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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
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214
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214 Novellistische Fragmente.

die ganze leidende Mcnschheit! O, zerreißt nicht, ihr goldene» Ketten!O, haltet ihn noch einige Zeit gefesselt, daß er nicht zn frühe komme,der rettende König der Welt.

Fünftes Buch.

Die politischen Verhältnisse jener Zeit j17gg) haben

eine gar betrübende Ähnlichkeit mit den ncnesten Zuständen in Deutschland; nur daß damals der Freihcitssinn mehr unter Gelehrten,Dichtern und sonstigen Litteraten blühte, hentigeStags aber unterdiesen viel minder, sondern weit mehr in der großen aktiven Blasse,unter Handwerkern und Gewcrbslentcn, sich ausspricht. Währendzur Zeit der ersten Revolution die bleiern deutscheste Schlafsucht ansdein Volke lastete und gleichsam eine brutale Ruhe in ganz Germanienherrschte, offenbarte sich in unserer Schriftwelt das wildeste Gärenund Wallen. Der einsamste Autor, der in irgend einem abgelegenenWinkelchen Deutschlands lebte, nahm teil an dieser Bewegung; fastsympathetisch, ohne von den politischen Vorgängen genau unterrichtetzn sein, fühlte er ihre sociale Bedeutung und sprach sie ans in seinenSchriften. Dieses Phänomen mahnt mich an die großen Seemnscheln,welche wir zuweilen als Zierat ans unsere Kamine stellen, und die,wenn sie auch noch so weit vom Meere entfernt sind, dennoch plvN-lich zu rauschen beginnen, sobald dort die Flutzeit eintritt und dieWellen gegen die Küste heranbrechen. Als hier in Paris, in demgroßen Menschen-Ozean, die Revolution losflutete, als es hier brandeteund stürmte, da rauschten und brausten jenseits des RheinS diedeutschen Herzen . . . Aber sie waren so isoliert, sie standen unterlauter fiihllvscm Porzellan, Theetassen und Kaffeekannen und chinesi-schen Pagoden, die mechanisch mit dein Kopfe nickten, als wüßten sie,wovon die Rede sei. Ach! unsere armen Borgänger in Deutschlandmußten für jene Revolutionssympathie sehr arg büßen. Junker undPfäffchcn übten an ihnen ihre plumpsten und gemeinsten Tücken.Einige von ihnen flüchteten nach Paris und sind hier in Armut undElend verkommen und verschollen. Ich habe jüngst einen blindenLandsmann gesehen, der noch seit jener Zeit in Paris ist; ich sahihn im PalaiS Royal, wo er sich ein bißchen an der sonne gewärmthatte. Es war schmerzlich anzusehen, wie er blaß und mager warund sich seinen Weg an den Häusern wciterfühlte. Man sagte mir,es sei der dänische Dichter Heiberg. Auch die Dachstube habe ichjüngst gesehen, wo der Bürger Georg Forster gestorben. Den Frci-heitsfrenndcn, die in Deutschland blieben, wäre es aber noch weitschlimmer ergangen, wenn nicht bald Napoleon und seine Franzosenuns besiegt hätten. Napoleon hat gewiß nie geahnt, daß er selberder Retter der Ideologie gewesen. Ohne ihn wären unsere Philo-