mit fast ironischer Gutmütigkeit annahm. Jedoch die dritte Person der Dreieinigkeit, der heilige Geist, fand den unbedingtesten Widerspruch. Was der heilige Geist ist, konnte er durchaus nicht begreifen, und plötzlich anflachend rief er: „Mit dem heiligen Geist hat es wohl am Ende dieselbe Bewandtnis, wie mit dem dritten Pferde, wenn man Extrapost reist; man muß immer dafür bezahlen und bekömmt es doch nie zu sehen, dieses dritte Pferd." Mein Nachbar, der unter mir wohnt, ist weder Pietist noch Rationalist, sondern ein Holländer, indolent und ausgebnttert wie der Käse, womit er handelt. Nichts kann ihn in Bewegung setzen, er ist das Bild der nüchternsten Ruhe, und sogar wenn er sich mit meiner Wirtin über sein Lieblingsthema, das Einsalzen der Fische, unterhält, erhebt sich seine Stimme nicht aus der plattesten Monotonie. Leider, wegen des dünneil Bretterbodens, muß ich manchmal dergleichen Gespräche anhören, und während ich hier oben mit dem Preußen über die Dreieinigkeit sprach, erklärte unten der Holländer, wie man Kabeljau, Laberdan und Stockfisch voneinander unterscheidet; es sei im Grunde ein und dasselbe, und man bezeichne damit nur drei verschiedene Einsalznngsgrade. Mein Hauswirt ist ein prächtiger Seemann, berühmt auf der ganzen Insel wegen seiner Unerschrockenheit in Sturm und Not, dabei gutmütig und sanft wie ein Kind. Er ist eben von einer großen Fahrt zurückgekehrt, und mit lustigem Ernste erzählte er mir von einem Phänomen, welches er gestern am 28. Juli ans der hohen See wahrnahm. Es klingt drollig. Mein Hanswirt behauptet nämlich, die ganze See roch nach frischgebackenem Kuchen, und zwar sei ihm der warme, delikate Kuchcnduft so verführerisch in diese Nase gestiegen, daß ihm ordentlich weh ums Herz ward. Siehst du, das ist ein Seitcnstiick zu dem neckenden Luftbild, das dem lechzenden Wanderer in der arabischen Sandwüste eine klare, erquickende Wasserflüche vorspiegelt. Eine gebackene Fata Morgana. Helgoland, den 1. August. Du hast keinen Begriff davon, wie das dolos 5nr nionts mir hier behagt. Ich habe kein einziges Buch, das sich mit den Tagesinteressen beschäftigt, hierher mitgenommen. Meine ganze Bibliothek besteht aus Paul Warnsfrieds Geschichte der Langobarden, der Bibel, dem Homer und einigen Scharteken über Hexcuwesen. Über letzteres möchte ich gern ein interessantes Büchlein schreiben. Heinrich Heine über Ludwig Börne, 1S5 Zu diesem BeHufe beschäftigte ich mich jüngst mit Nachforschung über die letzten Spuren des Heidentums in der getauften modernen Zeit, Es ist höchst merkwürdig, wie lange und unter welchen Ver- mnmmuugen sich die schönen Wesen der griechischen Fabelwelt in Europa erhalten haben, — Und im Grunde erhielten sie sich ja bei uns bis auf heutigen Tag, bei uns, den Dichtern, Letztere haben seit dem Sieg der christlichen Kirche immer eine stille Gemeinde gebildet, wo die Freude des alten Bilderdienstes, der jauchzende Gvtter- glanbe sich fortpflanzte von Geschlecht auf Geschlecht, durch die Tradition der heiligen Gesäuge , , , Aber, ach! die sovlssiu xrsssn, die den Homcros als ihren Propheten verehrt, wird täglich mehr und mehr bedrängt, der Eifer der schwarzen Familiären wird immer bedenklicher angefacht. Sind wir bedroht mit einer neuen Göttcrverfolgnng? Furcht und Hoffnung wechseln ab in meinem Geiste, und mir wird sehr ungewiß zu Mute, — — Ich habe mich mit dem Meere wieder ausgesöhnt fdu weißt, wir waren sn cksliontssss), und wir sitzen wieder des Abends beisammen und halten geheime Zwiegespräche, Ja, ich will die Politik und die Philosophie an den Nagel hängen und mich wieder der Natnrbctrachtnng und der Kunst hingeben, Ist doch all dieses Quälen und Abmühen nutzlos, und obgleich ich mich marterte für das allgemeine Heil, so wird doch dieses wenig dadurch gefördert. Die Welt bleibt nicht im starren Stillstand, aber im erfolglosesten Kreislauf, Einst, als ich noch jung und unerfahren, glaubte ich, daß, wenn auch im Befreiungskämpfe der Menschheit der einzelne Kämpfer zu Grunde geht, dennoch die große Sache am Ende siege . . . Und ich erquickte mich an jenen schönen Versen Byrons: „Die Wellen kommen eine nach der andern herangcschwvmmen, und eine nach der andern zerbrechen sie und zerstieben sie auf dem Strande, aber das Meer selber schreitet vorwärts " Ach! wenn man dieser Naturerscheinung länger zuschaut, so bemerkt man, daß das vorwärtsgeschrittene Meer nach einem gewissen Zeitlauf sich wieder in sein voriges Bett zurückzieht, später aufs neue daraus hervortritt, mit derselben Heftigkeit das verlassene Terrain wieder zu gewinnen sucht, endlich kleinmütig wie vorher die Flucht ergreift, und, dieses Spiel beständig wiederholend, dennoch niemals weiterkommt , . , Auch die Menschheit bewegt sich nach den Gesetzen von Ebbe und Flut, und vielleicht auch auf die Gcisterwelt übt der Blond seine sidcrischen Einflüsse. — — Es ist heute junges Licht, und trotz aller wehmütigen Zweifel- sncht, womit sich meine Seele hin und her quält, bcschlcichen mich wunderliche Ahnungen , , , Es geschieht jetzt etwas Außerordentliches in der Welt , , , Die See riecht nach Kuchen, und die Wolkenmönche sahen vorige Nacht so traurig ans, so betrübt . , . 1S6 Novellistische Fragmente, Ich wandelte einsam am Strand in der Abenddämmerung. RingSum herrschte feierliche Stille, Der hochgewölbte Himmel glich der Kuppel einer gotischen Kirche, Wie unzählige Lampen, hingen darin die Sterne; aber sie brannten düster und zitternd. Wie eine Wasserorgcl rauschten die MeereSwellen; stürmische Choräle, schmerzlich verzweiflnngsvoll, jedoch mitunter auch triumphierend, Uber mir ein luftiger Zug von weißen Wolkenbildern, die wie Mönche aussahen, alle gebeugten Hauptes und kummervollen Blickes dahinziehend, eine traurige Prozession , , , Es sah fast ans, als ob sie einer Leiche folgten , , , Wer wird begraben? Wer ist gestorben? sprach ich zu mir selber, Ist der große Pan tot? Helgoland, den 6. August. Während sein Heer mit den Langobarden kämpfte, saß der König der Hernler ruhig in seinem Zelte und spielte Schach, Er bedrohte mit dem Tode denjenigen, der ihm eine Niederlage melden würde. Der Späher, der, ans einem Baume sitzend, dem Kampfe zuschaute, rief immer: „Wir siegen! wir siegen!" — bis er endlich laut aufseufzte: „Unglücklicher König! Unglückliches Volk der Hernler!" Da merkte der König, daß die Schlacht verloren, aber zu spät! Denn die Langobarden drangen zu gleicher Zeit in sein Zelt und erstachen ihn ,,, Eben diese Geschichte las ich in Paul Wcirnefricd, als das dicke Zeitungspakct mit den warmen, glühend heißen Neuigkeiten vom festen Lande ankam. Es waren Sonnenstrahlen, eingewickelt in Druckpapier, und sie entflammten meine Seele bis zum wildesten Brand, Mir war, als könnte ich den ganzen Ozean bis zum Nord Pol anzünden mit den Glutcn der Begeisterung und der tollen Freude, die in mir loderten. Jetzt weiß ich auch, warum die ganze See nach Kuchen roch. Der Seine-Fluß hatte die gute Nachricht unmittelbar ins Meer verbreitet, und in ihren Krystallpalästcn haben die schönen Wasserfrauen, die von jeher allem Heldentum hold, gleich einen Thee dansant gegeben, zur Feier der großen Begebenheiten, und deshalb roch das ganze Meer nach Kuchen, Ich lief wie mahnsinnig im Hause herum, und küßte zuerst die dicke Wirtin, und dann ihren freundlichen Seewolf, auch umarmte ich den Preußischen Justiz- kvmmissarins, um dessen Lippen freilich das frostige Lächeln des Un glaubens nicht ganz verschwand. Sogar den Holländer drückte ich an mein Herz , , , Aber dieses indifferente Fettgesicht blieb kühl und ruhig, und ich glaube, wär' ihm die Juliussvnue in Person um den Hals gefallen, Mynheer würde nur in einen gelinden Schweiß, aber keineswegs in Flammen geraten sein. Diese Nüchternheit inmitten einer allgemeinen Begeisterung ist empörend. Wie die Spartaner ihre Kinder vor der Trunkenheit bewahrten, indem sie ihnen als warnendes Beispiel einen berauschten Heloten zeigten, so sollten Heinrich Heine über Ludwig Börne, 1S7 wir in unseren Erziehungsanstalten einen Holländer füttern, dessen sympathielose, gehäbige Fischnatnr den Kindern einen Abscheu vor der Nüchternheit einflößen möge. Wahrlich, diese holländische'Nüchtern yeit ist ein weit fataleres Laster, als die Besoffenheit eines Heloten, Ich möchte Mhnheer prügeln , , , Aber nein, keine Epcesse! Die Pariser haben unS ein so brillantes Beispiel von Schonung gegeben. Wahrlich, ihr verdient eS, frei zu sein, ihr Franzosen, denn ihr tragt die Freiheit im Herzen, Dadurch unterscheidet ihr euch von euren armen Bätern, welche sich ans jahrtansendlichcr Knechtschaft erhoben, und bei allen ihren Hclden- thaten auch jene wahnsinnige Greuel ausübten, worüber der GeninS der Menschheit sein Anilin verhüllte. Die Hände deS Volkes sind diesmal nur blutig geworden im Schlachtgcwühle gerechter Gegenwehr, nicht nach dein Kampf, Das Volk verband selbst die Wunder seiner Feinde, und als die That abgethan war, ging es wieder ruhig an seine TageSbeschäftignng, ohne für die große Arbeit auch nur ein Trinkgeld verlangt zu haben! „Bor dem Sklaven, wenn er die Kette bricht, Vor dem freien Menschen erzittert nicht!" Du siehst, wie berauscht ich bin, wie außer mir, wie allgemein . .. ich eitiere Schillers banalsten Vers,*) lind den alten Knaben, dessen unverbesserliche Thorheit so viel Bürgerblnt gekostet, haben die Pariser mit rührender Schonung behandelt, Er saß wirklich beim Schachspiel, wie der König der Hernlcr, als die Sieger in sein Zelt stürzten. Mit zitternder Hand unterzeichnete er die Abdankung, Er hat die Wahrheit nicht hören wollen. Er behielt ein offenes Thr nur für die Lüge der Höflinge, Diese riefen immer: „Wir siegen! wir siegen!" Unbegreiflich war diese Zuversicht des königlichen Thoren , , , Verwundert blickte er auf, als das „Journal des Debats", wie einst der Wächter während der Longobardcn- schlacht, plötzlich ausrief: .Nnlllsnrsnx roi! rnnUnznrsuss tA-anos!" Mit ihm, mit Karl X,, hat endlich das Reich Karls des Großen ein Ende, wie daS Reich des RomnlnS sich endigte mit RonmlnS Angnstulus, Wie einst ein neues Rom, so beginnt seht ein neues Frankreich, Es ist mir alles noch wie ein Traum; besonders der Name Lafayettc klingt mir wie eine Sage ans der frühesten Kindheit, Sitzt er wirklich jetzt wieder zu Pferde, kommandierend die Nativnalgarde? *) „ich citiere Schillers Glocke" hieß es in der früheren deutschen Ausgabe. Auch waren die Verse unrichtig mitgeteilt: „Den Sklaven, wenn er die Kette bricht, Den freien Mann, den fürchte nicht!" Heine hat beides in der französischen Ausgabe berichtigt. Der Herausgeber. 158 Novellistische Fragmente. Ich fürchte fast, es sei nicht wahr, denn eS ist gedruckt. Ich will selbst nach Paris gehen, um mich mit leiblichen Augen davvn zu überzeugen ... Es muß Prachtig aussehen, wenn er dort durch die Straßen reitet, der Bürger beider Welten, der göttergleiche Greis, die silbernen Locken hcrabwallend über die heilige Schulter ... Er grüßt mit den alten lieben Augen die Enkel jener Väter, die einst mit ihm kämpften für Freiheit und Gleichheit . . . Es sind jetzt sechzig Jahr, daß er aus Amerika zurückgekehrt mit der Erklärung der Menschhcitsrechte, den zehn Geboten des neuen Weltglanbens, die ihm dort offenbart wurden unter Kanonendonner und Blitz . . . Dabei weht wieder ans den Türmen von Paris die dreifarbige Fahne, und es klingt die Marseillaise! Lafayette, die dreifarbige Fahne, die Marseillaise . . . Ich bin wie berauscht. Kühne Hoffnungen steigen leidenschaftlich empor, wie Bäume mit goldenen Früchten und wilden, wachsenden Zweigen, die ihr Laubwerk weit ausstrecken bis in die Wolken . . . Die Wolken aber im raschen Fluge entwurzeln diese Riesenbänme und jagen damit von dannen. Der Himmel hängt voller Violinen, und auch ich rieche es jetzt, die See duftet nach frischgebackenem Kuchen. Das ist ein beständiges Geigen da droben in himmelblauer Freudigkeit, und das klingt ans den smaragdenen Wellen wie heiteres Mttdchcngckicher. Unter der Erde aber kracht es und klopft es, der Boden öffnet sich, die alten Götter strecken daraus ihre Köpfe hervor, und mit hastiger Verwunderung fragen sie: „Was bedeutet der Jubel, der bis ins Mark der Erde drang? Was giebt's Neues? Dürfen wir wieder hinauf?" Nein, ihr bleibt unten im Nebelheim, wo bald ein neuer TvdeSgcnosse zu euch hinabsteigt . . . „Wie heißt er?" Ihr kennt ihn gut, ihn, der euch einst hinabsticß in das Reich der ewigen Nacht . . . Pan ist tot! Helgoland, den 10. August. Lafayette, die dreifarbige Fahne, die Marseillaise . . . Fort ist meine Sehnsucht nach Ruhe. Ich weiß jetzt wieder, was ich soll, was ich muß . . . Ich bin der Sohn der Revolution und greife wieder zu den gefeiten Waffen, worüber meine Mutter ihren Zanbersegen ausgesprochen . . . Blumen! Blumen! Ich will mein Haupt bekränzen zum Todeskampf. Und auch die Leier, reicht mir die Leier, damit ich ein Schlachtlied singe . . . Worte gleich flammen den Sternen, die anS der Höhe herabschießen und die Paläste ver brennen und die Hütten erleuchten . . . Worte gleich blanken Wurfspeeren, die bis in den siebenten Himmel hinanfschwirren und die frommen Heuchler treffen, die sich dort eingeschlichen ins Allerheiligste ... Ich bin ganz Freude und Gesang, ganz Schwert und Flamme! Bielleicht auch ganz toll ... Von jenen wilden, in Druckpapier Heinrich Heine über Ludwig Börne. 1S9 gewickelten Sonnenstrahlen ist mir einer ins Gehirn geflogen, nnd alle ineine Gedanken brennen lichterloh. Vergebens tauche ich den Kopf in die See. Kein Wasser löscht dieses griechische Feuer. Aber es geht den andern nicht viel besser. Auch die übrigen Badegäste traf der Pariser Sonnenstich, znmal die Berliner, die dieses Jahr in großer Anzahl hier befindlich nnd von einer Insel zur andern kreuzen, so daß man sagen konnte, die ganze Nordsee sei überschwemmt von Berlinern. Sogar die armen Helgoländer jubeln vor Freude, obgleich sie die Ereignisse nur instinktmäßig begreifen. Der Fischer, welcher mich gestern nach der kleinen Sandinsel, wo man badet, überfuhr, lachte mich an mit den Worten: „Die armen Leute haben gesiegt!" Ja, mit seinein Instinkt begreift das Volk die Ereignisse vielleicht besser, als wir mit allen unseren Hilfskenntnissen. So erzählte mir einst Frau von Varnhagen, als man den Ausgang der Schlacht bei Leipzig noch nicht wußte, sei plötzlich die Magd l»S Zimmer gestürzt mit dem Angstschrei: „Der Adel hat gewonnen." Diesmal haben die armen Leute den Sieg erfochten. „Aber es Hilst ihnen nichts, wenn sie nicht auch das Erbrecht besiegen!" Diese Worte sprach der ostprenßische Jnstizrat in einem Tone, der nur sehr auffiel. Ich weiß nicht, warum diese Worte, die ich nicht begreife, mir so beängstigend im Gedächtnis bleiben. Was will er damit sagen, der trockene Kauz? Diesen Morgen ist wieder ein Paket Zeitungen angekommen. Ich verschlinge sie wie Manna. Ein Kind, wie ich bin, beschäftigen mich die rührenden Einzelheiten noch weit mehr, als das bedentnngs- volle Ganze. O, könnte ich nur den Hnnd Medor sehen! Dieser interessiert mich weit mehr, als die andern, die dem Philipp von Orleans mit schnellen Sprüngen die Krone appvrtiert haben. Der Hnnd Medor apporticrte seinem Herrn Flinte und Patronentasche, nnd als sein Herr fiel und samt seinen Mithelden ans dem Hofe des Louvre begraben wurde, da blieb der arme Hund, wie ein Steinbild der Treue, regungslos ans dem Grabe sitzen, Tag nnd Nacht, von den Speisen, die man ihm bot, nur wenig genießend, den größten Theil derselben in die Erde verscharrend, vielleicht als Atzung für seinen begrabenen Herrn! Ich kann gar nicht mehr schlafen, und durch den überreizten Geist jagen die bizarrsten Nachtgesichter. Wachende Tränine, die übereinander hinstolpern, so daß die Gestalten sich abenteuerlich vermischen, nnd, wie im chinesischen Schattenspiel, sich jetzt zwerghaft verkürzen, dann wieder gigantisch verlängern; zum Verrücktwerden. In diesem Zustande ist mir manchmal zu Sinne, als ob meine eigenen Glieder ebenfalls sich kolossal ausdehnten und daß ich, wie mit ungeheuer langen Beinen, von Deutschland nach Frankreich nnd wieder zurückliefe. Ja, ich erinnere mich, vorige Nacht lief ich solchermaßen durch löö Novellistische Fragmente. alle deutsche Länder und Ländchen, und klopfte an den Thören meiner Freunde, und störte die Leute aus dem Schlafe . , . Sic glotzten mich manchmal an mit verwuuderien Glasaugen, so daß ich selbst erschrak und nicht gleich wußte, was ich eigentlich wollte und warum ich sie weckte! Manche dicke Philister, die allzu widerwärtig schnarchten, stieß ich bedeutungsvoll in die Nippen, und gähnend frugen siei „Wie viel Uhr ist es denn?" In Paris, liebe Freunde, hat der Hahn gekräht; das ist alles, was ich weiß. — Hinter AugSbnrg, auf dem Wege nach München, begegneten mir eine Menge gotischer Dome, die auf der Flucht zu sein schienen und ängstlich wackelten. Ich selber, des vielen Umherlnufens satt, ich gab mich endlich ans Fliegen, und so flog ich von einem Stern zum andern. Sind aber keine bevölkerte Welten, wie andere träumen, sondern nur glänzende Steinkngcln, öde und fruchtlos. Sie fallen nicht herunter, weil sie nicht wissen, worauf sie fallen können. Schweben dort oben auf und ab in der größten Verlegenheit. Kam auch in den Himmel. Thür und Thor stand offen. Lange, hohe, weit hallende Säle mit altmodischen Vergoldungen, ganz leer, nur daß hier und da auf einem sammetncn Armsessel ein alter gepuderter Bedienter saß, in verblichen roter Livree und gelinde schlummernd. In manchen Zimmern waren die Thürflügcl aus ihren Angeln gehoben, an andern Orten waren die Thürcn fest verschlossen und obendrein mit großen runden Amls- siegeln dreifach versiegelt, wie in Häusern, Ivo ein Bankrott oder ein Todesfall eingetreten. Kam endlich in ein Zimmer, wo an einem Schreibpult ein alter dünner Mann saß, der unter hohen Papierstößen kramte. War schwarz gekleidet, hatte ganz weiße Haare, ein saltiges Geschäftsgesicht, und frng mich mit gedämpfter Stimme, was ich wolle? In meiner Naivität hielt ich ihn für den lieben Herrgott, und ich sprach zu ihm ganz zntranungsvoll: „Ach, lieber Herrgott, ich möchte donnern lernen, blitzen kann ich . . . ach, lehren Sie mich auch donnern!" „Sprechen Sie nicht so laut," entgegnete mir heftig der alte dünne Mann, drehte mir den Rücken und kramte weiter unter seinen Papieren. „Das ist der Herr Registratur," flüsterte mir einer von den roten Bedienten, der von seinem Schlafsessel sich erhob und sich gähnend die Augen rieb . . . Pan ist tot! Cuxhufen, den IS. August. Unangenehme Überfahrt, in einem offenen Kahn, gegen Wind und Wetter, so daß ich, wie immer in solchen Fällen, von der Seekrankheit zu leiden hatte. Auch das Meer, wie andere Personen, lohnt meine Liebe mit Ungemach und Quälnissen. Anfangs geht es gut, da laß ich mir das neckende Schaukeln gern gefallen. Aber allmählich schwindelt es mir im Kopfe, und allerlei fabelhafte Gesichte Heinrich Heine über Ludwig Börne, 161 mnschwirrcn mich. Aus den dunkeln. Meerstrudcln steigen die alten Däninnen hervor, in schcußlichcv Nacktheit bis an die Hüften, und sie heulen schlechte unverständliche Verse, und spritzen mir den weißen Wcllcnschnum ins Antlitz, Zu noch weit fataleren Fratzcnbildern gestalten sich droben die Wolken, die so tief herabhängen, daß sie fast mein Hanpt berühren und mir mit ihren dummen Fistelstimmchen die unheimlichsten Narreteien ins Ohr pfeifen. Solche Seekrankheit, ohne gefährlich zu sein, gewährt sie dennoch die entsetzlichsten Mißempfindnngen, unleidlich bis zum Wahnsinn, Am Ende, im fieberhaften Katzenjammer, bildete ich mir ein*), ich hätte die Bibel verschluckt, das Alte mitsamt dem Neuen Testamente, und siehe da, die heiligen Gestalten begannen in mir zu rumoren und zu gestikulieren, daß sich mir alles im Bauche herumdrehte. Der König David spielte die Harfe, aber ach, die Saiten des Instrumentes warcm meine eigenen Gedärme! Die ganze Menagerie der Apokalypse brüllte in mir, nnd dazwischen sangen die Propheten, die vier großen in tiefem Tenor, die zwölf kleinen im Fistelbaß, Das grunzte nnd rnchzte verworren, aber den ganzen Chorus übertäubte die Stimme des Propheten Jonas, welcher beständig schrie: „O Ninive! O Ninive! du wirst untergehen! In deinen Palästen werden Bettler sich lausen, nnd in deinen "Tempeln werden die babylonischen Kürassiere ihre Stuten füttern. Aber euch, ihr Priester Baals, euch wird man bei den Ohren fassen, nnd eure Ohren festnageln an die Pforten der Tempel! Ja, an die Thüren eurer Läden wird man euch mit den Ohren annageln, ihr Leibbäcker Gottes! Denn ihr habt falsches Gelvicht gegeben, ihr habt leichte betrügerische Brote dem Volke verkauft! O, ihr geschorenen Schlauköpfe! wenn das Volk hungerte, reichtet ihr ihm eine dünne homöopathische Schcin- spcise, und wenn es dürstete, tränket ihr statt seiner? höchstens den Königen reichtet ihr den vollen Kelch, Ihr aber, ihr assyrischen Spießbürger und Grobiane, ihr werdet Schläge bekommen mit Stöcken nnd Ruten, und auch Fußtritte werdet ihr bekommen und Ohrfeigen, nnd ich kann, es euch voraussagen mit Bestimmtheit, denn erstens «verde ich alles Mögliche thun, damit ihr sie bekommt, nnd zweitens bin ich Prophet, der Prophet Jonas, Sohn Amithai . , , O Ninive! O Ninive! du wirst untergehen!" So ungefähr predigte mein Bauchredner**), nnd er schien dabei so stark zu gestikulieren nnd sich in meinen Gedärmen zu verwickeln, ch „ich sci ein Walfisch, und ich trüge im Bauche den Propheten Jonas, Der P rophet Jonas aber rumorte und wütete in meinem Bauche und schrie beständig v' lautet der Schluß des Absatzes in der früheren deutschen Ausgabe, Der Herausgeber, **) „als ich plötzlich erleichtert ward, und neben mir die Stimme des preußischen Justizrats vernahm," lautete der Schluß dieses Satzes in der französischen Ausgabe, Der Herausgeber, Heiue's Werke, XI, Bd. 11 162 Novellistische Fragmente. daß sich mir alles kullernd im Leibe herumdrehte , , , bis ich es endlich nicht länger ertragen konnte und den Propheten Jonas ausspuckte. Als ich solcherweise plötzlich erleichtert ward, vernahm ich neben mir die Stimme des preußischen Justizrates, der zu mir sprach: „Wohl bekvmm's! Gut, daß Sie endlich die tolle Lektüre wieder los sind, die Sie auf Helgoland mit dem großen Hummer verschlangen . . . Wir sind jetzt gleich'im Hafen, und eine Tasse Thee wird uns bald wieder herstellen." Ich befolgte seinen Rat und genas endlich ganz und gar5), als ich landete und im Gasthofe zu Cuxhafen eine gute Tasse Thee bekam. Hier wimmelt's von Hamburgern und ihren Gemahlinnen, die das Se ebad gebrauchen. Auch Schiffskapitüne aus allen Ländern, die auf guten Fahrwind warten, spazieren hier hin und her ans den hohen Dämmen, oder sie liegen in den Kneipen und trinken sehr starken Grog und jubeln über die drei Julitage. In allen Sprachen bringt man den Franzosen ihr wohlverdientes Vivat, und der sonst so wortkarge Brite preist sie ebenso redlich, wie jener geschwätzige Portugiese, der es bedauerte, daß er seine Ladung Orangen nicht direkt nach Paris bringen könne, um das Volk zu erfrischen nach der Hitze des Kampfes. Sogar in Hamburg, wie man mir erzählt, in jenem Hamburg, wo der Franzvsenhaß am tiefsten wurzelte, herrscht jetzt nichts als Enthusiasmus für Frankreich . . . Alles ist vergessen, Davoust, die beraubte Bank, die füsilierten Bürger, die altdeutschen Röcke, die schlechten Befreiungsverse, Vater Blücher, „Heil dir im Siegcrkranz", alleS ist vergessen ... In Hamburg flattert die Triko- lore, überall erklingt dort die Marseillaise, sogar die Damen erscheinen im Theater mit dreifarbigen Bandschleifen auf der Brust und sie lächeln mit ihren blauen Augen, roten Mündlein und weißen Naschen... Sogar die reichen Bankiers, welche infolge der revolutionären Bewegung an ihren StaatSpapieren sehr viel Geld verlieren, teilen großmütig die allgemeine Freude, und jedesmal, wenn ihnen der Makler meldet, daß die Kurse noch tiefer gefallen, schauen sie desto vergnügter und antworten: „Es ist schon gut, es thut nichts, es thut nichts! — Ja überall, in allen Landen, werden die Menschen die Bedeutung dieser drei Julitage sehr leicht begreifen und darin einen Triumph der eigenen Interessen erkennen und feiern. Die große That der Franzosen spricht so deutlich zu allen Völkern und allen Intelligenzen, den höchsten und den niedrigsten, und in den Steppen der Baschkiren werden die Gemüter ebenso tief erschüttert werden, wie auf den Höhen Andalusiens . . . Ich sehe schon, loie dein Neapolitaner die Maccaroni und dem Jrländer seine Kartoffel im Munde *) „Solcherweise ward ich erleichtert und genas endlich ganz und gar," lautet der Anfang dieses Absatzes in der früheren deutschen Ausgabe. Der Herausgeber. Heinrich Heine über Ludwig Börne, 163 stecken bleibt, wen» die Nachricht bei ihnen anlangt , . , Pnltschinell ist kapabcl, znin Schwert zu greifen, und Paddy wird vielleicht einen Bull machen, worüber den Engländern das Lachen vergeht. Und Deutschland? Ich weiß nicht. Werden wir endlich von unseren Eichenwäldern den rechten Gebrauch machen, nämlich zu Barrikaden für die Befreiung der Welt? Werden wir, denen die Natur so viel Ticfsinn, so viel Kraft, so viel Mut erteilt hat, endlich unsere Gvttesgabcn benutzen und das Wort des großen Meisters, die Lehre von den Rechten der Menschheit, begreifen, proklamieren und in Erfüllung bringen? Es sind jetzt sechs Jahre, daß ich, zu Fuß das Vaterland durchwandernd, ans der Wartburg ankam und die Zelle besuchte, wo Doktor Luther gehaust. Ein braver Mann, ans den ich keinen Tadel kommen lasse; er vollbrachte ein Niesenwerk, und wir wollen ihm immer dankbar die Hand küssen, für das, was er that. Wir wollen nicht mit ihm schmollen, daß er unsere Freunde allzu unhöflich anließ, als sie in der Exegese de? göttlichen Wortes etwas weiter gehen wollten alS er selber, als sie auch die irdische Gleichheit der Menschen in Borschlag brachten , , , Ein solcher Vorschlag war freilich damals noch unzeitgemäß, und Meister Hemmling, der dir dein Haupt abschlug, armer Thomas Münzer, er war in gewisser Hinsicht wohl berechtigt zu solchem Verfahren; denn er hatte das Schwert in Händen und sein Arm war stark! Auf der Wartburg besuchte ich auch die Rüstkammer, wo die alten Harnische hängen, die alten Pickelhauben, Tartschen, Hellebarden, Flambcrgc, die eiserne Garderobe des Mittelalters, Ich wandelte nachsinnend im Saale herum mit einem liniversitätsfreunde, einem jungen Herrn vom Adel, dessen Vater damals einer der mächtigsten Viertelsürsten in unserer Heimat war und das ganze zitternde Länd- chcn beherrschte. Auch seine Vorfahren sind mächtige Barone gewesen, und der junge Mann schwelgte in heraldischen Erinnerungen bei Anblick der Rüstungen und der Waffen, die, wie ein angehefteter Zettel meldete, irgend einem Ritter seiner Sippschaft angehört hatten. Als er das lange Schwert des Ahnherrn von dem Haken herablangte und ans Neugier versuchte, ob er es wohl handhaben könnte, gestand er, daß es ihm doch etwas zu schwer sei, und er ließ entmutigt den Arm sinken. Als ich dieses sah, als ich sah, wie der Arm des Enkels zu schwach für das Schwert seiner Väter, da dachte ich heimlich in meinem Sinn: Deutschland könnte frei sein. Nenn Jnhrc später. Überall herrschte eine dumpfe Ruhe, Die Sonne warf elegische Strahlen ans den breiten Rücken der deutschen Geduld, Kein Wind- 11--- 164 Novellistische Fragmente. hauch bewegte den friedlichen Wettcrhnhn auf unseren frommen Kirchtürmen. Hoch oben auf einem einsamen Felsen saß ein Sturmvogel; aber er ließ schläfrig sein Gefieder hängen und schien selbst zn glauben, baß er sich getäuscht habe, und daß sobald kein Orkan losbrechen »verde. Er war recht traurig und fast mutlos geworden, er, welcher kurz vorher so mächtig und geräuschvoll die Lüfte durchflogen und dem guten Deutschland alle möglichen Stürme verkündet. — Plötzlich zuckte im Westen ein Blitz über den Himmel, ein Donnerschlag folgte und ein schreckliches Krachen, als wäre daS Ende der Welt erschienen. — Bald kamen in der That die Berichte von der großen Katastrophe, von den drei Tagen zn Paris, wo abermals die Sturmglocke des Volkszornes erscholl. Man glaubte schon in der Ferne die Trompete des jüngsten Gerichts zn vernehmen. Alles schien das Hereinbrechen jenes Weltunterganges zu weissagen, wovon die nordischen Skalden einst mit Zittern und Zähneklappern gesungen; ja man hätte glauben können, schon den riesigen Fenriswolf seinen greulichen Rachen öffnen zu sehen, um ans einmal den Mond zu verschlingen, wie es die furchtbaren allitteriercnden Verse der Edda uns verkündigt. Er verschlang ihn aber doch nicht, und der gute deutsche Mond leuchtet noch bis ans diese Stunde so still und so zärtlich, wie in den Tagen WertherS und Lottens, empfindsamen Angedenkens. Zwischen meinem ersten und meinem zweiten Begegnis mit Ludwig Börne liegt jene Juliusrevolution, welche unsere Zeit gleichsam in zwei Hälften auseinander sprengte. Die vorstehenden Briefe mögen Kunde geben von der Stimmung, in welcher mich die große Begebenheit antraf, und in gegenwärtiger Denkschrift sollen sie als vermittelnde Brücke dienen, zwischen dem ersten und dritten Buche. Der llbergang wäre sonst zu schroff. Außerdem mögen sie als geeignetes Dokument von der Stimmung zeugen, welche bei dem Eintreffen jenes Ereignisses in Deutschland herrschte, Ivo die trübseligste Entmutigung und Niedergeschlagenheit sofort in das enthusiastische Vertrauen auf die Zukunft überging. Alle Bäume der Hoffnung begannen wieder zu grünen, und selbst die verkrüppeltsten Stämme, welche längst verdorret waren, trieben neues Laub. Seit Luther auf dem Reichstage zu Worms seine Thesen vor dem versammelten Reiche verteidigte, hat keine Begebenheit mein deutsches Vaterland so tief aufgeregt, wie die Juliusrevolution. Diese Aufregung ward freilich später ein wenig gedämpft, aber sie erwachte wieder im Jahre 1846, und seitdem glomm das Feuer beständig unter der Asche fort, bis im Februar 1848 die Flammen der Revolution aufs neue im allgemeinen Brande cmpvrschlugen. Gegenwärtig sind die alten Löschmänner der heiligen Alliance mit ihrem alten staatSretterischcn Apparat auf die Bühne zurückgekehrt, aber es zeigt sich gleichfalls schon zu dieser Stunde ihre Unzulänglichkeit. Was mag das Schicksal den Deutscheu Heinrich Heine über Ludwig Börne. 1l>5 aussparen? Ich prophezeie nicht gern, und ich halte es für ni'ch- licher, von der Vergangenheit zu berichten, in welcher die Zukunft sich spiegelt.^) Ich trug Bedenken, eine größere Anzahl dieser Briefe mitzn teilen, da in den nächstfolgenden der zeitliche Freiheitsrausch allzu ungestüm über alle Polizeiverordnnngen hinaustauinelte, während späterhin allzu ernüchterte Betrachtungen eintreten und das ent täuschte Herz in mutlose, verzagende und verzweifelnde Gedanken sich verliert? Schon die ersten Tage meiner Ankunft in der Hauptstadt der Revolution merkte ich, daß die Dinge in der Wirklichkeit ganz andere Farben trugen, als ihnen die Lichteffekte meiner Begeisterung in der Ferne geliehen hatten. Das Silberhaar, das ich um die Schulter Lafayettes, des Helden beider Welten, so majestätisch flattern sah, verwandelte sich bei näherer Betrachtung in eine braune Perücke, die einen engen Schädel kläglich bedeckte. Und gar der Hund Medor, *) Der Schluß der französischen Vorrede lautet von hier an, wie folgt: „ Ich hoffe daher, daß die Mitteilung der nachstehenden Briefe sich von selbst rechtfertigen wird. Ich habe sie in ihrer ursprünglichen Gestalt abgedruckt, obschvn manche kleine Unrichtigkeiten, die sich darin vorfinden, hin und wieder eine Naivität verraten , welche dem französischen Leser ein Lächeln auf Kosten des deutschen Neulings abdringen mag. Ich ließ dem General Lafahette sein wallendes Silberhaar, obschon ich einige Zeit nachher, als ich die Ehre hatte, Herrn de Lafahette in Paris zu begegnen, jene Silberlocken höchst prosaisch in eine braune Perücke verwandelt sah; aber der biedere General hatte darum nicht minder ein ehrwürdiges Aussehen, und trotz seiner modern spießbürgerlichen Kleidung erkannte man in ihm den großen Ritter ohne Fnrchr und Tadel, den Bayard der Freiheit. Gleich nach meiner Ankunft in Paris wollte ich auch die Bekanntschaft des Hundes Medor machen; allein dieser entsprach durchaus nicht meiner Erwartung. Ich sah nur ein häßliches Tier, in dessen Blick keine Spur von Begeisterung lag; es blinzelte darin sogar etwas Schielend-Falsches, etwas Verschlagen-Eigennütziges, ja, ich möchte sagen: etwas Industrielles. Ein junger Mann, ein Student, 'den ich dort traf, sagte mir, es sei gar nicht der rechte Medor, sondern ein intriganter Pudel, ein Hund aus späterer Zeit (uu owisv cM Isuclomain), der sich füttern und Pflegen lasse und den Ruhm des wahren Medor exploitiere, während dieser nach dem Tode seines Herrn bescheiden davongeschlichen, wie das Volk, das die Revolution gemacht. — „Der arme Medor," fügte der Student hinzu, „irrt jetzt vielleicht in Paris umher, hungernd und obdachlos, wie mancher andere Juliheld; denn das Sprichwort, welches besagt, ein guter Hund finde nie einen guten Knochen, ist hier in Frankreich von betrübsamer Wahrheit, — man unterhält hier in warmen Ställen und füttert mit dem besten Fleisch eine Meute von Bulldoggen, Jagdhunden und andern aristokratischen Vierfüßlern; auf seidenen Kissen, wohlgekämmt und Parfümiert, und mit Zuckerbrot gesättigt, sehen Sie den Wachtelhund oder das kleine Windspiel ruhen, die jeden ehrlichen Menschen anbellen, aber der Herrin des Hauses zu schmeicheln wissen, und zuweiten selbst eingeweiht sind in menschliche Laster. Ach, solche schlechte, unmoralische Bestien gedeihen in unserer Gesellschaft, während jeder tugendhafte Hund, jeder Wahrheits und Natnrköter (tont ewion clo In vsritä et cle In nntm-s), der seinen Überzeugungen treu bleibt, elendiglich umkommt, und rändig mit Ungeziefer bedeckt, ans einein Misthaufen krepiert!" — So sprach der Student, der mir wegen seiner hohen Politischen Anschauungsart sehr gefiel. Es begann just zu regnen, und da er keinen Schirm hatte, nahm ich ihn unter den meinen während der Wegesstrecke, die wir miteinander zurücklegten." Der Herausgeber. 166 Novellistische Fragmente, den ich auf dem Hofe dcS Louvre besuchte, und der, gelagert unter dreifarbigen Fahnen und Trophäen, sich ruhig füttern ließ: er war gar nicht der rechte Hund, sondern eine ganz gewöhnliche Bestie, die sich fremde Verdienste anmaßte, wie bei den Franzosen oft geschieht, und, ebenso wie viele andere, explvitierte er den Ruhm der Jnlins- rcvvlution , . . Er ward gehätschelt, gefördert, vielleicht zu den höchsten Ehrcnstcllen erhoben, während der wahre Medor einige Tage nach dem Siege bescheiden davongeschlichen war, wie daS wahre Volk, das die Revolution gemacht , , , Armes Volk! Armer Hund! sio. Es ist eine schon ältliche Geschichte, Nicht für sich, seit undenklicher Zeit, nicht für sich hat das Volk geblutet und gelitten, sondern für andere. Im Juli 1836 erfocht es den Sieg für jene Bourgeoisie, die ebensowenig taugt wie jene Noblesse, an deren Stelle sie trat mit demselben Egoismus , , . Das Volk hat nichts gewonnen durch seinen Sieg, als Reue und größere Not, Aber seid überzeugt, wenn wieder die Sturmglocke geläutet wird und das Volk zur Flinte greift, diesmal kämpft es für sich selber und verlangt den wohlverdienten Lohn, Diesmal wird der wahre, echte Medor geehrt und gefüttert werden ,., Gott weiß, wo er jetzt herumläuft, verachtet, verhöhnt und hungernd ,,, Doch still, mein Herz, du verrätst dich zu sehr . . . Drittes Buch, ES war im Herbst 1831, ein Jahr nach der JnliuS- revolution, als ich zu Paris den Doktor Ludwig Börne wieder sah. Ich besuchte ihn im Gasthof Mtsl cks Lastills, und nicht wenig wunderte ich mich über die Veränderung, die sich in seinem ganzen Wesen aussprach. Das bißchen Fleisch, das ich früher an seinem Leibe bemerkt hatte, war jetzt ganz verschwunden, vielleicht geschmolzen von den Strahlen der Juliussonne, die ihm leider auch ins Hirn gedrungen. AuS seinen Augen leuchteten bedenkliche Funken, Er saß, oder vielmehr er wohnte in einem großen buntseidenen Schlafrock, wie eine Schildkröte in ihrer Schale, und wenn er manchmal argwöhnisch sein dünnes Köpfchen hervorbengte, ward mir unheimlich zu Mute. Aber das Mitleid überwog, wenn er aus dem weiten Ärmel die arme abgemagerte Hand zum Gruße oder zum freundschaftlichen Händedruck ausstreckte. In seiner Stimme zitterte eine gewisse Kränklichkeit und auf seinen Wangen grinsten schon die schwindsüchtig roten Streiflichter, Das schneidende Mißtranen, das in allen seinen Zügen und Bewegungen lauerte, war vielleicht eine Folge der Schwerhörigkeit, woran er früher schon litt, die aber immer zunahm und nicht wenig dazu beitrug, mir seine Konversation zn verleiden. „Willkommen in Paris!" — rief er nur entgegen. — „ DaS ist Heinrich Heine über Ludwig Börne. 167 brav! Ich bin überzeugt, die Guten, die es am besten meinen, werden alle bald hier sein. Hier ist der Konvent der Patrioten von ganz Europa, und zu dem großen Werke müssen sich alle Völker die Hände reichen. Sämtliche Fürsten müssen in ihren eigenen Ländern beschäftigt werden, damit sie nicht in Gemeinschaft die Freiheit in Deutschland unterdrücken. Ach Gott! Ach Deutschland! Es wird bald sehr betrübt bei uns aussehen und sehr blutig. Revolutionen sind eine schreckliche Sache, aber sie sind notwendig, wie Amputationen, wenn irgend ein Glied in Fäulnis geraten. Da muß man schnell zuschneiden, und ohne ängstliches Innehalten. Jede Verzögerung bringt Gefahr, und wer aus Mitleid oder aus Schrecken, beim Anblick des vielen Blutes, die Operation nur zur Hälfte verrichtet, der handelt gransamer, als der schlimmste Wüterich. Hol' der Henker alle weichherzigen Chirurgen und ihre Halbheit! Marat hatte ganz recht — II baut kairs saig-nsr Is Asnrs Irumaiu, und hätte man ihm die 360,ODO Köpfe bewilligt, die er verlangte, so wären Millionen der besseren Menschen nicht zu Grunde gegangen, und die Welt wäre ans immer von dem alten Abel geheilt!" „Die Republik," — ich lasse den Mann anSreden, mit Über- gehnng mancher schnörkelhaften Absprünge, — „die Republik muß durchgesetzt werden. Nur die Republik kann uns retten. Der Henker hole die sogenannten konstitutionellen Verfassungen, wovon unsere deutschen Kammcrschwätzer alles Heil erwarten. Konstitntionen verhalten sich zur Freiheit, wie positive Religionen zur Natnrrcligion; sie werden durch ihr stabiles Element ebensoviel Unheil anrichten, wie jene positiven Religionen, die, für einen gewissen Geisteszustand des Volkes berechnet, im Anfang sogar diesem Geisteszustand überlegen sind, aber späterhin sehr lästig werden, wenn der Geist dcS Volkes die Satzung überflügelt. Die Konstitutionen entsprechen einem politischen Zustand, wo die Bevorrechteten von ihren Rechten einige abgeben, und die armen Menschen, die früher ganz zurückgesetzt waren, plötzlich jauchzen, daß sie ebenfalls Rechte erlangt haben . . . Aber diese Freude hört ans, sobald die Menschen durch ihren freieren Znstand für die Idee einer vollständigen, ganz ungeschmälerten, ganz gleichheitlichen Freiheit empfänglich geworden sind; was uns heute die herrlichste Requisition dünkt, wird unfern Enkeln als ein kümmerliches Abfinden erscheinen, und das geringste Borrecht, das die ehemalige Aristokratie noch behielt, vielleicht das Recht, ihre Röcke mit Petersilie zu schmücken, wird alsdann ebensoviel Bitterkeit erregen, wie einst die härteste Leibeigenschaft, ja, eine noch tiefere Bitterkeit, da die Aristokratie mit ihrem letzten Petersilien-Vorrecht um so hochmütiger prunken wird! . . . Nur die Natnrreligion, nur die Republik kann uns retten. Aber die letzten Reste des alten Regiments müssen vernichtet werden, ehe wir daran denken können, das neue bessere 168 Novellistische Fragmente, Regiment zu begründen. Da kvnnnen die nnthätigcn Schwächlinge und Quietistcn und schniiffeln: wir Revolutionäre rissen alles nieder, ohne imstande zu sein, etwas an die Stelle zu setzen! Und sie rühmen die Institutionen des Mittelalters, worin die Menschheit so sicher und ruhig gesessen habe. Und jetzt, sagen sie, sei alles so kahl und nüchtern und öde und das Leben sei voll Zweifel und Gleichgültigkeit, „Ehemals wurde ich immer wütend über diese Lobredner des Mittelalters, Ich habe mich aber an diesen Gesang gewöhnt, und jetzt ärgere ich mich nur, wenn die lieben Sänger in eine andere Tonart übergehen und beständig über unser Niederreißen jammern, Wir hätten gar nichts anderes im Sinne als alles niederzureißen. Und wie dumm ist diese Anklage! Alan kann ja nicht eher bauen, ehe das alte Gebäude niedergerissen ist, und der Niedcrreißer ver dient ebensoviel Lob, als der Aufbauende, ja, noch mehr, da sein Geschäft noch viel wichtiger , , , Z, B, in meiner Vaterstadt, auf dem Dreifaltigkeitsplatze, stand eine alte Kirche, die so morsch und baufällig war, daß man fürchtete, durch ihren Einsturz würden einmal plötzlich viele Menschen getötet oder verstümmelt werden. Man riß sie nieder, und die Niedcrreißer verhüteten ein großes Unglück, statt daß die ehemaligen Erbauer der Kirche nur ein großes Glück beförderten , , , Und man kann eher ein großes Glück entbehren, als ein großes Unglück ertragen! Es ist wahr, viele gläubige Herrlichkeit blühte einst in den alten Mauern, und sie waren späterhin eine fromme Reliquie des Mittelalters, gar poetisch anzuschauen, des NachtS, im Mondschein , , , Wem aber, wie meinem armen Vetter, als er mal vorbeiging, einige Steine dieses übriggebliebenen Mittelalters auf den Kopf fielen jer blutete lange nnd"lcidet noch heute an der Wunde), der verwünscht die Verehrer alter Gebäude, und segnet die tapferen Arbeitslente, die solche Ruinen niederreißen , , , Ja, sie haben sie niedergerissen, sie haben sie dem Boden gleich gemacht, und jetzt wachsen dort grüne Bäumchen und spielen kleineTKinder des Mittags im Sonnenlicht," In solchen Reden gab's keine Spur der früheren Harmlosigkeit, und der Humor des Mannes, worin alle gemütliche Freude erloschen, ward, mitunter gallenbitter, blutdürstig und sehr trocken. Das Abspringen von einem Gegenstand zum andern entstand nicht mehr durch tolle Laune, sondern durch launische Tollheit, und war wohl zunächst der buntscheckigen Zcitnngslektüre beizumessen, womit sich Börne damals Tag und Nacht beschäftigte. Inmitten seiner terra ristischen Expektorationen griff er Plötzlich zu einem jener TageSblätter, die in großen Hansen vor ihm ausgestreut lagen und rief lachend: „Hier können Sie's lesen, hier steht's gedruckt: Deutschland ist mit großen Dingen schwanger!" Ja, das ist wahr, Deutschland geht Heinrich Heine über Lndwig Börne. schwanger mit großen Dingen, ober das wird eine schwere Entbindung geben. lind hier bedarf's eines männlichen Geburtshelfers, und der ninß mit eisernen Instrumenten agieren. Was glauben Sie?" Ich glaube, Deutschland ist gar nicht schwanger. „Rein, nein, Sie irren sich. Es wird vielleicht eine Mißgeburt zur Welt kommen, aber Deutschland wird gebären. Nur müssen wir uns der geschwätzigen alten Weiber entledigen, die sich herandrängen und ihren Hcbainmendienst anbjeten. Da ist z. B. so eine Vettel von Rottcck. Dieses alte Weib ist nicht einmal ein ehrlicher Mann. Ein armseliger Schriftsteller, der ein bißchen liberalen Demagogis mns treibt und den Tagesenthusiasmus ausbeutet, um die große Menge zu gewinnen, um seinen schlechten Büchern Absatz zu verschaffen, nin sich überhaupt eine Wichtigkeit zu geben. Der ist halb Fuchs, halb Hund, und hüllt sich in ein WvlfSfell, um mit den Wolfen zu heulen. Da ist mir doch tausendmal lieber der dumme Kerl von Räumer — soeben lese ich seine Briefe ans Paris — der ist ganz Hund, und wenn er liberal knurrt, täuscht er niemand, und jeder weiß, er ist ein nnterthäniger Pudel, der niemand beißt. Der läuft beständig herum und schnvppert an allen Küchen und mochte gern einmal in unsere Suppe seine Schnauze stecken, fürchtet aber die Fußtritte der hohen Gönner. Und sie geben ihm wirklich Fußtritte und halten das arme Vieh für einen Revolutionär. Lieber Himmel, es verlangt nur ein bißchen Wedelfreiheit, und wenn man ihm diese gewährt, so leckt es dankbar die goldenen Sporen der uckermärkischen Ritterschaft. Nichts ist ergötzlicher, als solche unermüdliche Beweglichkeit neben der unermüdlichen Geduld. Dieses tritt recht hervor in jenen Briefen, Ivo der arme Lanfhnnd ans jeder Seite selbst erzählt, wie er vor den Pariser Theatern ruhig Qncuc machte . . . Ich versichere Sie, er machte ruhig Qnene mit dem großen Troß und ist so einfältig, es selbst zu erzählen. Was aber noch weit stärker, waS die Gemeinheit seiner Seele ganz zur Anschauung bringt, ist das Geständnis, daß er, wenn er vor Ende der Vorstellung das Theater verließ, jedesmal seine Kontremarke verkaufte. Es ist wahr, als Fremder braucht er nicht zu wissen, daß solcher Verkauf einen ordentlichen Menschen herabwürdigt; aber er hätte nur die Leute zu betrachten brauchen, denen er seine Kontremarke verhandelte, um von selbst zu merken, daß sie nur der Abschaum der Gesellschaft sind, Dicbcsgesindel und Magnetrans, kurz Leute, mit denen ein ordentlicher Mensch nicht gern spricht, viel weniger ein Handelsgeschäft treibt. Der muß von Natur sehr schmutzig sein, wer auS diesen schmutzigen Händen Geld nimmt!" Damit man nicht wähne, als stimme ich in dem Urteil über den Herrn Professor Friedrich von Raumer ganz mit Börne überein, so bemerke ich zu seinem Vorteil, daß ich ihn zwar für schmutzig 170 Novellistische Fragmente, halte, aber nicht für dumm. .Das Wort schmutzig, wie ich ebenfalls ausdrücklich bemerken will, muß hier nicht im materiellen Sinne genommen werden . , , Die Frau Professorin würde sonst Zeter schreien und alle ihre Waschzettel drucken lassen, worin verzeichnet steht, wie viele reine Unterhemden und Chcmiscttchen ihr liebes Mnnnlein im Laufe des Jahres angezogen , , , und ich bin überzeugt, die Zahl ist groß, da Herr Professor Räumer im Laufe des Jahres so viel läuft und folglich schwitzt und folglich viel Wäsche nötig hat, ES kommt ihm nämlich nicht der gebratene Ruhm ins Haus geflogen, er muß vielmehr beständig ans den Beinen sein, um ihn aufzusuchen, und wenn er ein Buch schreibt, so muß er erst von Pontiv nach Pilato rennen, um die Gedanken znsammenzukriegen und endlich dafür zu sorgen, daß das mühsam zusammengestöppelte Opus auch von der litterarischcn Elaquc hinlänglich unterstützt wird. Das bewegliche süßhölzerne Männchen ist ganz einzig in dieser Betriebsamkeit, und nicht mit Unrecht bemerkte einst eine geistreiche Frau : „Sein Schreiben ist eigentlich ein Laufen," Wo waS zu machen ist, da ist es, das Ranmerchcn ans Anhalt-Dessau, Jüngst lief es nach London: vorher sah man es während drei Monaten überall hin und her laufen, um die dazu nötigen Empfehlungsschreiben zu betteln, und nachdem eS in der englischen Gesellschaft ein bißchen herumgeschnvppert und ein Buch zusammengelaufen, erläuft es auch einen Verleger für die englische Übersetzung, und Sara Austin, meine liebenswürdige Freundin, muß notgedrungen ihre Feder dazu hergeben, um das saure flicß- papierne Deutsch in velinschönes Englisch zu übersetzen und ihre Freunde anzutreiben, das übersetzte Produkt in den verschiedeneil englischen Revues zu recensieren , , , und diese erlaufenen englischen Necensionen läßt dann Blockhaus zu Leipzig wieder inS Deutsche übersetzen, unter dem Titel: „Englische Stimmen über Frau von Nanmer!" Ich wiederhole, daß ich mit dem Urteil Börnes über Herrn von Räumer nicht übereinstimme; er ist ein schmutziger, aber kein dummer Kerl, wie Börne meinte, der, vielleicht weil er ebenfalls „Briefe ans Paris" drucken ließ, den armen Nebenbuhler so scharf kritisierte, und bei jeder Gelegenheit eine Lauge des boshaftesten Spottes über ihn ausgoß. Ja, lacht nicht, Herr von Räumer war damals ein Nebenbuhler von Borne, dessen „Briefe ans Paris" fast gleichzeitig mit den erwähnten Briefen erschienen, worin es, das Rnnmerchen, mit der Madame Crelinger und ihrem Gatten ans Paris korrespondierte. Diese Briefe sind längst verschollen, und wir erinnern uns nur noch des spaßhaften Eindrucks, den sie hervorbrachten, als sie gleichzeitig mit den Pariser Briefen von Börne ans dem litterarischen Markte erschienen. Was letztere betrifft, so gestehe ich, die zwei ersten Bände, die mir in jener Periode zu Gesicht kamen, haben mich nicht wenig Heinrich Heine über Ludwig Börne. 171 erschreckt. Ich war überrascht von diesem ultraradikalcn Tone, den ich am wenigsten von Börne erwartete. Der Mann, der sich in seiner anständigen, geschniegelten Schreibart immer selbst inspizierte und kontrollierte, und der jede Silbe, ehe er sie niederschrieb, vorher abwog und abmaß . . . der Mann, der in seinem Stile immer etwas beibehielt von der Gewöhnung seines reichsstädtischen Spießbürgertums, wo nicht gar von den Ängstlichkeiten seines früheren Amtes ... der ehemalige Pvlizeiaktnar von Frankfurt am Main stürzte sich jetzt in einen Sanscnlottismns des Gedankens und des Ausdrucks, wie man dergleichen in Deutschland noch nie erlebt hat. Himmel! welche entsetzliche Wortfügungen; welche hochverräterische Zeitwörter! welche majestätsverbrecherischc Nccnsativc! welche Imperative! welche polizeiwidrige Fragezeichen! welche Metaphern, deren bloßer Schatten schon zu zwanzig Jahren FestnngSstrafc berechtigte! Aber trotz des Grauens, das mir jene Briefe einflößten, weckten sie in mir eine Erinnerung, die sehr komischer Art, die mich fast bis zum Lachen erheiterte, und die ich hier durchaus nicht verschweigen kann. Ich gestehe es, die ganze Erscheinung Börnes, wie sie sich in jenen Briefen offenbarte, erinnerte mich an den alten Polizeivogt, der, als ich ein kleiner Knabe war, in meiner Vaterstadt regierte. Ich sage : regierte, da er, mit unumschränktem Stock die öffentliche Rulle verwaltend, uns kleinen Buben einen ganz majestätischen Respekt einflößte und uns schon durch seinen bloßen Anblick gleich auseinander jagte, wenn wir ans der Straße gar zu lärmige Spiele trieben. Dieser Polizeivogt wurde plötzlich wahnsinnig und bildete sich ein, er sei ein kleiner Gassenjunge, und zu unserer unheimlichsten Verwunderung sahen wir, wie er, der allmächtige Straßcnbeherrscher, statt Ruhe zu stiften, uns zu dem lautesten Unfug aufforderte. „Ihr seid viel zu zahm," rief er, „ich aber will euch zeigen, wie man Spektakel machen muß!" Und dabei fing er an, wie ein Löwe zu brüllen oder wie ein Kater zu miauen, und er klingelte an den Häusern, daß die Thürglocke abriß, und er warf Steine gegen die klirrenden Fenstcrschest'cn, immer schreiend: „Ich will euch lehren, Jnngens, wie man Spektakel macht!" Wir kleinen Buben amüsierten uns sehr über den Alten und liefen jubelnd hinter ihm drein, bis man ihn ins Irrenhaus abführte. Während der Lektüre der Börneschen Briefe dachte ich wahrhaftig immer an den alten Polizeivogt, und mir war oft, als hörte ich wieder seine Stimme: „Ich will euch lehren, wie man Spektakel macht!" In den mündlichen Gesprächen Börnes war die Steigerung seines politischen Wahnsinns minder auffallend, da sie im Zusammenhang blieb mit den Leidenschaften, die in seiner nächsten Umgebung wüteten, sich beständig schlagfertig hielten und nicht selten auch thal sächlich zuschlugen. Als ich Börne zum zweiten Male besuchte, in der Nue de Provence, Ivo er sich definitiv einquartiert hatte, fand ich in 172 Novellistische Fragmente. seinem Salvn eine Menagerie von Menschen, wie man sie kann, im Jardin des Plantcs finden möchte. Im Hintergründe kauerten einige deutsche Eisbären, welche Tabak rauchten, fast immer schwiegen und nur dann und wann einige vaterländische Donncrworte im tiefsten Brummbaß hervorflnchten. Neben ihnen hockte auch ein polnischer Wolf, welcher eine rote Mütze trug und manchmal die süßlich fadeste» Bemerkungen mit heiserer Kehle heulte. Dann fand ich dort einen französischen Affen, der zu den häßlichsten gehörte, die ich jemals gesehen; er schnitt beständig Gesichter, damit man sich das schönste darunter aussuchen möge. Das unbedeutendste Subjekt in jener Börncschen Menagerie war ein Herr*, der Sohn des alten*, eines Weinhändlers in Frankfurt am Main, der ihn gewiß in sehr nüchterner Stimmung gezeugt . . . eine lange hagere Gestalt, der wie der Schatten einer Eau de Cologuc-Flnsche aussah, aber keineswegs wie der Inhalt derselben roch. Trotz seines dünnen Aussehens, trug er, wie Börne behauptete, zwölf wollene Unterjacken; denn ohne dieselben würde er gar nicht existieren. Börne machte sich beständig über ihn lustig: „Ich präsentiere Ihnen hier einen *, es ist freilich kein * erster Größe, aber er ist doch mit der Sonne verwandt, er empfängt von derselben sein Licht ... er ist ein nntcrthäniger Verwandter des Herrn von Rothschild . . . Denken Sie sich, Herr *, ich habe diese Nacht im Traum den Frankfurter Rothschild hängen sehen, und Sie waren es, welcher ihm den Strick um den Hals legte . . ." Herr * erschrak bei diesen Worten, und wie in Todesangst rief er: „Herr Berne, ich bitt' Ihnen, sagen Sie das nicht weiter . . . ich Hab' Grind . . . ich Hab' Grind ..." — wiederholte mehrmals der junge Mensch, und indem er sich gegen mich wandte, bat er mich mit leiser Stimme, ihm in eine Ecke des Zimmers zu folgen, um mir seine delikate „Pvsiziaun" zu vertrauen. „Sehen Sie," flüsterte er heimlich, „ich habe eine delikate Posiziaun. Die Frau von Herrn von Rothschild ist, so zu sagen, meine Tante. Ich bitt' Ihnen, erzählen Sie nicht im Hause des Herrn Baron von Rothschild, daß Sie mich hier bei Berne gesehen haben ... ich Hab' Grind." Börne machte sich über diesen Unglücklichen beständig lustig, und besonders hechelte er ihn wegen der mundfaulen und kauderwelschen Art, wie er das Französische aussprach. „Mein lieber Landsmann," sagte er, „die Franzosen haben unrecht, über Sie zu lachen; sie offenbaren dadurch ihre Unwissenheit. Verständen sie Deutsch, so würden sie einsehen, wie richtig Ihre Redensarten konstruiert sind, nämlich vom deutschen Standpunkte aus . . . Und warum sollen Sie Ihre Nationalität verleugnen? Ich bewundere sogar, mit welcher Gewandtheit Sie Ihre Muttersprache, das Frankfurter Mauscheln ins Französische übertragen . . . Die Franzosen sind ein unwissendes Volk und werden es nie dahin bringen, ordentlich Deutsch zu lernen. Heinrich Heine über Ludwig Börne. 173 Sie hallen keine Geduld , . , Wir Deutschen sind das geduldigste nnd gelehrigste Volk , , , Wieviel müssen wir schon als Knaben lernen! Wieviel Latein! Wieviel Griechisch! Wieviel persische Könige und ihre ganze Sippschaft bis zum Großvater! , , , ich Ivette, so ein »»wissender Franzose weiß sogar in seinen alten Tagen noch nicht, daß die Mutter des Cyrus Frau Mandane geheißen nnd eine geborene Astyagcs war. Auch haben wir die besten Handbücher für alle Wissenschaften herausgegeben, Neanders Kirchengcschichtc und Meyer Hirschs Rechenbuch sind klassisch. Wir sind ein denkendes Volk, und weil wir so viel Gedanken hatten, daß wir sie nicht alle aufschreiben konnten, haben wir die Buchdruckerei erfunden, und weil wir manchmal vor lauter Denken und Büchcrschreibcn oft das liebe Brot nicht hatten, erfanden wir die Kartoffel/' „DaS deutsche Volk," brummte der deutsche Patriot auS seiner Ecke, „hat auch das Pulver erfunden," Börne wandte sich rasch nach dem Patrioten, der ihn mit dieser Bemerkung unterbrochen hatte, nnd sprach sarkastisch lächelnd: Sie irren sich, mein Freund, man kann nicht so eigentlich behaupten, daß das Volk das Pulver erfunden habe. Das deutsche Volk besteht aus dreißig Millionen Menschen, Nur einer davon hat das Pulver erfunden , , , die übrigen, 29 333999 Deutsche, haben das Pulver nicht erfunden, — Übrigens ist das Pulver eine gute Erfindung, ebcnsv wie die Druckerei, wenn mau nur den rechten Gebrauch davon macht. Wir Deutschen aber benutzen die Presse, um die Dummheit, nnd das Pulver, um die Sklaverei zu verbreiten —" Einlenkend, als man ihm diese irrige Behauptung verwies, fuhr Borne fort: „Je nun, ich will eingestehen, daß die deutsche Presse sehr viel Heil gestiftet, aber es wird überwogen von dem gedruckten Unheil, Jedenfalls muß man dieses einräumen in Beziehung ans bürgerliche Freiheit , , , Ach! wenn ich die ganze deutsche Geschichte durchgehe, bemerke ich, daß die Deutschen für bürgerliche Freiheit wenig Talent besitze», hingegen die Knechtschaft, sowohl theoretisch als -praktisch, immer leicht erlernten nnd diese Disciplin nicht bloß zu Hanse, sondern auch im Auslande mit Erfolg docierten. Die Deutschen waren immer die lucli ma^istri der Sklaverei, nnd wo der blinde Gehorsam in die Leiber oder in die Geister cingeprügelt werden sollte, nahm man einen deutschen Eperzicrmeistcr, Auch haben wir die Sklaverei über ganz Europa verbreitet, und als Denkmäler dieser Sündflnt sitzen deutsche Fürstengeschlcchter auf allen Thronen Europas, wie nach uralten Überschwemmungen ans den höchsten Bergen die Reste versteinerter Seeungcheuer gefunden werden , , , Und noch fetzt, kaum wird ein Volk frei, so wird ihm ein deutscher Prügel auf den Rücken gebunden , , , und sogar in der heiligen Heimat des Hcrmodios nnd Ariskogeitons, im wiedcrbcfrciten Griechenland, wird 174 Novellistische Fragmente. jetzt deutsche Knechtschaft eingesetzt, und auf der Nkropolis von Athen stießt bayerisches Bier und herrscht der bayerische Stock . . . Ja, es ist erschrecklich, daß der König von Bayern, dieser kleine Tyrannos und schlechte Poet, seinen Sohn ans den Thron jenes Landes setzen durste, wo einst die Freiheit und die Dichtkunst geblüht, jenes Landes, wo es eine Ebene gicbt, welche Marathon, und einen Berg, welcher Parnaß heißt! Ich kann nicht daran denken, ohne daß mir das Gehirn . . . Wie ich in der heutigen Zeitung gelesen, haben wieder drei Studenten in München vor dem Bilde des Königs Ludwig niederknien und Abbitte thnn müssen. Niederknien vor dem Bilde eines Menschen, der noch dazu ein schlechter Poet ist! Wenn ich ihn in meiner Macht hatte, dieser schlechte Dichter sollte niederknien vor dem Bilde der Musen und Abbitte thun wegen seiner schlechten Verse, wegen beleidigter Majestät der Poesie! Sprecht mir jetzt noch von römischen Kaisern, welche so viel Taufende von Christen hinrichten ließen, weil diese nicht vor ihrem Bilde knien wollten . . . Jene Tyrannen waren wenigstens Herren der ganzen Welt von Aufgang bis zum Niedergang, und wie wir an ihren Statuen noch heute sehen, wenn auch keine Götter, so waren sie doch schöne Menschen. Man beugt sich am Ende leicht vor Macht und Schönheit. Aber niederknien vor Ohnmacht und Häßlichkeit, vor einem süddeutschen Winkel- despötchen, welches aussieht wie ein — — —" — — Es bedarf wohl keines besonderen Winkes für den scharfsinnigen Leser, aus welchen Gründen ich den Frevler nicht weiter sprechen lasse. Ich glaube, die angeführten Phrasen sind hinreichend, um die damalige Stimmung des Mannes zu bekunden; sie war im Einklang mit dem hitzigen Treiben jener deutschen Tumültunnten, die seit der Juliusrevolntion in wilden Schwärmen nach Paris kamen und sich schon gleich um Börne sammelten. Es ist kaum zu be greifen, wie dieser sonst so gescheite Kopf sich von der rohestcu Tobsucht beschwatzen und zu den gewaltsamsten Hoffnungen verleiten lassen konnte! Zunächst geriet er in den Kreis jenes Wahnsinnes, als dessen Mittelpunkt der berühmte Buchhändler F. zu betrachten, war. Dieser F., man sollte es kaum glauben, war ganz der Manu nach dem Herzen Börnes. Die rote Wut, die in der Brust des einen kochte, das dreitägige Juliusficbcr, das die Glieder des einen rüttelte, der jakobinische Veitstanz, worin der eine sich drehte, fand den ent sprechenden Ausdruck in den Pariser Briefen deS andern. Mit dieser Bemerkung will ich aber nur einen Gcistesirrtnm, keineswegs einen Herzensirrtum andeuten, bei dem einen wie bei dein andern. Denn auch F. meinte es gut mit dem deutschen Vatcrlandc, er war aufrichtig, heldenmütig, jeder Selbstvpfernng fähig, jedenfalls ein ehrlicher Mann, und zu solchem Zeugnis glaube ich mich um so mehr der pflichtet, da, seit er in strenger Haft schweigen muß, die servile Ver- Heinrich Heine über Ludwig Börne. 175 lcnmdnng an seinem Lenmund nagt. Man kann ihn mancher unklugen, aber keiner zweideutigen Handlung beschuldigen; er zeigte namentlich im Unglück sehr viel Charakter, er war durchglüht Vvn reinster Bürgcrtngcnd, und um die Schellenkappe, die sein Haupt nmklingelt, müssen wir einen Kranz von Eichenlaub flechten. Der edle Narr, er war mir tausendmal lieber, als jener andere Buchhändler, der ebenfalls nach Paris gekommen, um eine deutsche Wer sctzung der französischen Revolution zu besorgen, jener leise Schleicher, welcher matt und menschenfreundlich wimmerte und wie eine Hyäne aussah, die zur Abführung eingenommen . . . Übrigens rühmte man auch letzteren als einen ehrlichen Mann, der sogar seine Schulden bezahle, wenn er das große Los in der Lotterie gewinnt, und wegen solcher Ehrlichkcitsverdienste ward er zum Finanzministcr des erneuten deutschen Reichs vorgeschlagen . . . Im Vertrauen gesagt, er mußte sich mit den Finanzen begnügen, denn die Stelle eines Ministers des Innern hatte F. schon vorweg vergeben, nämlich an Garnier, wie er auch die deutsche Kaiserkrone dem Hnuptmnnne bereits zugesagt . . . Garnier freilich behauptete, der Buchhändler F. wolle den Hauptmann S. zum deutschen Kaiser machen, weil dieser Lump ihm Geld schuldig sei und er sonst nicht zu seinem Gelde kommen könne . . . Das ist aber unrichtig und zeugt nur Vvn Garniers Medisancc; F. hat vielleickst aus republikanischer Arglist eben das kläglichste Subjekt zum Kaiser gewählt, um dadurch daS Monarchentum herabzuwürdigen und lächerlich zu machen . . . Der Einfluß des F. war indessen bald beendigt, als derselbe, ich glaube im November, Paris verließ, und an der Stelle des großen Agitators einige neue Oberhäupter emporstiegen; unter diesen waren die bedeutendsten der schon erwähnte Garnier und ein gewisser Wolfrum. Ich darf sie wohl mit Namen nennen, da der eine tot ist, und dem andern, welcher sich im sicheren England befindet, durch die Hindeutnng auf seine ehemalige Wichtigkeit ein großer Gefallen erzeigt wird; beide aber, Garnier zum Teil, Wolfruin aber ganz, schöpften ihre Inspirationen aus dem Munde Börnes, der Vvn nun an als die Seele der Pariser Propaganda zu betrachten war. Der Wahnsinn blieb derselbe, aber, um mit Polvnins zu reden, es kam Methode hinein. Ich habe mich eben des Wortes „Propaganda" bedient; aber ich gebrauche dasselbe in einem andern Sinne als gewisse Delatoren, die unter jenem Ausdruck eine geheime Verbrüderung verstehen, eine Verschwörung der revolutionären Geister in ganz Europa, eine Art blutdürstiger, atheistischer und regicidcr Maponuerie. Nein, jene Pariser Propaganda bestand vielmehr aus rohen Händen als aus feinen Köpfen i es waren Zusammenkünfte von Handwerkern deutscher Zunge, die in einem großen Saale des Passage Saumvn oder in 176 Novellistische Fragmente, Faubonrgs sich versammelten, wohl fürnchmlich, um in der lieben Sprache der Heimat über vaterländische Gegenstände miteinander zu konversicren. Hier wurden nun, durch leidenschaftliche Reden im Sinne der rheinbayerischcn Tribüne, viele Gemüter sanatisicrt, und da der Republikanismns eine sr> gerade Sache ist und leichter begreifbar, als z, B, die konstitutionelle Rcgierungsform, wobei schon mancherlei Kenntnisse vorausgesetzt werden, so dauerte eS nicht lange und Taufende von deutschen Handwerksgesellen wurden Republikaner und predigten die neue Überzeugung, Diese Propaganda war weit gefährlicher als alle jene erlogenen Popanze, womit die erwähnten Delatoren unsere deutschen Regierungen schreckten, und vielleicht weit mächtiger, als Börnes geschriebene Reden, war Börnes mündliches Wort, welches er an Leute richtete, die es mit deutschem Glanben einsogen und mit apostolischem Eifer in der Heimat verbreiteten. Ungeheuer groß ist die Anzahl deutscher Handwerker, welche ab und zu nach Frankreich ans die Wanderschaft gehen. Wenn ich daher las, wie norddeutsche Blätter sich darüber lustig machten, daß Börne mit sechshundert Schneidergesellen ans den Montmartre gestiegen, nur ihnen eine Bergpredigt zu halten, mußte ich mitleidig die Achsel zucken, aber am wenigsten über Börne, der eine Saat ausstreute, die früh oder spät die furchtbarsten Früchte hervorbringt. Er sprach sehr gut, bündig, überzeugend, volksmäßig; nackte, kunstlose Rede, ganz im Bergpredigertvn, Ich Hube ihn freilich nur ein einzige? Mal reden hören, nämlich in dem Passage Sanmon, Ivo Garnier der „Volksversammlung" Präsidierte , , , Börne sprach über den Prcß- vcrcin, welcher sich vor aristokratischer Form zu bewahren habe; Garnier donnerte gegen Nikolaus, den Zaren von Rußland; ein verwachsener, krummbeiniger Schnstcrgcsellc trat ans und behauptete, alle Menschen seien gleich , , . Ich ärgerte mich nicht wenig über diese Impertinenz . , . Es war das erste und letzte Mal, daß ich der Volksversammlung beiwohnte. Dieses eine Mal war aber auch hinreichend , . . Ich will dir gern, lieber Leser, bei dieser Gelegenheit ein Geständnis machen, das du eben nicht erwartest. Du meinst vielleicht, der höchste Ehrgeiz meines Lebens hätte immer darin bestanden, ein großer Dichter zu werden, etwa gar auf dem Kapital gekrönt zu werden, wie weiland Meister Francesco Petrarcha , , , Nein, eS waren vielmehr die großen Bvlksredner, die ich immer beneidete, und ich hätte für mein Leben gern ans öffentlichem Markte vor einer bunten Versammlung das große Wort erhoben, welches die Leidenschaften aufwühlt oder besänftigt und immer eine augenblickliche Wirkung hervorbringt. In, unter vier Augen will ich es dir gern eingestehen, daß ich in jener unerfahrenen Jugendzeit, wo uns die komödiantenhaften Gelüste anwandeln, mich oft in eine solche Rolle hineindachte. Ich wollte durch- Heinrich Heine iiber Ludwig Börne, 177 auS ein großer Redner werden, und wie Demosthencs deklamierte ich zuweilen am einsamen Mecresstrand, wenn Wind und Wellen brausten und heulten; so übt man seine Lungen und gewöhnt sich daran, mitten im größten Lärm einer Volksversammlung zu sprechen. Nicht selten sprach ich auch auf freiein Felde vor einer großen Anzahl Ochsen und Kühe, und es gelang mir, das versammelte Riudviehvolk zu über- briillcn. Schwerer schon ist es, vor Schafen eine Rede zu halten. Bei allein, was du ihnen sagst, diesen Schafsköpfen, wenn du sie ermahnst, sich zu befreien, nicht wie ihre Vorfahren geduldig zur Schlachtbank zu wandern . , . sie antworten dir nach jedem Satze mit einem so unerschütterlich gelassenen Mäh! Mäh! daß man die Contenancc verlieren kann, Knrz, ich that alles, um, wenn bei uns einmal eine Revolution aufgeführt werden möchte, als deutscher Volks- rcduer austreten zu können. Aber ach! schon gleich bei der ersten Probe merkte ich, daß ich in einem solchen Stücke meine Lieblingsrolle nimmermehr tragieren kann. Und lebten sie noch, weder DcmostheneS, noch Cicero, noch Mirabeau könnten in einer deutschen Revolution als Sprecher auftreten; denn bei einer deutschen Revolution wird geraucht. Denkt euch meinen Schreck, als ich in Paris der oben erwähnten Volksversammlung beiwohnte, fand ich sämtliche Vatcrlnndsretter mit Tabakspfeifen im Maule, und der ganze Saal war so erfüllt von schlechtein Knasterqualm, daß er mir gleich auf die Brust schlug und es mir platterdings unmöglich gewesen wäre, ein Wort zu reden , , . Ich kann den Tabaksqnalm nicht vertragen, und ich merkte, daß in einer deutschen Revolution die Rolle eines Großsprechers in der Weise Börnes und Konsorten nicht für mich paßte. Ich merkte überhaupt, daß die deutsche Tribunalcarriere nicht eben mit Rosen, und am allerwenigsten mit reinlichen Rosen bedeckt. So z, B, mußt du allen diesen Zuhörern, „lieben Brüdern und Gevattern" recht derb die Hand drücken. Es ist vielleicht metaphorisch gemeint, wenn Börne behauptet: im Fall ihm ein König die Hand gedrückt, würde er sie nachher ins Feuer halten, um sie zu reinigen; es ist aber durchaus nicht bildlich, sondern ganz buchstäblich gemeint, daß ich, wenn mir das Volk die Hand gedrückt, sie nachher waschen »verde. Man muß in wirklichen Revolutionszeiten das Volk mit eigenen Augen gesehen, mit eigener Nase gerochen haben, man muß mit eigenen Ohren anhören, wie dieser souveräne Rattenkönig sich ausspricht, um zu begreifen, was Mirabeau andeuten will mit den Worten: „Man macht keine Revolution mit Lavendelöl," Solange wir die Revolutionen in den Büchern lesen, sieht das alles sehr schön aus, und es ist damit, wie mit jenen Landschaften, die, kunstreich gestochen ans dein weißeil Velinpapier, so rein, so freundlich aussehen, aber nachher, wenn man sie in natura betrachtet, vielleicht an Heiice's Weclc. XI, Bi). Itl 178 Novellistische Fragmente. Grandiosität gewinnen, doch einen sehr schmutzigen und schäbigen Anblick in den Einzelheiten gewähren-, die in Kupfer gestochenen Misthansen riechen nicht, und der in Kupfer gestochene Morast ist leicht mit den Augen zu durchwaten! War es Tugend oder Wahnsinn, was den Ludwig Borne dahin brachte, die schlimmsten Mißdüfte mit Wonne einzuschnaufen nnd sich vergnüglich im plebejischen Kot zu wälzen? Wer löst uns das Rätsel dieses Mannes, der in weichlichster Seide erzogen worden, späterhin in stolzen Anflügen seine innere Vornehmheit bekundete, und gegen das Ende seiner Tage plötzlich überschnappte in pöbelhafte Töne und in die banalen Manieren eines Demagogen der untersten Stufe? Stachelten ihn etwa die Nöten des Baterlandes bis zum entsetzlichsten Grade des Zorns, oder ergriff ihn der schauerliche Schmerz eines verlorenen Lebens? . , , Ja, das war es vielleicht; er sah, wie er dieses ganze Leben hindurch mit all seinem Geiste und all seiner Mäßigung nichts ausgerichtet hatte, weder für sich noch für andere, nnd er ver hüllte sein Haupt, oder, um bürgerlich zu reden, er zog die Mütze üler die Ohren nnd wollte fürder weder sehen, noch hören, nnd stürzte sich in den heulenden Abgrund , , , Das ist immer eine Resource, die uns übrig bleibt, wenn wir angelangt bei jenen hoffnungslosen Marken, Ivo alle Blumen verwelkt sind, Ivo der Leib müde nnd die Seele verdrießlich . . , Ich will nicht dafür stehen, daß ich nicht einst unter denselben Umständen dasselbe thue , , , Wer weiß, vielleicht am Ende meiner Tage überwinde ich meinen Widerwillen gegen den Tabaksqualm und lerne rauchen und halte die ungewaschensten Reden vor dem ungewaschensten Publikum , , . Blätternd in Börnes Pariser Briefen, stieß ich jüngst ans eine Stelle, welche mit den Äußerungen, die mir oben entschlüpft, einen sonderbaren Znsammenklang bildet, Sic lautet folgendcrinaßcin „— — Vielleicht fragen Sie mich verwundert, wie ich Lump dazu komme, mich mit Byron zusammen zu stellen? Darauf muß ich Ihnen erzählen, was Sie noch nicht wissen. Als Byrons Genius ans seiner Reise durch das Firmament ans der Erde ankam, eine Nacht dort zu verweilen, stieg er zuerst bei mir ab. Aber das Haus gefiel ihm gar nicht, er eilte schnell wieder fort nnd kehrte in das Hotel Byron ein. Viele Jahre hat mich das geschmerzt, lauge hat es mich betrübt, daß ich so wenig geworden, gar nichts erreicht. Aber jetzt ist es vorüber, ich habe es vergessen und lebe zufrieden in meiner Armut, Mein Unglück ist, daß ich im Mittelstände geboren bin, für den ich gar nicht Passe. Wäre mein Bater Besitzer von Millionen oder ein Bettler gewesen, wäre ich der Sohn eines vornehmen Mannes oder eines Landstreichers, hätte ich es gewiß zu etwas gebracht. Der halbe Weg, den andere durch ihre Geburt voraus hatten, entmutigte mich; hätten sie den ganzen Weg vorausgehabt, hätte ich sie gar nicht gesehen und sie eingeholt. So aber bin ich der Perpendikel einer bürgerlichen Stnbennhr geworden, schweifte rechts, schweifte links ans und mußte immer zur Mitte zurückkehren." Dieses schrieb Börne den 2V. März 1831. Wie über andere, hat er auch über sich selber schlecht prophezeit. Die bürgerliche Stnbennhr wurde eine Sturmglocke, deren Geläute Angst und Schrecken verbreitete. Ich habe bereits gezeigt, welche ungestüme Glöckner an den Strängen rissen, ich habe angedeutet, wie Börne den zeitgenossen- jchafllichen Passionen als Organ diente und seine Schriften nicht als daS Produkt eines Einzelnen, sondern als Dokument unserer politischen Sturm- und Drangpcriode betrachtet werden müssen. WaS in jener Periode sich besonders geltend machte und die Gärung bis zum kochenden Sud steigerte, waren die polnischen und rheinbayrischen Vorgänge, und diese haben auf den Geist Börnes den mächtigsten Einfluß geübt. Ebenso glühend wie einseitig war sein Enthusiasmus für die Sache Polens, und als dieses mutige Land unterlag, trotz der wnnderbarstcn Tapferkeit seiner Helden, da brachen bei Börne alle Dämme der Geduld und Vernunft. Das ungeheuere Schicksal so vieler edlen Märtyrer der Freiheit, die, in langen Trauerzügen Deutschland durchwandernd, sich in Paris versammelten, war in der That geeignet, ein edel gefühlvolles Herz bis in seine Tiefen zu bewegen. Aber was brauch' ich dich, teurer Leser, an diese Betrübnisse zu erinnern, du hast in Deutschland den Durchzug der Polen mit eigenen thränendcn Augen angesehen, und du weißt, wie das ruhige, stille deutsche Volk, das die eigenen Landcsnöten so geduldig erträgt, bei dem Anblick der unglücklichen Sarmatcn von Mitleid und Zorn so gewaltig erschüttert wurde und so sehr außer Fassung kam, daß wir nahe daran waren, für jene Fremden das zu thnn, was nur nimmcrmehr für uns selber thäten, nämlich die heiligen Unterthanspftichlcn beiseite zu setzen und eine Revolution zu machen ... zum Besten der Polen. Ja, mehr als alle obrigkeitlichen Plackereien und demagogischen Schriften hat der Durchzug der Polen den deutschen Blichet revolutioniert, und es war ein großer Fehler der respektive» deutschen Regierungen, daß sie jenen Durchzug in der bekannten Weise gestatteten. Der größere Fehler freilich bestand darin, daß sie die Polen nicht längere Zeit in Deutschland verweilen ließen; denn diese Ritter der Freiheit hätten bei verlängertem Ausenthalt jene bedenkliche, höchst bedrohliche «ympathic, die sie den Deutschen einflößten, selber wieder zerstört. Aber sie zogen rasch durchs Land, hatten keine Zeit, durch Dichtung und Wahrheit einer den andern zu diskreditieren, und sie hinterließen die staatsgefährlichste Aufregung. Ja, wir Deutschen waren nahe daran, eine Revolution zu inachen, und zwar nicht ans Zorn und Not, wie andere Völker, 12* 180 Novellistische Fragmente. sondern ans Mitleid, ans Sentimentalität, aus Rührung für unsere armen Gastfreunde, die Polen. Thatsüchtig schlugen unsere Herzen, wenn diese uns am Kamin erzählten, wieviel sie ausgestanden von den Russen, wieviel Elend, wieviel Knutenschläge . . . bei den Schlägen horchten wir noch sympathetischer, denn eine geheime Ahnung sagte unS, die russischen Schläge, welche jene Polen bereits empfangen, seien dieselben, die wir in der Zukunft noch zu bekommen haben. Die deutschen Mutter schlugen angstvoll die Hände über de» Kopf, als sie hörten, daß der Kaiser Nikolas, der Menschenfresser, alle Mvrgen drei kleine Polcnkindcr verspeise, ganz roh, mit Essig und Öl. Aber am tiefsten erschüttert waren unsere Jungfrauen, wenn sie im Mondschein au der Heldcnbrnst der polnischen Märtyrer lagen, und mit ihnen jammerten und weinten über den Fall von Warschau und den Sieg der russischen Barbaren . . . Das waren keine frivolen Franzosen, die bei solchen Gelegenheiten nur schäkerten und lachten . . . nein, diese larmvyantcn Schnnrrbürte gaben auch etwas fürs Herz, sie hatten Gemüt, und nichts gleicht der holden Schwärmerei, womit deutsche Mädchen und Frauen ihre Bräutigame und Gatten beschworen, so schnell als möglich eine Revolution zu machen . . . zum Besten der Polen. Eine Revolution ist ein Unglück, aber ein noch größeres Unglück ist eine verunglückte Revolution; und mit einer solchen bedrohte/ins die Einwanderung jener nordischen Freunde, die in unsere Angelegenheiten alle jene Verwirrung und Unzuverlässigkeit gebracht hätten, wodurch sie selber daheim zu Grunde gegangen. Ihre Einmischung wäre uns um so verderblicher geworden/da die deutsche Unerfahren- heit sich von den Ratschlägen jener kleinen polnischen Schlauheit, die sich für politische Einsicht ausgicbt, gern leiten ließ, nnd gar die deutsche Bescheidenheit, bestochen von jener flinken Ritterlichkeit, die den Polen eigen ist, diesen letzteren die wichtigsten Führerstellcn vertraut hätte. — Ich habe mich damals in dieser Beziehung über die Popularität der Polen nicht wenig geängstigt. Es hat sich vieles seitdem geändert, nnd gar für die Zukunft, für die deutschen Freiheitsinteressen einer späteren Zeit, braucht man die Popularität der Polen wenig zu fürchten.*) Ach nein, wenn einst Deutschland sich wieder rüttelt, und diese Zeit wird dennoch kommen, dann werden die Polen kaum noch dem Namen nach existieren, sie werden ganz mit den Russen verschmolzen sein, und als solche werden wir uns Dieser Sah lautete in dem mir vorliegenden Originalmanuskripte ursprünglich, mie folgt: „So sehr ich die Polen liebe, so sehr mich auch die innigsten Freundschaftsgefühle zu ihnen hinziehen, so sehr ich sie anch in gesellschaftlichen Bezügen achte und wertschätze, so konnte ich doch obige Bemerkung nimmermehr verschweigen. Nicht als ob ich die Popularität der Polen für die Zukunft, für die deutschen Freiheitsinteressen einer späteren Periode gefährlich hielte, ach nein! ?c." Heinrich Heine über Ludwig Börne. 181 auf donnernden Schlachtfeldern wieder begegnen , . , und sie werden für uns minder gefährlich sein als Feinde, denn als Freunde. Der einzige Vorteil, den wir ihnen verdanken, ist jener Rassenhaß, den sie bei uns gesäet und der, still fortwuchernd im deutschen Gcmiite, uns mächtig vereinigen wird, wenn die große Stunde schlägt, Ivo nur uns zu verteidigen haben gegen jenen furchtbaren Riesen, der jetzt noch schläft und im Schlafe wächst, die Füße weit ausstreckend in die duftigen Blumengärten des Morgenlandes, mit dein Haupte airstoßend an den Nordpol, träumend ein neues Weltreich . . . Deutschland wird einst mit diesem Niesen den Kampf bestehen müssen, und für diesen Fall ist es gnt, daß wir die Russen schon früh hassen lernten, daß dieser Haß in uns gesteigert wurde, daß auch alle andern Völker daran teilnehmen . . . Das ist ein Dienst, den uns die Polen leisten, die jetzt als Propaganda des Rassenhasses in der ganzen Welt nmherwandern. Ach, diese unglücklichen Polen! sie selber werden einst die nächsten Opfer unseres blinden Zornes sein, sie werden einst, wenn der Kampf beginnt, die russische Avantgarde bilden, und sie genießen alsdann die bitteren Früchte jenes Hasses, den sie selber gcsäet. Ist es der Wille des Schicksals, oder ist es glorreiche Beschränktheit, was die Polen immer dazu verdammte, sich selber die schlimmste Falle und endlich die Todesgrube zu graben . . . seit den Tagen Sobieskis, der die Türken schlug, Polens natürliche Alliierte, und die Österreicher rettete . . . der ritterliche Dummkopf! Ich habe oben von der „kleinen polnischen Schlauheit" gesprochen. Ich glaube, dieser Ausdruck wird keiner Mißdeutung anheimfallen; kommt er doch aus dem Munde eines Mcmncs, dessen Herz am frühesten für Polen schlug, und der lange schon vor der polnischen Revolution, für dieses heldenmütige Volk sprach und litt. Jedenfalls will ich jenen Ausdruck noch dahin mildern, daß ich nachträglich bemerke, er bezieht sich hier auf die Jahre 1831 und 1832, wo die Polen von der großen Wissenschaft der Freiheit nicht einmal die ersten Elementarkenntnisse besaßen, und die Politik ihnen nichts anderes dünkte, als eben ein Gewebe von Wciberkniffen und Hinterlist, kurz, als eine Manifestation jener „kleinen polnischen Schlauheit", für welche sie sich ein ganz besonderes Talent zutrauten. Diese Polen waren gleichsam ihrem heimatlichen Mittelalter entsprungen, und, ganze Urwälder von Unwissenheit im Kopfe tragend, stürmten sie nach Paris, und hier warfen sie sich entweder in die Sektionen der Republikaner oder in die Sakristeien der katholischen Schule; denn um Republikaner zu sein, dazu braucht man wenig zu wissen, und um Katholik zu sein, braucht man gar nichts zu wissen, sondern braucht man nur zu glauben. Die Gescheitesten unter ihnen begriffen die Revolution nur in der Form der Emeute, und sie ahnten nimmermehr, daß namentlich in Deutschland durch Tumult und 182 Novellistische Fragmente. Skmßcmiuslalif wenig gefördert wird. Ebenso unheilvoll wie spaß- Haft war das Manöver, womit einer ihrer größten Staatsmänner gegen die deutschen Regierungen verfuhr.*) Er hatte nämlich bei dem Durchzug der Polen bemerkt, wie ein einziger Pole hinreichend war, um eine stille deutsche Stadt in Bewegung zu sehen, und da er der gelehrteste Litauer war und aus der Geographie genau wußte, daß Deutschland aus einigen dreißig Staaten besteht, schickte er von Zeit zu Zeit eilten Polen nach der Hauptstadt eines dieser Staaten ... er sehte gleichsam einen Polen auf irgend einen jener dreißig deutschen Staaten, wie ans die Nummern eines Rouletts, wahrscheinlich ohne große Hoffnung des Gelingens, aber ruhig berechnend: „An einem einzigen Polen ist nicht viel verloren; verursacht er jedoch wirklich eine Emcnte, gewinnt meine Nummer, so kommt vielleicht eine ganze Revolution dabei heraus!" Ich spreche von 1831 und 1832. Seitdem sind acht Jahre verflossen, und ebensogut, wie die Helden deutscher Zunge, haben auch die Polen manche bittere, aber mißliche Erfahrung gemacht, und viele von ihnen konnten die schreckliche Muße des Exils zum Studium der Civilisation beuuhcn. Das Unglück hat sie ernsthaft geschult, und sie haben etwas Tüchtiges lernen können. Wenn sie einst in ihr Vaterland zurückkehren, werden sie dort die heilsamste Saat ausstreuen, und, wo nicht ihre Heimat, doch gewiß die Welt wird die Früchte ihrer Aussaat ernten. Das Licht, daS sie einst mit nach Hause lwingen, wird sich vielleicht weit verbreiten nach dem fernsten Nordosten und die dunkelen Föhrenwälder in Flammen sehen, so daß bei der auflodernden Helle unsere Feinde sich einander beschauen und vor einander entsetzen werden . . . sie würgen sich alsdann untereinander in wahnsinnigem Wechselschreck und erlösen uns von aller Gefahr ihres Besuches. Die Vorsehung vertraut das Licht zuweilen den ungeschicktesten Händen, damit ein heilsamer Brand entstehe in der Welt . . . 'h Statt des vorhergehenden und der erstell Hälfte des vorliegenden Absatzes, fand sich im Originalmannstript ursprünglich folgende Stelle: „Ich werde an einem andern Orte von der Sonnenseite der Polen reden, von den Vorzügen, die ihnen, wie sehr sie sich auch untereinander verleumden, nimmermehr abzusprechen sind. Hier leider tonnte nur von ihrer Schattenseite die Rede sein, von ihrer Geistesbeslhränkthcit in politischen Dingen, die nnS so viel geschadet nnd noch mehr schaden konnte. Diese unglücklichen Polen, welche von der großen Wissenschaft der Freiheit nicht einmal die ersten Elementarkenntnisse besaßen und nur barbarische Rauflust in der Brust und ganze Urwälder von Unwissenheit im Kopfe tragen: diese unglücklichen Polen begriffen die Revolution nur in der Form der Emcnte, und selbst die Gescheitesten von ihnen ahnten nimmermehr, daß eine radikale Umwälzung in Deutschland wenig gefördert wird durch Volksanslänsc oder durch ein Stegreisscharmützel, wie in Frankfurt, wo polnischer Scharfsinn angeraten hatte, die Konstabler-Wache mit Pclotonseuer anzngrciscn. Ebenso unheilvoll wie spaßhaft war das Manöver, womit L., der große Polnische Staatsmann, von hier aus gegen die deutschen Regierungen agierte." Der Herausgeber. Heinrich Heine über Ludwig Börne. 18? Nein, Polen ist noch nicht verloren , , , Mit seiner politischen Existenz ist sein wirkliches Leben noch nicht abgeschlossen. Wie einst Israel nach dein Falle Jerusalems, so vielleicht nach dem Falle Warschans erhebt Polen sich zn den höchsten Bestimmungen. Es sind diesem Volke vielleicht noch Thaten vorbehalten, die der Genius der Menschheit höher schabt, als die gewonnenen Schlachten und das Altertümliche Schwertcrgeklirrc nebst Pferdcgctrainpel seiner nationalen Vergangenheit! Und anch ohne solche nachbliihcnde Bedeutung wird Polen nie ganz verloren sein ... Es wird ewig leben ans den rühm liebsten Blättern der Geschichte!!! Nächst dem Durchzug der Polen, habe ich die Vorgänge in Rhcinbayern als den nächsten Hebel bezeichnet, welcher nach der Inline rcvolntion die Aufregung in Deutschland bewirkte, und auch ans unsere Landsleutc in Paris den größten Einfluß ausübte. Die hiesige Volksversammlung war im Anfange nichts anderes, als eine Filiale gcscllschaft de? Prcßvereins von Zweibrückcn. Einer der gewaltigsten Redner der Bipontiner kam hierher; ich habe ihn nie in der Volksversammlung sprechen gehört, sah ihn damals nur zufällig einmal im Kafscehause, wo er mit hoher Stirn das neue Reich verkündete, und die gemüßigten Verräter, namentlich die Redactorcn der Angs- burgcr „Allgemeinen Zeitung" mit dem Strange bedrohte . . . HJch wundere mich, daß ich damals noch den Mut hatte, als Redactcnr der „Allgemeinen Zeitung" thätig zu sein . . . Jetzt sind die Zeiten minder gefährlich . . . Es sind seitdem acht Jahre verflossen, und der damalige Schrcckensmann, der Tribun aus Zweibrückcn, ist in diesem Augenblick einer der schreibseligsten Mitarbeiter der „Allgemeinen Zeitung" . . .) Von Rheinbapern sollte die deutsche Revolution ausgehen. Zwei brücken war daS Bethlehem, wo die junge Freiheit, der Heiland in der Wiege lag und wclterlösend greinte. Neben dieser Wiege brüllte manches Lchslein, das späterhin, als man ans seine Hörner zählte, sich als ein sehr gemütliches Rindvieh erwies. Man glaubte ganz sicher, daß die deutsche Revolution in Zwcibrücken beginnen würde, und alles war dort reif zum Ausbruch. Aber, wie gesagt, die Ge mütlichkeit einiger Personen vereitelte jenes polizeiwidrige Unter sangen. Da war z. B. unter den verschworenen Bipontinern ein gewaltiger Bramarbas, der immer am lautesten wütete, der von Tyranncnhaß am tollsten übersprudelte, und dieser sollte, mit der ersten That vorangehend, eine Schildwache, die einen Hauptpvstcn bewachte, gleich niederstechen . . . „Was!" — rief der Mann, als man ihm diese Ordre gab, — „was! mir, mir konntet ihr eine so schauderhafte, so abscheuliche, so blutdürstige Handlung zumuten? Ich, ich soll eine unschuldige Schildwache umbringen? Ich, der ich ein Familienvater bin! Und diese Schildwnche ist vielleicht ebenfalls ein 184 Novellistische Fragmente. Fnmilicnvater, Ein Familienvater soll einen Familienvater ermorden! ja töten! umbringen!" Da der Vr, Pistor, einer der Zweibrncker Helden, welcher mir diese Geschichte erzählte, jetzt dem Bereiche jeder Verantwortlichkeit entsprungen ist, darf ich ihn wohl als Gewährsmann nennen. Er versicherte mir, daß die deutsche Revolution durch die erwähnte Sentimentalität des Familienvaters vor der Hand njourniert wurde. Und doch war der Moment ziemlich günstig, Rur damals und während den Tagen des Hambachcr Festes hätte mit einiger Aussicht guten Erfolges die allgemeine Umwälzung in Deutschland versucht werden können. Jene Hambacher Tage waren der letzte vermin, den die Göttin der Freiheit uns gewährte; die Sterne waren günstig; seitdem erlosch jede Möglichkeit des Gelingens, Dort waren sehr viele Männer der That versammelt, die selber von ernstem Willen glühten und auf die sicherste Hilfe rechnen konnten. Jeder sah ein, es sei der rechte Moment zu dem großen Wagnis, und die meisten setzten gerne Glück und Leben anfs Spiel , , , Wahrlich, es war nicht die Furcht, welche damals nur das Wort entzügelte und die That zurückdämmte, — Was war es aber, was die Männer von Hambach abhielt, die Revolution zu beginnen? Ich wage es kaum zu sagen, denn es klingt unglaublich, aber ich habe die Geschichte aus authentischer Quelle, nämlich von einem Mann, der als wahrheitsliebender Republikaner bekannt und selber zu Hambach in dem Komitee saß, wo man über die anzufangende Revolution debattierte; er gestand mir nämlich im Vertrauen, als die Frage der Kompetenz zur Sprache gekommen, als man darüber stritt, ob die zu Hambach anwesenden Patrioten auch wirklich kompetent seien, im Namen von ganz Deutschland eine Revolution an zufangcn? da seien diejenigen, welche zur raschen That rieten, durch die Mehrheit überstimmt worden, und die Entscheidimg lautete! „mau sei nicht kompetent," O Schilda, mein Baterland! Vencdey möge es mir verzeihen, wenn ich diese geheime Kom petenzgeschichtc ausplaudere und ihn selber als Gewährsmann nenne; aber es ist die beste Geschichte, die ich auf dieser Erde erfahren habe. Wenn ich daran denke, vergesse ich alle Kümmernisse dieses irdischen Jammerthals, und vielleicht einst nach dem Tode in der neblichten Langeweile des Schattenreiches wird die Erinnerung au diese Kompetenzgeschichte mich aufheitern können , , , Ja, ich bin überzeugt, wenn ich sie dort Proserpinen erzähle, der mürrischen Gemahlin des Höllengottes, so wird sie lächeln, vielleicht laut lachen , . , O Schilda, mein Vaterland! Ist die Geschichte nicht wert, mit goldenen Buchstaben auf Samt gestickt zu werden, wie die Gedichte des Mollakat, welche in der Heinrich Heine über Ludwig Börne. 183 Moschee von Mekka zu schauen sind? Ich möchte sie jedenfalls in Verse bringen und in Musik setzen lassen, damit sie großen Könige- lindern als Wiegenlied vorgesungen werde , , , Ihr könnt ruhig schlafen, und zur Belohnung für das furchtheileude Lied, das ich euch gesungen, ihr großen KönigSkinder, ich bitte euch, öffnet die Kerker- thnrcn der gefangenen Patrioten . , . Ihr habt nichts zu riskieren, die deutsche Revolution ist noch weit von euch entfernt, gut Ding will Weile, und die Frage der Kompetenz ist noch nicht entschieden , , , O Schilda, mein Vaterland! Wie dem aber auch sei, das Fest von Hambach gehört zu den merk würdigsten Ereignissen der deutschen Geschichte, und wenn ich Börne glauben soll, der diesem Feste beiwohnte, so gewährte dasselbe ein gutes Vorzeigen für die Sache der Freiheit. Ich hatte Borne lange aus den Augen verloren, und es war bei seiner Rückkehr von Hambach, daß ich ihn wiedersah, aber auch zum letzten Mate in diesem Leben. Wir gingen miteinander in den Tnilerien spazieren, er erzählte mir viel von Hambach und war noch ganz begeistert von dein Jubel jener großen Volksfeier. Er konnte nicht genug die Eintracht und den Anstand rühmen, die dort herrschten. Es ist wahr, ich habe es auch aus andern Quellen erfahren, zu Hambach gab es durchaus keine äußeren Exccssc, weder betrunkene Tobsucht, noch pöbelhafte Roheit, und die Orgie, der Kirmestaumcl, war mehr in den Gedanken als in den Handlungen. Manches tolle Wort wurde laut ausgesprochen in jenen Reden, die zum Teil späterhin gedruckt erschienen. Aber der eigentliche Wahnwitz ward bloß geflüstert. Börne erzählte mir: während er mit Siebenpfeifer redete, nahte sich demselben ein alter Bauer und raunte ihm einige Worte ins Ohr, worauf jener verneinend den Kopf schüttelte. „Aus Neugier," setzte Börne hinzu, „frug ich den Siebenpfeifer, was der Bauer gewollt, und jener gestand nur, daß der alte Bauer ihm mit bestimmten Worten gesagt habe: Herr Siebenpfeifer, wenn Sie König sein wollen, wir machen Sie dazu!" „Ich habe mich sehr amüsiert," fuhr Börne fort; „wir waren dort alle wie Blntsfrenndc, drückten uns die Hände, tranken Brüderschaft, und ich erinnere mich besonders eines alten Mannes, mit welchem ich eine ganze Stunde geweint habe, ich weiß gar nicht mehr warum. Wir Deutschen sind ein ganz prächtiges Volk, und gar nicht mehr so unpraktisch wie sonst. Wir hatten in Hambach auch das lieblichste Maiwettcr, wie Milch und Rosen, und ein schönes Mädchen war dort, die mir die Hand küssen wollte, als war ich ein alter Kapuziner; ich habe das nicht gelitten, und Vater und Mutter befahlen ihr, mich auf den Mund zu küssen, und versicherten mir, daß sie mit dein größten Vergnügen meine sämtlichen Schriften gelesen. Ich habe mich sehr amüsiert. Auch meine Uhr ist mir gestohlen 186 Novellistische Fragmente, worden. Aber das freut mich ebenfalls, das ist gut, daS gicdt mir Hoffnung, Auch wir, und das ist gut, auch wir haben Spitzbuben unter uuS, und werden daher desto leichter reüssieren. Da ist der verwünschte Kerl von Mvntesguieu, welcher uns eingeredet hatte, die Tugend sei das Prinzip der Republikaner! und ich ängstigte mich schon, das; unsere Partei ans lauter ehrlichen Leuten bestehen und deshalb nichts ausrichten würde. Es ist durchaus nötig, daß wir, ebensogut wie unsere Feinde, auch Spitzbuben unter uns haben. Ich hätte gern den Patrioten entdeckt, der mir zu Hambach meine Uhr gemaust; ich würde ihm, wenn wir zur Regierung koiniucn, sogleich die Polizei übertragen und die Diplomatie, Ich kriege ihn aber heraus, den Dieb, Ich werde nämlich im „Hamburger Korrespondenten" annoncieren, daß ich dem ehrlichen Finder meiner Uhr die Summe von hundert Louisdvr auszahle. Die Uhr ist es wert, schon als Kuriosität — eS ist nämlich die erste Uhr, welche die deutsche Freiheit gestohlen hat. Ja, auch wir, Gcrinanicns Söhne, wir erwachen ans unserer schläfrigen Ehrlichkeit , , , Tyrannen zittert, wir stehlen auch!" Der arme Börne konnte nicht aufhören, von Hambach zu reden und von dem Pläsier, das er dort genossen. Es war, als ob er ahnte, daß er zum letztenmal in Deutschland gewesen, zum letztenmal deutsche Luft geatmet, deutsche Dummheiten eingesogen mit durstigen Ohren — „Ach!" seufzte er, „wie der Wanderer im Sommer nach einem Labetrnnk schmachtet, so schmachte ich manchmal nach jenen frischen, erquicklichen Dummheiten, wie sie nur auf dem Boden unseres Vaterlandes gedeihen. Diese sind so tiefsinnig, so melancholisch lustig, daß einem das Herz dabei jauchzt. Hier bei den Franzosen sind die Dummheiten so trocken, so oberflächlich, so vernünftig, daß sie für jemand, der an besseres gewohnt, ganz ungenießbar sind. Ich werde deshalb in Frankreich täglich vergrämter und bitterer, und sterbe am Ende, Das Exil ist eine schreckliche Sache, Komme ich einst in den Himmel, ich werde mich gewiß auch dort unglücklich fühlen, unter den Engeln, die so schön singen und so gut riechen , , , sie sprechen ja kein Deutsch und rauchen keinen Knaster , , , Nur im Vaterland ist mir wohl! Vaterlandsliebe! Ich lache über dieses Wort im Munde von Leuten, die nie im Exil gelebt , , , Sic könnten ebenso gut von Milchbreilicbe sprechen, Milchbreilicbe! In einer afrika uischen Sandwüste hat das Wort schon seine Bedeutung, Wenn ich je so glücklich bin, wieder nach dem lieben Deutschland zurückznkehren, so nennen Sie mich einen Schurken, wenn ich dort gegen irgend einen Schriftsteller schreibe, der im Exile lebt. Wäre nicht die Furcht vor den Schändlichkeiten, die man einen im Gefängnis aussagen läßt, ich wäre nicht mehr fortgegangen, hätte mich ruhig festsetzen lassen, wie der brave Wirt und die andern, denen ich ihr Schicksal voraussagte, ja, dcucu ich alles voraussagte, wie ich es im Traum gesehen .. Heinrich Heine über Ludwig Börne. 187 „In, das war ein närrischer Traum," rief Börne plötzlich mit lautem Lachen, und aus der düsteren Stimmung in die heitere überspringend, wie es seine Gcmohnheit war, „das war ein närrischer Tranin! Die Erzählungen des Handwerksburscheu, der in Amerika gewesen, hatten mich dazu vorbereitet. Dieser erzählte mir nämlich, in den nordamerikanischen Städten sähe man, auf der Straße sehr große Schildkröten herumkriechen, ans dereit Rücken mit Kreide geschrieben steht, in welchem GasthanS und au welchem Tage sie als Tnrtclsuppe verspeist werden. Ich weiß nicht, warum mich diese Erzählung so sehr frappierte, warum ich den ganzen Tag an die armen Tiere dachte, die so ruhig durch die Straßen von Boston nmhcr- kriechcn und nicht wissen, daß ans ihrem Rücken ganz bestimmt der Tag und der Ort ihres Unterganges geschrieben steht . . . Und nachts, denken Sie sich, im Traume sehe ich meine Freunde, die deutschen Patrioten, in lauter solche Schildkröten verwandelt, ruhig herumkriechen, und auf dem Rücken eines jeden stehen mit großen Buchstaben ebenfalls Ort und Datum, wo man ihn einstecken werde in den verdammten Snppcntopf . . . Ich habe des andern Tages die Leute gewarnt, durfte ihnen aber nicht sagen, was mir geträumt, denn sie hätten's mir übel genommen, daß sie, die Männer der Bewegung, mir als langsame Schildkröten erschienen . . . Aber das Exil, das Exil, das ist eine schreckliche Sache . . . Ach! wie beneide ich die französischen Republikaner! Sic leiden, aber im Vatcrlande. Bis zum Augenblick des Todes steht ihr Fuß auf dem geliebten Boden des Vaterlandes, lind gar die Franzosen, welche hier in Paris kämpfen und alle jene teueren Denkmäler vor Augen haben, die ihnen von den Grvßthaten ihrer Väter erzählen und sie trösten und aufmuntern! Hier sprechen die Steine und singen die Bäume, und so ein Stein hat mehr Ehrgefühl und predigt GotteS Wort, nämlich die Märtyrgeschichte der Menschheit, weit eindringlicher, als alle Professoren der historischen Schule zu Berlin und Göttiugen. Und diese Kastanienbänme hier in den Tnilcricn, ist es nicht, als sängen sie heimlich die Marseillaise mit ihren tausend grünen Zungen? . . . Hier ist heiliger Boden, hier sollte man die Schuhe ausziehen, wenn man spazieren geht . . . Hier links ist die Terrasse der Feuillantsi dort rechts, Ivo sich jetzt die Rne Rivoli hinzieht, hielt der Klub der Jakobiner seine Sitzungen . . . Hier vor uns, im Tuilcricngebände, donnerte der Konvent, die Titancnversammlung, wogegen Bonaparte mit seinem Blitzvogel nur wie ein kleiner Jupiter erscheint . . . dort gegenüber grüßt uns die Place Lvnis XVI., wo das große Excmpcl statuiert wurde . . . Und zwischen beiden, zwischen Schloß und Nicht- Platz, zwischen Fcuillants und Jakvbinerklub, in der Mitte, der heilige Wald, wo jeder Baum ein blühender Freiheitsbaum . . ." Au diesen alten Kastanienbttumcn in dem Tnileriengarten sind 188 Novellistische Fragmente. aber mitunter sehr morsche Äste, , und eben in dem Augenblicke, wo Börne die obige Phrase schließen wollte, brach mit lautem Gekrach ein Ast jener Bänme, und mit voller Wucht ans bedeutender Höhe herunterstürzend, hätte er uns beide schier zerschmettert, wenn wir nicht hastig zur Seite sprangen. Börne, welcher nicht so schnell wie ich sich rettete, ward von einem Zweige des fallenden Astes an der Hand verletzt, und brummte verdrießlich: „Ein böses Zeichen!" Virrtcs Buch. — Und dennoch beurkundete das Fest von Hanibach einen großen Fortschritt, zumal wenn man es mit jenem andern Feste vergleicht, das einst ebenfalls zur Verherrlichung gemeinsamer VolkSiuteresscu ans der Wartburg stattfand. Nur in Außendingen, in Zufälligkeiten, sind sich beide Bergfeicr sehr ähnlich; keineswegs ihrem tieferen Wesen nach. Der Geist, der sich auf Hambach aussprach, ist grundverschieden von dem Geiste, oder vielmehr von dem Gespenste, das auf der Wartburg seinen Spuk trieb. Dort, auf Hambach, jubelte die moderne Zeit ihre Sonnenaufgangslieder und mit der ganzen Menschheit ward Brüderschaft getrunken; hier aber, auf der Wartburg, krächzte die Vergangenheit ihren obskuren Rabengesnng, und bei Fackellicht wurden Dummheiten gesagt und gethan, die des blödsinnigsten Mittelalters würdig waren! Auf Hambach hielt der französische Liberalismus seine trunkensten Bergpredigten, und sprach man auch viel Unvernünftiges, so ward doch die Vernunft selber anerkannt als jene höchste Autorität, die da bindet und löset und den Gesetzen ihre Gesetze vor schreibt; ans der Wartburg hingegen herrschte jener beschränkte Teuto- manismus, der viel von Liebe und Glaube greinte, dessen Liebe aber nichts-anderes war, als Haß des Fremden, und dessen Glaube nur in der Unvernunft bestand, und der in seiner Unwissenheit nichts Besseres zu erfinden wußte, als Bücher zu verbrennen! Ich sage: Unwissenheit, denn in dieser Beziehung war jene frühere Opposition, die wir unter dem Namen „die Altdeutschen" kennen, noch großartiger als die neuere Opposition, obgleich diese nicht gar besonders durch Gelehrsamkeit glänzt. Eben derjenige, welcher das Biicher- verbrennen auf der Wartburg in Vorschlag brachte, war auch zugleich das unwissendste Geschöpf, das je auf Erden turnte und altdeutsche Lesarten herausgab — wahrhaftig, dieses Subjekt hätte auch Brökers lateinische Grammatik ins Feuer werfen sollen! Sonderbar! trotz ihrer Unwissenheit hatten die sogenannten Altdeutschen von der deutschen Gelahrtheit einen gewissen Pcdnntismus geborgt, der ebenso widerwärtig wie lächerlich war. Mit welchem kleinscligcn Silbcnstechen und AuSpnnkteln diskutierten sie über die Kennzeichen deutscher Nationalität! Wo fängt der Germane an? wo Heinrich Heine über Ludwig Börne. 189 hört er auf? Darf ein Deutscher Tabak rauchen? Nein, behauptete die Mehrheit. Darf ein Deutscher Handschuhe tragen? Ja, jedoch von Büffelhaut. (Der schmutzige Maßmaun wollte ganz sicher gehen und trug gar keine.) Aber Bier trinken darf ein Deutscher, und er soll es als echter Sohn Germanins; denn Tacitus spricht ganz bestimmt von deutscher Osrsvisia. Im Bierkeller zu Güttingen mußte ich ciust bewuudcru, mit welcher Gründlichkeit meine altdeutschen Freunde die Proskriptionslisten anfertigten für den Tag/wo sie zur Herrschaft gelangen würden. Wer nur im siebenten Glied von einem Franzosen, Juden oder Slavcn abstammte, ward zum Exil verurteilt. Wer nur im mindesten etwas gegen Jahn oder überhaupt gegen altdeutsche Lächerlichkeiten geschrieben hatte, konnte sich auf den Tod . gefaßt inachen, und zwar auf den Tod durchs Beil, nicht durch die Guillotine, obgleich diese ursprünglich eine deutsche Erfindung und schon im Mittelalter bekannt war, unter dem Namen „die welsche Falle". Ich erinnere mich bei dieser Gelegenheit, daß man ganz ernsthaft debattierte: ob man einen gewissen Berliner Schriftsteller, der sich im ersten Bande seines Werkes gegen die Turnkunst ausgesprochen hatte, bereits ans die erwähnte Proskriptionsliste setzen dürfe; denn der letzte Band seines Buches sei noch nicht erschienen, und in diesem letzten Bande könne der Autor vielleicht Dinge sagen, die den inkriminierten Äußerungen des ersten Bandes eine ganz andere Bedeutung erteilen. Sind diese dunklen Rarren, die sogenannten Deutschtümler, ganz vom Schauplatz verschwunden? Nein. Sie haben bloß ihre schwarzen Röcke, die Livree ihre Wahnsinnes, abgelegt. Die meisten entledigten sich sogar ihres weinerlich brutalen Jargons, und vermummt in den Farben und Redensarten des Liberalismus, waren sie der neuen Opposition desto gefährlicher während der politischen Sturm- und Draugperiode nach den Tagen des Julius. Ja, im Heere der deutschen Rcvolutionsmänuer wimmelte es von ehemaligen Deutschtümler», die mit sauren Lippen die moderne Parole nachlallten und sogar die Marseillaise sangen ... sie schnitten dabei die fatalsten Gesichter . . . Jedoch es galt einen gemeinschaftlichen Kampf für ein gemeinschaftliches Interesse, für die Einheit Deutschlands, der einzigen Fortschrittsidee, die jene frühere Opposition zu Markte gebracht. Unsere Niederlage ist vielleicht ein Glück . . . Man hätte als Waffenbrüder treulich nebeneinander gefochten, man wäre sehr einig gewesen während der Schlacht, sogar noch in der Stunde des Sieges . . . aber den andern Morgen wäre eine Differenz zur Sprache gekommen, die un- ausgleichbar und nur durch die ultima, ratio populorum zu schlichten war, nämlich durch die welsche Falle. Die Kurzsichtigen freilich unter den deutscheu Revolutionären beurteilten alles nach französischen Maßstäben und sie sonderten sich schon in Konstitutionelle und Republikaner, 130 Novellistische Fragmente. und wiederum in Girondisten und Montagnards, und nach solchen Einteilungen haßten und verleumdeten sie sich schon um die Wette; aber die Wissenden wußten sehr gut, daß es im Heere der deutschen Revolution eigentlich nur zwei grundverschiedene Parteien gab, die keiner Transaktion sähig und heimlich dem blutigsten Hader cntgcgen- zürntcn. Welche von beiden schien die überwiegende? Die Wissenden nntcr den Liberalen verhehlten einander nicht, daß ihre Partei, welche den Grundsätzen der französischen FreiheitcUehre huldigte, zwar an Zahl die stärkere, aber an Glanbenseifer und Hilfsmitteln die schwächere sei. In der That, jene regenerierten Dentschtiimler bildeten zwar die Minorität, aber ihr Fanatismus, welcher mehr religiöser Art, überflügelt leicht einen Fanatismus, den nur die Vernunft ausgebrütet hat; ferner stehen ihnen jene mächtige Formeln zu Gebote, womit man den rohen Pöbel beschwört; die Worte: „Vaterland, Deutschland, Glauben der Väter lt. s, w," elektrisieren die unklaren VolkSmasscn noch immer weit sicherer, als die Worte: „Menschheit, Weltbürgertum, Vernunft der Söhne, Wahrheit , , ,!" Ich will hiermit andeuten, daß jene Repräsentanten der Nationalität im deutschen Boden weit tiefer wurzeln, als die Repräsentanten des Kvsmopolitismns, und daß letztere im Kampfe mit jenen wahrscheinlich den kürzeren ziehen, wenn sie ihnen nicht schleunigst zuvorkommen ,,, durch die welsche Falle. In Revolutionszeiten bleibt uns nur die Wahl zwischen Töten und Sterben. Man hat keinen Begriff von solchen Zeiten, wenn man nicht etwa? gekostet hat von dem Fieber, das alsdann die Menschen schüttelt und ihnen eine ganz eigene Denk- und GcfühlSweise einhaucht. Es ist unmöglich, die Worte und Thaten solcher Zeilen während der Windstille einer Friedensperiodc, wie die jetzige, zu beurteilen. Ich weiß nicht, inwieweit obige Andeutungen einem stillen Verständnis begegnen. Unsere Nachfolger erben vielleicht unsere geheimen Übel, und es ist Pflicht, daß wir sie darauf hinweisen, welches Heilmittel wir für probat hielten. Zugleich habe ich hier oben insinuiert, inwiefern zwischen mir und jenen Revolutionären, die den französischen Jakobiuismus auf deutsche Verhältnisse übertrugen, eine gewisse Verbindung stattfinden mußte . . . Trotzdem, daß mich meine politischen Meinungen von ihnen schiede» im Reiche des Gedankens, würde ich mich doch jederzeit denselben angeschlossen haben auf den Schlachtfeldern der That . . . Wir hatten ja gemeinschaftliche Feinde und gemeinschaftliche Gefahren. Freilich, in ihrer trüben Befangenheit haben jene Revolutionäre nie die positiven Garantien dieser natürlichen Alliance begriffen. Auch war ich ihnen so weit Vvrausgcschritten, daß sie mich nicht mehr sahen, und in ihrer Kurzsichtigkcit glaubten sie, ich wäre zurückgeblieben.*) *) Hier folgte ursprünglich nachstehende, später von Heine dnrchstrichene Heinrich Heine über Ludwig Börne. 191 Es ist weder hier der Ort, noch ist es jetzt an der Zeit, ausfü hrlicher über die Differenzen zu reden, die sich bald nach der Julius- revolution zwischen mir nnd den deutschen Revolutionären in Paris kundgeben mußten. Als der bedeutendste RePräsentant dieser letzteren muß unser Ludwig Börne betrachtet werden, zumal in den letzten Jahren seines Lebens, als, infolge der republikanischen Niederlagen, die zwei thcitigsten Agitatoren, Garnier und Wolfrnm, vom Schau- Platze abtraten. Von crstcrem ist bereits Erwähnung geschehen. Er war einer der rüstigsten llmtriebler, und man mutz ihm das Zeugnis geben, daß er alle demagogischen Talente im höchsten Grade besaß. Ein Mensch von vielem Geiste, auch vielen Kenntnissen und großer Beredsamkeit. Aber ein Intrigant. In den Stürmen einer deutschen Revolution hätte Garnier gewiß eine Rolle gespielt; da aber das Stück nicht aufgeführt wurde, giug es ihm schlecht. Man sagt, er mußte von Paris flüchten, weil sein Gastwirt ihm nach dem Leben trachtete, nicht indem er ihm die Speisen zu vergiften drohte, sondern indem er ihm gar keine Speisen mehr ohne bare Bezahlung ver abreichen wollte. Der andere der beiden Agitatoren, Wolfrnm, war ein junger Mensch aus Altbcchern, wenn ich nicht irre ans Hof, der hier als Commis in einem Handlungshanse kouditiouirte, aber seine Stelle aufgab, um den ausbrechenden Frcihcitsideen, die auch ihn ergriffen hatten, seine ganze Thätigkcit zu widmen. Es war ein braver, uneigennütziger, von reiner Begeisterung getriebener Mensch, nnd ich halte mich um so mehr verpflichtet, dieses auszusprechen, da sein Andenken noch nicht ganz gereinigt ist von einer schauderhaften Verleumdung. Als er nämlich ans Paris verwiesen wurde und der General Lafatzette den Grafen d'Agout, damaligen Minister des Innern, ob dieser Willkür in der Kammer zur Rede stellte, schneuzte Graf d'Agout seine lange Nase nnd behauptete: der Verwiesene sei ein Agent der bayerischen Jesuiten gewesen nnd unter seinen Papieren habe man die Beweisstücke gefunden. Als Wolfrum, welcher sich in Belgien aufhielt, von dieser schnöden Beschuldigung durch die Tagcs- blütter Kunde empfing, wollte er ans der Stelle hierher zurückeilen, konnte aber wegen mangelnder Barschaft nur zu Fuße reisen, nnd, erkrankt durch Übermüdung und innere Aufregung, mußte er bei seiner Ankunft zu Paris im Lütsl Visu einkehren; hier starb er unter fremdem Namen. Wolfrum und Garnier waren immer Börnes treue Anhänger, Stelle: „Es ist wahr, vor der JnlinSrevvlntion hatte auch ich deu Ansichten nnd Folgerungen des französischen Tcmvtraiismns unbedingt gehuldigt, die Erklärung der Menschenrechte dünkte mir der Gipscl aller politischen Weisheit, nnd Lafahettc war mein Held ... Aber dieser ist jetzt tot, nnd sein alter Schimmel ist auch tot, nnd ich habe beide noch immer sehr lieb, kann sie aber nicht genau mehr voneinander unterscheiden." Der Herausgeber. 132 Novellistische Fragmente. aber sie behaupteten ihm gegenüber eine gewisse Unabhängigkeit, und nicht selten schöpften sie ihre Inspirationen aus ganz andern Quellen. Seitdem aber diese beiden verschwanden, trat Börne unter den Revolutionären zu Paris unmittelbar persönlich hervor, er herrschte nicht mehr durch Agenten seines Willens, sondern in eigenem Namen, und es fehlte ihm nicht an einem Hofstaat von beschränkten und erhitzten Köpfen, die ihm mit blinder Verehrung huldigten. Unter diesen lieben Getreuen saß er in aller Majestät seines buutseidenen Schlafrockes und hielt Gericht über die Großen dieser Erde, und neben dem Zaren aller Reußen war es wohl der Schreiber dieser Blätter, den sein rhadamantischer Zorn am stärksten traf . . . Was in seinen Schriften nur halbwegs angedeutet wurde, fand im mündlichen Vortrag die grellste Ergänzung, und der argwöhnische Kleingeist, der ihn bemeisterte, und eine gewisse infame Tugend, die für die heilige Sache sogar die Lüge nicht verschmäht, kurz Beschränktheit und Selbsttäuschung, trieben den Mann bis in die Moräste der Verleumdung. Der Vorwurf in den Worten „argwöhnischer Kleingeist" soll hier weniger das Individuum als vielmehr die ganze Gattung treffen, die in Maximilian Robespierre, glorreichen Andenkens, ihren vollkommensten Repräsentanten gefunden. Mit diesem hatte Börne zuletzt die größte Ähnlichkeit: im Gesichte lauerndes Mißtrauen, im Herzen eine blutdürstige Sentimentalität, im Kopfe nüchterne Begriffe . . . nnr stand ihm keine Guillotine zu Gebote, und er mußte zu Worten seine Zuflucht nehmen und bloß verleumden. Auch dieser Vorwurf trifft mehr die Gattung? denn, sonderbar! ebenso ivie die Jesuiten, haben die Jakobiner das Lügen als ein erlaubtes Kriegsmittel adoptiert, vielleicht weil sich beide der höchsten Zwecke bewußt waren: Jene stritten für die Sache Gottes, diese für die Sache der Menschheit . . . Wir wollen ihnen daher ihre Verleumdungen verzeihen! Ob aber bei Ludwig Börne nicht manchmal ein geheimer Neid im Spiele war? Er war ja ein Mensch, und während er glaubte, er ruiniere den guten Leumund eines Andersgesinnten nur im Interesse der Republik, während er sich vielleicht noch etwas darauf zu gute that, dieses Opfer gebracht zu haben, befriedigte er unbewußt die versteckten Gelüste der eigenen bösen Natur, wie einst Maximilian Robespierre, glorreichen Andenkens! Und namentlich in betreff meiner hat der Selige sich solche» Privatgefühlen hingegeben, und alle seine Anfeindungen waren am Ende nichts anderes, als der kleine Neid, den der kleine Tambour- Maitre gegen den großen Tambour-Major empfindet — er beneidete mich ob des großen Federbusches, der so keck in die Lüfte hineinjauchzt, ob meiner reichgestickten Uniform, woran mehr Silber, als er, der kleine Tambour-Maitre, mit seinem ganzen Vermögen bezahlen konnte, ob der Geschicklichkeit, womit ich den großen Stock Heinrich Heine über Ludwig Börne. 133 balanciere, ob der Liebesblickc, die mir die jungen Dirnen zuwerfen, und die ich vielleicht mit etwas Koketterie erwidere! Der Umgebung Börnes mag ebenfalls vieles von den angedeuteten Vcrirruugcu zur Last fallen; er ward von den lieben Getreuen zu mancher schlimmen Äußerung angestachelt, und das mündlich Geäußerte ward noch bösartiger aufgestützt und zu wunderlichen Privat zwecken verarbeitet. Bei all seinem Mißtrauen war er leicht zu betrügen, er ahnte nie, daß er ganz fremden Leidenschaften diente und nicht selten sogar den Einflüsterungen seiner Gegner gehorchte. Man versichert mir, einige von den Spionen, die für Rechnung gewisser Regierungen hier herumschnüffeln, wußten sich so patriotisch zu gebärden, daß Börne ihnen sein ganzes Vertrauen schenkte und Tag und Nacht mit ihnen zusammenhockte und konspirierte. Und doch wußte er, daß er von Spionen umgeben war, und einst sagte er mir! „Da geht beständig ein Kerl hinter mir her, der mich auf allen Straßen verfolgt, vor allen Häusern stehen bleibt, wo ich hineingehe und gewiß von irgend einer Regierung teuer dafür bezahlt wird. Wüßte ich nur, welche Regierung, ich würde ihr schreiben, daß ich das Geld selbst verdienen mochte, daß ich selber ihr täglich einen gewissenhaften Rapport abstatten wolle, wie ich den ganzen Tag zugebracht, mit wem ich gesprochen, wohin ich gegangen — ja, ich bin crbötig, diesen Rapport zu weit wohlfeilerem Preise, ja für die Hälfte des Geldes zu liefern, das dieser Kerl, der beständig hinter mir eiuhergeht, sich zahlen läßt; denn ich muß ja alle diese Gänge ohnedies machen. Ich könnte vielleicht davon leben, daß ich mein eigener Spion werde." Einen großen, vielleicht den größten Einfluß übte damals auf Börne die sogenannte Madame Wohl, eine bereits in diesen Blättern erwähnte zweideutige Dame, wovon man nicht genau wußte, zu welchem Titel ihr Verhältnis zu Börne sie berechtigte, ob sie seine Geliebte oder bloß seine Gattin. Die nächsten Freunde behaupteten lange Zeit steif und fest, daß Madame Wohl ihm heimlich angetraut sei und eines frühen Morgens als Frau Doktorin Börne ihre Aufwartung machen werde. Ändere meinten, es herrsche zwischen beiden nur eine platonische Liebe, wie einst zwischen Messer Fraucesko und Madonna Laura, und sie fanden gewiß auch eine große Ähnlichkeit zwischen Petrarchas Sonetten und Börnes Pariser Briefen. Letztere waren nämlich nicht an eine erdichtete Lustgestalt, sondern an Madame Wohl gerichtet, was gewiß zu ihrem Werte beitrug, indem es ihnen jene bestimmte Physiognomie und jenes Individuelle erteilte, waS keine Kunst nachahmen kann. Wenn sich in Briefen nicht bloß der Charakter des Schreibers, sondern auch des Empfängers abspiegelt, so ist Madame Wohl eine höchst respektable Person, die für Freiheit und Menschenrechte glüht, ein Wesen voll Gemüt, voll Begeisterung ... Heiue'S Werte. XI. Bd. 13 1g4 Novellistische Fragmente. Und in der That, wir müssen dieser Ansicht Glauben schenken, wenn wir vernehmen, mit welcher Hingebung die Dame in bitterer Zeit an Börne festhielt, wie sie ihm ihr ganzes Leben weihte, und wie sie seht, nach seinem Tode, in trostlosem Kummer verharrt, sich in der Einsamkeit nur noch mit dem Verstorbenen beschäftigend. Unstreitbar herrschte zwischen beiden die innigste Znncignng, aber während das Publikum zweifelhaft war, welche sinnliche Thatsachen daraus entsprungen sein möchten, überraschte uns einst die plötzliche Nachricht, daß Madame Wohl sich nicht mit Börne, sondern mit einem jungen Kaufmann aus Frankfurt vermählt habe , . , Die Verwunderung hierüber ward noch dadurch gesteigert, daß die Neuvermählte nebst ihrem Gatten hierherkam, mit Börne ein und dieselbe Wohnung bezog, und alle drei einen einzigen Haushalt bildeten. Ja, es hieß, der junge Gatte habe die Frau nur deshalb geheiratet, um mit Börne in nähere Berührung zu kommen, er habe sich ausbedungcn, daß zwischen beiden daS frühere Verhältnis unverändert fortwalte. Wie man mir sagt, spielte er im Hause nur die dienende Person, verrichtete die roheren Geschäfte und ward ein sehr nützlicher Laufbursche für Börne, mit dessen Ruhm er hausieren ging und gegen dessen Gegner er unerbittlich Gift und Galle geiferte. In der That, jener Gatte der Madame Wohl gehört nicht zu der guten Sorte, die mit der Toleranz in der Ehe eine gewisse Harmlosigkeit verbindet, und dadurch allen Spott entwaffnet. Nein, er erinnerte vielmehr an jene böse Gattung, wovon in den indischen Geschichten des Ktesias Erwähnung geschieht. Dieser Autor berichtet nämlich: in Indien gäbe es gehörnte Esel, und während alle andere Esel gar keine Galle haben, hätten jene gehörnten Esel einen solchen Überfluß an Galle, daß ihr Fleisch dadurch ganz bitter schmecke. Ich hoffe es wird niemand mißdeuten, weshalb ich obige Parti- kularitätcn aus Börnes Privatleben hervorhebe, Sie sollen nur zeigen, daß es noch ganz besondere Mißstände gab, die mir geboten mich von ihm entfernt zu halten. Das ganze Reinlichkeitsgefühl meiner Seele sträubte sich in mir bei dein Gedanken, mit seiner nächsten Hingebung in die mindeste Berührung zu geraten, Soll ich die Wahrheit gestehen, so sah ich in Börnes Haushalt eine Jmmoralität, die mich anwiderte. Dieses Geständnis mag befremdlich klingen im Munde eines Mannes, der nie im Zelotengcschrei sogenannter Sitte» Prediger einstimmte und selber hinlänglich von ihnen verketzert wurde. Verdiente ich wirklich diese Berketzcruugcnh Nach tiefster Selbst- Prüfung kann ich mir das Zeugnis geben, daß niemals meine Gedanken und Handlungen in Widerspruch ge> aten mit der Moral, mit jener Moral, die meiner Seele eingeboren, die vielleicht meine Seele selbst ist, die beseelende Seele meines Lebens, Ich gehorche fast passiv einer sittlichen Notwendigkeit, und mache deshalb keine Ansprüche I Heinrich Heine iiber Lndwig Börne. ISS nuf Lorbeerkränze und sonstige Tngendpreisc. Ich habe jüngst ein Buch gelesen, worin behauptet wird, ich hätte mich gerühmt, es liefe keine Phryne über die Pariser Boulevards, deren Reize mir unbekannt geblieben. Gott weiß, welchem ehrwürdigen Korrespondenzler solche saubere Anekdoten nachgesprochen wurden, ich kann aber dem Verfasser jenes Buches die Versicherung geben, daß ich selbst in meiner tollsten Jugendzeit nie ein Weib erkannt habe, wenn ich nicht dazu begeistert ward durch ihre Schönheit, die körperliche Offenbarung Gottes, oder durch die große Passion, jene große Passion, die ebenfalls göttlicher Art, weil sie uns von allen selbstsüchtigen Klein- gefühlcn befreit und die eitlen Güter des LebenS, ja das Leben selbst hinopfern laßt! . . . Und die Welt ist am Ende gerecht, und sie verzeiht die Flammen, wenn nur der Brand stark und echt ist, und schön lodert und lange . . . Gegen eitel verpuffendes Strohfeuer ist sie hart, und sie verspottet jede ängstliche Halbglnt . . . Die Welt achtet und ehrt jede Leidenschaft, sobald sie sich als eine wahre erprobt, und die Zeit erzengt auch in diesem Falle eine gewisse Legitimität ... Mit Mißbehagen erfüllte mich ferner Börnes beständiges Kannegießern. Immer politisches Räsonniercn und wieder Nttsonnieren, und sogar beim Essen, wo er mich aufzusuchen wußte. Bei Tische, Ivo ich so gern alle Misere der Welt vergesse, verdarb er mir die besten Gerichte durch seine patriotische Galle, die er gleichsam wie eine bittere Sauce darüber hinschwatzte. Knlbsfüße ä In, Naltrs cl'Uütol, damals meine harmlose Lieblingsspeise, er verleidete sie mir durch Hiobspostcn aus der Heimat, die er aus den unzuverlässigsten Zeitungen zusammengegabelt hatte. Und dann seine verfluchten Bemerkungen, die einem den Appetit verdarben. So z. B. kroch er mir mal nach in den Restaurant der Rue Lepcllctier, Ivo damals nur politische Flüchtlinge aus Italien, Spanien, Portugal uud Polen zu Mittag speisten. Börne, welcher sie alle kannte, bemerkte mit freudigem Händereiben: nur beiden seien von der ganzen Gesellschaft die einzigen, die nicht von ihrer respektiven Negierung zum Tode verurteilt worden. „Aber ich habe," setzte er hinzu, „noch nicht alle Hoffnung aufgegeben, es ebensoweit zu bringen. Wir werden am Ende alle gehenkt, und Sie ebensogut wie ich." Ich äußerte bei dieser Gelegenheit, daß es in der That für die Sache der deutschen Revolution sehr fördersam wäre, wenn unsere Regierungen etwas rascher verführen und einige Revolutionäre wirklich aufhingen, damit die übrigen sähen, daß die Sache gar kein Spaß und alles an alles gesetzt werden müsse . . . „Sie wollen gewiß," fiel mir Börne in die Rede, „daß wir nach dem Alphabet gehenkt werden, und da wäre ich einer der ersten und käme schon im Buchstab B., man mag mich nun als Börne oder als Barnch hängen; und es hätte dann noch gute Weile, bis man au Sie käme, tief ins H." 13* 136 Novellistische Fragmente. Das waren nun Tischgespräche, die wich nicht sehr erquickten, und ich rächte mich dafür, indem ich für die Gegenstände des Börne- schcn Enthusiasmus eine übertriebene, fast leidenschaftliche Gleichgültigkeit affektierte. Z.B. Börne hatte sich geärgert, daß ich gleich bei meiner Ankunft in Paris nichts Besseres zu thnn wußte, als für deutsche Blätter einen langen Bericht über die damalige Gemälde anc'stcllnng zu schreiben. Ich lasse dahin gestellt sein, ob daS Knnst- intcrcssc, das mich zu solcher Arbeit trieb, so ganz unvereinbar war mit den revolutionären Interessen des Tages; aber Börne sah hierin einen Beweis meines Jndiffercntismus für die heilige Sache der Menschheit, und ich konnte ihm ebenfalls die Freude seines Pntrio tischen Sauerkrauts verleiden, wenn ich bei Tisch von nichts als von Bildern sprach, von Roberts Schnittern, von Hvrace Bermels Judith, von Schepers Faust. „Was thaten Sie," frug er mich einst, „am ersten Tag Ihrer Ankunft in Paris? waS war Ihr erster Gang?" Er erwartete gewiß, daß ich ihm die Place Louis XV. oder das Pantheon, die Grabmäler Ronsseaus und Voltaires, als meine erste Ausflucht nennen würde, und er machte ein sonderbares Gesicht, als ich ihm ehrlich die Wahrheit gestand, daß ich nämlich gleich bei meiner Ankunft nach der lZidliotbscing rozmls gegangen und mir vom Aufseher der Manuskripte den Manessischen Kodex der Minnesänger hervorholen ließ, lind das ist wahr; seit Jahren gelüstete mich, mit eigenen Augen die tenern Blätter zu sehen, die uns unter andern die Gedichte Walthers von der Vogelweide, deS größten deutschen Lyrikers, aufbewahrt haben. Für Börne war dieses ebenfalls ein Beweis meines Jndifferentismus, und er zieh mich des Widerspruchs mit meinen politischen Grundsätzen. Daß ich es nie der Mühe wert hielt, letztere mit ihm zu diskutieren, versteht sich von selbst; und als er einst auch in meinen Schriften einen Widerspruch entdeckt haben wollte, begnügte ich mich mit der ironischen Antwort: „Sic irren sich, Liebster, dergleichen findet sich nie in meinen Büchern, denn jedesmal ehe ich schreibe, Pflege ich vorher meine politischen Grundsätze in meine» früheren Schriften wieder nachzulesen, damit ich mir nicht widerspreche und man mir keinen Abfall von meinen liberalen Prinzipien vorwerfen könne." Aber nicht bloß beim Essen, sondern sogar in meiner Nachtruhe inkommodierte mich Börne mit seiner patriotischen Exaltation. Er kam einmal um Mitternacht zu mir heraufgestiegen in meine Wohnung, weckte mich aus dem süßesten Schlaf, setzte sich vor mein Bett, und jammerte eine ganze Stunde über die Leiden des deutschen Volkes, und über die Schändlichkciten der deutschen Regierungen, und wie die Russen für Deutschland so gefährlich seien, und wie er sich vorgenommen habe, zur Rettung Deutschlands gegen den Kaiser Nikolas zu schreiben und gegen die Fürsten, die das Volk so mißhandelten, und gegen den Bundestag ... Heinrich Heine über Ludwig Börne. 197 Und ich glaube, er hätte bis zum Morgen in diesem Zuge fortgeredet, wcuu ich nicht plötzlich nach langem Schweigen in die Worte ausbrach! „Sind Sie Gcmcindcversorgcr?" — Nur zweimal habe ich ihn seitdem wieder gesprochen. Das eine Mal bei der Heirat eines gemeinsamen Freundes, der uns beide als Zeugen gewählt, das andere Mal auf einem Spaziergang in den Tnilerien, dessen ich bereits erwähnte. Bald darauf erschien der dritte und vierte Teil seiner Pariser Briefe, und ich vermied nicht bloß jede Gelegenheit des Zusammentreffens, sondern ich ließ ihn auch merken, daß ich ihm geflissentlich auswich, und seit der Zeit habe ich ihm zwar zwei- oder dreimal begegnet, aber nie habe ich seitdem ein einziges Wort mit ihm gesprochen. Bei seiner sanguinischen Art wurmte ihn das bis zur Verzweiflung, und er setzte alle möglichen Erfindungen ins Spiel, um mir wieder freundschaftlich nahen zu dürfen, oder wenigstens eine Unterredung mit mir zn bewirken. Ich hatte also nie im Leben mit Börne einen mündlichen Disput, nie sagten wir uns irgend eine schwere Beleidigung? nur aus seinen gedruckten Reden merkte ich die lauernde Böswilligkeit, und nicht verletztes Selbstgefühl, sondern höhere Sorgen und die Treue, die ich meinem Denken und Wollen schuldig bin, bewogen mich, mit einem Mann zn brechen, der meine Gedanken und Bestrebungen kompromittieren wollte. Solches hartnäckige Ablehnen ist aber nicht ganz in meiner Art, und ich wäre vielleicht nachgiebig genug gewesen, mit Börne wieder zn sprechen und Umgang zn Pflegen . . . zumal da sehr liebe Personen mich mit vielen Bitten angingen und die gemeinschaftlichen Freunde oft in Verlegenheit gerieten bei Einladungen, deren ich keine annahm, wenn ich nicht vorher die Zusicherung erhielt, daß Herr Börne nicht geladen sei . . . noch außerdem rieten mir nicine Privatinteressen, den grimmblütigen Mann durch solches strenge Zurückweisen nicht allzusehr zn reizen . . . aber ein Blick auf seine Umgebung, auf seine lieben Getreuen, auf den vielköpfigen und mit de» Schwänzen zusammengewachsenen Nattenkönig, dessen. Seele er bildete, und der Ekel hielt mich zurück von jeder neuen Berührung mit Börne. So vergingen mehrere Jahre, drei, vier Jahre, ich verlor den Mann auch geistig aus dem Gesicht, selbst von jenen Artikeln, die er in französischen Zeitschriften gegen mich schrieb und die im ehrlichen Deutschland so verleumderisch ausgebeutet wurden, nahm ich wenig Notiz, als ich eines späten Herbstabends die Nachricht erhielt: Börne sei gestorben. Wie man mir sagt, soll er seinen Tod selbst verschuldet haben durch Eigensinn, indem er sich lange weigerte, seinen Arzt, den vor trefflichen vr. Sichel, rufen zu lassen. Dieser nicht bloß berühmte, sondern auch sehr gewissenhafte Arzt, der ihn wahrscheinlich gerettet 198 Novellistische Fragmente, hätte, kam zu spät, als der Kranke bereits eine terroristische Selbstkur an sich vorgenommen nnd seinen ganzen Körper ruiniert hatte, Börne hatte früher etwas Medizin studiert und wußte von dieser Wissenschaft gerade so viel, als man eben braucht, um zu töten, In der Politik, womit er sich später abgab, waren seine Kenntnisse wahrlich nicht viel bedeutender. Ich habe seinem Begräbnisse nicht beigewohnt, was unsere hiesigen Korrespvndenzlcr nicht ermangelten nach Deutschland zu berichten, und was zu bösen Auslegungen Gelegenheit gab. Nichts ist aber thörichtcr, als in jenem Umstände, der rein zufällig sein konnte, eine feindselige Härte zu erblicken. Die Thoren, sie wissen nicht, daß es kein angenehmeres Geschäft giebt, als dem Leichenbegängnisse eines Feindes zu folgen! Ich war nie Börnes Freund, und ich war auch nie sein Feind, Der Unmut, den er manchmal in mir erregen konnte, war nie bedeutend, und er büßte dafür hinlänglich durch das kalte Schweigen, das ich allen seinen Verketzernngen nnd Rücken entgegensetzte. Ich habe, während er lebte, auch keine Zeile gegen ihn geschrieben, ich gedachte seiner nie, ich ignorierte ihn komplett, und das ärgerte ihn über alle Maßen. Wenn ich jetzt von ihm rede, geschieht es wahrlich weder auS Enthusiasmus noch auSMißlannc; ich bin mir wenigstens der kältesten Unparteilichkeit bewußt. Ich schreibe hier weder eine Apologie noch eine Kritik, und indem ich nur von der eigenen Anschauung ausgehe bei der Schilderung des Mannes, dürfte daS Standbild, das ich von ihm liefere, vielleicht als ein ikvnisches zu betrachten sein. Und es gebührt ihm ein solches Standbild, ihm, dem großen Ringer, der in der Arena unserer politischen Spiele so mutig rang, nnd, wo nicht den Lorbeer, doch gewiß den Kranz von Eichenlaub crsicgtc. Wir geben sein Standbild mit seinen wahren Zügen, ohne Idealisierung, je ähnlicher desto ehrender für sein Andenken, Er war ja weder ein Genie noch ein Heros; er war kein Gott des Olymps, Er war ein Mensch, ein Bürger der Erde, er war ein guter Schriftsteller und ein großer Patriot, Indem ich Ludwig Börne einen guten Schriftsteller genannt, nnd ihm nur das schlichte Beiwort „gut" zuerkenne, möchte ich seinen ästhetischen Wert weder vergrößern noch verkleinern. Ich gebe überhaupt hier, wie ich bereits erwähnt, keine Kritik, ebensowenig wie eine Apologie seiner Schriften; nur mein unmaßgebliches Dafürhalten darf in diesen Blättern seine Stelle finden. Ich suche dieses Privat- nrteil so kurz als möglich abzufassen; daher nur wenige Worte über Börne in rein litterarischer Beziehung, Soll ich in der Littcratur einen verwandten Charakter aufsuchen, so böte sich zuerst Gotthold Ephraim Lcssing, mit welchem Börne sehr Heinrich Heine iiber Ludwig Börne. 199 oft verglichen worden. Aber diese Verwandtschaft beruht nur ans der inneren Tüchtigkeit, dein edlen Willen, der patriotischen Passion und dem Enthusiasmus für Humanität. Auch die Verstandesrichtnng war iu beiden dieselbe. Hier aber hört der Vergleich auf. Lessing war groß durch jenen offenen Sinn für Kunst und philosophische Spekulation, welcher dem armen Börne gänzlich abging. Es giebt in der ausländischen Litteratur zwei Männer, die mit ihm eine weit größere Ähnlichkeit haben; diese Männer sind William Hazlitt und Paul Courrier. Beide sind vielleicht die nächsten litterarischen Verwandten Börnes, nur daß Hazlitt ihn ebenfalls an Kunstsinn überflügelt und Courrier sich keineswegs zum. Börneschen Humor erheben kann. Ein gewisser Esprit ist allen dreien gemeinsam, obgleich er bei jedem eine verschiedene Färbung trägt — er ist trübsinnig bei Hazlitt, dem Brilen, wo er wie Sonnenstrahlen ans dicken englischen Nebelwolken hcrvorblitzt; er ist fast mutwillig heiter bei dem Franzosen Courrier, wo er wie der junge Wein der Tourraine im Kelter braust und sprudelt und manchmal übermütig emporzischt; bei Börne, dem Deutschen, ist er beides, trübsinnig und heiter, wie der säuerlich ernste Rheinwein und das närrische Mvndlicht der deutschen Heimat . . . Sein Esprit wird manchmal zum Humor. Dieses ist nicht so sehr in den früheren Schriften Börnes, als vielmehr in seinen Pariser Briefen der Fall. Zeit, Ort und Stoff haben hier den Humor nicht bloß begünstigt, sondern ganz eigentlich hervorgebracht. Ich will damit sagen: den Humor in den Pariser Briefen verdanken wir weit mehr den Zeitumständen, als dem Talent ihres Verfassers. Die Jnliusrevolutiou, dieses Politische Erdbeben, hatte dergestalt in allen Sphären des Lebens die Verhältnisse auseinander gesprengt und so buntscheckig die verschiedenartigsten Erscheinungen zusammengeschmissen, daß der Pariser Revolntionskorrespon- dent nur treu zu berichten brauchte, was er sah und hörte, und er erreichte von selbst die höchsten Effekte des Humors. Wie die Leidenschaft manchmal die Poesie erseht und z. B. die Liebe oder die Todesangst in begeisterte Worte ausbricht, die der wahre Dichter nicht besser und schöner zu erfinden weiß, so ersetzen die Zeitumstände manchmal den angeborenen Humor, und ein ganz prosaisch begabter, sinnreicher Autor liefert wahrhaft humoristische Werke, indem sein Geist die spaßhaften und kummervollen, schmutzigen und heiligen, grandiosen und winzigen Kombinationen einer umgestülpten Weltordnung treu abspiegelt. Ist der Geist eines solchen Autors noch obendrein selbst in bewegtem Znstand, ist dieser Spiegel verschoben oder grell gefärbt von eigener Leidenschaft, dann werden tolle Bilder zum Vorschein kommen, die selbst alle Geburten des humoristischen Genius überbieten . . . Hier ist das Gitter, welches den Humor vom Jrrenhause trennt . . . Nicht selten in den Börnescheu Briefen zeigen 2l)l) Novellistische Fragmente. sich Spureil eines wirklichen Wahnsinns, und Gefühle und Gedanken grinsen uns entgegen, die man in die Zwangsjacke stecken müßte, denen man die Dusche geben sollte . , , In stilistischer Hinsicht sind die Pariser Briefe weit schätzbarer, als die früheren Schriften Börnes, worin die kurzen Sätze, der kleine Hnndetrab eine unerträgliche Monotonie hervorbringeil und eine fast kindische Unbcholfenhcit verraten. Diese kurzen Sätze verlieren sich immer mehr und mehr in den Pariser Briefen, Ivo die entzügelte Leidenschaft notgedrungen in weitere, vollere Rhythmen überströmt, und kolossale, gewitterschwangere Perioden dahinrvllen, deren Bau schön und vollendet ist, wie durch die höchste Kunst. Die Pariser Briefe können in Beziehung auf Börnes Stil dennoch nur als eine llbergangsstufe betrachtet werden, wenn man sie mit seiner letzten Schrift i „Menzel der Franzosenfresser", vergleicht. Hier erreicht sein Stil die höchste Ausbildung, und wie in den Worten, so auch in den Gedanken herrscht hier eine Harmonie, die von schmerzlicher, aber erhabener Beruhigung Kunde giebt. Diese Schrift ist ein klarer See, worin der Himmel mit allen Sternen sich spiegelt, und Börnes Geist taucht hier ans und unter, wie ein schöner Schwan, die Schmähungen, womit der Pöbel sein reines Gefieder besudelte, ruhig von sich abspülend. Auch hat man diese Schrift mit Recht Börnes Schwanengesang genannt. Sie ist in Deutschland wenig bekannt geworden, und Betrachtungen über ihren Inhalt wären hier gewiß an ihrem Platze. Aber da sie direkt gegen Wolfgang Menzel gerichtet ist und ich bei dieser Gelegenheit denselben wieder ausführlich besprechen müßte, so will ich lieber schweigen. Nur eine Bemerkung kann ich hier nicht unterdrücken, und sie ist glück lichcrweise von der Art, daß sie vielmehr von persönlichen Bitternissen ableitet und dem Hader, worin sowohl Börne als die sogenannten Mitglieder des sogenannten jungen Deutschland mit Menzeln gerieten, eine generelle Bedeutung zuschreibt, wo Wert oder Unwert der Individuen nicht mehr zur Sprache kommt. Bielleicht sogar liefere ich dadurch eine Justifikation des Menzelschen Betragens und seiner scheinbaren Abtrünnigkcit. Ja, er wurde nur scheinbar abtrünnig . . . nur scheinbar . . . denn er hat der Partei der Revolution niemals mit dem Gemüte und mit dem Gedanken angehört. Wvlfgang Menzel war einer jener Teutomanen, jener Dentschtümler, die nach der Sonnenhitze der Jnliusrevolntion gezwungen wurden, ihre altdeutschen Röcke und Redensarten auszuziehen und sich geistig wie körperlich in das moderne Gewand zu kleiden, das nach französischem Maße zugeschnitten. Wie ich bereits zu Anfang dieses Buches gezeigt, viele von diesen Teutomanen, um an der allgemeinen Bewegung und den Triumphen deS Zeitgeistes teil zu nehmen, drängten sich in unsere Reihen, in die Heinrich Heine iiber Ludwig Börne. 201 Reihen der Kämpfer für die Prinzipien der Revolution, und ich zweifle nicht, daß sie mutig mitgefochten hätten in der gemeinsamen Gefahr. Ich fürchtete keine Untreue von ihnen während der Schlacht, aber nach dem Siege; ihre alte Natur, die zurückgedrängte Deutschtümelei, wäre wieder hervorgebrochen, sie hätten bald die rohe Masse mit den dunkeln Beschirm rnngsliedern des Mittelalters gegen uns aufgewiegelt und diese Beschwörnngslieder, ein Gemisch von uraltem Aberglauben und dämonischer Erdkräfte, wären stärker gewesen als alle Argumente der Vernunft . . . Menzel war der erste, der, als die Luft kühler wurde, die altdeutschen Rockgcdanken wieder vom Nagel herabnahm, und mit Lust wieder in die alten Jdeenkreisc zurücktnrntc. Wahrlich, bei dieser Umwendnng fiel mir wie ein Stein vom Herzen, denn in seiner wahren Gestalt war Wolfgang Menzel weit minder gefährlich, als in seiner liberalen Vermnmmnng; ich hätte ihm um den Hals fallen mögen nnd ihn küssen, als er wieder gegen die Franzosen eiferte nnd ans Juden schimpfte und wieder für Gott nnd Vaterland, für das Christentum und deutsche Eichen, in die Schranken trat nnd erschrecklich bramarbasierte! Ich gestehe es, wie wenig Furcht er mir in dieser Gestalt einflößte, so sehr ängstigte er mich einige Jahre früher, als er plötzlich für die Julinsrevolntion nnd die Franzosen in schwärmerische Begeisterung geriet, als er für die Rechte der Juden seine pathetischen, großherzigen, lafahettischen Emnncipationsrcden hielt, als er Ansichten über Welt und Mcnschenschicksal losließ, worin eine Gottlosigkeit grinste, wie dergleichen kaum bei den entschlossensten Materialisten gefunden wird, Ansichten, die kaum jener Tiere würdig, die sich nähren mit der Frucht der deutschen Eiche. Damals war er gefährlich, damals, ich gestehe cS, zitterte ich vor Wolfgang Menzeln! Börne, in seiner Knrzsichtigkcit, hatte die wahre Natur des letzteren nie erkannt, nnd da man gegen Renegaten, gegen umgewandelte Gesinnungsgenossen weit mehr Unwillen empfindet, als gegen alte Feinde, so loderte sein Zorn am grimmigsten gegen Menzeln. — Was mich anbelangt, der ich fast zu gleicher Zeit eine Schrift gegen Menzel herausgab, so waren ganz andere Motive im Spiel. Der Mann hatte mich nie beleidigt, selbst seine roheste Verlästernng hat keine verletzbare Stelle in meinem Gemüte getroffen. Wer meine Schrift gelesen, wird übrigens daraus ersehen haben, daß hier das Wort weniger verwunden als reizen sollte, nnd alles dahinzielte, den Ritter des Deutschtums auf eilt ganz anderes, als ein litterarisches Schlachtfeld herauszufordern. Menzel hat meiner loyalen Absicht keine Genüge geleistet. Es ist nicht meine Schuld, wenn das Publikum daraus allerlei verdrießliche Folgerungen zog . . . Ich hatte ihm anfs großmütigste die Gelegenheit geboten, sich durch einen ein zigen Akt der Mannhaftigkeit in der öffentlichen Meinung zu reha- 202 Novellistische Fragmente. bilitiercn ... Ich setzte Blut und Leben aufs Spiel ... Er hat's nicht gewallt. Ärmer Menzel! ich habe wahrlich keinen Groll gegen dich! Du warst nicht der Schlimmste. Die andern sind weit perfider, sie verharren länger in der liberalen Bermnmmnng, vder lassen die MaSke nicht ganz fallen . . . Ich meine hier zunächst einige schwäbische Kammersänger der Freiheit, deren liberale Triller immer leiser und leiser verklingen, und die bald wieder mit der alten Bierstimme die Weisen van Anna 13 und 14 anstimmen werden . . . Gott erhalte euch fürs Vaterland! Wenn ihr, um die Fetzen eurer Popularität zu retten, den Menzel, euren vertrautesten Gesinnnngsgenvsscn, sakri- fiziert habt, so war das eine sehr verächtliche Handlung. Und dann muß man bei Menzeln anerkennen, daß er mit bestimmter ManncSuiiterschrift seine Schmähungen vertrat; er war kein anonymer Skriblcr und brachte immer die eigene Haut zu Markt. Nach jedem Schimpfwort, womit er uns bespritzte, hielt er fast gutmütig still, um die verdiente Züchtigung zu empfangen. Auch hat's ihm an geschriebenen Schlägen nicht gefehlt, und sein litterarischer Rücken ist schwarz gestreift, wie der eines Zebras. Armer Menzel! Er zahlte für manchen andern, dessen man nicht habhaft werden konnte, für die anonymen und Pseudonymen Buschklepper, die aus den dunkelsten Schlupfwinkeln der Tagespresse ihre Pfeile abschießen ... Wie willst du sie züchtigen? Sie haben keinen Namen, den du brandmarken könntest, und gelänge es dir sogar, von einem zitternden Zeitnngsredacteur die paar leeren Buchstaben zu erpressen, die ihnen als Namen dienen, so bist du dadurch noch nicht sonderlich gefördert ... Du findest alsdann, daß der Verfasser des insolentesten Schmähartikcls kein anderer war^°), als jener klägliche Drohbettler, der mit all seiner untcrthänigen Zudringlichkeit auch keinen Sons von dir erpressen konnte . . . Oder, was noch bitterer ist, du erfährst, daß im Gegenteil ein Lumpacius, der dich um zweihundert Frank geprellt, dem du einen Rock geschenkt hast, um seine Blöße zu bedecken, dem du aber keine schriftliche Zeile geben wolltest, womit er sich in Deutschland als deinen Freund und großen Mitdichter hernm- präsentieren konnte, daß ein solcher Lumpacius es war, der deinen guten Leumund in der Heimat begeiferte . . . Ach, dieses Gesindel ist kapabel, mit vollem Namen gegen dich aufzutreten, und dann bist du erst recht in Verlegenheit! Antwortest du, so verleihst du ihnen eine lebenslängliche Wichtigkeit, die sie auszubeuten wissen, und sie *) Im Originalmanuskript findet sich nachstehender, später von Heine gestrichener Schluß dieses Satzes: „als ein windiger Wurm, der eine alte Jungfer geheiratet hat, und bei dieser mitleiderregenden Gelegenheit von deinen eigenen Freunden und Sipven ein Almosen erkrochen. Oder du entdeckst, daß dein anonymer Antagonist jener klägliche Drohbettler w." Der Heransgeber. Heinrich Heine über Ludwig Börne. 2l)3 finden eine Ehre darin, daß dn sie mit demselben Stacke schlugest, womit ja schon die berühmtesten Männer geschlagen worden , , , Freilich, das beste wäre, sie bekämen ihre Prügel ganz unfigürlich, mit keinem geistigen, sondern mit einem wirklichen materiellen Stocke, wie einst ihr Ahnherr Thersites . , , Ja, es war ein lehrreiches Beispiel, das du nns gabst, edler Sohn des Laertes, königlicher Dulder Odysseus! Du, der Meister des Wortes, der in der Kunst des Sprechens alle Sterblichen übertrafest! Jedem wußtest du Rede zu stehen, und du sprachest ebenso- gcrn wie siegreich — nur an einen klebrichten thersites wolltest du kein Wort verlieren, einen solchen Wicht hieltest du keiner Gegenrede wert, und als er dich schmähte, hast du ihn schweigend geprügelt - - - Wenn mein Vetter in Lüneburg dies liest, erinnert er sich vielleicht unserer dortigen Spaziergänge, wo ich jedem Bcttclstmgen, der uns ansprach, immer einen Groschen gab, mit der ernsthaften Ver- mahnung: „Lieber Bursche, wenn du dich etwa später auf Litteratur legen und Kritiken für die Brockhansischen Litteratnrblätter schreiben solltest, so reiß mich nicht herunter!" Mein Vetter lachte damals, und ich selber wußte noch nicht, daß „der Groschen, den meine Mutter einer Bettlerin verweigert", auch in der Litteratur so fatalistisch wirken konnte! Ich habe oben der Brockhausischen Litteratnrblätter erwähnt. Diese sind die Höhlen, wo die unglücklichsten aller deutschen Skribler schmachten und ächzen; die hier hinabsteigen, verlieren ihren Namen und bekommen eine . Nummer, wie die verurteilten Polen in den russischen Bergwerken, in den Bleiminen von Nowgorod; hier müssen sie, wie diese, die entsetzlichsten Arbeiten verrichten, z. B. Herrn von Räumer als großen Geschichtschreiber loben, oder Ludwig Tieck als Gelehrten anpreisen und als Mann von Charakter u. s. w. . . . Die meisten sterben davon und werden namenlos verscharrt als tote Nummer. Viele unter diesen Unglücklichen, vielleicht die meisten, sind ehemalige Teutomanen, und wenn sie auch keine altdeutschen Röcke mehr tragen, so tragen sie doch altdeutsche Unterhosen; — sie unterscheiden sich von den schwäbischen Gesinnungsgenossen durch einen gewissen märkischen Accent und durch ein weit windigeres Wesen. Die Volkstümelei war von jeher in Norddeuschland mehr Affektation, wo nicht gar einstudierte Lüge, namentlich in Preußen, wo sogar die Champivnen der Nationalität ihren slavischcn Ursprung vergebens zu verleugnen suchten. Da lob' ich mir meine Schwaben, die meinen es wenigstens ehrlicher und dürfen mit größerein Rechte auf germanische Rasscnreinheit pochen. Ihr jetziges Hauptorgan, die Cottasche „Drci- monatsrevue", ist beseelt von diesem Stolz, und ihr Nedacteur, der Diplomat Kölle sein geistreicher Mann, aber der größte Schwätzer dieser Erde, und der'gewiß nie ein Staatsgeheimnis verschwiegen M4 Novellistische Fragmente. hat!), der Redacteur jener Revue ist der eingefleischteste Nassenmäkler, und sein drittes Wvrt ist innner germanische, rumänische und semitische Rasse ,.. Sein größter Schmerz ist, daß der Champion deS Germanentums, sein Liebling Wvlfgang Menzel, alle Kennzeichen der mongo- tischen Abstammung im Gesichte trägt. Ich finde es für nötig, hier zu bemerken, daß ich den langweilig breiten Schmähartikel, den jüngst die erwähnte Dreimouatsschrift gegen mich auskramte, keineswegs der bloßen Tentomanie, nicht einmal einem persönlichen Grolle, beimesse. Ich war lange der Meinung, als ob. der Verfasser, ein gewisser G. Pf., durch jenen Artikel seinen Freund Menzel rächen wollte. Aber ich muß der Wahrheit gemäß meinen Irrtum bekennen. Ich ward seitdem verschiedenseitig eines Bessern unterrichtet. „Die Freundschaft zwischen dem Menzel und dem erwähnten G. Pf.," sagte mir unlängst ein ehrlicher Schwabe, „besteht nur darin, daß letzterer dem Menzel, der kein Französisch versteht, mit seiner Kenntnis dieser Sprache aushilft. Und was den Angriff gegen Sie betrifft, so ist das gar nicht so böse gemeint; der G. Pf. war früher der größte Enthusiast für Ihre Schriften, und wenn er jetzt so glühend gegen die Jmmoralität derselben eifert, so geschieht das, um sich das Ausehen von strenger Tugend zu geben und sich gegen den Verdacht der somatischen Liebe, der auf ihm lastete, etwas zu decken." Ich würde den Ausdruck „sokratische Liebe" gern umschrieben haben, aber es sind die eigenen Worte des Or. D r, der mir diese harmlose Kvnfidenz machte. l)r. D r, der gewiß nichts dagegen hätte, wenn ich seinen ganzen Namen mitteilte, ist ein Mann von ausgezeichnetem Geist und von einer Wahrheitsliebe, die sich in seinem ganzen Wesen ausspricht. Da er sich in diesem Augenblick zu London befindet, konnte ich ohne vorläufige Anfrage seinen Namen nicht ganz ausschreiben; er steht aber zu Dienst, sowie auch der ganze Name eines der achtnngswertcsten Pariser Gelehrten, des Pr. D g, in dessen Gegenwart mir dieselbe Mitteilung wiederholt ward. Für das Publikum aber ist es nützlich zu erfahren, welche Motive sich zuweilen unter dem bekannten „sittlich-religiös-patriotischen Bettlermantel" verbergen. Ich habe mich nur scheinbar von meinem Gegenstaude entfernt. Manche Angriffe gegen den seligen Börne finden durch obige Winke ihre teilweise Erklärung. Dasselbe ist der Fall in Beziehung auf sein Buch: „Menzel, der Franzosenfresser." Diese Schrift ist eine Verteidigung des Kosmopolitismus gegen den Nationalismus; aber in dieser Verteidigung sieht man, wie der Kosmopolitismus Börnes nur in seinen: Kopfe saß, statt daß der Patriotismus tief in seinem Herzen wurzelte, während bei seinem Gegner der Patriotismus nur im Kopfe spukte und die kühlste Indifferenz im Herzen gähnte . .. Heinrich Heine über Ludwig Börne, 205 Die listigen Wvrte, womit Menzel sein Deutschtum, wie ein , vausier- jude seinen Plunder, anpreist, seine alten Tiraden von Hermann dem Cherusker, dem Korsen, dein gesunden Pflanzenschlaf, Martin Luther, Blücher, der Schlacht bei Leipzig, womit er den Stolz des deutschen Volkes kitzelte will, alle diese abgelebten Redensarten weis, Börne so zu beleuchten, daß ihre lächerliche Nichtigkeit aufs ergötz lichste veranschaulicht wird; und dabei brechen aus seinem eigenen Herzen die rührendsten Naturlaute der Vaterlandsliebe, tvic verschämte Geständnisse, die man in der letzten Stunde des Lebens nicht mehr zurückhalten kann, die wir mehr hervvrschluchzcn als aussprechen , , , Der Tod steht daneben und nickt als unabweisbarer Zeuge der Wahrheit! Ja, er war nicht bloß ein guter Schriftsteller, sondern auch ein großer Patriot, In Beziehung ans Börnes schriftstellerischen Wert muß ich hier auch seine Übersetzung der ?arolss cl'nn arozmut erwähnen, die er ebenfalls in seinem letzten Lebensjahre angefertigt, und die als ein Meisterstück des Stils zu betrachten ist. Daß er eben dieses Buch übersetzte, daß er sich überhaupt in die Jdeenkreise Lamennaies verlocken ließ, will ich jedoch nicht rühmen. Der Einfluß, den dieser Priester auf ihn ausübte, zeigte sich nicht bloß in der erwähnten Übersetzung der?g,rols8 cl'un orozmnt, sondern auch in verschiedenen französischen Aufsätzen, die Börne damals für den „ikskorinatsnr" und die „öalanvs" schrieb, in jenen merkwürdigen Urkunden seines Geistes, Ivo sich ein Verzagen, ein Verzweifeln an protestantischer Vernunftautvrität gar bedenklich offenbart und das erkrankte Gemüt in katholische Anschauungen hinüber schmachtet , . . Es war vielleicht ein Glück für Börne, daß er starb . . . Wenn nicht der Tod ihn rettete, vielleicht sähen wir ihn heute römischkatholisch blamiert. Wie ist das möglich? Börne wäre am Ende katholisch geworden? Er hätte in den Schoß der römischen Kirche sich geflüchtet und das leidende Haupt durch Orgelton und Glockenklang zu betäuben gesucht? Nun ja, er war auf dem Wege, dasselbe zu thun, was so manche ehrliche Leute schon gethan, als der Ärger ihnen ins Hirn stieg und die Vernunft zu fliehen zwang, und die arme Vernunft ihnen beim Abschied nur noch den Rat gab: „Wenn ihr doch verrückt sein wollt, so werdet katholisch, und man wird euch wenigstens nicht einsperren, wie andere Monomanen," „Aus Ärger katholisch werden" — so lautet ein deutsches Sprichwort, dessen verflucht tiefe Bedeutung mir jetzt erst klar wird, — Ist doch der Katholizismus die schauerlich reizendste Blüte jener Doktrin der Verzweiflung, deren schnelle Verbreitung über die Erde nicht mehr als ein großes Wunder erscheint, wenn man bedenkt, in 2lZK Novellistische Fragmente. welchem grauenhaft peinlichen Znstand die ganze römische Welt schmachtete , , , Wie der einzelne sich trostlos die Adern öffnete und im Tode ein Asyl suchte gegen die Tyrannei der Casaren: so stürzte sich die große Menge in die ASketik, in die Abtvtungslehrc, in die Martyrsucht, in den ganzen Selbstmord der nazarenischen Religion, nm auf einmal die damalige Lcbensqual von sich zu werfen und den Folterknechten des herrschenden Materialismus zu trotzen , . . Für Menschen, denen die Erde nichts mehr bietet, ward der Himmel erfunden , , , Heil dieser Erfindung! Heil einer Religion, die dem leidenden Menschengeschlecht in den bitteren Kelch einige süße, einschläfernde Tropfen goß, geistiges Opium, einige Tropfen Liebe, Hoffnung und Glauben! Ludwig Börne war, wie ich bereits in der ersten Abteilung erwähnte, seiner Natur nach ein geborener Christ, und diese spiri- tualistische Richtung mußte in den Katholizismus überschnappen, als die verzweifelnden Republikaner nach den schmerzlichsten Niederlagen sich mit der katholischen Partei verbanden, — Wie weit ist es Ernst mit dieser Verbindung? Ich kann's nicht sagen. Manche Republikaner mögen wirklich aus Ärger katholisch geworden sein. Die meisten jedoch verabscheuen im Herzen ihre neuen Alliierten, und es wird Komödie gespielt von beiden Seiten, Es gilt nur den gemeinschaftlichen Feind zu bekämpfen, und in der That, die Verbindung der beiden Fanatismen, des religiösen und des politischen, ist bedrohlich im höchsten Grade, Zuweilen aber geschieht es, daß die Menschen sich in ihrer Rolle verlieren und aus dem listigen Spiel ein plumper Ernst wird; und so mag wohl mancher Republikaner so lange mit den katholischen Symbolen geliebäugelt haben, bis er zuletzt daran wirklich glaubte; und mancher schlaue Pfaffe mag so lange die Marseillaise gesungen haben, bis sie sein LieblingSlied ward, und er nicht mehr Messe lesen kann, ohne in die Melodie dieses Schlachtgesanges zu verfallen. Wir armen Deutschen, die wir leider keinen Spaß verstehen, wir haben das Fraternisieren des Nepnblikanismus und des Katholizismus für baren Ernst genommen, und dieser Irrtum kann uns einst sehr teuer zu stehen kommen. Arme deutsche Republikaner, die ihr Satan bannen wollt durch Beelzebub, ihr werdet, wenn euch solcher Exor- cismus gelänge, erst recht aus dem Fcncrregcn in die Flammentranfc geraten! Wie gar manche deutsche Patrioten, nm protestantische Regierungen zu befehden, mit der katholischen Partei gemeinschaftliche Sache treiben, kann ich nicht begreifen. Man wird mir, dem die Preußen bekanntlich so viel Herzeleid bereiteten, man wird mir schwerlich eine blinde Sympathie für Borussia zuschreiben: ich darf daher freimütig gestehen, daß ich in dem Kampfe Preußens mit der katholischen Partei nur ersterem den Sieg wünsche , , , Denn eine Niederlage würde hier notwendig zur Folge haben, daß einige deutsche Heinrich Heine über Ludwig Börne. 207 Provinzen, die Rheinlande, für Deutschland verloren gingen. — Was kümmert es aber die frommen Leute in München, ob man am Rhein deutsch oder französisch spricht; für sie ist es hinreichend, daß man dort lateinisch die Messe singt. Pfaffen haben kein Vaterland, sie haben nur einen Vater, einen Papa, in Rom. Daß aber der Abfall der Rheinlande, ihr Hcimfall an das romanische Frankreich, eine ausgemachte Sache ist zwischen den Helden der katholischen Partei und ihren französischen Verbündeten, wird männiglich bekannt sein. Zu diesen Verbündeten gehört seit einiger Zeit auch ein gewisser ehemaliger Jakobiner, der jetzt eine Krone trägt und mit gewissen gekrönten Jesuiten in Deutschland unterhandelt... Frommer Schacher! scheinheiliger Verrat am Vaterland! Es versteht sich von selbst, daß unser armer Börne, der sich nicht bloß von den Schriften, sondern auch von der Persönlichkeit Lamennaies ködern ließ und an den Umtrieben der römischen Frciwerbcr unbewußt teil nahm, es versteht sich von selbst, daß unser armer Börne nimmermehr die Gefahren ahnte, die durch die Verbindung der katholischen und republikanischen Partei unser Deutschland bedrohen. Er hatte hiervon auch nicht die mindeste Ahnung, er, dem die Integrität Deutschlands, ebensosehr wie dem Schreiber dieser Blätter, immer am Herzen lag. Ich muß ihm in dieser Beziehung das glänzendste Zeugnis erteilen. „Auch keinen deutschen Nachttopf würde ich an Frankreich abtreten," rief er einst im Eifer des Gesprächs, als jemand bemerkte, daß Frankreich, der natürliche Repräsentant der Revolution, durch den Wiederbcsitz der Rheinlande gestärkt werden müsse, um dem aristokratisch-absolutistischen Europa desto sicherer widerstehen zu können. „Keinen Nachttopf tret' ich ab," rief Börne, im Zimmer auf und ab stampfend, ganz zornig. „Es versteht sich," bemerkt ein dritter, „wir treten den Franzosen keinen Fußbreit Land vom deutschen Boden ab; aber wir sollten ihnen einige deutsche Landslcute abtreten, deren wir allenfalls entbehren können. Was dächten Sie, wenn wir den Franzosen z. B. den Raumer und den Rotteck abträten?" „Nein, nein," rief Börne, aus dem höchsten Zorn in Lachen übergehend, „auch nicht einmal den Räumer, oder den Notteck trete ich ab, die Kollektion wäre nicht mehr komplett, ich will Deutschland ganz behalten, wie es ist, mit seinen Blumen und seinen Disteln, init seinen Riesen und Zwergen . . . nein, auch die beiden Nachttöpfe trete ich nicht ab!" Ja, dieser Börne war ein großer Patriot, vielleicht der größte, der aus Germanins stiefmütterlichen Brüsten das glühendste Leben und den bittersten Tod gesogen! In der Seele dieses Mannes jauchzte und blutete eine rührende Vaterlandsliebe, die ihrer Natur 208 Novellistische Fragmente. nach verschämt, wie jede Liebe, sich gern unter knurrenden Scheltworten und nergelndem Murrsinn versteckte, aber in unbewachter Stunde desto gewaltsamer hervorbrach. Wenn Deutschland allerlei Verkehrtheiten beging, die böse Folgen haben konnten, wenn es den Mut nicht hatte, eine heilsame Medizin einzunehmen, sich den Star stechen zu lassen oder sonst eine kleine Operation auszuhalten, dann tobte und schimpfte Ludwig Börne und stampfte und wetterte: — wenn aber das vorausgesehene Unglück wirklich eintrat, wenn man Deutschland mit Füßen trat oder so lange peitschte, bis Blut floß, dann schmollte Börne nicht länger, und er sing an zu flennen, der arme Narr, der er war, und schluchzend behauptete er alsdann, Deutschland sei das beste Land der Welt und das schönste Land, und die Deutschen seien das schönste und edelste Volk, eine wahre Perle von Volk, und nirgends sei man klüger als in Deutschland, und sogar die Narren seien dort gescheit, und ine Flegelei sei eigentlich Gemüt, und er sehnte sich ordentlich nach den geliebten Rippenstößen der Heimat, und er hatte manchmal ein Gelüste nach einer recht saftigen deutschen Dummheit, wie eine schwangere Frau nach einer Birne. Auch wurde für ihn die Entfernung vom Vaterlands eine wahre Marter, und manches böse Wort in seinen Schriften hat die Qual hervorgeprcßt. Wer das Exil nicht kennt, begreift nicht, wie grell es unsere Schmerzen färbt, und wie es Nacht und Gift in unsere Gedanken gießt. Dante schrieb seine Hölle im Exil. Nur wer im Exil gelebt hat, weiß auch, was Vaterlandsliebe ist, Vaterlandsliebe mit all ihren süßen Schrecken und sehnsüchtigen Kümmernissen! Zum Gliick für unsere Patrioten, die in Frankreich leben müssen, bietet dieses Land so viele Ähnlichkeit mit Deutschland; fast dasselbe Klima, dieselbe Vegetation, dieselbe Lebensweise. „Wie furchtbar muß das Exil sein, wo diese Ähnlichkeit fehlt," bemerkte mir einst Borne, als wir im Jardin des Plantcs spazieren gingen, „wie schrecklich, wenn man um sich her nur Palmen und tropische Gewächse sähe und ganz wildfremde Tierarten, wie Känguruhs und Zebras ... Zu unserem Glücke sind die Blumen in Frankreich ganz so wie bei uns zu Hause, die Veilchen und Rosen sehen ganz wie deutsche aus, auch die Ochsen und Kühe, und die Esel sind geduldig und nicht gestreift, ganz wie bei uns, und die Vögel sind gefiedert und singen in Frankreich ganz so wie in Deutschland, und wenn ich gar hier in Paris die Hunde herumlaufen sehe, kann ich mich ganz wieder über den Rhein zurückdenken, und mein Herz ruft mir zu: Das sind ja unsere deutschen Hunde!" Ein gewisser Blödsinn hat lange Zeit in Börnes Schriften jene V aterlandsliebe ganz verkannt, ltbcr diesen Blödsinn konnte er sehr mitleidig die Achseln zucken, und über die keuchenden alten Weiber, welche Holz zu seinem Scheiterhaufen herbeischleppten, konnte er mit Seelenruhe ein Lunobs, sirnplieitus! auSrufcn. Aber wenn jesuitische Heinrich Heine über Ludwig Börne. MZ Böswilligkeit seine» Patriotismus zu verdächtigen suchte, geriet er in einen vernichtenden Grimm. Seine Entrüstung kennt alsdann keine Rücksicht mehr, und wie ein beleidigter Titane schleudert er die töd- lichstcn Quadersteine ans die züngelnden Schlangen, die zu seinen Füßen kriechen. Hier ist er in seinem vollen Rechte, hier lodert am edelsten sein Mnnneszorn Wie merkwürdig ist folgende Stelle in den Pariser Briefen, die gegen Jarkc gerichtet ist, der sich unter den Gegnern Börnes durch zwei Eigenschaften, nämlich Geist und Anstand, einigermaßen auszeichnet: „Dieser Jarke ist ein merkwürdiger Mensch. Man hat ihn von Berlin nach Wien berufen, wo er die halbe Besoldung von Gcntz bekömmt. Aber er verdiente nicht deren hundertsten Teil, oder er verdiente ein hundertmal größere — es kömmt nur darauf an, was man dem Gentz bezahlen wollte, das Gute oder Schlechte an ihm. Diesen katholisch und toll gewordenen Jarke liebe ich ungemein, denn er dient mir, wie gewiß auch vielen andern, zum nützlichen Spiele und zum angenehmen Zeitvertreibe. Er gicbt seit einem Jahre ein politisches Wochenblatt heraus. Das ist eine unterhaltende Lainsra olzsoura; darin gehen alle Neigungen und Abneigungen, Wünsche und Verwünschungen, Hoffnungen und Befürchtungen, Freuden und Leiden, Ängste und Tollkühnheiten und alle Zwecke und Mittclchen der Monarchisten und Aristokraten mit ihren Schatten hintereinander vorüber. Der gefällige Jarke! Er verrät alleS, er warnt alle. Die verborgenen Geheimnisse der großen Welt schreibt er ans die Wand meines kleinen Zimmers. Ich erfahre von ihm und erzähle jetzt Ihnen, waS sie mit uns vorhaben. Sie wollen nicht allein die Früchte und Blüten und Blätter und Zweige und Stämme der Revolution zerstören, sondern auch ihre Wurzeln, ihre tiefsten, ans- gebreitctsten, festesten Wurzeln, und bliebe die halbe Erde daran hängen. Der Hofgärtner Jarke geht mit Messer und Schaufel und Beil umher, von einem Felde, von einem Lande in das andere, von einem Volke zum andern. Nachdem er alle Rcvolutionswurzcln ausgerottet und verbrannt, nachdem er die Gegenwart zerstört hat, geht er zur Vergangenheit zurück. Nachdem er der Revolution den Kopf abgeschlagen und die unglückliche Delinquentin ausgelitten hat, verbietet er ihrer längstverstorbenen, längstverwcsten Großmutter das Heiraten; er macht die Vergangenheit zur Tochter der Gegenwart. Ist das nicht toll? Diesen Sommer eiferte er gegen das Fest von Hambach. Das unschuldige Fest! Der gute Hammel! Der Wolf von Bundestag, der oben am Flusse soff, warf dem Schafe von deutschem Volke, daS weiter unten trank, vor: es trübe ihm das Wasser, und er müsse es auffressen. Herr Jarke ist Zunge des Wolfes. Dan» rottet er die Revolution in Baden, Rheinbaycrn, Hessen, Sachsen aus; dann die englische Reformbill; dann die polnische, die belgische, He ine'S Werke. XI. Bd. 14 216 Novellistische Fragmente. dm französische Jnliusrevolntion. Dann verteidigt er die göttlichen Rechte des Don Miguel. So geht er immer weiter zurück. Nor vier Wochen zerstörte er den Lafayette, nicht den Lafayctte der Jnli- revvlution, sondern den Lafayette vor fünfzig Jahren, der für die amerikanische und die erste französische Revolution gekämpft. Jarkc auf den Stiefeln Lafayettes herumkriechen! Es war mir, als sähe ich einen Hund an dem Fuße der größten Pyramide scharren, mit dem Gedanken, sie umzuwerfen! Immer zurück! Vor vierzehn Tagen sehte er seine Schaufel an die hundertnndtünfzigjährige englische Revolution, die von 1688. Bald kömmt die Reihe an den älteren Brutus, der die Targuinier verjagt, und so wird Herr Jarke endlich zum lieben Gott selbst kommen, der die Unvorsichtigkeit begangen, Adam und Eva zu erschaffen, ehe er noch für einen König gesorgt hatte, wodurch sich die Menschheit in den Kopf gesetzt, sie könne auch ohne Fürsten bestehen. Herr Jarke sollte aber nicht vergessen, daß, sobald er mit Gott fertig geworden, man ihn in Wien nicht mehr braucht. Und dann Adieu Hofrat, Adieu Besoldung. Er wird wohl den Verstand haben, diese eine Wurzel des Hambacher Festes stehen zu lassen. „Das ist der nämliche Jarke, von dein ich in einem früheren Briefe Ihnen etwas mitzuteilen versprochen, was er über mich geäußert. Nicht über mich allein, es betraf auch wohl andere; aber an mich gedachte er gewiß am meisten dabei. Im letzten Sommer schrieb er im politischen Wochenblatt einen Aufsatz: „Deutschland und die Revolution." Darin kommt folgende Stelle vor. Ob die artige Bosheit oder die großartige Dummheit mehr zu bewundern sei, ist schwer zu entscheiden. „Die Stelle aus Jarkes Artikel lautet folgendermaßen: .Übrigens ist es vollkommen richtig, daß jene Grundsätze, wie wir sie oben geschildert, niemals schaffend ins wirkliche Leben treten, daß Deutschland niemals in eine Republik nach dem Zuschnitte der heutigen Bvlksverführer umgewandelt, daß jene Freiheit und Gleichheit selbst durch die Gewalt des Schreckens niemals durchgesetzt werden könne; ja, es ist zweifelhaft, ob die frechsten Führer der schlechten Richtung nicht selbst bloß ein grausenhnstes Spiel mit Deutschlands höchsten Gütern spielen, ob sie nicht selbst am besten wissen, daß dieser Weg ohne Rettung zum Verderben führt, und bloß deshalb mit kluger Berechnung das Werk der Verführung treiben, nur in einem großen welthistorischen Akte Rache zu nehmen für den Druck und die Schmach, den das Volk, dem sie ihrem Ursprung nach angehören, Jahrhunderte lang von dem unscrigcn erduldet.' —- „O, Herr Jarke, das ist zu arg! Und als Sie dieses schrieben, waren Sic noch nicht österreichischer Rat, sondern nichts weiter als das preußische Gegenteil — wie werden Sie nicht erst rasen, wenn Sie in der Wiener Staatskanzlei sitzen? Daß Sie uns die Ruch- Heinrich Heine iibcr Ludwig Börne. 211 losigkcit voriverfcn, >vir ivollten daS deutsche Volk unglücklich machen: weil es uus selbst unglücklich gemacht — das verzeihen wir dein Kriminnlisten nnd seiner schönen Jmpntatious-Theorie. Daß Sie uns die Klugheit zutrauen, unter dem Scheine der Liebe unsere Feinde zu verderben — dafür müssen wir uns bei dem Jesuiten bedanken, der uns dadurch zu laben glaubte. Aber daß Sie uus für sv dumm halten, wir würden eine Taube in der Hand für eine Lerche ans dein Dache fliegen lassen — dafür müssen Sie uns Rede stehen, Herr Jarke. Wie! wenn wir das deutsche Volk haßten, würden wir mit aller unserer Kraft dafür streiten, es van der schmachvollsten Erniedrigung, in der es versunken, es von der bleiernen Tyrannei, die ans ihm lastet, es von dem llbermute seiner Aristokraten, dem Hochmnte seiner Fürsten, von dem Spotte aller Hofnarren, den Verleumdungen aller gedungenen Schriftsteller befreien zu helfen, um es den kleinen, bald vorübergehenden nnd sv ehrenvollen Gefahren der Freiheit preiszugeben? Haßten wir die Deutschen, dann schrieben wir wie Sie, Herr Jarke. Aber bezahlen ließen wir uns nicht dafür; denn auch noch die sündevolle Rache hat etwas, das entheiligt werden kann."») Die Verdächtigung seines Patriotismus erregte bei Borne, in der angeführten Stelle, eine Mißlaune, die der bloße Vorwurf jüdischer Abstammung niemals in ihm hervorzurufen vermochte. Es amüsierte ihn sogar, wenn die Feinde, bei der Fleckcnlvsigkeit seines Wandels, ihm nichts Schlimmeres nachzusagen wußten, als daß er der Sprößling eines Stammes, der einst die Welt mit seinem Ruhme erfüllte und trotz aller Herabwürdigung noch immer die uralt heilige Weihe nicht ganz eingebüßt hat. Er rühmte sich sogar oft dieses Ursprungs, freilich in seiner humoristischen Weise, nnd den Mirabenu parodierend, sagte er einst zu einem Franzosen: „ckösus Lürrist — cini gn pursntürsss statt rnou eousiir — a, xrsebs 1'sAuIitö u. s. w." In der Thnt, die Juden sind aus jenem Teige, woraus man Götter knetet; tritt man sie heute mit Füßen, fällt man morgen vor ihnen auf die Kniee; während die einen sich im schäbigsten Kote des Schachers herumwühlen, ersteigen die andern den höchsten Gipfel der Menschheit, und Golgatha ist nicht der einzige Berg, wo ein jüdischer Gott für das Heil der Welt geblutet. Die Juden sind das Volk des Geistes, »nd jedesmal, wenn sie zu ihrem Prinzips zurückkehren, sind sie groß *) Hier solgte im Originalmaunskript ein später von Heine getilgtes Citat «Iis dem „Franzoseufresser" (Börnes siimmtl. Werke Bd. VI, S. Zgli bis 40S), eingeleitet durch nachstehende Worten „Ich kann nicht umhin, eine Parallelstcllc ans dem „Franzoscnfresser" hier anzuführen, wo Börne in derselben Weise die matte Klciuiist, die geistige Dürftigkeit eines Räumers beleuchtet. Der ehrliche Menzel hatte diese Vettel in seinem „Littcratnrblatte" weidlich herausgestrichen, nnd Börne macht hierüber folgende Bemerkungen c „Und wie sie sich untereinander kennen n. — uns als Patrioten zu melden." . Der Herausgeber, 14» 212 Novellistische Fragmente. und herrlich, und beschämen und überwinden ihre plumpen Drängen Der tiefsinnige Rosenkranz vergleicht sie mit dein Riesen Antäus, nur daß dieser jedesmal erstarkte, wenn er die Erde berührte, jene aber, die Juden, neue Kräfte gewinnen, sobald sie wieder mit dem Himmel in Berührung kommen. Merkwürdige Erscheinung der grellsten Extreme! während unter diesen Menschen alle möglichen Fratzcnbilder der Gemeinheit gefunden werden, findet man unter ihnen auch die Ideale des reinsten Menschentums, und wie sie einst die Welt in neue Bahnen des Fortschrittes geleitet, so hat die Welt vielleicht noch weitere Initiationen von ihnen zu erwarten . . . „Die Natur," sagte mir einst Hegel, „ist sehr wunderlich; dieselben Werkzeuge, die sie zu den erhabensten Zwecken gebraucht, benutzt sie auch zu den niedrigsten Verrichtungen, z.B. jenes Glied, welchem die höchste Mission, die Fortpflanzung der Menschheit, anvertraut ist, dient auch zum — — —" Diejenigen, welche über die Dunkelheit Hegels klagen, werden ihn hier verstehen, und wenn er auch obige Worte nicht eben in Beziehung ans Israel aussprach, so lassen sie sich doch darauf anwenden. Wie dem auch sei, es ist leicht möglich, daß die Sendung dieses Stammes noch nicht ganz erfüllt, und namentlich mag dieses in Beziehung ans Deutschland der Fall sein. Auch letzteres erwartet einen Befreier, einen irdischen Messias — mit einem himmlischen haben uns die Juden schon gesegnet — einen König der Erde, einen Retter mit Zepter und Schwert, und dieser deutsche Befreier ist vielleicht derselbe, dessen auch Israel harret . . . O teurer, sehnsüchtig erwarteter Messias! Wo ist er jetzt, wo weilt er? Ist er noch ungeboren, oder liegt er schon sett einem Jahrtausend irgendwo versteckt, erwartend die große rechte Stunde der Erlösung? Ist es der alte Barbarossa, der im Khffhäuser schlummernd sitzt ans dein steinernen Stuhle und schon so lange schläft, daß sein weißer Bart durch den steinernen Tisch durchgewachsen? . . . nur manchmal schlaftrunken schüttelt er daS Haupt und blinzelt mit den halbgeschlossenen Augen, greift auch wohl träumend nach dem Schwert . . . und nickt wieder ein in den schwere» Jahrtauscndschlaf! Nein, es ist nicht der Kaiser Rotbart, welcher Deutschland befreien wird, wie das Volk glaubt, das deutsche Volk, das schlnmmcr- süchtige, träumende Volk, welches sich auch seinen Messias nur in der Gestalt eines alten Schläfers denken kann! Da innchen doch die Inden sich eine weit bessere Vorstellung von ihrem Messias, und vor vielen Jahren, als ich in Polen war und mit dem großen Rabbi Manasse bcn Naphtali zu Krakau verkehrte, horchte ich immer mit freudig offenem Herzen, wenn er von dem MessiaS sprach ... Ich weitz nicht mehr, in welchem Buche des Heinrich Heine über Ludwig Börne. 21Z Talmuds die Details zu lesen sind, die mir der große Rabbi ganz treu mitteilte, und überhaupt nur in den Grnndziigen schwebt mir seine Beschreibung des Messias noch im Gedächtnisse. Der Messias, sagte er mir, sei an dein Tage geboren, wo Jerusalem durch den Bösewicht, Titus Vcspasinu, zerstört worden, und seitdem wohne er im schönsten Palaste deS Himmels, umgeben von Glanz und Freude, auch eine Krone auf dein Haupte tragend, ganz wie ein König . . . aber seine Hände seien gefesselt mit goldenen Ketten! „Was," frug ich verwundert, „was bedeuten diese goldenen Ketten?" „Die sind notwendig," erwiderte der große Rabbi mit einem schlauen Blick und einem tiefen Seufzer, „ohne diese Fessel würde der Messias, wenn er mauchmal die Geduld verliert, plötzlich hcrabeilen und zu frühe, zur unrechten «stunde, das Erlösungswerk unternehmen. Er ist eben keine ruhige Schlafmütze. Er ist ein schöner, sehr schlanker, aber doch ungeheuer kräftiger Manu; blühend wie die Jugend. Das Leben, das er führt, ist übrigens sehr einförmig. Den größten Teil des Morgens verbringt er mit den üblichen Gebeten, oder lacht und scherzt mit seinen Dienern, welche verkleidete Engel sind und hübsch singen und die Flöte blasen. Dann läßt er sein langes Haupthaar kämmen, und man salbt ihn mit Nardcn und bekleidet ihn mit seinem fürstlichen Purpurgewande. Den ganzen Nachmittag studiert er die Kabbala. Gegen Abend läßt er seinen alten Kanzler kommen, der ein verkleideter Engel ist, ebenso wie die vier starken Staatsräte, die ihn begleiten, verkleidete Engel sind. Ans einem großen Buche muß alsdann der Kanzler seinem Herrn vorlesen, was jeden Tag passierte ... Da kommen allerlei Geschichten vor, worüber der Messias vergnügt lächelt, oder auch mißmutig den Kopf schüttelt . . . Wenn er aber hört, wie man nuten sein Volk mißhandelt, dann gerät er in den furchtbarsten Zorn und heult, daß die Himmel erzittern . . . Die vier starken Staatsräte müssen dann den Ergrimmten zurückhalten, daß er nicht herabcilc ans die Erde, und sie würden ihn wahrlich nicht bewältigen, wären seine Hände nicht gefesselt mit den goldenen Ketten . . . Man beschwichtigt ihn auch mit sanften Reden, daß jetzt die Zeit noch nicht gekommen sei, die rechte Rcttnngsstunde, und er sinkt am Ende aufs Lager und verhüllt sein Antlitz und weint ..." So ungefähr berichtete mir Manassc bcn Naphtali zu Krakau, seine Glaubwürdigkeit mit Hinweisnug ans den Talmud verbürgend. Ich habe oft an seine Erzählungen denken müssen, besonders in den jüngsten Zeiten, nach der Jnliusrevolution. Ja, in schlimmen Tagen glaubte ich manchmal mit eigenen Ohren ein Gerassel zu hören wie von goldenen Ketten, und dann ein verzweifelndes Schluchzen . . . O verzage nicht, schöner Messias, der du nicht bloß Israel erlösen willst, wie die abergläubischen Inden sich einbilden, sondern 214 Novellistische Fragmente. die ganze leidende Mcnschheit! O, zerreißt nicht, ihr goldene» Ketten! O, haltet ihn noch einige Zeit gefesselt, daß er nicht zn frühe komme, der rettende König der Welt. Fünftes Buch. „ Die politischen Verhältnisse jener Zeit j17gg) haben eine gar betrübende Ähnlichkeit mit den ncnesten Zuständen in Deutsch land; nur daß damals der Freihcitssinn mehr unter Gelehrten, Dichtern und sonstigen Litteraten blühte, hentigeStags aber unter diesen viel minder, sondern weit mehr in der großen aktiven Blasse, unter Handwerkern und Gewcrbslentcn, sich ausspricht. Während zur Zeit der ersten Revolution die bleiern deutscheste Schlafsucht ans dein Volke lastete und gleichsam eine brutale Ruhe in ganz Germanien herrschte, offenbarte sich in unserer Schriftwelt das wildeste Gären und Wallen. Der einsamste Autor, der in irgend einem abgelegenen Winkelchen Deutschlands lebte, nahm teil an dieser Bewegung; fast sympathetisch, ohne von den politischen Vorgängen genau unterrichtet zn sein, fühlte er ihre sociale Bedeutung und sprach sie ans in seinen Schriften. Dieses Phänomen mahnt mich an die großen Seemnscheln, welche wir zuweilen als Zierat ans unsere Kamine stellen, und die, wenn sie auch noch so weit vom Meere entfernt sind, dennoch plvN- lich zu rauschen beginnen, sobald dort die Flutzeit eintritt und die Wellen gegen die Küste heranbrechen. Als hier in Paris, in dem großen Menschen-Ozean, die Revolution losflutete, als es hier brandete und stürmte, da rauschten und brausten jenseits des RheinS die deutschen Herzen . . . Aber sie waren so isoliert, sie standen unter lauter fiihllvscm Porzellan, Theetassen und Kaffeekannen und chinesischen Pagoden, die mechanisch mit dein Kopfe nickten, als wüßten sie, wovon die Rede sei. Ach! unsere armen Borgänger in Deutschland mußten für jene Revolutionssympathie sehr arg büßen. Junker und Pfäffchcn übten an ihnen ihre plumpsten und gemeinsten Tücken. Einige von ihnen flüchteten nach Paris und sind hier in Armut und Elend verkommen und verschollen. Ich habe jüngst einen blinden Landsmann gesehen, der noch seit jener Zeit in Paris ist; ich sah ihn im PalaiS Royal, wo er sich ein bißchen an der sonne gewärmt hatte. Es war schmerzlich anzusehen, wie er blaß und mager war und sich seinen Weg an den Häusern wciterfühlte. Man sagte mir, es sei der dänische Dichter Heiberg. Auch die Dachstube habe ich jüngst gesehen, wo der Bürger Georg Forster gestorben. Den Frci- heitsfrenndcn, die in Deutschland blieben, wäre es aber noch weit schlimmer ergangen, wenn nicht bald Napoleon und seine Franzosen uns besiegt hätten. Napoleon hat gewiß nie geahnt, daß er selber der Retter der Ideologie gewesen. Ohne ihn wären unsere Philo- Heinrich Heine über Ludwig Börne. 218 sophen mitsamt ihren Ideen durch Galgen und Rad ausgerottet worden. Die deutschen Freiheitsfrcnnde jedoch, zu republikanisch ge- sinnt, um dem Napoleon zu huldigen, auch zu großmütig, um sich der Fremdherrschaft anzuschließen, hüllten sich seitdem in ein tiefes Schweigen. Sie gingen traurig herum mit gebrochenen Herzen, mit verschlossenen Lippen. Als Napoleon fiel, da lächelten sie, aber wehmütig und schwiegen; sie nahmen fast gar keinen Teil an dem patriotischen Enthusiasmus, der damals mit allerhöchster Bewilligung in Deutschland emporjubelte. Sie wußten, was sie wußten, und schwiegen. Da diese Republikaner eine sehr keusche,, einfache Lebensart führen, so werden sie gewöhnlich sehr alt, und als die Juliusrevolution ausbrach, waren noch viele von ihnen am Leben, und nicht wenig wunderten wir uns, als die alten Käuze, die wir sonst immer so gebengt und fast blödsinnig schweigend umherwandeln gesehen, jetzt plötzlich das Haupt erhoben, und uns Jungen freundlich entgegen lachten und die Hände drückten und lustige Geschichten erzählten. Einen von ihnen hörte ich sogar singen; denn im Kaffeehause sang er uns die Marseiller Hymne vor, und wir lernten da die Melodie und die schönen Worte, und es dauerte nicht lange, so sangen wir sie besser als der Alte selbst; denn der hat manchmal in der besten Strophe wie ein Narr gelacht, oder geweint wie ein Kind. Es ist immer gut, wenn so alte Leute leben bleiben, um den Jungen die Lieder zu lehren. Wir Jungen werden sie nicht vergessen, und einige von uns werden sie einst jenen Enkeln einstudieren, die jetzt noch nicht geboren sind. Viele von uns aber werden unterdessen verfault sein, daheim im Gefängnisse, oder auf einer Dachstube in der Fremde — — —" Obige Stelle ans meinem Buche „vs 1'^.llsnra,^ns° (sie fehlt in der deutschen Ausgabe)*) schrieb ich vor etwa sechs Jahren, und indem ich sie heute überlese, lagern sich über meine Seele, wie feuchte Schatten, alle jene trostlosen Betrübnisse, wovon mich damals nur die ersten Ahnungen anwehten. Es rieselt mir wie Eiswasser durch die glühendsten Empfindungen, und mein Leben ist nur ein schmerzliches Erstarren. O, kalte Winterhölle, worin wir zähneklappernd leben! . . . O Tod, weißer Schneemann im unendlichen Nebel, was nickst du so verhöhnend! . . . Glücklich sind die, welche in den Kerkern der Heimat ruhig hinmodern . . . denn diese Kerker sind eine Heimat mit eisernen Stangen, und deutsche Luft weht hindurch, und der Schlüsselmeister, wenn er nicht ganz stumm ist, spricht er die deutsche Sprache! ... Es sind heute über sechs Monde, daß kein deutscher Laut an mein Ohr klang, und alles, was ich dichte und trachte, kleidet sich mühsam in aus- *) In der Gesamtausgabe der HeinescheN Werke ist obige Stelle gehörigen Orts eingeschaltet worden. Der Herausgeber. 216 Novellistische Fragmente. ländischc Redensarten ... Ihr habt vielleicht einen Begriff vom. leiblichen Exil, jedoch vom geistigen Exil kann nur ein deutscher Dichter sich eine Borstellung machen, der sich gezwungen sähe, den ganzen Tag französisch zu sprechen, zu schreiben, und sogar des Nachts am Herzen der Geliebten französisch zu seufzen! Auch meine Gedanken sind exiliert, exiliert in eine fremde Sprache. Glücklich sind die, welche in der Fremde nur mit der Armut zu kämpfen haben, mit Hunger und Kälte, lauter natürlichen Übeln ... Durch die Luken ihrer Dachstuben lacht ihnen der Himmel und alle seine Sterne . . . O goldenes Elend, mit weißen Glacehandschuhen, wie bist du unendlich qnalsamer! . . . Das verzweifelnde Haupt muß sich frisieren lassen, wo nicht gar parfümieren und die zürnenden Lippen, welche Himmel und Erde verfluchen möchten, müssen lächeln, und immer lächeln . . . Glücklich sind die, welche über das. große Leid am Ende ihr letztes bißchen Verstand verloren und ein sicheres Unterkommen gefunden in Charenton oder in Bicetre, wie der arme F^--^ une arme wie der arme und so manche andere, die ich weniger kannte . . . Die Zelle ihres Wahnsinns dünkt ihnen eine geliebte Heimat, und in der Zwangsjacke dünken sie sich Sieger über allen Despotismus, dünken sie sich stolze Bürger eines freien Staates . . . Aber daS alles hätten sie zu Hanse ebensogut haben können! Nur der Übergang von der Vernunft zur Tollheit ist ein verdrießlicher Moment und gräßlich . . . Mich schaudert, wenn ich daran denke, wie der F°^ zum letzten Male zu mir kam, um ernsthaft mit mir zu verhandeln, daß man auch die Mondmenscheu und die entferntesten Stcrnebewohncr in den großen Völkerbund aufnehmen müsse. Aber wie soll man ihnen unsere Vorschläge ankündigen? Das war die große Frage. Ein anderer Patriot hatte in ähnlicher Absicht eine Art kolossaler Spiegel erdacht, womit man Proklamationen mit Riesenbuchstaben in der Luft abspiegelt, so daß die ganze Menschheit sie auf einmal lesen könnte, ohne daß Censor und Polizei es zu verhindern vermöchten . . . Welches staatsgefährliche Projekt! Und doch geschieht dessen keine Erwähnung in dem Bundestagsberichte über die revolutionäre Propaganda! Am glücklichsten sind wohl die Toten, die im Grabe liegen, ans dem Psre-Lachaise, wie du armer Börne! Ja, glücklich sind diejenigen, welche in den Kerkern der Heimat, glücklich die, welche in den Dachstuben des körperlichen Elends, glücklich die Verrückten im TvllhanS, am glücklichsten die Toten! Was mich betrifft, den Schreiber dieser Blätter, ich glaube mich am Ende gar nicht so sehr beklagen zu dürfen, da ich des Glückes aller dieser Leute gewissermaßen teilhaft werde durch jene wunderliche Empfänglichkeit, jene unwillkürliche Mitempfindnng, jene Gemiitskrankheit, die Heinrich Heine über Ludwig Börne. 217 wir bei den Poeten finden und mit keinem rechten Namen zu bezeichnen wissen. Wenn ich auch am Tage wohlbeleibt und lachend dahinwandlc durch die funkelnden Gassen Babylons, glaubt mir's! sobald der Abend herabsinkt, erklingen die melancholischen Harfen in meinem Herzen, und gar des Nachts erschmettcrn darin alle Pauken und Zimbeln des Schmerzes, die ganze Janitscharenmusik der Wellqual, und es steigt empor der entsetzlich gellende Mummenschanz . . . O welche Träume! Träume des Kerkers, des Elends, des Wahnsinns, des Todes! Ein schrillendes Gemisch von Unsinn und Weisheit, eine bunte vergiftete Suppe, die nach Sauerkraut schmeckt und nach Orangeblütcn riecht! Welch ein grauenhaftes Gefühl, wenn die nächtlichen Träume das Treiben des Tages verhöhnen, und aus den flammenden Mohnblumen die ironischen Larven hervorgucken und Rübchen schaben, und die stolzen Lorbeerbäume sich iu graue Disteln verwandeln, und die Nachtigallen ein Spvttgclächter erheben . . . Gewöhnlich in meinen Träumen sitze ich auf einem Eckstein der Rue Laffitte, an einem feuchten Herbstabcud, wenn der Mond ans das schmutzige Bvulevnrdpflaster herabstrahlt mit langen Streiflichtern, so dast der Kot vergoldet scheint, wo nicht mit blitzenden Diamanten übersäet . . . Die vorübergehenden Menschen sind ebenfalls nur glänzender Kot: Stockjobbers, Spieler, wohlfeile Skribenten, Falschmünzer des Gedankens, noch wohlfeilere Dirnen, die freilich nur mit dem Leibe zu lügen brauchen, satte Faulbttuche, die im Cafe de Paris gefüttert worden und jetzt nach der Academic de Mnsique hinstürzen, nach der Kathedrale des Lasters, wo Fanny Elsler tanzt und lächelt... Dazwischen rasseln auch die Karossen und springen die Lakeien, die bunt wie Tulpen und gemein wie ihre gnädige Herrschaft . . . Und wenn ich nicht irre, iu einer jener frechen goldenen Kutschen sitzt der ehemalige Cigarrenhändler Aguadv, und seine stampfenden Rosse bespritzen von oben bis unten meine rosaroten Tricotklcidcr . . . Ja, zu meiner eigenen Verwunderung bin ich ganz in rosaroten Trieot gekleidet, in ein sogenanntes fleischfarbiges Gewand, da die vorgerückte Jahreszeit und auch das Klima keine völlige Nacktheit erlaubt, wie in Griechenland, bei den Thermopyleu, Ivo der König Lconidas mit seinen dreihundert Spartanern am Vorabend der Schlacht ganz nackt tanzte, ganz nackt, das Haupt mit Blumen bekränzt . . . Eben wie Leonidas auf dem Gemälde von David bin ich kostümiert, wenn ich in meinen Träumen auf dem Eckstein sitze an der Rue Laffitte, wo der verdammte Kutscher von Aguadv mir meine Tricvthoscn bespritzt . . . Der Lump, er bespritzt mir sogar den Blumenkranz, den schönen Blumenkranz, den ich auf meinem Haupt trage, der aber, unter uns gesagt, schon ziemlich trocken und nicht mehr duftet . . . Ach! es waren frische, freudige Blumen, als ich mich einst damit schmückte, in der Meinung, den andern Morgen ging es zur Schlacht, 218 Novellistische Fragmente, zum heiligen Todcssieg für das Baterland — — — Das ist nun lange her, mürrisch und müßig sitze ich an der Nue Laffitte und harre deS Kampfes, und unterdessen welken die Blumen auf meinem Haupte, und auch meine Haare färben sich weiß, und mein Herz erkrankt mir in der Brust , . . Heiliger Gott! was wird einem die Zeit so lang bei solchem thatlosen Harren, und am Ende stirbt mir noch der Mnt,,, Ich sehe, wie die Leute vorbeigehen, mich mitleidig anschauen und einander zuflüstern: „Der arme Narr!" Wie die Nachtträume meine Tagesgedanken verhöhnen, so geschieht es auch zuweilen, daß die Gedanken des Tages über die un sinnigen Nachtträume sich lustig machen, und mit Recht, denn ich handle im Traume oft wie ein wahrer Dummkopf, Jüngst träumte mir, ich machte eine große Reise durch ganz Europa, nur daß ich mich dabei keines Wagens mit Pferden, sondern eines gar prächtigen Schiffes bediente. Das ging gut, wenn ein Fluß oder ein See sich auf meinem Wege befand. Solches war aber der seltenere Fall, und gewöhnlich mußte ich über festes Land, ivas für mich sehr nnbcguem, da ich alsdann mein Schiff über weite Ebenen, Waldstege, Moor gründe, und sogar über hohe Berge fortschleppen mußte, bis ich wieder an einen Fluß oder See kam, wo ich gemächlich segeln konnte, Gc wohnlich aber, wie gesagt, mußte ich mein Fahrzeug selber fortschleppe», was mir sehr viel Zeitverlust und nicht geringe Anstrengung kostete, so daß ich am Ende vor Überdruß und Müdigkeit erwachte. Nun aber, des Mvrgens beim ruhigen Kaffee, machte ich die richtige Bemerkung, daß ich weit schneller und bequemer gereist wäre, wenn ich gar kein Schiff besessen hätte und wie ein gewöhnlicher armer Teufel immer zu Fuß gegangen wäre. Am Ende kommt es auf eins heraus, wie wir die große Reise gemacht haben, ob zu Fuß oder zu Pferd oder zu Schiff . , , Wir gelangen am Ende alle in dieselbe Herberge, in dieselbe schlechte Schenke, wo man die Thiire mit einer Schaufel aufmacht, wo die Stube so eng, so kalt, so dunkel, wo man aber gut schläft, fast gar zu gut , . . Ob wir einst auferstehen? Sonderbar! meine Tagesgcdankcn verneinen diese Frage, und aus reinem Widerspruchsgeiste wird sie von meinen Nachttränmen bejaht. So z, B, träumte mir unlängst, ich sei in der ersten Mvrgenfrühe nach dein Kirchhof gegangen, und dort, zu meiner höchsten Verwunderung, sah ich, wie bei jedem Grabe ein Paar blankgcwichster Stiefel stand, ungefähr wie in den Wirtshäusern vor den Stuben der Reisenden , , , Das war ein wunderlicher Anblick, es herrschte eine sanfte Stille auf dem ganzen Kirchhof, die müden Erdcnpilgcr schliefen, Grab neben Grab, und die blankgewichsten Stiefel, die dort in langen Reihen standen, glänzten im frischen Morgculicht, so hoffnungsreich, so verheißungsvoll, wie ein sonnenklarer Beweis der Auferstehung, — — Heinrich Heine über Ludwig Börne. 213 Ich vermag den Ort nicht genau zu bezeichnen, wo auf dein Psre-Lachnisc sich Börnes Grab befindet. Ich bemerke dieses ausdrücklich. Denn während er lebte, ward ich nicht selten von reisenden Deutschen besucht, die mich frugen, wo Börne wohne, und jetzt werde ich sehr oft mit der Frage behelligt: wo Börne begraben läge? So viel man sagt, liegt er unten ans der rechten Seite des Kirchhofs, unter lauter Generälen aus der Kaiserzeit und Schauspielerinnen des TlMtre-Frangais . . . unter toten Adlern und toten Papageien. In der „Zeitung für die elegante Welt" las ich jüngst, daß das Kreuz auf dem Grabe Börnes vom Sturme niedergebrochen worden. Ein jüngerer Poet besang diesen Umstand in einem schönen Gedichte, wie denn überhaupt Börne, der im Leben so oft mit den faulsten Äpfeln der Prosa beschmissen worden, jetzt nach seinem Tode mit den wohlduftigsten Versen bewuchert wird. Das Volk steinigt gern seine Propheten, um ihre Religion desto inbrünstiger zu verehren: die Hunde, die uns heute anbellen, morgen küssen sie gläubig unsere Knochen! — — Wie ich bereits gesagt habe, ich liefere hier weder eine Apologie noch eine Kritik des Mannes, womit sich diese Blätter beschästigen. Ich zeichne nur sein Bild, mit genauer Angabe des Ortes und der Zeit, wo er mir saß. Zugleich verhehle ich nicht, welche günstige oder ungünstige Stimmung mich während der Sitzung beherrschte. Ich liefere dadurch den besten Maßstab für den Glauben, den meine Angaben verdienen. Ist aber einerseits dieses beständige Konstatieren meiner Persönlichkeit das geeignetste Mittel, ein Selbstnrteil des Lesers zu fördern, so glaube ich andererseits zu einem Hervorstehen meiner eigenen Person in diesem Buche besonders verpflichtet zu sein, da, durch einen Zusammenfluß der heterogensten Umstände, sowohl die Feinde wie die Freunde Börnes nie aufhörten, bei jeder Besprechung desselben über mein eigenes Dichten und Trachten mehr oder minder wohlwollend oder böswillig zu räsonnieren. Die aristokratische Partei in Deutschland, wohl wissend, daß ihr die Mäßigung meiner Rede weit gefährlicher sei, als die Berserkcrwnt Börnes, suchte mich gern als einen gleichgesinnten Kumpan desselben zu verschreien, um mir eine gewisse Solidarität seiner politischen Tollheiten aufzubürden. Die radikale Partei, weit entfernt, diese Kriegslist zu enthüllen, unterstützte sie vielmehr, um mich in den Augen der Menge als ihren Genossen erscheinen zu lassen und dadurch die Autorität meines Namens auszubeuten. Gegen solche Machinationen öffentlich aufzutreten, war unmöglich: ich hätte nur den Verdacht auf mich geladen, als desavouierte ich Börne, um die Gunst seiner Feinde zu gewinnen. Unter diesen Umständen that mir Börne wirklich einen Gefallen, als .er nicht bloß in kurz hingeworfenen Worten, sondern auch in er- 220 Novellistische Fragmente, wetterten Auseinandersetzungen mich öffentlich angriff nnd über die Meinungsdiffcrcnz, die zwischen nns herrschte, das Publikum selber aufklärte. Das that er namentlich im sechsten Bande seiner Pariser Briefe nnd in zwei Artikeln, die er in der französischen Zeitschrift ,,0s kstorinatonr" abdrucken ließ,*) Diese Artikel, Warans ich, wie bereits erwähnt warben, nie antwortete, gaben wieder Gelegenheit, bei jeder Besprechung Börnes auch von mir zu reden, jetzt freilich in einem ganz andern Tone wie früher. Die Aristokraten überhäuften mich mit den perfidesten Lvbspriichen, sie priesen mich fast zu Grunde; ich wurde plötzlich wieder ein großer Dichter, nachdem ich ja eingesehen hätte, daß ich meine politische Nolle, den lächerlichen Radikalismus, nicht weiter spielen könne. Die Radikalen hingegen fingen nun an, öffentlich gegen mich loszuziehen — (privatim thaten sie es zu jeder Zeit) — sie ließen kein gutes Haar an mir, sie sprachen mir allen Charakter ab, nnd ließen nur noch den Dichter gelten, — Ja, ich bekam, sozusagen, meinen politischen Abschied nnd wurde gleichsam in Ruhestand nach dem ParnassuS versetzt. Wer die erwähnten zwei Parteien kennt, wird die Großmut, womit sie mir den Titel eines Poeten ließen, leicht würdigen. Die einen sehen in einem Dichter nichts anderes, als einen träumerischen Höfling müßiger Ideale, Die andern sehen in dem Dichter gar nichts' in ihrer nüchternen Hohlheit findet Poesie auch nicht den dürftigsten Wicdcrklang, Was ein Dichter eigentlich ist, wollen wir dahingestellt sein lassen. Doch können wir nicht umhin, über die Begriffe, die man mit dem Worte „Charakter" verbindet, unsere unmaßgebliche Meinung auszusprechen. Was versteht man unter dem Worte „Charakter"? Charakter hat derjenige, der in den bestimmten Kreisen einer bestimmten Lebensanschannng lebt und waltet, sich gleichsam mit derselben identifiziert, und nie in Widerspruch gerät mit seinem Denken nnd Fühlen, Bei ganz ausgezeichneten, über ihr Zeitalter hinausragenden Geistern kann daher die Menge nie wissen, ob sie Charakter haben oder nicht, denn die große Menge hat nicht Weitblick genug, um die Kreise zu überschauen, innerhalb derselben sich jene hohen Geister bewegen. Ja, indem die Menge nicht die Grenzen des Möllens und Dürfen? jener hohen Geister kennt, kann es ihr leicht begegnen, in den Handlungen derselben weder Befugnis noch Notwendigkeit zu sehen, und die geistig Blöd nnd Kurzsichtigen klagen dann über Willkür, Inkonsequenz, Charakterlosigkeit, Minder begabte Menschen, deren oberflächlichere und engere Lebensanschannng leichter ergründet und überschaut wird, und die gleichsam ihr Lebensprvgramm in *) Einer dieser Artikel ( über Heines Buch ,,I>s ist ans dem »Itöloi-rnatmu-" vom 30. Mai 1835 in der neuen Gesamtansgabe von Bornes Schriften, Bd. VII, S. 248 ff., wieder abgedruckt. Der Herausgeber. Heinrich Heine über Ludwig Börne. 221 populärer Sprache ein für allemal auf öffentlichem Markte Proklamiert haben, diese kann das vcrehrungswürdige Publikum immer im Zusammenhang begreifen, es besitzt einen Maßstab für jede ihrer Handlungen, es freut sich dabei über seine eigene Intelligenz, wie bei einer aufgelösten Charade, und jubelt: „Seht, das ist ein Charakter!" Es ist immer ein Zeichen von Borniertheit, wenn man van der bornierten Menge leicht begriffen nnd ausdrücklich als Charakter gefeiert wird. Bei Schriftstellern ist dies noch bedenklicher, da ihre Thaten eigentlich in Worten bestehen, nnd was das Publikum als Charakter iu ihren Schriften verehrt, ist am Ende nichts anderes, als knechtische Hingebung an den Moment, als Mangel an Bildncr- ruhe, an Kunst, Der Grundsatz, daß man den Charakter eines Schriftstellers auS seiner Schreibweise erkenne, ist nicht unbedingt richtig: er ist bloß anwendbar bei jener Masse von Autoren, denen beim Schreiben nur die augenblickliche Inspiration die Feder führt, nnd die mehr dem Worte gehorchen als befehlen. Bei Artisten ist jener Grundsatz nu zulässig, denn diese sind Meister des Wortes, handhaben es zu jedem beliebigen Zwecke, prägen es nach Willkür, schreiben objektiv, nnd ihr Charakter verrät sich nicht in ihrem Stil, Ob Börne ein Charakter ist, während andere nur Dichter sind, diese unfruchtbare Frage können wir nur mit dem mitleidigsten Achselzucken beantworten, „Nur Dichter" — wir werden unsere Gegner nie so bitter tadeln, daß wir sie in eine und dieselbe Kategorie setzen mit Dante, Milte», Cervantes, Camoens, Philipp Sidueh, Friedrich Schiller, Wolfgang Goethe, welche nur Dichter waren , , , Unter uns gesagt, diese Dichter, sogar der letztere, zeigten manchmal Charakter! „Sie haben Augen nnd sehen nicht, sie haben Ohren nnd hören nicht, sie haben sogar Nasen nnd riechen nichts." — Diese Worte lassen sich sehr gut anwenden ans die plumpe Menge, die nie begreifen wird, daß ohne innere Einheit keine geistige Größe möglich ist, nnd daß, was eigentlich Charakter genannt werden muß, zu den unerläßlichsten Attributen des Dichters gehört. Die Distinktion zwischen Charakter und Dichter ist übrigens zunächst von Börne selbst ausgegangen, und er hatte selber schon allen jenen schnöden Folgerungen vorgearbeitet, die seine Anhänger später gegen den Schreiber dieser Blätter abhaspelten. In den Pariser Briefen nnd den erwähnten Artikeln des „Reformateur" wird bereits von meinem charakterlosen Pvctentum nnd meiner poetischen Charakterlosigkeit hinlänglich gezüngelt, nnd es winden nnd krümmen sich dort die giftigsten Insinuationen, Nicht mit bestimmten Worten, aber mit allerlei Winken, werde ich hier der zweideutigsten Gesinnungen, wo nicht gar der gänzlichen Gesinnungslosigkeit verdächtigt! Ich werde 222 Novellistische Fragmente. in derselben Weise nicht bloß des Jndiffercntisinus, sondern anch des Widerspruchs mit mir selber bezichtigt. Es lassen sich hier sogar einige Zischlaute vernehmen, die - (können die ^.oten im Krabe erröten?! — ja, ich kann dem Verstorbenen diese Beschämung nicht ersparen: er hat sogar auf Bestechlichkeit hingedeutet . . . Schöne, süße Ruhe, die ich in diesem Augenblick in tiefster Seele empfinde! Du belohnst mich hinreichend für alles, was ich gethan, und für alles, was ich verschmäht ... Ich werde mich weder gegen den Vorwurf der Indifferenz, noch gegen den Verdacht der Feilheit verteidigen. Ich habe es vor Jahren, bei Lebzeiten der Jnsinnnnten, meiner unwürdig gehalten: jetzt fordert Schweigen sogar der Anstand. Das gäbe ein grauenhaftes Schauspiel . . . Polemik zwischen dem Tod und dem Exil! — Du reichst mir aus dem Grabe die bittende Hand? . . . Ohne Groll reiche ich dir die mcinige . . . Sieh, wie schön ist sie und rein! Sie ward nie besudelt von dem Händedruck des Pöbels, ebensowenig wie vom schmutzigen Golde der Volksfeinde. . . Im Grunde hast du mich ja nie beleidigt ... In allen deinen Insinuationen ist anch für keinen Lvnisdvr Wahrheit! Die Stelle in Börnes Pariser Briefen, Ivo er am nnnmwnndcnsten mich angriff, ist zugleich so charakteristisch zur Beurteilung des Mannes selbst, seines StileS, seiner Leidenschaft und seiner Blindheit, daß ich nicht umhin kann, sie hier mitzuteilen. Trotz des bittersten Wollen? war er nie im Stande, mich zu verletzen, und alles, was er hier, sowie auch in den erwähnten Artikeln des „Rcfvrmateur" zu meinem Nachteil vorbrachte, konnte ich mit einem Glcichmute lesen, als wäre es nicht gegen mich gerichtet, sondern etwa gegen Nabnchodvnosor, König von Babylon, oder gegen den Kalifen Harun-al-Naschid, oder gegen Friedrich den Großen, welcher die Pasguillc auf seine Person, die an den Berliner Straßenecken etwas zu hoch hingen, viel niedriger anzuheften befahl, damit das Publikum sie besser lesen könne. Die erwähnte Stelle ist datiert von Paris, den LS. Februar 1833, und lautet folgendermaßen: „Soll ich über Heines .Französische Zustände' ein vernünftig Wort versuchen? Ich wage es nicht. DaS fliegenartige Mißbehagen, das mir beim Lesen des Buches um den Kopf summte, und sich bald auf diese, bald auf jene Empfindung setzte, hat mich so ärgerlich gestimmt, daß ich mich nicht verbürgen kann — ich sage nicht: für die Richtigkeit meines Urteils, denn solche anmaßlichc Bürgschaft übernehme ich nie — sondern nicht einmal für die Aufrichtigkeit meines Urteils. Dabei bin ich aber besonnen genug geblieben, um zu vermuten, daß diese Verstimmung nicht Heines Schuld ist. Wer so große Geheimnisse wie er besitzt, als wie: in der dreihundertjtthrigen Unmenschlichkeit der österreichischen Politik eine erhabene Ausdauer zu finden und in dem Könige von Bayern einen der edelsten und Heinrich Heine über Lndwig Börne. 223 geistreichsten Fürsten, die je einen Thron geziert; den König der Franzosen, als hätte er das kalte Fieber, an dem einen Tage für gut, an dein andern für schlecht, am dritten Tage wieder für gut, am vierten wieder für schlecht zn erklären; wer es kühn und großartig findet, daß die Herren von Rothschild während der Cholera rnhig in Paris geblieben, aber die unbezahlten Mühen der deutschen Patrioten lächerlich findet; und wer bei aller dieser Weichiniitigkcit sich selbst noch für einen gefestctcn Mann hält — wer so große Geheimnisse besitzt, der mag noch größere haben, die das Rätselhafte seines Buches erklären; ich aber kenne sie nicht. Ich kann mich nicht bloß in das Denken und Fühlen jedes andern, sondern auch in sein Blut und seine Nerven versetzen, mich an die Quellen aller seiner Gesinnungen und Gefühle stellen, und ihrem Laufe nachgehen mit unermüdlicher Geduld, Doch muß ich dabei mein eigenes Wesen nicht aufzuopfern haben, sondern nur zn beseitigen auf eine Weile, Ich kann Nachsicht haben, mit Kinderspielen, Nachsicht mit den Leiden schaften eines Jünglings, Wenn aber an einein Tage des blutigsten Kampfes ein Knabe, der auf dem Schlachtfelde nach Schmetterlingen jagt, mir zwischen die Beine kömmt: wenn an einem Tage der höchsten Not, wo wir heiß zu Gott beten, ein junger Geck uns zur Seite in der Kirche nichts sieht als die schönen Mädchen, und mit ihnen liebäugelt und flüstert — so darf uns das, unbeschadet unserer Philosophie und Menschlichkeit, wohl ärgerlich machen, „Heine ist ein Künstler, ein Dichter, und zur allgemeinsten An crkennung fehlt ihm nur noch seine eigene. Weil er oft noch etwas anders sein will, als ein Dichter, verliert er sich oft. Wem, wie ihm, die Form das Höchste ist, dem muß sie auch das einzige bleiben; denn sobald er den Rand übersteigt, fließt er ins Schrankenlose hinab, und es trinkt ihn der Sand, Wer die Kunst als seine Gottheit verehrt und je nach Laune auch manches Gebet an die Natur richtet, der frevelt gegen Kunst und Natur zugleich, Heine bettelt der Natur ihren Nektar und Blütenstaub ab, und bauet mit bildendem Wachse der Kunst ihre Zellen; aber er bildet die Zelle nicht, daß sie den Honig bewahre, sondern sammelte den Honig, damit die Zelle auszufüllen. Darum rührt er auch nicht, wenn er weint; denn man weiß, daß er mit den Thräncn nur seine Nelkcnbeete begießt, Darum überzeugt er nicht, wenn er auch die Wahrheit spricht; denn man weiß, daß er an der Wahrheit nur das Schöne liebt. Aber die Wahrheit ist nicht immer schön, sie bleibt es nicht immer. Es dauert lange, bis sie in Blüte kömmt, und sie muß verblühe», che sie Früchte trägt, Heine würde die deutsche Freiheit anbeten, wenn sie in voller Blute stände; da sie aber wegen des rauhen Winters mit Mist bedeckt ist, erkennt er sie nicht und verachtet sie. Mit welcher schönen Begeisterung hat er nicht von dem Kampfe der 224 Novellistische Fragmente. Republikaner in der St. Mer»-Kirche und von ihrem Hcldentode ge- sprachen! Es war ein glücklicher Kampf, es war ihnen vergönnt, den schönen Trotz gegen die Tyrannei zu zeigen, und den schönen Tod für die Freiheit zn sterben. Wäre der Kampf nicht schön gewesen, und dazu hätte es nur einer andern Örtlichkeit bedurft, wo man die Republikaner hätte zerstreiten und fangen können — hätte sich Heine über sie lustig gemacht. Was Brutus gethan, würde Heine verherrlichen, so schön er nur vermag; würde aber ein Schneider den blutigen Dolch aus dem Herzen einer entehrten jungen Nähterin ziehen, die gar Bärbelchen hieße, und damit die dumm trägen. Bürger zu ihrer Selbstbefreiung stacheln — er lachte darüber. Man versetze Heine in das Ballhans, zu jener denkwürdigen Stunde, wo Frankreich aus seinem tausendjährigen Schlafe erwachte und schwur, es wolle nicht mehr träumen — er wäre der tollheißeste Jakobiner, der wütendste Feind der Aristokraten und ließe alle Edellcute und Fürsten mit Wonne an einem Tage niedermetzeln. Aber sähe er aus der Rocktasche des feuerspeienden Mirabeau auf deutsche Stndenten- art eine Tabakspfeife mit rot-schwarz-goldener Quaste hervorragen — dann pfui, Freiheit! Und er ginge hin und machte schöne Verse auf Marie Antoinettens schöne Augen. Wenn er in seinem Buche die heilige Würde deS Absolutismus Preist, so geschah es, außer daß es eine Redeübung war, die sich an dem Tollsten versuchte, nicht darum, weil er politisch reinen Herzens ist, wie er sagt; sondern er that es, weil er atcm- reinen Mundes bleiben in ächte, und er wohl an jenem Tage, als er das schrieb, einen deutschcnLiberalenSauerkraut mitBratwurst essen gesehen. „Wie kann man je dem glauben, der selbst nichts glaubt? Heine schämt sich so sehr, etwas zu glauben, daß er Gott den .Herrn' mit lauter Initialbuchstaben drucken läßt, um anzuzeigen, daß es ein KunstauSdruck sei, den er nicht zu verantworten habe. Den verzärtelten Heine, bei seiner sybaritischcn Natur, kann das Fallen eines Roseublattes im Schlafe stören; wie sollte er behaglich ans der Freiheit ruhen, die so knorrig ist? Er bleibe fern von ihr. Wen jede Unebenheit ermüdet, wen jeder Widerspruch verwirrt macht, der gehe nicht, denke nicht, lege sich in sein Bett und schließe die Augen. Wo gicbt es denn eine Wahrheit, in der nicht etwas Lüge wäre? Wo eine Schönheit, die nicht ihre Flecken hätte? Wo ein Erhabenes, dem nicht eine Lächerlichkeit zur Seite stünde? Die Natur dichtet selten, und reimet niemals; wein ihre Prosa und ihre Ungereimtheiten nicht behagen, der wende sich zur Poesie. Die Natur regiert republikanisch, sie läßt jedem Dinge seinen Willen bis zur Reife der Missethat, und straft dann erst. Wer schwache Nerven hat und Gefahren scheut, der diene der Kunst, der absoluten, die jeden rauhen Gedanken ausstreicht, ehe er zur That wird, und an jeder That feilt, bis sie zu schmächtig wird zur Missethat. Heinrich Heine über Ludwig Börne. 225 „Heine hat in ineinen Augen so großen Wert, daß es ihm nicht immer gelingen wird, sich zn überschätzen. Also nicht diese Selbstüberschätzung mache ich ihm zum Borwurfe, soudern daß er überhaupt die Wirksamkeit einzelner Menschen überschätzt, ob er es zwar in seinem eigenen Buche so klar und schön dargethan, daß heute die Individuen nichts mehr gelten, daß selbst Voltaire und Rousseau von keiner Bedeutung wären, weil jetzt die Chöre handelten und die Personen sprächen. Was sind wir denn, wenn wir viel sind? Nichts, als die Herolde des Volkes. Wenn wir verkündigen und mit lauter, vernehmlicher Stimme, wnS uns, jedem von seiner Partei, aufgetragen, werden wir gelobt und belohnt; wenn wir unvcrnchmlich sprechen, oder gar verräterisch eine falsche Botschaft bringen, werden wir getadelt und gezüchtigt. Das vergißt eben Heine, und weil er glaubt, er, wie mancher andere auch, könnte eine Partei zn Grunde richten vder ihr aufhelfen, hält er sich für wichtig; sieht umher, wem er gefalle, wem nicht; träumt von Freunden und Feinden, und weil er nicht weiß, wo er geht und wohin er will, weiß er nieder, wo seine Freunde, noch wo seine Feinde stehen, sucht sie bald hier, bald dort, und weiß sie nieder hier noch dort zu finden. Uns andern miserablen Menschen hat die Natur zum Glück nur einen Rücken gegeben, so daß wir die Schläge des Schicksals nur von einer Seite fürchten; der arme Heine hat aber zwei Micken, er fürchtet die Schläge der Aristokraten und die Schläge der Demokraten, un.d um beiden ans- zuweichen, muß er zugleich vorwärts und rückwärts gehen. „Um den Demokraten zn gefallen, sagt Heine: die jesuitisch- a ristokratische Partei in Deutschland verleumde und verfolge ihn, weil er dem Absolutismus kühn die Stirne biete. Dann, um den Aristokraten zn gefallen, sagt er: er habe dem JakvbinismnS kühn die Stirne geboten; er sei ein guter Rohalist und werde ewig monarchisch gesinnt bleiben; in einem Pariser Pntzladen, wo er vorigen Sommer bekannt war, sei er unter den acht Putzmachcr- mädchen mit ihren acht Liebhabern, alle sechzehn von höchst gefährlicher republikanischer Gesinnung, — der einzige Rohalist gewesen, und darum stünden ihm die Demokraten nach dem Leben. Ganz wörtlich sagt er: ,Jch bin, bei Gott! kein Republikaner; ich weiß, wenn die Republikaner siegen, so schneiden sie mir die Kehle ab.' Ferner: ,Wenn die Insurrektion vom 5. Juni nicht scheiterte, wäre es ihnen leicht gelungen, mir den Tod zu bereiten, den sie mir zugedacht. Ich verzeihe ihnen gern diese Narrheit? Ich nicht. Republikaner, die solche Narren mären, daß sie H.eine glaubten aus dem Weg räumen zu müssen, um ihr Ziel zu erreichen, die gehörten in das Tollhaus. „Auf diese Weise glaubt Heine bald dem Absolutismus, bald dem JakobinismuS kühn die Stirn zu bieten. Wie man aber einem Heine'S Werke. XI. Bd. 15 226 Novellistische Fragmente. Feinde die Stirne bieten kann, indem man sich von ihm abwendet, das begreife ich nicht. Jetzt wird, znr Wicdcrvcrgeltnng, der Jako- binismus durch eine gleiche Wendung auch Heine kühn die Stirne bieten. Dann sind sie quitt, und so hart sie auch aufeinander stoßen mögen, können sie sich nie sehr wehe thun. Diese weiche Art, Krieg zu führen, ist sehr löblich, und an einem blasenden Herolde, die Heldenthatcn zu verkündigen, kann es keiner der Kämpfenden Stirne in diesem Falle fehlen.ch „Gab es je einen Menschen, den die Natur bestimmt hat, ein ehrlicher Mensch zu sein, so ist es Heine, und auf diesem Wege könnte er sein Gliick machen. Er kann keine fünf Minuten, keine zwanzig Zeilen heucheln, keinen Tag, keinen halben Bogen lügen. Wenn es eine Krone gälte, er kann kein Lächeln, keinen Spott, keinen Witz unterdrücken; und wenn er, sein eigenes Wesen verkennend, doch lügt, doch heuchelt, ernsthaft scheint, wo er lachen, demütig, wo er spotten möchte, so merkt es jeder gleich, und er hat von solcher Verstellung nur den Vorwurf, nicht Gewinn. Er gefallt sich, den Jesuiten des Liberalismus zu spielen. Ich habe es schon einmal gesagt, daß dieses Spiel der guten Sache nützen kann; aber weil es eine einträgliche Rolle ist, darf sie kein ehrlicher Mann selbst übernehmen, sondern muß sie andern überlassen. So, seiner besseren Natur zum Spott, findet Heine seine Freude daran, zu diplomn- tisiercu und seine. Zähne zum Gefängnisgitler seiner Gedanken zu machen, hinter welchem sie jeder ganz deutlich sieht und dabei lacht. Denn zu verbergen, daß er etwas zu verbergen habe, so weit bringt er es in der Verstellung nie. Wenn ihn der Graf Moltke in einen Federkrieg über den Adel zu verwickeln sucht, bittet er ihn, es zu unterlassen^ ,dcnn es schien mir gerade damals bedenklich, in meiner gewöhnlichen Weise ein Thema öffentlich zu erörtern, das die Tages- ieidenschaftcn so furchtbar ansprechen müßte.' Die TageSleidenschaft gegen den Adel, die fünfzigmal dreihundert fünfundscchzig Tage dauert, könnte weder Herr von Moltke, noch Heine, noch sonst einer noch furchtbarer machen, als sie schon ist. Um von etwas warm zu sprechen, soll man also warten, bis die Leidenschaft, der es Nahrung geben kann, gedampft ist, um sie dann von neuem zu entzünden? Das ist freilich die Weisheit der Diplomaten. Heine glaubt etwas zu wissen, das Lafayette gegen die Beschuldigung der Teilnahme an der Juni-Jnsurrektion verteidigen kann; aber ,cine leicht begreifliche Diskretion' hält ihn ab, sich deutlich auszusprechen. Wenn Heine auf diesem Wege Minister wird, dann will ich verdammt sein, sein *) Die wunderliche Konstruktion des Ickten Satzes (vielleicht liegt ein Druckfehler zu Grunde) findet sich in allen Ausgaben der Börncschen Briefe. Der Herausgeber. Heinrich Heine über Ludwig Börne. 227 geheimer Sekretär zu werden und ihn von Morgen bis Abend anzusehen, ohne zu lachen." Ich möchte herzlich gern auch die erwähnten zwei Artikel des „Refvrmatenr" hier mitteilen, aber drei Schwierigkeiten halten mich davon ab; erstens würden diese Artikel zu viel Raum einnehmen, zweitens, da sie ans französisch geschrieben, müßte ich sie selber übersetzen, und drittens, obgleich ich schon in zehn Lladinsts ctg Isaturs nachgefragt, habe ich nirgends mehr ein Exemplar des bereits eingegangenen „Refvrmatenr" auftreiben können. Doch der Inhalt dieser Artikel ist mir noch hinlänglich bekannt. Sie enthielten die malitiöscsten Insinuationen über Abtrünnigkeit und Inkonsequenz, allerlei Anschuldigung von Sinnlichkeit, auch wird darin der Katholizismus gegen mich in Schutz genommen u. s. w. — Von Verteidigung dagegen kann hier nicht die Rede sein; diese Schrift, welche weder eine Apologie, noch eine Kritik des Verstorbenen sein soll, bezweckt auch keine Jnstifikation des Überlebenden. Genug, ich bin mir der Redlichkeit incincS Willens und meiner Absichten bewußt, und werfe ich einen Blick ans meine Vergangenheit, so regt sich in mir ein fast freudiger Stolz über die gute Strecke Weges, die ich bereite- zurückgelegt. Wird meine Zukunft von ähnlichen Fortschritten zeugen'? Aufrichtig gesagt, ich zweifle daran. Ich fühle eine sonderbare Müdigkeit des Geistes; wenn er auch in der letzten Zeit nicht viel geschaffen, so war er doch immer auf den Beinen. Ob das, was ich überhaupt schuf in diesem Leben, gut oder schlecht war, darüber wolle» wir nicht streiten. Genug, es war groß; ich merkte cS an der schmerzlichen Erweiterung der Seele, woraus diese Schöpfungen hervorgingen . . . und ich merke es auch an der Kleinheit der Zwerge, die davor stehen und schwindlig hinanfblinzeln . . . Ihr Blick reicht nicht bis zur Spitze, und sie stoßen sich nur die Nasen an dem Picdestal jener Monumente, die ich in der Littcratur Europas aufgepflanzt habe, zum ewigen Ruhme des deutschen Geistes. Sind diese Monumente ganz makellos, sind sie ganz ohne Fehl und Sünde? Wahrlich, ich will auch hierüber nichts Bestimmtes behaupten. Aber was die kleinen Leute daran auszusetzen wissen, zeugt nur von ihrer eigenen putzigen Beschränktheit. Sic erinnern mich an die kleinen Pariser Badands, die bei der Aufrichtung des Obelisk auf der Place Louis XVI. über den Wert oder die Nützlichkeit dieses großen Sonnenzcigers ihre respektive» Ansichten austauschten. Bei dieser Gelegenheit kamen die ergötzlichsten Philistcrmcinungen zum Vorschein. Da war ein schwindsüchtig dünner Schneider, welcher behauptete, der rote Stein sei nicht hart genug, um dem nordischen Klima lange zu widerstehen, und daS Schnccwasscr werde ihn bald zerbröckeln und der Wind ihn niederstürzen. Der Kerl hieß Petit Jean und machte sehr schlechte Röcke, wovon kein Fetzen ans die IS* 228 Novellistische Fragmente. Nachwelt kommen wird, und er selbst liegt schvn verscharrt auf dem Psre Lachaisc, Der rote Stein aber steht noch immer fest auf der Place Louis XVl,, und wird noch Jahrhunderte dort stehen bleiben, trotzend allem Schnecwasser, Wind und Schncidcrgeschmätz! Das Spaßhafteste bei der Aufrichtung des Obelisken war folgendes Ereignis: Auf der Stelle, Ivo der große stein gelegen, che man ihn aufrichtete, fand man einige kleine Skorpionen, wahrscheinlich entsprungen ans etwclchen Skorpioneueicrn, die in der Emballage dcS. Obelisken ans Ägypten mitgebracht und hier zu Paris von der Sonnenhitze ausgebrütet wurden. Über diese Skorpionen erhüben nun die Badauds ein wahres Zetergeschrei, und sie verfluchten den großen Stein, dem Frankreich jetzt die giftigen Skorpionen verdanke, eine neue Land plage, woran noch Kinder und Kindeskinder leiden würden. . . Und sie legten die kleinen Ungetüme in eine Schachtel und brachten sie zum Ooininissairs cls UoUcg des Madclainc-Viertels, Ivo gleich Uroess-vsrvs.1 darüber aufgenommen wurde . . . und Eile that not, da die armen Tierchen einige Stunden nachher starben . . . Auch bei der Aufrichtung großer GcistcSobeliskcn können allerlei Skorpionen zum Vorschein kommen, kleinliche Gifttiercheu, die vielleicht ebenfalls ans Ägypten stammen und bald sterben und vergessen werden, wahrend das große Monument erhaben und unzerstörbar stehen bleibt, bewundert von den spätesten Enkeln. Es ist doch eine sonderbare Sache mit dem Obelisken des Luxor, welchen die Franzosen ans dem alten Mizrnim herübergeholt und als Zierat aufgestellt haben inmitten jenes grauenhaften Platzes, wo sie mit der Vergangenheit den entsetzlichen Bruch gefeiert am 21. des Januar 17Ü3. Leichtsinnig wie sie sind, die Franzosen, haben sie hier vielleicht einen Denkstein aufgepflanzt, der den Fluch ans spricht über jeden, welcher Hand legt an das heilige Haupt Pharaos! Wer enträtselt diese Stimme der Vorzeit, diese uralten Hiero glyphen? Sie enthalten vielleicht keinen Fluch, sondern ein Rezept für die Wunde unserer Zeit! O, wer lesen könnte! Wer sie aus spräche, die heilenden Worte, die hier eingegraben ... Es steht hier vielleicht geschrieben, Ivo die verborgene Quelle rieselt, woraus die Menschheit trinken muß, um geheilt zu werden, wo das geheime Wasser des Lebens, wovon uns die Amme in den alten Kindcrmärchen so viel erzählt hat, und wonach wir jetzt schmachten als kranke Greise. Wo fließt das Wasser des Lebens? Wir suchen und suchen*) . . . Ach, es wird noch eine gute Weile dauern, ehe wir das große ch Hier fanden sich im Originalmannskript ursprünglich noch die später gestrichenen Worte: „und ach, vielleicht der Mann, der es schon gefunden, vergast einen Vcchcr mitzubringen, und kann nichts davon schöpfen, NM sich und andere damit zu tränken." Der Herausgeber. Heinrich Heine über Ludwig Börne. 229 Heilmittel ausfindig machen; bis dahin muß nach eine lange schmerzliche Zeit dahingesiecht werden, nnd allerlei Quacksalber werden auftreten mit Hansmittclchen, welche das Übel nur verschlimmern. Da kvmmcn zunächst die Radikalen nnd verschreiben eine Radikalkur, die am Ende doch nur äußerlich wirkt, höchstens den gesellschaftlichen Grind vertreibt, aber nicht die innere Fäulnis. Gelänge es ihnen auch, die leidende Menschheit ans eine kurze Zeit von ihren wildesten Qualen zu befreien, so geschähe es doch nur auf Kosten der letzten Spuren von Schönheit, die dem Patienten bis jetzt geblieben sind; häßlich wie ein geheilter Philister wird er aufstehen von seinem Krankenlager, und in der häßlichen Spitaltracht, in dem aschgrauen Gleichheitskostüm, wird er sich all sein Lebtag herumschleppen müssen. Alle überlieferte Heiterkeit, alle Süße, aller Blnnienduft, alle Poesie wird ans dem Leben herauSgepumpt werden, und es wird davon nichts übrig bleiben, als die Rumfvrdsche Suppe der Nützlichkeit. — Für die Schönheit nnd das Genie wird sich kein Platz finden in dem Gemeinwesen unserer neuen Puritaner, nnd beide werden fletriert und unterdrückt werden, noch weit betrübsanier als unter dem älteren Regimente. Denn Schönheit und Genie sind ja auch eine Art Königtum, nnd sie passen nicht in eine Gesellschaft, Ivo jeder, im Mißgesühl der eigenen Mittelmäßigkeit, alle höhere BegabniS herabzuwürdigen sucht bis aufs banale Niveau. Die Könige gehen fort, und mit ihnen gehen die letzten Dichter. „Der Dichter soll mit dem König gehen," diese Worte dürften jetzt einer ganz andern Deutung anheimfallen. Ohne Autoritätsglanben kann auch kein großer Dichter emporkommen. Sobald sein Privatleben von dem unbarmherzigsten Lichte der Presse beleuchtet wird, und die Tageskritik an seinen Worten würmclt und nagt, kann auch das Lied des Dichters nicht mehr den nötigen Respekt finden. Wenn Dante durch die Straßen von Verona ging, zeigte das Volk ans ihn mit Fingern und flüsterte: „Der war in der Hölle!" Hätte er sie sonst mit allen ihren Qualen so treu schildern können? Wie weit liefer, bei solchem ehrfurchtsvollen Glauben, wirkte die Erzählung der Franceska von Rimini, des Ugolino nnd aller jener Qualgestalten, die dem Geiste des großen Dichters entquollen . . . Nein, sie sind nicht bloß seinem Geiste entquollen, er hat sie nicht gedichtet, er hat sie geliebt, er hat sie gefühlt, er hat sie gesehen, betastet, er war wirklich in der Hölle, er war in der Stadt der Verdammten ... er war im Exil^) '1 Im OrigimNmciimskript fand sich hier noch fachende, später von Heine gestrichene Stelle: „Ja, leider, das Regiment der Republikaner haben wir noch zu überdnldcn, aber, wie ich schon gesagt habe, nur auf eine kurze Zeit. Jene plebejischen Republiken, wie unsere heutigen Republikaner sie träumen, können sich nicht lange halten. Gleichviel von welcher Verfassung ein Staat sei, er er- 23t) Novellistische Fragments. Die öde Werkeltagsgcsinnung der modernen Puritaner verbreitet sich schon über ganz Europa, wie eine graue Dämmerung, die einer starren Winterzeit vorausgeht.,, WaS bedeuten die armen Nachtigallen, die plötzlich schmerzlicher, aber auch süßer als je ihr melodisches Schluchzen erheben im deutschen Dichtcrwald? Sie singen ein wehmütiges Ade! Die letzten Nymphen, die das Christentum verschont hat, sie flüchten ins wildeste Dickicht! In welchem traurigen Zustande habe ich sie dort erblickt, jüngste Nacht! Als ob die Bitternisse der Wirklichkeit nicht hinreichend kummervoll wären, quälen mich noch die bösen Nachtgcsichte ... In greller Bilderschrift zeigt mir der Traum das große Leid, das ich mir gern verhehlen möchte, und das ich kaum auszusprechen wage in den nüchternen Begrisfslanten des hellen Tages. — Jüngste Nacht träumte nur von einem großen Wilsten Walde und einer verdrießlichen Herbstnacht. In dem großen wüsten Walde, zwischen den himmelhohen Bäumen, kamen zuweilen lichte Platze zum Vorschein, die aber von einem gespenstisch weißen Nebel gefüllt waren. Hie und da aus dem dicken Nebel grüßte ein stilles Waldfeucr. Ans eines derselben hinzuschreibend, bemerkte ich allerlei dunkle Schatten, die sich rings um die Flammen bewegten; doch erst in der unmittelbarsten Nähe konnte ich die schlanken Gestalten und ihre melancholisch holden Gesichter genau erkennen. Es waren schöne, nackte Fraueu- bilder, gleich den Nymphen, die wir auf den lüsternen Gemälden des Julio Romano sehen, und die in üppiger Jugendblüte unter sommergrünem Laubdach sich anmutig lagern und erlustigen . . . Ach! kein so heiteres Schauspiel bot sich hier meinem Anblick! Die Weiber meines Traumes, obgleich noch immer geschmückt mit dem Liebreiz ewiger Jugend, trugen dennoch eine geheime Zerstörnis an Leib und Wesen; die Glieder waren noch immer bezaubernd durch süßes Ebenmaß, aber etwas abgemagert und wie überfrvstelt von kaltem Elend, und gar in den Gesichtern, trotz des lächelnden Leichtsinns, zuckten die Spuren eines abgrundtiefen Grams. Auch statt auf schwellenden Rosenbünken, wie die Nymphen des Julio, kauerten sie auf dem harten Boden unterhalb entlaubten Eichbäumen, wo, hält sich nicht bloß durch Genleinsinu und Patriotismus der Volksmasse. wie mau gewöhnlich glaubt, sondern er erhält sich durch die Geistesmacht großer Individualitäten, die ihn lenken. Nun aber wissen wir. daß der eifersüchtige Gleichheitssinn in den oberwähnten Republiken alle ausgezeichneten Individualitäten immer zurückstoßen, ja unmöglich machen wird, und daß in Zeiten der Not nur Gevatter Gerber und Knackwursthändler sich an die Spitze des Gemeinwesens stellen werden . . . Wir habcn's erlebt, durch dieses Grnndübel ihres innersten Wesens gehen die plebejischeil Republiken gleich zu Grunde, sobald sie mit energischen Oligarchien und Autokratien in einen entscheidenden Kampf treten. „Dieses Bewußtsein, daß das Reich der Republikaner von kurzer Dauer sein wird, beruhigt mich, wenn ich es allmählich herandrohen sehe. Und in der Thar, die öde Werkeltagsgesinnung w." Der Herausgeber. Heinrich Heine über Ludwig Börne. 231 statt der verliebten Sonnenlichter, die quirlenden Dünste der feuchten Hcrbstnacht sjx herabsintcrten . . . Manchmal erhob sich eine dieser Schönen, ergriff ans dem Reisig einen lodernden Brand, schwang ihn über ihr Haupt, gleich einem ThyrsnS, und versuchte eine jener unmöglichen Tanzpvsitnren, die wir ans ctrnskischen Basen gesehen ... aber traurig lächelnd, wie bezwungen von Müdigkeit und Nachtkälte, sank sie wieder zurück anS knisternde Feuer. Besonders eine unter diesen Frauen bewegte mein ganzes Herz mit einem fast wollüstigen Mitleid. Es war eine hohe Gestalt, aber noch weit mehr, als die andern, abgemagert an Armen, Beinen, Busen und Wangen, was jedoch, statt abstoßend, vielmehr zauberhast anziehend wirkte. Ich weiß nicht, wie es kam, aber ehe ich mich dessen versah, saß ich neben ihr am Feuer, beschäftigt, ihre frostzitternden Hände und Füße an meinen brennenden Lippe» zu wärmen; auch spielte ich mit ihren schwarzen feuchten Haarflechten, die über das griechisch gradnäsigc Gesicht und den rührend kalten, griechisch kargen Busen hcrabhingen ... Ja, ihr Haupthaar war von einer fast strahlenden Schwärze, sowie auch ihre Augenbrauen, die üppig schwarz zusammenflössen, was ihrem Blick einen sonderbaren Ausdruck von schmachtender Wildheit erteilte. Wie alt bist du, unglückliches Kind? sprach ich zu ihr. „Frag mich nicht nach meinem Alter," — antwortete sie mit einem halb wehmütig, halb frevelhaften Lachen — „wenn ich mich auch um ein Jahrtausend jünger machte, so bliebe ich doch noch ziemlich bejahrt! Aber es wird jetzt immer kälter und mich schläfert, und wenn du mir dein Knie zum Kopfkissen borgen willst, so wirst du deine gehorsame Dienerin sehr verpflichten . . ." Während sie nun ans meinen Knien lag und schlummerte, und manchmal wie eine Sterbende im Schlafe röchelte, flüsterten ihre Gefährtinnen allerlei Gespräche, wovon ich nur sehr wenig verstand, da sie das Griechische ganz anders aussprachen, als ich es in der Schule, und später auch beim alten Wolf, gelernt hatte . . . Rur so viel begriff ich, daß sie über die schlechte Zeit klagten und noch eine Verschlimmerung derselben befürchteten, und sich Vornahme», noch tiefer waldeinwttrts zu flüchten ... Da plötzlich, in der Ferne, erhob sich ein Geschrei von rohen Pöbelstimmcn . . . Sic schrien, ich weiß nicht mehr, was*)... Dazwischen kicherte ein katholisches Mcttenglöckchen ... lind meine schönen Waldfrnucn wurden sichtbar noch blasser und magerer, bis sie endlich ganz in Nebel zerflossen, und ich selber gähnend erwachte. *) „ ein Geschrei von rohen Stimmen: Es lebe die Republik!" ( später Verbeffert in: „Es lebe Lamcnnais!") stand ursprünglich im Originalmanuskript. Der Herausgeber. Druck von Hesse ck Becker in Leipzig.